Literarisches Kesseltreiben um Kammwegpreis 2009

Da gib’s im Erzgebirge einen Literaturpreis und Kohle vom Steuerzahler für die Preisträger. Und dann gibt’s Juryvorsitzende, die sich wie Gott gebärden – und zwar, wie Gott während seiner Adam&Eva-Rauskickaktion – herrisch, unverständlich und autoritär. Und es gibt Menschen, Autoren aus dem Erzgebirge, wie Elia van Scirouvsky, die versuchen sachlich

eliabild.JPGDa gib’s im Erzgebirge einen Literaturpreis und Kohle vom Steuerzahler für die Preisträger. Und dann gibt’s Juryvorsitzende, die sich wie Gott gebärden – und zwar, wie Gott während seiner Adam&Eva-Rauskickaktion – herrisch, unverständlich und autoritär. Und es gibt Menschen, Autoren aus dem Erzgebirge, wie Elia van Scirouvsky, die versuchen sachlich zu argumentieren und dafür abgekanzelt werden. Wenn zivilisierte Diskussionen im Kollegium nicht möglich sind, muss dies eben öffentlich geschehen und so traf ich den zu Recht aufgebrachten van Scirouvsky zum Gespräch:

Volly Tanner: Hallo, Elia – Die diesjährige Preisverleihung des gelddotierten (1500, 1000 und 500 Euro) Literaturpreises KAMMWEG 2009 brachte Dich ganz schön in Brass. Es gibt sogar dazu einen öffentlichen Brief ans Kultursekretariat Kulturraum Erzgebirge-Mittelsachsen. Was hat Dich denn so aufgeregt?

Elia van Scirouvsky: Hallo Volly, das drittplatzierte Buch “Heilige Kühe im Erzgebirge” von Till Endemann hat nichts elementar mit dem Erzgebirge zu tun, wie es aber die
Ausschreibungsmodalitäten fordern. Ich habe sachliche Kritik an der Juryentscheidung geübt, was aber vom Juryvorsitzenden Ralph Grüneberger abgeschmettert wurde, ohne wirklich auf meine Argumentation einzugehen. Ich fand es traurig, wie mit Kritik umgegangen wurde und als Herr Grüneberger noch persönlich mir gegenüber wurde, kannst du dir ja vorstellen, dass es da mit der Laune vorbei war.

Volly Tanner: Welches waren denn Deine Kritikpunkte?

Elia van Scirouvsky: Wer das Erzgebirge kennt, wird es in diesem Buch nicht wiederfinden. Weder sind die Leute im Erzgebirge katholisch, noch brennt man bei uns Marillenschnaps – die Marille ist bei uns nicht heimisch. Statt Fichten gibt es im Buch Kiefern und Tannen. Nur ein Räuchermännchen als Gastgeschenk liefert einen Hinweis auf das Erzgebirge. Endemann schafft es nicht einmal sprachlich einen Bezug herzustellen, der Metzger ist bei uns ein Fleischer und Kantstein – ein typisch norddeutscher Begriff – ist bei uns ein Bordstein. Aber es gibt noch mehr Punkte, welche ich in dem offenen Brief aufgeführt habe.

Volly Tanner: Du sprachst auch von Meinungsunterschieden und einem extrem unbegreiflichen Verhalten Ralph Grünebergers, der sich ja gern als Koryphäe im Bereich Lyrik verstanden wissen will. Um was gings – was lief genau ab?

“Das Ganze ist ein Vergleich von Äpfeln und Birnen”

Elia van Scirouvsky: Nun, ich kenne zwei Mitglieder der Jury und von einem bekam ich am Abend der Preisverleihung auf meine angesprochenen Punkte sogar Zustimmung – auch wenn die Begründung, Endemanns Buch sei ja spritzig geschrieben, mich nicht
befriedigte. Herr Grüneberger wollte gar nichts von meiner sachlich angebrachten Kritik wissen, es spielt seiner Meinung nach keine Rolle, dass das Erzgebirge hier vollkommen falsch dargestellt wird. Als ich daraufhin den Kammwegpreis infrage stellte, wenn die Ausschreibungsmodalitäten derart missachtet werden, wurde Herr Grüneberger persönlich und sagte, dass ich nie die Größe eines Bräunig (der Erstplatzierte des diesjährigen Kammwegpreises) erreichen werde. Nun ist das Ganze ein Vergleich von Äpfeln und Birnen, da das literarische Genre verschieden ist und der erste und zweite Platz wurde von mir auch nie in Frage gestellt. Aber auf eine sachlich angebrachte Kritik mit einer entprechenden Argumentation im Hintergrund, mich als Person und Literat anzugreifen ist mehr als unverständlich und eines Juryvorsitzenden unwürdig.

Volly Tanner: Nun ist ja der Preis im Erzgebirge verhaftet – Grüneberger jedoch Leipziger. Wie geht das denn zusammen?

Elia van Scirouvsky: Für die Jury werden verschiedene Leute zusammengesucht, denen man die nötige Kompetenz zugesteht, das halte ich grundsätzlich für legitim. Natürlich muss man sich fragen, wie ein Leipziger Literatur bewerten kann, welche das Erzgebirge elementar behandeln soll. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen – wenn man weder den Einblick, noch das nötige Fingerspitzengefühl hat, ist man fehl am Platz. Unter Grüneberger wurde der Kammwegpreis 2005 in drei dritte Preise und einige Förderpreise umgewandelt, die alle mit einer Textwerkstatt bei ihm verbunden waren. Dies macht er bestimmt nicht kostenfrei und diese Förderpreise gab es dann auch die Jahre danach – so kann man sich natürlich auch sein Auskommen sichern. 2005 gab es deshalb schon heftige Diskussionen um den Kammwegpreis.

Volly Tanner: Da stellt sich natürlich – besonders im Bezug auf diese Ungereimtheiten beim Kammwegpreis – die Frage nach der Finanzierung solcher Preise. Wer kommt denn für die Preisgelder auf? Der Steuerzahler? Private Sponsoren aus der Wirtschaft? Oder eine literarische Interessengruppe?

Elia van Scirouvsky: Der Kammwegpreis wird vom Kulturraum Erzgebirge-Mittelsachsen finanziert – d. h. es sind Steuergelder. Umso wichtiger ist es, auf die Qualität der Vergabe zu achten. Der Preis wurde im Kultur- und Freizeitzentrum Marienberg initiiert und ich habe dies miterlebt und teilweise mitgetragen, weshalb es mir auch ein persönliches Bedürfnis ist, auf die Qualität des Kammwegpreises zu achten.

Volly Tanner: Was denkst Du, lieber Elia, als im Erzgebirge verhafteter und weit über die Grenzen dieses Kulturraums heraus wirkender Autor, was jetzt geschehen muss? Wie kann Qualität gehalten – oder eben zurückgewonnen werden? Hat der KAMMWEGPREIS in seiner derzeitigen Ausrichtung noch seine Berechtigung, auch in Hinsicht auf die Werbewirksamkeit fürs Erzgebirge? Und denkst Du, dass solche Strukturen normal sind bei Preisvergaben? Es gibt ja derzeit auch so ein schönes Buch “Meine Preise”, welches genau dies zum Thema hat.

“Ich hoffe auf eine Imageverbesserung des Kammwegpreises.”

Elia van Scirouvsky: Ich bin für eine Neubesetzung der Jury und die neuen Jurymitglieder sollten neben der fachlichen Kompetenz sich alle auf einer Augenhöhe bewegen – ich habe oft das Gefühl, dass ein akademischer Titel, ein Vereinsvorsitz oder eine berufliche Stellung mehr Gewicht haben, aber das ist ein Gefühl. Außerdem sollte auf eine strenge Entflechtung der Jury geachtet werden, die Jurymitglieder sollten weder beruflich, noch über Vereine oder ähnlichem verbunden sein. Dabei sollte die Jury jederzeit in der Lage sein, sich einer Diskussion auf sachlichen und fachlichen Niveau zu stellen. Dass dies funktioniert, beweisen andere Preise im Erzgebirge. Ich hoffe, dass derartige Strukturen und Verfahrensweisen nicht normal sind und ich hoffe auf eine Imageverbesserung des Kammwegpreises. Ich weiß, dass viele Autorenkollegen, die nach und nach dem Kammweg fernblieben, ebenso denken.

Volly Tanner: Danke Elia für die klaren Worte und damit sich jeder auch selber ein Bild machen kann, gibt’s den OFFENEN BRIEF AN DAS KULTURSEKRETARIAT ERZGEBIERGE/ MITTELSACHSEN noch in voller Länge zum hierlesen:

Offener Brief an das Kultursekretariat Kulturraum Erzgebirge-Mittelsachsen

Seit Jahren kämpfen Hersteller von erzgebirgischer Volkskunst unter dem Label “Original statt Plagiat” dafür, dass keine billigen Imitate ihre hochwertige Handwerkskunst vom Markt drängen.

In diesem Jahr gelangte beim Kammweg, dem Literaturpreis des Kulturraums Erzgebirge-Mittelsachsen, ein Buch auf den dritten Platz, welches außer dem Titel “Heilige Kühe im Erzgebirge” und einem erwähnten Räuchermännchen im Text nichts mit dem Erzgebirge zu tun hat.

Braucht es nun auch für die Literatur wachsame Augen, damit Erzgebirge nicht ein leeres Allerweltsetikett wird?

Der Literaturpreis Kammweg wurde 2009 vom Kultursekretariat Erzgebirge für bereits veröffentliche Werke der Belletristik, die sich elementar mit dem Thema Erzgebirge beschäftigen, ausgeschrieben.

Durch Zufall bekam ich das besagte Buch des gebürtigen Hamburgers Till Endemann in meine Hände und war mehr als verwundert, wie es dieser Text unter die Preisträger schaffen konnte, da für mich der Passus “sich elementar mit dem Thema Erzgebirge beschäftigen” eine Vorgabe darstellt, die das Buch schlichtweg nicht erfüllt.

Der Anfangsverdacht nach den ersten Seiten, dass der Autor das Erzgebirge nicht oder nur sehr oberflächlich kennt, bestätigte sich zunehmend.

Erstaunt musste ich lesen, dass eine Person in dem Roman in die Dorfkirche geht, um dort eine Kerze zu stiften und dabei über Hostien und Messwein sinniert – das Erzgebirge ist nicht katholisch. Bei uns wird auch kein Marillenschnaps selbst gebrannt, die Marille wächst bei uns nicht und Privatbrennerei ist auch kein Thema der Region. Dass die Protagonisten inmitten von Kiefern sitzen, auch Tannen Erwähnung finden, aber keine einzige Fichte erscheint, passt weiter in das Bild eines Nicht-Erzgebirges. Der Bordstein heißt bei Endemann Kantstein – eine typisch norddeutsche Variante, ebenso gehen die Leute zum Metzger (westmitteldeutsche, süddeutsche, schweizerische Variante) statt zum Fleischer und Familiennamen wie Luckhalter, Haas, Hagemeister, Pollke, Kalvelage etc. lassen eher ein im Norden des Landes angesiedeltes Dorf vermuten.

Bis auf den Räuchermann als Gastgeschenk gibt es keinen einzigen Hinweis, der auf das Erzgebirge schließen lässt. Die angesprochenen Punkte sprechen eher dafür, dass ein norddeutsches Dorf in die Berge verschoben wurde und der Autor ihm bekannte Dinge der Alpenregion hineingeflochten hat, was aber im Ergebnis eben nichts elementar mit Erzgebirge zu tun hat.

Während auf dem Gipfel noch Schnee liegt, treibt der Bauer seine Kühe auf die Weide, die ersten Leute pflanzen im Garten und der vietnamesische Gemüseverkäufer pflückt eine Blume aus Nachbars Garten, der Tourismusmanager fährt auf einem alten Damenfahrrad und im Sakko durchs Dorf und zum Drehort in den Bergen. Und während ringsum noch Schnee liegt, legt der indische Superstar das Dorfmädchen beim abendlichen Treff ins Gras. Viele Bilder im Buch sind unstimmig, passen nicht und schon gar nicht in unsere Mittelgebirgsregion.

Dass im “Dorfkrug” wegen der indischen Gäste Meißener Porzellan aufgefahren wird, in der Dorfdisco ein Rosenverkäufer Blumen anbietet, verwundert nach all diesen Punkten dann auch nicht weiter.

Aber wenn eine indische Delegation mit “Salaam” statt mit “Namaste” begrüßt wird und Shiva als blauhäutiger Gott und Erscheinungsform Vishnus bezeichnet wird, fragt man sich, ob der Autor nicht zu einer Minimalrecherche in der Lage war. Dass er den Erzgebirgern solche Unwissenheit hineinschreibt, möchte ich hier nicht unterstellen.

Im Zuge der Preisverleihung des Kammweges am 07. März 2009 hatte ich Gelegenheit mit zwei Vertretern der Kammwegjury zu sprechen. Ein Jurymitglied gab mir in den von mir angesprochenen Punkten zum Drittplatzierten recht und mit der Begründung, es sei spritzig geschrieben, kann ich zwar nicht gut leben, aber immerhin leben.

Ausgerechnet der Vorsitzende der Jury Ralph Grüneberger ließ jegliche sachlich angebrachte Kritik von sich abprallen und verwies eher hilflos auf die einstimmige Entscheidung der Jury. Als ich den Kammwegpreis mit seinen gegebenen Modalitäten in Frage stellte, wenn ein Buch einen Preis bekommt, welches so gut wie nichts mit dem Erzgebirge zu tun hat, musste ich mir sagen lassen, dass dies keine Rolle spiele und dass ich nie die Größe eines Bräunig (der Erstplatzierte des diesjährigen Kammwegpreises) erreichen werde. Der erste und zweite Preis stand nie von mir zur Diskussion und mich als Lyriker mit einem Romanschriftsteller nebeneinanderzustellen, hieße Äpfel und Birnen zu vergleichen.

Auf eine Sachkritik mit einem derartigen persönlichen Angriff zu reagieren, finde ich nicht nur beschämend, es offenbart auch fehlende Kenntnis der Ausschreibungsmodalitäten und der Bewertung literarischer Texte.

Dass sich eine Jury sachkritischen Fragen kompetent stellen kann, zeigt der ebenfalls im Erzgebirge ausgelobte Preis “Grenzgänger” im Bereich der regionalen Filmemacher. Hier finden sich auch zu den Preisverleihungen die Akteure ein, während beim Kammweg 2009 nicht einmal eine Handvoll Schriftsteller der Region der Preisverleihung beiwohnten. Dies ist unter anderem der Tatsache geschuldet, dass der Kammweg durch verschiedene Juryentscheidungen an Qualität verloren hat. Besonders muss hier der Kammweg 2005 erwähnt werden, bei welchem die Jury – ebenfalls unter der Leitung von Ralph Grüneberger – die ausgeschriebenen Preise aufhob und stattdessen drei dritte Plätze und dazu Förderpreise installierte, die alle mit einer Textwerkstatt bei Herrn Grüneberger verbunden waren, welche sicherlich nicht unentgeltlich geleitet wurde.

Der im Kultur- und Freizeitzentrum Marienberg entstandene Kammwegpreis, welcher ursprünglich zur Förderung einheimischer Autoren gedacht war, sollte zukünftig durch eine entflochtene Jury mit entsprechenden fachlichen Kompetenzen betreut werden, um weiteren Imageschaden von der Literaturszene im Erzgebirge abzuwenden. Dabei sollte die Jury jederzeit in der Lage sein, sich einer Diskussion auf sachlichen und fachlichen Niveau zu stellen.

Leipzig, 20. März 2009

Elia van Scirouvsky

Zur Person:

Elia van Scirouvsky, 1970 in Marienberg geboren, lebt seit 2002 in Leipzig und ist nach einem Germanistik- und Philosophiestudium als freiberuflicher Autor tätig.

Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit, hauptsächlich im Bereich Lyrik, ist Elia van Scirouvsky seit vielen Jahren in der Kulturszene des Erzgebirges engagiert. So war er u.a. Mitbegründer und jahrelanger Organisator des Marienberger Kulturversuches und organisierte und moderierte die Autorenlounge beim Leipziger East End.

Veröffentlichungen:

“Gesänge der Finsternis” Lyrikband im Angela Hackbarth Verlag, St. Georgen, ISBN 3-9801509-6-8

Vorworte in:
Lanncelot von Stálbergk “Lyrik, Sprüche, Liebesbriefe” (2003)
Stefan Reichelt “Und es leuchtet doch …” (2006)
weiterhin zahlreiche Veröffentlichungen in AnthologienEine ausführliche Vita und weitere Informationen finden Sie unter www.elia-van.de.

Elia van Scirouvsky

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04107 Leipzig

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Mobil: 01 73 / 7 54 92 53

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