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Politik + Kultur

Killerspieldiskussion die Dritte

Freitag, den 13. März 2009 um 11:05 Uhr von Daniel Nuber
Nach dem Amoklauf in Winnenden fordern Politiker erneut ein “Killerspielverbot”.

Am 26. April 2002 erschoss Robert Steinhäuser an seinem ehemaligen Gymnasium in Erfurt 17 Menschen und sich selbst. Noch Wochen danach debattierten Politiker über Möglichkeiten, die derartige Amokläufe in Zukunft vermeiden könnten, und suchten nach der Ursache für das Massaker. Weil Ermittler bei der Hausdurchsuchung mehrere so genannter „Killerspiele“, darunter „Hitman“ und „Half-Life“ fanden, die der Täter offenbar spielte, glaubte vor allem die CSU den eigentlichen Übeltäter gefunden zu haben: Gewaltverherrlichende Medien. Günther Beckstein forderte deshalb umgehend ein „Killerspielverbot“.

Er berichtete in einem Interview von seinen Erfahrungen mit Ego-Shootern:„Ich habe mir von meinen Mitarbeitern Spiele zeigen lassen, bei denen Menschen geschlachtet werden wie Tiere. Bei denen man mit Handgranaten auf Leute wirft und dann beobachten kann, wie diese Menschen in scheußlichster Weise verletzt werden. Dass solche Killerspiele die Hemmschwelle gegen Gewalt herabsetzen, ist für mich eindeutig, auch wenn wissenschaftliche Belege hierfür noch umstritten sind.“

Da muss Herr Beckstein allerdings korrigiert werden, denn dass wissenschaftliche Belege „umstritten“ sind, ist schlichtweg falsch. Richtig ist, dass sie gar nicht vorhanden sind. Die Wissenschaft nämlich sagt, es gäbe “‘keinerlei Auswirkungen’ durch den Konsum gewalttätiger Medieninhalte“. Im Gegenteil: US-Forscher haben inzwischen herausgefunden, dass der regelmäßige Konsum von „Ballerspielen“ das räumliche Denken fördert. Einzig umstritten ist seine Meinung und die seiner Anhänger, denn selbst ein konsequentes Verbot würde die wahren Gegebenheiten, die aus einem Schüler einen Amokläufer werden lassen, nicht beiseite schaffen. Steinhäuser wurde zum Killer, weil er ohne Abschluss die Schule verlassen musste und keine Perspektiven sah.

Dennoch reagierte die Politik: Die Waffengesetze wurden angeblich schärfer und das Jugendschutzgesetz verbessert, beziehungsweise der Zugang zu „Killerspielen“ erschwert. Geholfen hat es (natürlich) nicht viel, denn schon wenige Jahre später ging erneut ein Jugendlicher schwerbewaffnet in seine Ex-Schule.

Amoklauf in Emsdetten; Runde 2 der Diskussion

20 November 2006: Sebastian B. dringt mit zwei Perkussionswaffen, zwei Gewehren, einer Pistole, drei Rohrbomben und einem Messer in die Geschwister-Scholl-Realschule ein, die er Jahre zuvor verlassen hatte. Dort verletzt er mehrere Menschen und tötet sich anschließend selbst. In einem Abschiedsbrief, den die Polizei wenige Stunden nach dem Amoklauf im Netz fand und umgehend zu löschen versuchte, schrieb er unter anderem davon, dass er während seiner Schulzeit gemobbt wurde. Auf die Idee, diese Umstände als Hauptmotiv für seinen Plan zu sehen, kam zunächst jedoch niemand. Denn auch bei ihm fanden Ermittler so genannte „Killerspieler“, auf die sich besonders diverse Politiker, darunter Uwe Schünemann (CDU) konzentrierten. Schünemann kündigte eine Bundesratsinitiative an, um „gewaltverherrlichende Spiele“ zu verbieten. Schlussendlich wurde als Motiv für Sebastians Vorhaben „allgemeiner Lebensfrust“ genannt – die Ursachen, die durch seinen letzten Brief derart offensichtlich waren, kümmerten niemand mehr.

Amoklauf in Winnenden; Runde 3 der Diskussion

Erst kürzlich tötete der 17-Jährige Tim K. bei seinem Amoklauf in Winnenden 16 Menschen, einschließlich sich selbst. Stunden später fand man im Internet eine vermeintliche Ankündigung. „Ich werde morgen früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen“, soll er geschrieben haben. Heute rudern die Ermittlungsbehörden zurück: Sie seien auf eine Fälschung hereingefallen, da habe sich jemand einen Spaß erlaubt und den Screenshot manipuliert. Während die Mehrheit daher noch über das Tatmotiv rätselt und Befragungen durchführt, will die CSU (wer auch sonst?) wieder ein Verbot für „Killerspiele“. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann sagte dazu: „Ich bin kein Gegner von Computerspielen. Aber es gibt brutalste Killerspiele, die völlig inakzeptabel sind und verboten gehören.“ Sein Parteigenosse Hans-Peter Uhl fordert ein „generelles Herstellungsverbot“.

Bei all dem Aktionismus wird, wie gewohnt, (absichtlich) übersehen, dass der Amoklauf nicht aus dem Videospielkonsum resultierte – auch bei Tim K. fand man Shooter -, sondern offenbar aus seiner psychischen Erkrankung, deren Behandlung er abbrach. Vermutlich geht seine Tat auf „allgemeinen Lebensfrust“ zurück, wie sich die Justiz bereits ein ähnliches Geschehen 2006 erklärte. Erstaunlicherweise findet die Tatsache, dass im Elternhaus mehr als ein Dutzend Waffen lagerten weniger Beachtung als seine Spielsammlung. In den letzten Tagen diskutierten im Fernsehen Kriminologen, Experten und Moderatoren mehr über „Killerspiele“ als über Schützenvereine und das Waffengesetz. Oder seine depressive Störung.

Man kümmert sich nicht umeinander

Die wirklichen Ursachen sind weder gewaltverherrlichende Videospiele, Medien, noch das private Waffenlager, das manche meinen haben zu müssen. Falls ein Mensch, irrelevant welchen Alters und welcher Position, sich zurückzieht und radikal verändert, wenn er einen Hass in sich zu tragen scheint und fanatisch auf etwas wird, die Perspektive und den Lebenswillen verliert und es niemandem auffällt oder interessiert, dann ist das eine gesellschaftliche und soziale Problematik. Solange man aneinander vorbeilebt und sich um keine langfristigen Lösungen bemüht – ein Videospielverbot wäre keines – wird es immer irgendwo jemanden geben, der genau das plant, was in Deutschland in den letzten Jahren dreimal geschehen ist. Und auch wenn es hart klingen mag, kann man davon ausgehen, dass in zwei Monaten kaum jemand mehr von dem Amoklauf in Winnenden spricht, man wieder gedankenlos aneinander vorbeigeht, sich mobbt, diskriminiert und ausgrenzt. Bis wieder jemand zur Waffe greift.

Bild: (C) stokfoto

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4 Reaktionen zu “Killerspieldiskussion die Dritte”

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  1. Thilo Pfennig

    am 13. März 2009 um 11:25 Uhr | Link | Kommentar melden

    Waffen sind nicht selber Ursache für einen Amoklauf, verstärken aber die Wirkung. Wir haben die absurde Situation, das 15jährige Sprayer von der Polizei verfolgt werden und um die Ecke üben gleichaltrige den Gebrauch von Waffen. Neben Amokläufen gibt es ja auch oft noch die tragischen Schicksale in denen mal wieder ein frustrierter Mann seine Kinder, seine Frau und sich selbst erschiesst. Ich denke dass das Heranführen von Menschen an Waffen gefährlich ist, weil Waffen eben tödlich sind!!! Dagegen tut ein bunter Graffiti unter einer grauen Autobahnbrücke eigentlich niemanden. Warum wird aber das Eine gefördert, owohl es schon viele Opfer gefordert hat, während das Andere obwohl völlig harmlos verfolgt wird wie Terrorismus? Zu Graffiti werde ich auch noch mal einen extra Artikel schreiben.

  2. Daniel Nuber

    am 13. März 2009 um 12:29 Uhr | Link | Kommentar melden

    Weil die Reinigung “beschmierter” Wände langfristig teurer ist als die Kosten für die Untersuchungen nach einer vergleichbar seltenen Familien-Tragödie. Und vielleicht weil die Freude an Waffen insgeheim doch größer ist, als zugegeben werden will - da sträubt man sich stärker gegen Verbote als bei etwas, das man selbst verurteilt oder nicht versteht.

  3. Jan van Winried

    am 13. März 2009 um 12:30 Uhr | Link | Kommentar melden

    Da prallen die Interessen wie üblich aufeinander. Zum einen gibt es die “Spieler”, süchtige Menschen, die sich erneut der Gefahr ausgesetzt sehen, dass Ihnen Ihre Lieblingsdroge weggenommen wird. Dann gibt es da noch die Innenpolitiker, die diese Spiele im Zuge der vorangetriebenen Militarisierung unser Gesellschaft selbstverständlich nicht verbieten wollen (gleiches gilt auch für eine Beschränkung des Waffenrechts). Zuletzt sind da noch die besorgten Eltern, die mit der Erziehung häufig überfordert sind und die diese Spiele nicht kennen oder nicht beurteilen können.

    Es gibt gesicherte amerikanische Militärstudien, die belegen, dass Spiele wie Counterstrike die Tötungsbereitschaft von Menschen von unter 35% auf 75% heraufsetzen! Abschließend sei noch das Interesse der Medienindustrie genannt, die für die Entwicklung solcher Spiele weltweit bestenfalls ein paar hundert Menschen beschäftigen aber zig-Milliarden an Umsatz machen. Es gilt wie immer: Freie Fahrt für das Kapital (kennen wir schon aus der Finanzwelt!), auch wenn es zur Verwahrlosung der Gesellschaft führt.

    Und noch etwas haben wir gelernt: Die virtuelle Sicherheit eines Herrn Schäuble ist leider nur virtuell vorhanden und verfolgt offensichtlich andere Ziele, als unser Leben sicherer zu machen!

  4. kopierschutz-blog.de » Blog Archive » Amoklauf Winnenden – Update

    am 1. Juli 2009 um 19:23 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Zu guter letzt, in Anbetracht, der nicht enden wollenden Killerspiel-Debatten, noch ein Link zu einem sehr guten, lobenswerten Beitrag eines Freundes auf Readers-Edition.de […]

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