Schulen für die Zukunft. Architektur für Menschen.

Das besondere Buch. “Schools for The Future. Design Proposals from Architectural Psychology“, 2009 Hogrefe und Huber, Washington und Göttingen., 263 S. So heißt das gerade allein in englischer Sprache herausgekommene Buch von Rotraut Walden (Hrsg.). Es basiert in wichtigen Teilen auf dem Buch von Rotraut Walden und Simone Borrelbach, “Schulen

school.jpgDas besondere Buch.

Schools for The Future. Design Proposals from Architectural Psychology“, 2009 Hogrefe und Huber, Washington und Göttingen., 263 S. So heißt das gerade allein in englischer Sprache herausgekommene Buch von Rotraut Walden (Hrsg.). Es basiert in wichtigen Teilen auf dem Buch von Rotraut Walden und Simone Borrelbach, “Schulen der Zukunft – Gestaltungsvorschläge der Architekturpsychologie”, Asanger, Heidelberg und Kröning.

Deutsche Leser kommen mit dem Vorläufer aus dem Jahre 2002 gut zurecht, wenn sie nicht einen weltumspannenden Überblick über das Thema brauchen und wenn sie nicht besonderen Wert auf die zusätzlichen Beiträge einiger der Besten auf diesem Gebiet legen wie u.a.

- Henry Sanoff, Professor em. North Carolina State University und Hauptbegründer der Environmental Design Research Assiciation (EDRA), und

- Peter Hübner, Professor em. Technische Universität Stuttgart, Architekt vieler bedeutender Projekte in Deutschland, die erfolgreich die Nutzer der Gebäude in diePlanung und weiterentwicklung einbeziehen.

Rotraut Walden, Dr. phil., Privatdozentin an der Universität Koblenz, ist Herausgeberin und zugleich Hauptaurorin des Werkes, das sich zu Recht eine wesentliche Ressource für  Erzieher, Architekten und Politiker, die mit der Planung und dem Betrieb von Schulen zu tun haben, nennt. Nach meiner Überzeugung ist diese Ankündigung tief gestapelt. Dieses Buch ist eine absolut unverzichtbare Quelle für Information und Anregung für alle Fachleute im Planungswesen und in der Pädagogik. Aber es ist trotz seiner fachlichen Akuratesse von größtem Wert für jeden Menschen, der sich für eine bessere Ausbildung unserer Kinder in den Schulen und die bessere Einordnung der Schulen in das Leben in der Gesellschaft interessiert.

Keine öffentliche Einrichtung hält uns alle unser Leben lang so gefangen wie die Schule

Genau genommen gibt es niemand in unserer Gesellschaft, der nicht vom gestrigen und vom heutigen Schulsystem in vielfacher Hinsicht betroffen ist, meist negativ. mehr als zehn Jahre als Schüler, nach meist einer Pause mehr als zehn Jahre als Elternteil der eigenen Kinder, nach meist wieder einer Pause als Großelternteil der eigenen Enkel usw. bis zum Tode. Keine öffentliche Einrichtung hält uns alle unser Leben lang so gefangen wie die Schule.

Neben der Bestimmung der Lerninhalte und der Art und Weise ihrer Übermittlung ist die physische Umgebung für die schulischen Aktivitäten von ausschlaggebender Bedeutung für den Erfolg aller Bemühungen. Nach weitverbreiteter Vorstellung, die früher herrschend war, hat die Qualität der Schulgebäude nichts zu tun mit dem akademischen Lernprozess und dem Erfolg des Lernens. Das Buch von Rotraut Walden und ihrer Coautoren lässt keinen Zweifel daran, dass diese Sichtweise falsch ist. Den größten Einfluss auf die Entwicklung der Kinder in der Schulzeit haben ihre Mitschüler, dann die Lehrer, gefolgt von den Eltern und Geschwistern. Dann aber sind es die Schulgebäude mit ihrer Gestaltung und ihren Angeboten, die die Leistung der Schüler, ihr Wohlbefinden, ihr Sozialverhalten und am Ende auch ihre schulischen Leistungen und ihre akademische Wegzehrung für den Rest ihres Lebens bedingen. Schon eine kurze Übersicht über die Fülle der Aspekte, die aus der Sicht der Architekturpsychologie bei der Schulplanung zu berücksichtigen sind, wird jeden, der jetzt noch zweifelt, von der Richtigkeit dieser Thesen überzeugen:

- Farbgestaltung und Formgebung: s. auch Rudolf Steiners Farbtheorie

- Beleuchtung

- Heizung, Kühlung, Lüftung

- Akustik und Lärm

- Möbel und Einrichtung

- Gerüche: wer erinnert sich nicht an die penetrant nach Lysol stinkenden Schulanstalten vergangener Tage!

- Material der Innen- und Aupenwände – wem stößt die Waschbetonatmosphäre der Ruhr-Universitöt Bochum nicht überl auf?

- Bodenbelag der Flure: gelten die Erkenntnisse der Akzeptanz feiner Holz- oder Teppichböden nur für geldbringende Geschäfte ?

- Außenanlagen, Bezug zur Natur

Die Gestaltung der Baukörper hat schließlich eng zu tun mit der Berücksichtigung gesicherter pädagogischer Gegebenheiten in der Festlegung der Räume und der Größe der einzelenen Schulen. Besonders in den USA setzt sich immer mehr die relativ kleine Schule durch, von der es zwangsläufig mehr gibt als von den riesigen Lehrastalten alter Tage. Da die Schulen den Wünschen von Eltern und Schülern angepasst werden, die auch in die Planung mit einbezogen sind, gibt es eine ganz neue Auswahlmöglichkeit unter den Schulen. Die Klassen sollten in allen Altersgruppen möglichst die Zahl von 20 Schülern  nicht übersteigen.

Ein weiteres wichtiges Moment ist die Öffnung der Schule für eine Unzahl von Aktivitätenaußerhalb des eigentlichen Schulunterrichts. Warum müssen die Räume der Schule zum Teil des tags, besonders aber nach Schulschluss unbenutzt leer stehen, obwohl Kinder, Eltern und Senioren sie sehr gut für ihre Zwecke mit benutzen können? Schulen sollten Zentren für lebenslanges Lernen und Begegnungsstätte für Kinder und Erwachsene auch außerhalb des Schulunterrichts sein. Schulen sollten auch in die häuslichen Internetaktionen in den Familien eingebunden sein. Die Schule der Zukunft soll auch aus ihrer Erfahrung heraus hochkarätigen Unterricht für Fernschüler weitab vom Schulort anbieten, auch für Menschen im Ausland.

Damit Schüler, Lehrer, Eltern und alle Menschen, die die Schule als einen regionalen Brennpunkt in ihrer Region erleben, sie auch wirklich als die ihre akzeptieren und sich in ihr “zuhause” fühlen können, ist  ihre intensive Beteiligung an der Planung und der weiterenEntwicklung der Schule unverzichtbar.

Rotraut Walden berichtet, dass in den Schulen, mit denen sich die Nutzer in wichtigen Belangen identifizierten, die von ihnen als ihre eigenen akzeptiert wurden, kaum jemals innerhalb oder außerhalb der Mauern Gewalt und Vandalismus vorkommen. Dies trifft sich mit Hinweis von Peter Hübner auf die Entwicklung von acht Jugendclubs, bei denen er als Architekt mitwirkte. Alle wurden weitgehend in Eigenleistung errrichtet, die Jugendlichen waren aber auch maßgebend in die Planung und Gestaltung integriert. Fast jeder kennt aus eigener Anschauung von Trägern gleich welcher Art nach bestem Wissen und Gewissen erbaute Jugendclubs, die alsbald verkamen und in den folgenden Jahren zu reinen Dreckshöhlen mutierten. Die Jugendclubs aber, von denen Hübner schreibt, wurden und werden auch von den den Initiatoren nachfolgenden Generationen Jugendlicher anerkannt und gepflegt.

Eine gute Schule wirkt förderlich zurück auf die Familie

Wegen der überragenden positiven Bedeutung, die die Schule der Zukunft haben sollte, damit sie nicht wie die bisherigen Einrichtungen Glückskiller Nr. 1 für Schüler, Lehrer und Eltern werden und weil von einer erfolgreichen Schule aus die Weichen für eine bessere Gesellschaft gestellt werden, ist die Schule als wichtigster Fall der Architekturpsychologie für jeden von uns von größtem Interesse. Eine gute Schule wirkt förderlich zurück auf die Familie. Kurz gefasst kann man sagen: am Zustand der Schule kann man den Zustand der Gesellschaft erkennen. Da fallen einem natürlich gleich die Missstände in der Erhaltung der Schulen in allen Bundesländern ein und der erbärmliche Lehrermangel an allen Orten. Und natürlich auch die mal schnell verausgabten 24 Millarden Euro für ein paar Eurofighter und die Billionen, die unserem Staat die Erhaltung der misslich betriebenen Banken und Automobilwerke wert sind. Trotz all dieser Fehlleitung staatlicher Gelder ist die Besserung auf dem Weg zu einer Schule der Zukunft möglich. Denn es kommt nicht nur auf das Geld an, das für die Schulen ausgegeben wird. Notwendig ist ein Paradigmenwandel im Schulbau und in der Leitung der Schulen, weg von der Überbetonung von Bautechnik und Bauvorschriften und hin zur Befriedigung des Bedarfs der Menschen, die die Schulen brauchen!

In der Einleitung zu ihrem famosen Buch zitiert Rotraut Walden Christian Morgenstern, der schon darauf hinwies, dass die Würde und Freiheit des Denkens oft so sehr von den besonderen Proportionen eines Raumes abhängen, von einem wunderbaren Blick durch ein Fenster, von einem besonderen Maß an Licht und Farbe, dass sich jemand, der sein ganzes Leben in einer Art länglichem Kubus verbracht hat, fragt, wie viel er wohl allein aufgrund seiner Wohnumgebung geistig vermisst haben mag.

Photo Quelle/Copyright: Manfred Jahreis, via pixelio.de

Kommentare

Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*