Kampusch, Fritzl, Thies F. – Machtorientierte Gewaltdelikte als Gesellschaftsphänomen

Als Ereignis zelebriert, bewegt die Medien aktuell der Prozess gegen Josef Fritzl, der gestern zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde, weil er seine Tochter 24 Jahre lang in einem Kellerverließ eingesperrt, sie unzählige Male vergewaltigt und sieben Kinder mit ihr gezeugt hatte. Parallel dazu wurde auch der Fall Kampusch wieder aufgegriffen,

Als Ereignis zelebriert, bewegt die Medien aktuell der Prozess gegen Josef Fritzl, der gestern zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde, weil er seine Tochter 24 Jahre lang in einem Kellerverließ eingesperrt, sie unzählige Male vergewaltigt und sieben Kinder mit ihr gezeugt hatte. Parallel dazu wurde auch der Fall Kampusch wieder aufgegriffen, die Österreicherin war acht Jahre lang ebenfalls in einem Keller gefangen gehalten worden. Zugleich sorgte ein weiterer Fall erneut für Schlagzeilen: das unmenschliche Martyrium des geistig behinderten Thies F., der von einem Ehepaar in einem Zelt im Garten wie ein Sklave gehalten und nach furchtbaren, entwürdigenden Gewalttaten schließlich tot geprügelt wurde. Sind diese Fälle voneinander unabhängige, verstörende Einzeltaten – oder zeigen sie eine neue Qualität des Umgangs mit Macht und Ohnmacht?

Die Delikte zeugen von einer Sehnsucht nach Macht und Kontrolle

So einzigartig die Charakteristika der Fälle auf den ersten Blick scheinen mögen und so unvergleichlich das Leiden der Opfer ist, so bezeugen sie doch in den genannten Beispielen auf Seiten der Täter einen unmenschlich gewordenen Zwang zu Macht und Kontrolle. Trotzdem sich dieser Fall in der Öffentlichkeit als grausige Ausnahme präsentieren mag, sorgte gerade er dafür, dass viele vergleichbare Delikte vorrangig aus dem europäischen Raum bekannt wurden. Auch die renommierte österreichische Psychoanalytikerin Rotraud Perner kommt in einem Interview zum Thema Fritzl dem Schluss „Typen wie ihn gibt es viele.

Bei der Verwertung in Prozessen werden in ausführlichen Expertisen immer wieder schwere Auffälligkeiten der Täter in der Persönlichkeit und traumatische Ereignisse in der Kindheit als Erklärung angeführt (wie im Fall Fritzl, bei dem die Tat durch die Gutachterin Kastner überzeugend unter anderem auf eine von Ohnmacht, Gewalt und kalter Ablehnung geprägte Kindheit zurückgeführt wurde). Zweifellos unterscheiden sich die Persönlichkeiten von Schwerstkriminellen stark von jenen, die niemals straffällig werden. Andererseits lässt sich jedoch nicht ausschließen, dass auch kulturelle und gesellschaftliche Faktoren in die Entstehung solcher Dynamiken mit hineinwirken.

Wie viel Gestaltungsspielraum bleibt dem Individuum?

Selbstverständlich ist es unbillig, voneinander verschiedene und in ihren Entstehungsbedingungen völlig differente Gewalttaten in einen Topf zu werfen und zugleich unter dem Motto „Die Gesellschaft ist schuld“ zusammenzufassen. Abstrahiert man jedoch hypothetisch die Gemeinsamkeiten einer veränderten Gewalt in unserer Kultur, so kann die Tatsache, dass auch spontane Gewaltdelikte insgesamt zunehmen und sich immer häufiger gegen Repräsentanten von Ordnungsstrukturen wie Polizisten oder Busfahrer richten bzw. gegen definitiv hilflose Personen wie Rentner oder Behinderte zumindest hypothetisch als Ausdruck strukturell bedingter Defizite an Gestaltungsspielräumen gedeutet werden.

Die globalisierte, westliche Weltkultur enthält für einzelne wesentlich größere biografische Risiken, produziert „Verlierer“ und zerreißt durch den ihr inhärenten Aufruf zur Mobilität, Flexibilität und ständiger Kommunikation gewachsene Bindungen und Gemeinschaftszusammenhänge. Die durch die Raffgier der Finanzelite erzeugte Arbeitsmarktkrisen erzeugen zudem unzumutbare Arbeitsverhältnisse, welche die individuelle Biografie und die eigene Arbeit entwerten – sofern überhaupt ausreichende Bildungschancen bestanden, um in eine Tätigkeit zu kommen.

Individualismus als Lizenz zum Wegschauen?

Die sich gern als zivilisiert verstehende westliche Gesellschaft begründet zudem gern ihre (vermeintliche?) moralische Überlegenheit gegenüber totalitären Staaten mit der individuellen Freiheit, die dem einzelnen zur Verfügung steht. Die Schattenseite dieser Werthaltung kann in der im Kontext jahrelanger Missbrauchs- und Vernachlässigungsgeschehnisse immer wieder auftauchenden Unschuldsbeteuerung der Nachbarschaft gesehen werden, die nichts, aber auch rein gar nichts Verdächtiges bemerkt hat. Im Fall Thies F. wurde ein Freund des Paares, die den Behinderten als Sklaven hielten, deshalb wegen Beihilfe zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Im Fall Fritzl wundert sich (wie in der heutigen Print-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung berichtet wird) ein spanischer Journalist darüber, dass es niemandem aufgefallen sei, dass der alte Mann regelmäßig Windeln gekauft habe.

Der gesellschaftliche Hintergrund scheint nicht in einer Kultur des Wegschauens, sondern vielmehr in einer des Nicht-Hinschauens zu liegen. Was die Nachbarn tun oder lassen geht niemanden mehr etwas an, eine Kultur der gegenseitigen Beteiligung und Einmischung ist nicht mal mehr im ländlichen Raum vorhanden. Somit ist die Kehrseite des viel beschworenen Individualismus eine Vereinzelung, die aus ihrer Ohnmacht heraus einen sozial nicht mehr korrigierten Machtwahn entstehen lassen kann.

Brauchen wir mehr Korrektive?

Fehlt es an Bindung, gegenseitiger Beachtung und somit an sozialen Korrektiven in einer Gesellschaft, muss folgerichtig die Überwachung der nun nicht mehr in festen und verbindlichen Familien- und Nachbarschafts-Bindungen regulierten Individuen erhöht werden. Genau dies geschieht in einem zunehmenden Ausbau von Überwachungstechnologien und flächendeckender Datenerfassung. In einer Atmosphäre des verschwindenden Gemeinschaftsgefühls muss also auch der Staat seinen Bürgern zunehmend misstrauen, müssen Eltern kontrolliert und Kinder regelmäßig zwangsweise untersucht werden.  Doch diese Art von Korrektiven löst das grundsätzliche Dilemma nicht: die dringend nötige Neuordnung emotionaler Zusammenhänge in der globalisierten Gesellschaft.

Kommentare

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  1. Individualismus als Lizenz zum Wegschauen? na, das finde ich ja eine gelungene charakterisierung. vor vielen jahren wohnte ich einmal in einem kleinen hinterhaus. gegenüber im ersten stock, in einem großen gründermietshaus wohnte ein alter mann. der machte pünktlich 22 uhr den fernseher aus. ich konnte danach die uhr stellen. irgendwann fiel mir auf, der fernseher lief die ganze nacht durch. ich rief den vermieter im vorderhaus an. der versprach, sich darum zu kümmern. nach ein paar tagen lief der fernseher immer noch. ich ging ins vorderhaus, um selbst nach dem rechten zu sehen. schon der geruch veranlasste mich, gleich die polizei zu rufen. in dem haus wohnten auch einige sozialarbeiter. der alte mann war seit tagen tot und bereits verwest. ob man extreme einzelfälle zum anlass nehmen kann, mit der politik abzurechnen, bezweifle ich. das umfeld sieht meistens weg. es ist ein normales verhalten, sich möglichst keinen ärger einzuhandeln. kostenvermeidung ist ebenfalls ein normaler menschlicher zug. forschung bei gestellten unfällen haben ergeben, dass siebziger prozent der leute bei unfällen vorbeifahren. bei fritzl war alles normal, ein gutbürgerliches umfeld. das versorgungssystem klappte. ein insich geschlossenes system. unauffällig nach außen. kein grund, hinzuschauen. einen zusammenhang zur globalisierung kann ich gar nicht herstellen und raffgierige manager würde ich so nicht formulieren, weil auch die manager unterliegen dem mathematischen zinssysthem, das im exponenten wächst, wie der krebs. das system zwingt die menschen. nicht andersrum. unbestritten ist, dass zins erwirtschaftet werden muß, vom gros der menschheit. das nun wird ein problem, denn der einzelnen hat keinen blick mehr für den nebenan im sichabstrampeln für den zinsgewinn ganz weniger. aber das ist doch normal. wir essen ja zwischenzeitlich unsere eigenen toten auf. wir sind eine hochkultur. das muß man sich immer vor augen halten. kapital kennt keine heimat. das war schon immer so. es gibt keine globalisierte gesellschaft. das ist ein modewort. fritzl hatte das kleingärtnerniveau: wehe ein blatt wächst über meine grenze. so hält man sich in schach: da dein garten hier mein garten. ganz normal. nix schwätzen. fritzl redet nicht, seine frau auch nicht. ganz normal.