I. Schulkritik: “Wo bleibt das Positive?”

In den Jahren 2000 bis 2005 verfolgten die Freunde des Landschulheims Fürstlich Drehna e.V. den Plan einer musisch-ästhetischen Bildungsstätte in einem spätmittelalterlichen Wasserschloss in der südbrandenburgischen Niederlausitz. Aber der (öffentliche) Schlosseigentümer zog schließlich einen Hotelbetrieb vor. Ob das wirtschaftlich klug war, wird sich zeigen. Hier ein Auszug aus der Programmskizze,

eigenes.jpgIn den Jahren 2000 bis 2005 verfolgten die Freunde des Landschulheims Fürstlich Drehna e.V. den Plan einer musisch-ästhetischen Bildungsstätte in einem spätmittelalterlichen Wasserschloss in der südbrandenburgischen Niederlausitz. Aber der (öffentliche) Schlosseigentümer zog schließlich einen Hotelbetrieb vor. Ob das wirtschaftlich klug war, wird sich zeigen.

Hier ein Auszug aus der Programmskizze, die dem Genehmingungsantrag an das Potsdamer Ministerium beilag:

Ein Gegenmodell

Die Schule ist wieder im Gerede wie seit den frühen Siebzigern nicht mehr. Doch während damals alles ganz anders werden sollte, erklingt seit PISA nur noch der Ruf nach noch mehr Desselben. Aber hieß es nicht eben noch, die Curricula wären ohnehin schon überladen? Ist es nicht längst so, daß gut beratene Schüler das, was sie gerade für die Klassenarbeit gelernt haben, schon am nächsten Tag vergessen, um Platz für das nächste Dreitagewissen zu schaffen? Die positiven Kenntnisse von heut hat der wissenschaftliche Fortschritt womöglich schon überholt, ehe sie noch abgefragt werden konnten. Weniger davon wäre heute mehr. (Abgebaut werden stattdessen Kunst und Musik.)

Und immer lauter wird der Ruf, die Schule solle “wieder Werte vermitteln”! Die seit den Sechzigern schleichende Sozialpädagogisierung der Schule – “lernen, wie wir miteinander umgehen” – ist gottlob gescheitert. Jetzt soll sie den Kindern wieder Moral beibringen, als ein weiteres Fach, das man “können” muß.

Wie ist das alles zu bewältigen? “Ganztags”? Wenn das mal reicht! Die Lernschule platzt buchstäblich aus ihren Nähten.

Der Spezialist

Dabei liegt ihr scheinbar endgültiger Sieg noch gar nicht lange zurück. Es war die demokratische Schulreform der sechziger Jahre, die an die Stelle des ideologieverdächtigen “Bildungs”-Prinzip den pragmatischen Begriff des Lernens setzte. In Verruf war Bildung schon seit Nietzsches tödlichem Wort vom Bildungsphilister, der Güter und Werte aneinanderreiht wie Sammeltassen im Vertiko. Doch einem ebenso pluralistischen wie individualistischen Gemeinwesen, das keine Instanz mehr kennt, die oberste Werte und ein gültiges Menschenbild festlegt, wurde sie nun geradezu verdächtig.

Bildung wozu wohl? War nicht das “humanistische Menschenbild” der deutschen Klassik selbst noch in Margot Honeckers allseits entwickeltem sozialistischen Menschen wieder zu erkennen – und gar im Erziehungsideal des Nationalsozialismus, das schließlich aus der deutschen Jugendbewegung herkam! Der mündige Bürger war gut beraten, sich solch schillernden Humbug vom Hals zu halten. Dagegen klang lernen nüchtern und bescheiden – Informationen seligieren, speichern und verarbeiten, prosaisch und ohne Pomp. Und es war jedem zugänglich, unabhängig von der Gnade vornehmer Geburt.

War aber der Aufstieg von “lernen” zum pädagogischen Schlüsselwort das Ergebnis einer freien Wahl? Etwa so, dass sich die versammelte Erziehungswissenschaft nach sorgfältiger Prüfung der Gründe auf diesen Schluss verständigt hätte? Mitnichten. Das Wort hat sich aus der Umgangssprache in den pädagogischen Diskurs begriffslos eingeschlichen und ist dank seiner Schlüpfrigkeit überall durchgesickert. Wir haben es nicht gewählt, sondern haben es uns zugezogen.

Seine Karriere verdankt es dem Umstand, dass es so nahtlos in das “Menschenbild” passte, das sich – nachdem die Ideologien zur Vordertür hinausgetrieben waren – unbemerkt durch die Hintertür hereingeschlichen hatte: der Spezialist, der Sach-Bearbeiter. Es kommt nicht aus der Pädagogik, sondern aus dem Arbeitsmarkt. Der Spezialist ist einer, der “sein Fach beherrscht”. Wie? Durch das geordnete Anhäufen von Informationen, Schritt für Schritt, immer schön der Reihe nach die Wissenslücken kompensierend: durch “lernen”. Doch alle Fächer beherrschen, das soll keiner wollen: dafür ist die Welt zu komplex. Und wozu hätten wir sonst auch all die spezialisierten “Vermittler” in unsern öffentlichen und gewerblichen Verwaltungen? Und, nicht zu vergessen: in unseren Schulen!

Technokratie

Das Gesellschaftsmodell, das dem Lern-Theoretiker vorschwebt, ist die Technokratie. Das ist ein Denken in Linien und Fächern. Es überträgt die analytische Arbeitsteilung in der mechanisierten Fabrik mit ihren Abteilungen, Hierarchien und Fließbändern auf den gesamten Lebenszusammenhang der Menschen. Es ist die Quintessenz der Industriegesellschaft – wo es auf die ausführenden Tätigkeiten ankam, weil nämlich die Zwecke, qua Mangel, sich von selbst verstanden. Nützliche Tätigkeit war typischerweise Lohnarbeit. Und gestaltendes Entwerfen musste dem “Bedürfnis” folgen – oder war eitler Luxus der Schönen und Reichen.

Doch die Spatzen pfeifen es von den Dächern: die industrielle Zivilisation stirbt ab, und in ihr die Arbeitsgesellschaft, deren Quintessenz sie war. “In dem Maße, wie die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von dem Quantum angewandter Arbeit als von der Macht der Agentien, die selbst wieder abhängen vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie”, hieß es bei Karl Marx. Die ausführenden Tätigkeiten erledigt zusehends die intelligente Maschine. Im Zeitalter der Cyberworld heißt das Paradigma nicht länger: zerlegen, messen und anwenden, sondern: entwerfen und vorzeigen – und zusehn, ob’s sich behauptet. Nicht einmal das Vermitteln ist noch ein besonderes Fach, jeder muss es selbst besorgen – und kann es: online. Der Arbeitsmarkt kann Leute, die lediglich was gelernt haben, immer weniger brauchen, denn “lernen” kann der Computer selber!

Zwei Jahrhunderte Industriekultur erweisen sich heute als europäischer Standortnachteil: Ein Inder steht dem Computer unbefangener gegenüber als ein Deutscher und nimmt demnächst seinen Platz ein – weil seine Lehrer ihn nicht auf “lernen” spezialisiert haben.

Bildung

Es war von Anfang an der Wurm drin. Denn unter lernen war zwanglos immer auch gelehrtwerden zu verstehen, und wenn es gleich in pädagogischen Seminaren anders “gelernt” wird, ist es regelmäßig dieser Sinn, der im Schulalltag durchschlägt. Lernen war das Passwort der pädagogischen Landnahme nach ‘68. Bildung kommt dagegen immer von ‚ich bilde mich’, denn bei ‚ich werde gebildet’ sträuben sich Herzfalten und Hirnwindungen gleichermaßen.

Der Mensch ist ein Kulturwesen. Neben seiner ersten, physiologischen, hat er eine zweite, historische und selbstgemachte Natur. Oder richtiger: Da er Kulturwesen ist, hat er auch seine erste Natur nur als Kulturgeschöpf. Kultur (von lat. colere: aufsammeln) ist die Akkumulation von Werten aller Art. Eine Ansammlung von Reichtümern, die vererbt, das heißt aufgehäuft und von jeder Generation vermehrt, aber auch neu gesichtet werden.

Die Auslese und Ansammlung der gelten-sollenden Werte macht sich indes nicht von allein. Es sind immer Personen, die auslesen und anhäufen. Sie sind selber eine Auslese, eine Elite, die den Reichtum repräsentiert und in kultureller Hinsicht ‚vorherrscht’. Solche Bildung ist nicht persönlich, sondern kollektiv. Sie ist exklusiv und nicht liberal; es ist Kastenbildung. So war es immer und überall – bis im Abendland, und nur da, die Moderne anbrach. In der bürgerlichen Gesellschaft stehen Eliten miteinander in Konkurrenz, sie “zirkulieren”, und der Sinn demokratischer Verfassung ist es, die Zirkulation in Fluss zu halten.

Worin kultureller Reichtum besteht, wird nun aber ebenso strittig wie die Frage, wer ihn repräsentieren und also “vorherrschen” darf. Selbstverständlichkeit kennzeichnet jedenfalls nicht den Reichtum abendländischer Kultur, sondern die Fülle ihrer Werte.

Sie müssen auch nicht von oben verbürgt sein, nur gelten müssen sie können, wenn auch problematisch – das heißt konkurrierend mit anderen. Die reichste Kultur ist eine, wo die Anordnung, die Umordnung der Werte prozessierend immer wieder neu geschieht – im Meinungskampf der Öffentlichkeit. Es ist die Problematizität ihrer konkurrierenden Werte, die dieser Kultur ihre Spannung verleiht und dem Einzelnen die eigne Wahl, nämlich eine persönliche Bildung zumutet. Das gibt es nur im Abendland, und darum ist die öffentliche Schule eine abendländische Errungenschaft. Ihre Sache ist es, das kulturelle Erbe an die nachwachsende Generation weiterzureichen und die Schüler zur Wahl zu ermächtigen. Und zwar, seit die Schulpflicht allgemein ist und der Staat demokratisch.

Schule

Ausbildung für den Arbeitsmarkt ist ihr erst in neuerer Zeit als Pensum zugewachsen, mit der Industrialisierung und ihren verallgemeinerten Qualifikationsstandards. Die Schule hörte auf, Zuchtstätte der herrschenden Klassen zu sein, und wurde allgemeine Dienstleistungsindustrie für den Arbeitsmarkt: vergesellschaftete Produktion des Arbeitsvermögens; aus Heranwachsen wurde Sozialisation. Seither drängte die Realschule das Gymnasium in die Defensive, und schließlich trat Lernen an die Stelle von Bildung – es wertet den Gegenstand ab und die Lehrer auf. Der Normalmensch wurde Spezialist, und wer sich nicht auf ein “Fach” festlegte, war ein Dilettant.

Gestritten wurde höchstens, ob die Spezialisierung schon in der Schule oder “erst” auf der Universität einsetzen solle. Doch hat sich die propagierte Verwissenschaftlichung der Schule im letzten Jahrhundertdrittel als die flach-selbstverständliche Subsumtion aller möglichen Wissensgehalte unters Prinzip der Verwertbarkeit erwiesen. Deutschunterricht wird längst so erteilt, als ginge es um die Ausbildung neuer Deutschlehrer. Griechisch und Latein sind ganz entfallen; wer will denn heut schon noch Altphilologe werden? Von Humanismus am Gymnasium keine Spur; es ist selbst nur noch eine große Realschule.

Dass sie aber die Schüler auf die Realitäten des Arbeitslebens vorbereitet – von Wirtschaft bis Wissenschaft -, kann man nicht eben sagen. Immer weniger lässt sich im Zeitalter globaler Vernetzung das Leben in “Fächer” einteilen. Mobilität ist gefragt, mentale zuerst: “lebenslanges Lernen” statt “einen Beruf wählen”! Gefragt ist inzwischen ein Typus, der schon fast ausgestorben war, der Unternehmer – einer, dem (mit Karl Marx zu reden) “am Gewinnen noch mehr gelegen ist als am Gewinn”. Und der hat mit einem Künstler mehr gemein als mit einem Buchhalter: “Die Eingebung spielt auf dem Gebiet der Wissenschaft durchaus keine größere Rolle als bei der Bewältigung von Problemen des praktischen Lebens durch einen modernen Unternehmer, und sie spielt andererseits keine geringere Rolle als auf dem Gebiet der Kunst”, meinte ein so kühler Kopf wie Max Weber, als gerademal das Grammophon erfunden war. Heute, in der Epoche von Künstlicher Intelligenz, Virtual reality und Internet wirkt der Spezialist eher wie ein Mehrfachbehinderter. Die positiven Kenntnisse, die man in der Schule lernen kann, haben eine Halbwertszeit von wenigen Wochen. Den Menschen in seiner Jugend mit einem Fundus an Wissen ausstatten zu wollen, der ihm fürs ganze Leben reicht, ist heute weltfremder denn je, und noch nie konnte man das, was man im Unterricht lernt, im Leben so wenig brauchen! Aus rein pragmatischen Gründen wird sich eine moderne Schule daher ihrer eigensten Aufgabe besinnen: Bildung.

es folgt: II. Ein Landschulheim musisch-ästhetischer Prägung

 

Kommentare

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  1. Das kommt immer drauf an, wie viele Kinder denn dort mal zur Schule gehen können. Und wie viel man für den Besuch in dieser Schule veranschlagen möchte. Denn ist es eine öffentliche Schule, dann wird das gar nicht so einfach. Ist es eine private Schule dann muss man genügend Schüler finden. Also rein aus der Sicht des finanziellen, glaube ich, dass die Entscheidung für ein Hotel nicht verkehrt war. Schade ist es für die Kinder denn dort zu lernen wäre bestimmt sehr schön.