Geht’s auch ohne? Ohne Scheibenwischer. Das mögen die Verkehrsteilnehmer(innen) unseres Landes selbst entscheiden. Wem sie mal versagten (die Wischer), wird sich jedenfalls an den ad hock hochperlenden Schweiß auf der Stirn erinnern, die Panik, welche den Körper durchzuckte…
“Scheibenwischer” sorgen für den nötigen Durchblick
Man merke auf: “Ein Scheibenwischer ist ein Gerät zum Säubern der Heck- oder Windschutzscheibe…” So wird es uns sachlich-fachlich auf Wikipedia erklärt. Die einfache, aber bis heute genial zu nennende Erfindung, sorgt also – sagen wir es einmal komprimierter – ganz einfach für klare Sicht, ja, sogar: für Durchsicht. Wenn diese getrübt ist. Was für den Blick aus dem Auto heraus auf die Straße gilt – mag einst auch Dieter Hildebrandt gedacht haben – soll auch für die Gesellschaft gelten. Die ARD-Fernehkabarett-Sendung “Scheibenwischer” war geboren. Der “Scheibenwischer” sorgte fortan – und über Jahrzehnte hinweg – für Durchblick in der deutschen Gesellschaft. Jedenfalls für diejenigen, welche sich darauf einlassen wollten, ja: geradezu ein Bedürfnis danach verspürten. Und es waren nicht wenige. Die Kabarett-Freunde ließen sich auch durch Verschiebung des Sendetermins des “Scheibenwischers” in Richtung Geisterstunde nicht abschrecken.
Mit dem Simson-”Star” zum “Scheibenwischer”
Ich, so erinnere ich, “stürzte” in den 1980er-Jahren – wenn “Scheibenwischer”-Sendetermin und eigner Dienstschluß etwas miteinander kollidierten, durch die Hintertür des Bühnenhauses des Landestheaters Halle hinaus auf den Parkplatz so schnell es eben ging, kickte dort mein Kleinkraftrad “Star” der Marke Simson an und schnurrte so schnell es ging, den steilen Kapellenberg hinunter und übergangslos heim, um noch ein Häppchen von meinem “Scheibenwischer” zu erwischen. Da angekommen, hing ich sogleich erhitzt an den Lippen von Dieter Hildebrandt und Gästen… Der “Scheibenwischer” hatte eben etwas, war eine Instution. Und er wirkte! Was zuweilen zu merkwürdigen Reaktionen führte: Einmal erblödete sich gar der Bayerische Rundfunk, sich aus einem laufendem “Scheibenwischer” sendetechnisch auszuklinken. Wohl um den Zuschauern im weißblauen Land allzu Kritisches zu ersparen. Wie oft lag “Scheibenwischer” im Clinch mit dem Strolch Franz-Josef Strauß, der damals noch bayrischer Premier war! “Scheibenwischer” überstand, ertrug stets auch noch die hartnäckigsten Anwürfe – und hielt so durch bis heute. Erstaunlich!
Dieter Hildebrandt konsequent: Name “Scheibenwischer” weg
Nun ist’s aus. Dieter Hildebrandt hat dem ARD-”Scheibenwischer” die Namensrechte entzogen. Hildebrandt begründet diesen Schritt damit, dass Mathias Richling, der nun Chef der Kabarett-Sendung ist, “Aufweichung” betreibe, indem er Comedians mitwirken lasse. Was sich für den Moment womöglich ein wenig nach beleidigte Leberwurst anhören mag, erscheint allerdings nach etwas längerer Überlegung durchaus konsequent, leuchtet sogar einem als richtige Entscheidung nachvollziebar ein. Denn Hildebrandt ist auch in seinem achtem Lebensjahrzehnt alles andere als ein von irgendwelchen Formen von Altersstarrsinn befallener Mann. Vielmehr ist er sich immer treu geblieben und demzufolge der Alte geblieben. Der Mann ist Hallowach, fit im Kopf, auf der Höhe der Zeit und somit dicht dran am Puls der Gesellschaft. Immer schon beobachtete Hildebrandt genau, was in der Gesellschaft vor sich geht und hat jedesmal dort hart zugepickt, wo es ihm nötig und richtig erschien. Kurz: die Dinge satirisch zugespitzt und bündig auf den kabarettistischen Punkt gebracht. Den “Scheibenwischer” betreffend mögen ihm schon deslängeren Bauchschmerzen geplagt haben.
Georg Schramm verließ das Narrenschiff als erster
Georg Schramm, der erfrischtend radikal – brutal mit dem Hackebeil, alles Unerträgliche zur Not auch niedermähend mit der Kettensäge wie mit fein ziselierten Wortkaskaden gleichermaßen – zu Werke gehende, nun wirklich kein Blatt vor den Mund nehmende, kabarettistische Mann der Stunde, dessen Worte so treffend spitz angeschliffen sind, dass man meint, sie hätten die Kraft Stahlbeton zu durchstossen; ging als erster von Bord des “Scheibenwischer”-Narrenschiffes. Ich vermute: er erlebte den “Scheibenwischer” als immer mehr stotternd. Den Dienst verweigernd. Abgewetzte Wischerblätter dürften ihm mehr und mehr die Durchsicht auf die Gesellschaft verschmiert und somit verwehrt haben. Schramm, so kann ich mir vorstellen, ist keiner, der das so angerichtete Wischiwaschi angesichts einer derart verlotterten Gesellschaft, wie der derzeitigen, einer Zeit der unmöglichen politischen und sozialen Zu- und Umstände – ja: der von Krisen geschüttelten Welt im Allgemeinen – lange hinzunehmen bereit war bzw. ist. So ging er. Konsequent. Einer vom Schlage Hildebrandts also! Für seinen Abgang dürfte Mathias Richling und dessen neueres Verständnis, wie Kabarett heute zu machen sei, letztlich verantwortlich sein.
Ist das noch Kabarett? Dennoch: Richling bleibt eine Ikone
Auch Richling hatte ich dereinst in den 80er Jahren lieben und schätzen gelernt: diese Bissigkeit, diese Scharfzüngigkeit. Die Dar- und Bloßstellung vorallem des schwäbischen Kleinbürgers. Köstlich. Entlarvend! Wie knallhart genau Richling dabei das so genannte deutsche Wesen an sich sezierte und dieses Monstrum auf die deutschen Mattscheiben zu knallen verstand! Schon damals parodierte Richling. Gekonnt. Wie noch heute: Seine Ulla Schmidt, sein Präsident Köhler, Steinmeier, Angela Merkel und die ganzen Regierungspfeifen…Gut beobachtet. Charaktere und politischen (Un)Haltungen auf’s Wesentliche reduziert und so die verlogene Maske vom Gesicht gerissen! Mancher Kabarett- und Richling-Fan (der Mann ist bleibt eine Ikone!) ist mehr und mehr verunsichert: Ist das noch Kaberett? Oder doch schon Klaumauk? Keine Frage: diese Parodien sind einzigartig. Aber liegt deren Effekt nicht beinahe nur noch im Schenkelklatschen verursachenden Lachanfällen? Georg Schramm mag es zu recht so empfinden. Und reagierte. Zog seine Konsequenzen. Ging. Folgerichtig in die “Anstalt” zur Rekonvaleszenz.
“Neues aus der Anstalt” beim ZDF: Chapeau!
“Neues aus der Anstalt” ist eine Kabarett-Sendung im ZDF. Den Mainzern hatte ich persönlich eine solche Sendung gar nicht mehr zugetraut. (Bitte um Vergebung! Mein Blick fällt sogleich auf Sir Peter Ustinovs “Achtung! Vorurteile!” in meinem Bücherregal) Wobei beim ZDF durchaus schon früher einmal gute Ansätze vorhanden waren: Mit “Notizen aus der Provinz”. Mit Dieter Hildbrandt. Lang ist’s her. Unterdessen – schon die erste Ausgabe der “Anstalt” ließ das durchblicken – ist m. E. “Neues aus der Anstalt” fast besser als der alte ARD-”Scheibenwischer”. Bissiger, frischer werden hier unter dem herrlich durchgeknalltem Urban Priol als Anstaltsleiter die uns auf den Nägeln brennenden Probleme der Gegenwart beim Namen nennend. Probleme, welche Priol die Haare sichtbar zu Berge stehen lassen. Und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Dazu Spitzenleute des Kabaretts als Gäste. Josef Hader, Kurt Rebers u.s.w. Chapeau!
Ist das Hildebrandt-Kabarett wirklich vorbei?
Mathias Richling ist der Meinung, die Zeiten des Hildebrandt-Kabaretts seien vorbei. Und, teilt er gegen Kabarett-Urgestein Hildebrandt aus, Willy Brandt damals an die Regierung bringen zu wollen (Hildebrandt hatte aktiven Wahlkampf für die SPD und Brandt gemacht) sei “eine Abhängigkeit” gewesen, “von der ich immer glaubte, dass sie eines Kabarettisten unwürdig ist”. Nun so kann man denken. Richling sei dies unbenommen. Es ist sicher auch etwas daran. Nur verkennt Richling dabei nicht ein wenig die damalige (verkrustete, vergiftete) gesellschaftliche Situation der BRD? Erfordern unerträgliche (gesellschaftliche) Zustände nicht manchmal auch außergewöhnliche Taten?
Heute Abend 22.45 Uhr in der ARD: “Satire Gipfel”
Nun, wie dem auch sei: Mathias Richling sei Glück gewünscht für seine neue Kabarrett-Sendung. Auch, wenn sie nun “Satire Gipfel” heißen muss. Heute Abend um 22.45 Uhr erklimmt Richling mit seinen Gästen, darunter Comedians, in der ARD diese Höhe. Oder: versucht es zumindest. Zuvor kartete Richling noch einmal nach und beklagte sich über Hildebrandts Namensentzug und dessen Grund. Nannte dies: “Humor-Fundamentalismus”. Und meinte damit, die von Hildebrandt gewünschte Aussperrung von Comedians. Ob Richling sich, der ARD und vorallem: den Kabarettfans – indem er Comedians mit in eine ausgewiesene Kabarettsendung einbezieht – einen Gefallen getan hat, muss abgewartet werden. Nichts gegen Comedians! Aber sie haben ausreichend Platz und Stelle, so denke ich, in anderen Sendungen und auf anderen Kanälen. Im Falle “Satire Gipfel” besteht womöglich die nicht zu unterschätzende Gefahr kabarettistische Schärfe auf Kosten des plumpen Witzes (der Comedians) einzubüßen. Wem wäre damit gedient? Dem Kabarrett-Freund nicht. Und den Fans der Comedy wohl ebenfalls nicht. Und der ARD? Sie könnte weiter ins kabarettistische Abseits abdriften…
Photo/Quelle: Gabi Huckelmann via Pixelio.de
Es war sehr gut! Highlights und Tiefen klar, wie immer. Aber kompakt mit vielen Sachen aufgeräumt. Politische Satire wie man sie wohl abends bei ARD braucht. So reißerisch, dass man gegen die Privaten bestehen kann, aber eben auch so tiefsinnig, dass man die Poltik verfolgen muss.
Nur die Winnenden-Sache direkt vom Anfang könnte Probleme bereiten. Ich denke das wird kritisiert werden!
Ich selber fand es aber nicht besonders schlimm. Es war im Kontext von Deutschland-Euthanasie und Geschichte des Sterbens. Gesellschaftskritisch halt…