Gezielte Unbildung

Ein bedeutender deutscher Geistewissenschaftler – “Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft” heißt das im Dezember 2008 bei Piper herausgekomme neue Buch von Konrad Paul Liessmann. Mit der Besprechung dieses vortrefflichen Buches will ich auch den Autor in Deutschland ein wenig bekannter machen. Denn er ist ohne Zweifel einer der

Ein bedeutender deutscher Geistewissenschaftler – “Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft” heißt das im Dezember 2008 bei Piper herausgekomme neue Buch von Konrad Paul Liessmann. Mit der Besprechung dieses vortrefflichen Buches will ich auch den Autor in Deutschland ein wenig bekannter machen. Denn er ist ohne Zweifel einer der brillantesten Geisteswissenschaftler im gesamten deutschsprachigen Raum.

Liessmann, 1953 in Villach in Österreich geboren, ist gelernter Germanist, Historiker und vor allem Philosoph. Als Student zeitweilig ein wenig “links” angehaucht, schloss er ab als Magister in 1976. Drei Jahre später promoviert, habilitierte er weitere zehn Jahre später. Er ist Professor am Institut für Philosophie an der Universität Wien.

Liessmann hielt es nie in im akademischen Elfenbeinturm. Ganz im Gegenteil suchte er stets als Esayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist den Kontakt zur Öffentlichkeit. Mit streitbaren Beiträgen zu Themen von Bildung und Zeitgeist ist er immer wieder in den Feuilletons der wichtigen Printmedien in Österreich präsent. Aber allgemein bekannt wurde er dort erst durch seine gesprochenen Beiträge in der Rundfunkreihe “Denken und Leben” im ÖR 1, in denen er vermittels der Vorstellung der großen Philosphen des Abendlandes das Bild des Fachs Philosophie in der österreichischen Öffentlichkeit geprägt hat.

2006 wurde Liessmann vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zum “Wissenschaftler des Jahres 2006” gewählt. Wie in diesen Fällen üblich wurde ein neuer Stern am Himmel nach ihm benannt.

Wer Liessmann liest, erkennt bald, dass sein Arbeitsgebiet die ganze deutsche Sprache und Kultur ist. Deutsche und schweizerische gesellschaftliche Themen bewegen ihn ebenso wie die seines Heimatlandes. Es sind wir Deutsche, die mehr vom Geschehen in den deutschsprachigen Ländern außerhalb unserer Staatsgrenzen profitieren sollten. Das Buch von Liessmann, das die Süddeutsche “eine scharfsinnige Analyse unseres Bildungssystems” nennt, ist ein guter Anfang dazu. Aus der Fülle des Inhalts spreche ich nachfolgend nur einige zentrale Themen an.

Ein gelehrtes, aber spritziges Buch

Erwarten Sie keine trockene wissenschaftliche Abhandlung. Liessmann argumentiert zwar wissenschaftlich genau. Sein Buch ist aber eine gut zu lesende muntere Abrechnung mit einer in Jahrzehnten konsequent betriebenen systematischen Demontage der Bildungsinhalte in unserer Gesellschaft. Schlüssig und überzeugend zerrupft er das Gerede von der Wissensgesellschaft.

Unsere Gesellschaft setzt nämlich gar nicht auf Wissen, sie begnügt sich vielmehr mit der Sammlung von Informationen, von Daten, die heute gelernt und morgen wieder vergessen werden. Informationen werden gelehrt, damit die Menschen sie nach Bedarf im Interesse der wirtschaflichen Auftraggeber oder Arbeitgeber anwenden können, nicht für sich selbst im Rahmen ihrer Persönlichkeitsbildung. Der billige “Häppchenjournalismus” à la FOCUS gehört m.E. in diesem Zusammenhang ergänzend genannt. Auch die RE steht immer wieder in Gefahr, dass sich mengenmäßig lose ausgestreute Informationshäppchen gegen Beiträge mit wirklichen Wissensinhalten durchsetzen.

An allen Schulen und Hochschulen ist die alleinige Orientierung an der praktischen Anwendbarkeit längst Maxime geworden. Magisterabschlüsse werden durch weniger anspruchsvolle Bachelorabschlüsse ersetzt. Nachdem manuelle Arbeit immer mehr von Automaten erledigt wird, braucht die Wirtschaft die “workforce” allenfalls als wohlfeilen menschlichen Datentransporter. Wozu Muße zum Lernen, wozu die altmodische “akademische Freiheit?!” Das nutzt doch der Wirtschaft nicht! Geforscht wird ohnehin nur noch dort, wo Gewinn abfällt. Selbst “Eliteuniversitäten” werden auf ihre praktische Nutzbarkeit hin evaluiert.

Wissen ist mehr als gesammelte Daten

Ausgangspunkt seiner Theorie der Unbildung ist das richtige Verständnis dessen, was Wissen ist. Wissen ist nicht das, was der Mensch als Faktum im Kopf hat. Informationen werden erst durch ihre gedankliche Verarbeitung zum Bestandteil des Wissens. “Wissen bedeutet immer, eine Antwort auf die Frage geben zu können, was und warum etwas ist.” ( S. 31). Menschen, die sich Dinge gut merken können, selbst in Quizsendungen hier und da auftauchende Gedächstnisakrobaten, verfügen nicht über das, was man Wissen nennen kann. Zu einem Wissen werden Einzelheiten und Begriffe erst dann, “wenn sie nach logischen und konsistenten Kriterien derart miteinander verknüpft werden können, dass die einen sinnvollen und überprüfbaren Zusammenhang geben”. (a.a.O.).

Absurdes Wisssenstheater bei Günter Jauch

Liessmann demonstriert diese Erkenntnisse gleich im ersten Kapitel seines Buches durch eine längst überfällige Kritik an der Quizshow “Wer wird Millionär?” mit dem Moderator Günter Jauch. In dieser effektgeilen Veranstaltung sind alle Wissensgebiete beliebig. Keine Information ist wichtiger als eine andere. Die Erhöhung des Schwierigkeitsgrades erfolgt nicht durch komplexer werdende Sachverhalte, sondern allein durch immer ausgefallenere und exotischere Fragen. Das Publikum wird gepackt allein an seiner Neugier wie weit es denn die geschicktesten Generalisten unter den Kandidaten wohl mit nicht nutzbarem Detailwissen und listiger Raterei bringen werden. Ist die Sendung aus, ist auch das Licht aus in den Köpfen der Zuschauer. Liessmann gibt auch eine gute Beschreibung des ach so beliebten Moderators Günter Jauch, der es durch sein aufgesetztes Besserwissen im Verhältnis zu den armen Kandidaten dazu gebracht hat, als einer der klügsten Deutschen zu gelten, dem man sogar hohe politische Ämter zutraut. Dass das nicht jedem als völliger Blödsinn ins Auge springt, liegt allerdings auch an der Unfähigkeit unseres politschen Personals.

Das Ende aller Bildungsideale

Eine Gesellschaft, die sich schon glücklich schätzt, dass sie mit ihren Automaten immer mehr und immer schneller Daten speichern und in industriellen Prozessen verwerten kann und den Erwerb persönlichen Wissens durch ihre Mitglieder nicht mehr schätzt, baut konsequent auch alle Bildungsideale ab. Das letzte noch herrschende Bildungsideal war das des Humansimus.

Das Verständnis für die geistigen Wurzeln Europas in der Antike ist nicht nur einfach verloren gegangen. Was nur nach Bildung riecht, wird von den Pragmatikern unserer “Bildungs”einrichtungen rigoros bekämpft. Ich würde zu Liessmanns richtigen Ausführungen hinzufügen, dass in den weitgehend “christdemokratisch” regierten deutschen Ländern nicht einmal dafür gesorgt wird, dass die kommenden Generationen die Bilder und Gleichnisse aus der Bibel und ihren Einfluss, den sie auf die Geistesgeschichte und das Leben der Völker ausgeübt haben, überhaupt noch kennen, geschweige denn in einen Wissenszusammenhang stellen können.

Aldous Huxley, der genialste aller Schriftsteller, die uns die mögliche Zukunft auagemalt haben, hat 1932 bestimmt nicht damit gerechnet, dass sich seine “Schöne neue Welt” schon 75 Jahre später bei uns eingeschlichen haben und schauerliche Realität geworden sein würde!

Der Untergang der deutschen Wissenschaftssprache

Auch Liessmanns Kritik an der Verhunzung und Vernachlässigung der deutschen Sprache ist absolut lesenswert, zumal er selbst das umfangreiche Instrumentarium unserer ungemein reichen Sprache perfekt beherrscht. Für die Pragmatiker, denen es immer besonders auf den wirtschaftlichen Ertrag allen Tuns ankommt schreibt er ins Gebetsbuch, dass der Verfall der deutschen Sprache im wissenschaftlichen Bereich, wo sie früher in vielen Sparten führend war, nicht nur ein Schaden ist für die Sprache und die Wissenschaften, sondern auch für die wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit der Länder deutscher Sprache in der Zeit nach der Beendigung der langen schweren Depression, in die wir gerade hineinrutschen.

Gezielte Unbildung

Mir scheint, dass hinter dem Niedergang der abendländischen Bildung  durch den Aufbau der Informationgesellschaft, die ihre Miglieder nicht zum Erwerb von Wissen und zur Reifung gebildeter Persönlichkeiten werden lässt, ein seit einigen Generationen wirkender Plan steckt. So viel koordinierte Zerstörung kann nicht das Ergebnis von Koinzidentien sein. Viele Eingriffe wie beispielsweise die Umbildung der Universitäten zu Lernschulen amerikanischer Prägung  und die systematische Missachtung des Deutschen als Wissenschaftssprache beweisen die Existenz dieses Masterplans. Dieser braucht als Vehikel die Globalisierung, die wegen der großen wirtschaftlichen Vorteile für die großen “global players” für uns alle als alternativlos hingestellt wird.

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Den Einschätzungen kann ich mich nur anschließen. Dazu kommt noch der Glaube an Zahlen als Fakten. Ein weithin geförderter Irrtum, der aber bestimmten Interessengruppen zur sog. Beweisführung dient. Wer sich mit der Geschichte der Arbeitslosenstatistik etwas genauer befasst hat, kann nachvollziehen, wovon ich spreche. Armes Deutschland.