Künstlerwerdegang in einer Diktatur
Wenig Literatur gibt es über Künstler und ihr Verhalten in totalitären Systemen. Im Jahr 2006 starb der bekannte Schauspieler und Rundfunksprecher des Rias Berlin, Helmut Ziegner. In seinem Nachlass wäre seine Biografie fast auf dem Müll gelandet. Geschrieben wurde sie von einem namhaften mehrfach ausgezeichneten deutschen Dramatiker. Ziegner, eine bedeutende Persönlichkeit der deutschen und Berliner Nachkriegsgeschichte, Pionier des modernen Strafvollzuges, ausgezeichnet mit mehreren Bundesverdienstkreuzen, der Ernst Reuter Plakette und einigen andern Ehrungen rief die Universalstiftung Helmut Ziegner ins Leben, Europas größte Stiftung zur Hilfe für entlassene Jugendliche.
Seine Biografie wurde nun auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt und enthüllt verblüffendes.
Welchen Preis der junge Ziegner zahlten musste, um seine Schauspielrausbildung während des Dritten Reiches zu absolvieren und wie er schließlich bei der SS landete und warum Günter Grass für ihn im Tegeler Knast vorlas und dafür bundesweit publiziert wurde.
Wir erinnern uns: Entarte Kunst ist der Sammelbegriff der Nationalsozialisten für alles was von ihnen aus ideologischen Gründen abgelehnt wurde. Dazu zählen Kunstwerke sowie die Stilrichtungen der modernen Kunst aber auch bestimmte Autoren wurden verboten. Ab 1936 war in Deutschland nur noch die “Deutsche Kunst” zugelassen. Andere galt als entartete und wurde verboten und verfolgt. Die Entartung war sehr wichtig, denn sie wurde vor dem Deutschen Volk als Rechtfertigung verwendet, um eine ganze Bevölkerungsgruppe auszugrenzen.
“Für Malerei und Skulptur wird das Schönheitsideal, das nun einmal die Vorstellung des germanischen Menschen ausmacht, wieder zur Herrschaft aufrücken; Das deutsche Naturgefühl, ist doch nur ein Ausdruck des allgemeinen deutschen Wesens, das sich in weltanschaulichen Bekenntnissen durch alle Zeiten ebenso deutlich ausgesprochen hat wie in der biologisch- assenkundlichen Gesetzgebung des Dritten Reichs.” Zitat einer Rede von Alfred Rosenberg über: Die Kunstpolitik der NSDAP (in “Wege deutscher Kunstpolitik”, 1938)
Welche Möglichkeiten hatte ein Künstler in dieser Zeit?
Dieser Begriff wurde von dem Schriftsteller Frank Thiess geprägt. Eine Gruppe von Personen, die aus religiösen oder allgemeinen Gründen ihre Arbeit niederlegten und für sich eine zurückgezogene Existenzweise suchten. Manche Autoren gaben ihre Botschaft in den Werken durch getarnte Anspielungen und indirekte Kritik weiter.
Die Emigration
Auch für diese Möglichkeit entschieden sich sehr viele Künstler. Emigration bedeutet die Auswanderung in ein anderes Land (oft in die USA). Diese Emigration war keineswegs freiwillig, sondern erzwungen.
Anpassung: Nicht alle emigrierten legten ihre Arbeit nieder, Künstler sind auch in die Reichskulturkammer eingetreten und hielten sich an die Richtlinien des Deutschen Reiches.
So auch Ziegner, der als 19-Jähriger, von der Wehrmacht eingezogen, seine Ausbildung als Schauspieler nur machen konnte, weil er, um freigestellt zu werden, als Beisitzer von Standgerichten arbeiten musste. An einer Stelle seiner Tagbücher heißt es: Sechs Todesurteile in einer Woche. Oft sind die zum Tode verurteilen nicht älter als er selbst. Als er bei den geheimen Abstimmungen immer dagegen stimmt und bei Teilnahme an Erschießungen einfach krank wird, ruft man ihn bei Kriegsende ab zur SS. Eine Bombardierung überlebt er so grade. Im Gegensatz zu dem SS-Mann Günter Grass macht Ziegner nach dem Krieg wieder gut durch sein ungeheures soziales Engagement, während Grass seine Stimme zur Moral erhob. Ein Vorwort für seinen Waffenkollegen Ziegner zu schreiben lehnte Grass ab.
Diese Biografie zeigt deutlich: Wofür auch immer man sich in der Diktatur entschied, es war ein hohes Risiko für das eigene Leben.
Helmut Ziegner ISBN 978-3-8370-4064-7 523208 Kovar, Karel (Hrsg.)
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