Der langsame Tod eines sozialen Stiftungsgedankens (Teil2)

Die Universalstiftung Helmut Ziegner – Die Abhängigkeit von den beiden Intendanten A. und Gl. und dem von A. größtenteils zugunsten des G1. locker gemachten Stipendium war eine zusätzliche Würgeschraube. Und G1. zögerte nicht, sie fester anzuziehen, als Ziegner sich aus den Zwängen des Ausbildungsvertrags zu befreien versuchte. “Ich habe”, antwortete

graszu.jpgDie Universalstiftung Helmut ZiegnerDie Abhängigkeit von den beiden Intendanten

A. und Gl. und dem von A. größtenteils zugunsten des G1. locker gemachten Stipendium war eine zusätzliche Würgeschraube. Und G1. zögerte nicht, sie fester anzuziehen, als Ziegner sich aus den Zwängen des Ausbildungsvertrags zu befreien versuchte. “Ich habe”, antwortete der Meister dem Schüler am 18. Mai 1942, “keine Veranlassung, unsern Vertrag früher als vorgesehen zu lösen. Wenn Sie vertragsbrüchig werden wollen, bitte. So tragen Sie auch die Folgen.” Er wirft Ziegner vor, “den wahren Grund, weshalb Sie fortwollen von mir, nicht anzugeben. Dieser Grund hat mit meinem Unterricht nichts zu tun.” Und womit hat er zu tun? Gl. erlegt sich keine Zurückhaltung auf: “Ich werde melden, in welcher Weise Sie Ihre Vorgesetzten bis hinauf zum Adjutanten’ beschuldigt haben.” Der Meister endet im Pathos des “ganz legalen’.’ Denunzianten. “Ich breche hiermit die Korrespondenz mit Ihnen ab und erwarte wahrheitsgemäße Klarstellung, andernfalls ich diese durch Klage wegen übler Nachrede, Verleumdung etc. erzwingen werde. Heil Hitler!”

Ziegner am 22.Mai 1942: “Was ich Gl. in furchtbarer Verzweiflung anvertraute, will er jetzt zu erpresserischen Zwecken verwenden.” G1, wandte sich tatsächlich an den zuständigen Generalmajor. Eine Katastrophe wurde nur dadurch verhindert, dass die beiden Intendanten A. und G1, sich in der Zwischenzeit zerstritten und der offenbar mächtigere A. den umtriebigen G1. zurückpfiff. Subversive Geschichten sind das letzte, was Herr A. brauchen kann. Die bedrohliche Situation wird mit einer harmlos klingenden Deutung entschärft: “Meine Freundin Hanna”, schreibt Ziegner, “verlässt die Gl.-Schule ebenfalls, nachdem sie von Herrn Gl. vor der Reichstheaterkammer” mit so etwas beschäftigte sich die! – “als meine unglückliche Liebe und der eigentliche Grund meines Lehrerwechsels angegeben wurde.”

Das Wichtigste aber war, dass er vom Feldgerichtsdienst abgezogen wurde,

nach Adlershof, in eine der Flakstellungen, die Berlin gegen Luftangriffe schützen sollten.

Ob die Herrn Gl. und A. tatsächlich Intendanten – welchen Theaters? je gewesen sind? Zur Zeit von Ziegners Versetzung zur Flak waren sie es nicht, sondern nannten sich von Gnaden der Reichstheaterkammer glanzeshalber nur so. Indes ein wirklicher Intendant, zu dem ihn sein Vorgesetzter in Adlershof, Regisseur im Zivilberuf, geschickt hatte, der des Schauspielhauses Potsdam, hörte Ziegner vorsprechen. “Die Quintessenz: man hielt mich für eine “eminente Begabung”. Wenn Sie keinen Vogel bekommen … usw.” Ziegner beurteilt die Aussichten trotzdem skeptisch: “Die Zeit ist entmutigend. Ich bin mir darüber im klaren, dass das Theater unter den augenblicklichen Umständen nicht weitergeführt werden kann.” Aber der Potsdamer Intendant bietet ihm die Rolle des Don Carlos an.

Der Presse war 1943 jegliche Kritik verboten, selbst die an Theateraufführungen. Das entwertet auch ihre Zustimmung, aber zweifellos war es diesmal so, wie man es las: die “große Überraschung des Abends” sei der “Gestalter der Titelrolle” gewesen, ein zweiundzwanzigjähriger “Debütant auf den Brettern, Soldat, erst seit etwas länger als einem Jahr hat er Schauspielunterricht, neben seinem Militärdienst”, aber “wie er in tiefster Seele zu packen, zu begeistern und mitzureißen weiß, das spricht von einem enormen Können gleichermaßen wie von einem restlosen Aufgehen in seiner Aufgabe. Hier wächst ein Talent heran, auf das man achten muss”, man dürfe “Höchstes erhoffen”. Und gewiss konnte Ziegner der aufwühlenden Aussage und rhythmischen Gewalt des “Don Carlos” aus eignem Erleben und eigner Erschütterung persönliche Vehemenz verleihen, etwa wenn er dem zwielichtigen Herzog Alba zuruft:

Ein Alba, sollt ich meinen, war der Mann,

Am Ende aller Tage zu erscheinen!

Dann, wann des Lasters Riesentrotz die Langmut

Des Himmels aufgezehrt, die reiche Ernte

Der Missetat in vollen Halmen steht

Und einen Schnitter sonder Beispiel fordert,

Dann stehen S i e an Ihrem Platz. – Man spricht,

Sie führten einen Vorrat Blutsentenzen,

Im voraus unterzeichnet, mit? Die Vorsicht

Ist lobenswert. So braucht man sich vor keiner

Schikane mehr zu fürchten.

Den Satz über die vorbereiteten Blutsentenzen strich ihm der Regisseur.

Im Oktober 1943 brachte man des Johannes von Saaz um 1400 verfasstes Streitgespräch “Der Ackermann und der Tod”, “von allen Mitwirkenden den stärksten Eindruck hinterließ, unter strenger Beschränkung der Geste, Helmut Ziegner”, lobt die Presse erneut, und im Dezember Grillparzers “Sappho”. Ziegner ist Phaon, der der Dichterin Sappho folgt und sich in Melittion, ihre Sklavin-, verliebt. Eine Rose in Melittions Hand weckt Sapphos Argwohn, sie beklagt sich bei Phaon. Er erwidert:

Und niemand soll der Blume sie berauben!

Ich selber gab sie ihr als Angedenken

An eine schöne Stunde, als ein Zeichen,

Dass nicht in jeder Brust das Mitgefühl

Für unverdientes Unglück ist erloschen.

Sie weint; – 0, weine nicht, Melittion! Wieder zu Sappho:

Hast diese Tränen du auch mitbezahlt,

Als du sie von dem Sklavenhändler kauftest?

Es ist ein Nachklang von Goethes “Iphigenie”, aber die Tragödie der verletzten Humanität ist in biedermeierlich Zaghafte verkleinert, der Polizeistaat Metternichs hatte es Grillparzer nicht anders erlaubt. Keine Aktion, sondern Stagnation. Nicht Iphigenies Befreiung, sondern Sapphos Selbstvernichtung. In den Versen vibriert nicht wie in denen der älteren Klassiker die Spannung des Pfeils im Flug, sondern sie stehen gleichsam auf der Stelle still, als wären sie filigranhart in blassen Farben auf porzellanenen Zierrat gemalte Spruchbänder:

So ist dein Busen denn so ganz entmenscht,

Dass er sich nicht mehr regt bei Menschenleiden?

Zerbrich die Leier, gifterfüllte Schlange,

Die Lippe töne nimmerdar Gesang!

Den Namen nicht entweihe mehr der Kunst!

Ziegner spielte gegen den Mangel des Stücks: Handlungsarmut, von Lyrismus camoufliert, an, indem er die Befreiung der Sklavin in den Vordergrund rückte. So sieht es jedenfalls einer der damaligen Rezensenten: “Im leidenschaftlichen Kampf um die Geliebte ist Ziegner von überzeugender Echtheit. Seiner Gestaltung verdankt das Spiel in erster Linie dramatische Bewegung.”

Gründgens war auf  ihn aufmerksam geworden. Er unterhielt sich mit dem jungen Kollegen über die Rede des Marc Anton “Mitbürger, Freunde, Römer!” aus Shakespeares “Julius Cäsar”. Ein kunstvoll vielschichtiger Text, in dem sich die vergiftete Atmosphäre eines korrumpierten Machtzentrums verdichtet, ein Hin und Her echten und vorgetäuschten Gefühls, aufrichtiger und demagogisch missbrauchter Intellektualität, jeden Augenblick wendet sich das eine ins andere. Marc Antons Trauer um den ermordeten Caesar ist nicht geheuchelt, doch er macht eine grelle Vortragsnummer daraus, sobald er merkt, dass ihm dies bei den neuen Herrn nützt. Was ihn nicht hindert, sich auf dem Höhepunkt seiner theatralisch aufgestockten Schmerzensschreie wieder seinem echten Schmerz zu überlassen: hellwach beobachtend, wie auch dies nochmals den Effekt steigert.

Es war der Prüfstein für jeden Darsteller, wieweit er es fertig brachte, mit dem schauspielerischen Element der Gestalt zu brillieren, ohne dabei als Schauspieler theatralisch zu werden. Eine Gratwanderung zwischen natürlichem Affekt und kalter Berechnung. Das war die vom Text gerechtfertigte Tradition.

In der Aufführung, die Fehling 1941 im Berliner Staatstheater inszenierte und in der Gründgens, alternierend mit Werner Krauß, den Caesar spielte, war Marc Anton ganz anders ein “vitaler, naiver Mann, der an der Leiche Caesars sich platt auf die Erde wirft und laut weint wie ein Held Homers”, berichtet die “Deutsche Allgemeine Zeitung”, und so konnte auch “die Leichenrede kein Virtuosenstück der Volksbeeinflussung” sein, sondern mit unverfälscht inbrünstiger Klage ohne hintergründiges Kalkül “entreißt er den Verschwörern den Sinn und das Ergebnis ihrer Tat.” ‘

Bei solcher Verschiebung der Gewichte erschien Brutus, das Haupt der sich gegen Césars Diktatur auflehnenden Demokraten, “fahl, schmal, ein Kranker, ein Isolierter”, dem “schon vor der Tat der Glaube an sie und ihre Notwendigkeit fehlte”, der alles mögliche sein mochte, bloß – laut “Deutscher Allgemeiner Zeitung” – “kein Führer”. So schätzten die Nazis jeden gegen sie’ selbst gerichteten Widerstand ein.

Obgleich das innere Ringen des Brutus um seine Tat ein von Shakespeare vorgegebener, exzellent realistischer Zug ist.

Bis zur Vollführung einer furchtbaren Tat

Vom ersten Antrieb ist die Zwischenzeit

Wie ein Phantom, ein grauenvoller Traum -

wird die Statur des sich nach Zweifeln zum Attentat entschließenden Freiheitskämpfers schwer beschädigt, wenn man den Marc Anton sein wiederholtes “Und Brutus ist ein ehrenwerter Mann” nicht taktisch, listig, als bewusst forcierte Zweideutigkeit, sondern einfältig “echt”, als wilden Ausbruch von so etwas wie einem altrömischen “gesunden Volksempfinden” bringen lässt. Der fatale Funke springt über, die Demokraten, eben noch, vom Volk umjubelt, müssen nun vor der Wut der aufgewiegelten Menge fliehen. Die Macht fällt Marc Anton und seiner Kamarilla zu, wie sehen wir ihn in der nächsten Szene wieder? Über eine Liste gebeugt. Und was ist das erste, was wir den Menschenfreund und Volksbeg Ueker sagen hören?

Die willig also sterben, deren Namen hier angekreuzt sind.

In Julius Cäsar “sind die Argumente für und gegen den Tyrannenmord ausgebreitet” und mit der Aufführung bewies das Theater Mut, Es war geschützt nur durch den bösen Witz, dass die in der Regierungslage sitzenden Tyrannen sich nicht für Tyrannen hielten, dass sie das Gleichnis nicht auf sich bezogen da Shakespeare Engländer war, war – auch im Spiegel Roms - England gemeint. Mit England lag man im Krieg also konnte es einem Recht sein,  wenn man zu sehen bekam, wie es dort drunter herging, herging, wenn auch nur im Theater: Gründgens war. der Mann des Balanceakts mit diesem in Julius Cäsar und anderswo. Das machte ihn den einen anrüchig, anrüchig die fanden; er lasse sich zu sehr mit den Oberen ein, den andern, die den, Freiraum sahen, den er nutzte, war er aller Ehrenwert.

Ziegner blieb mit ihm in Kontakt bis in die Zeit seiner letzten Intendanz in’ Hamburg.

Das Doppeldasein als Soldat und Schauspieler war eine gewagte Partie, etwas, das “eigentlich gar nicht sein durfte”. Der Potsdamer “Don Carlos” Erfolg hatte den Weg zu zwei weiteren Gastspielen Anfang 1944 in Kottbus und Frankfurt an der Oder geebnet. Aber: “Du weißt nicht, gegen welche unerhörten Widerstände ich mich durchzubeißen habe”, schreibt er. “Nachdem mein Antrag sechs Wochen läuft, ist erst entschieden worden, dass ich nicht u.k, gestellt” – für unabkömmlich erklärt und vom Militärdienst freigestellt – “werde, sondern Arbeitsurlaub bekommen soll. Dazu war die Entscheidung des Ministers nötig. Man hält mich also noch hin. Du machst dir schlecht ein Bild von dem augenblicklichen Durcheinander. Jeder soll versetzt werden. Im allgemeinen hört man, hier sei alles ruhig. Man irrt. Sich hier durchzusetzen, ist nicht leichter als bei der Truppe, wenngleich die herrschenden Mittel andere sind.”

Das “augenblickliche Durcheinander”: 1944 zeichnete sich die Niederlage Deutschlands im zweiten Weltkrieg immer eindeutiger ab. Die deutschen Fronten brachen der Reihe nach zusammen. In der Normandie landeten die Engländer und Amerikaner, sie verjagten die deutsche Besatzung aus Frankreich und Belgien und standen nach knapp vier Monaten an der deutschen Westgrenze. Die Rote Armee drängte die Deutschen aus Russland heraus und überschritt die Grenze Ostpreußens. Rückzüge auch im Süden und Norden. Hektisch versuchte man eine Stabilisierung der zersplitternden Linien, warf letzte Reserven in die Kampfgebiete. In den Kasernen wuchsen die Unruhe und als Antwort darauf die Härte der Repression. Allnächtliche Bombardements zermürbten die Bevölkerung im Innern des Landes. Einheiten der nicht mehr so zahlreich dort verbliebenen Truppen schickte man in eine der verwüsteten Städte nach der andern zu notdürftigen Räumungsarbeiten. Schon 1943 war Ziegner einem Verband zugeteilt worden, der nach Hamburg musste, um dort die unbestattet in den Trümmern liegenden Opfer mehrerer Luftangriffe zu bergen, 40 000 Leichen zu Scheiterhaufen aufzuschichten und mit Feuerstößen aus Flammenwerfern einzuäschern, alles in rasender Geschwindigkeit. Es war verboten, etwa jemand, den man in der Stadt kannte, zu benachrichtigen oder überhaupt sich auf Gespräche einzulassen. Nach drei oder vier Tagen war man zurück in Berlin. Exkursionen dieser Art häuften sich 1944. Bei den Appellen auf dem Kasernenhof wurden ohne Vorankündigung Kontingente zur Eingliederung in die SS ausgesondert, jeweils 30, 40 Mann, nach Körpergröße und Zufall des Abzählens, Einspruch war sinnlos, der Abtransport erfolgte auf der Stelle.

Was konnte in diesem Weltenende-Chaos noch Theater bedeuten? Ziegner hatte erreicht, dass man ihn zu seinem Gastspiel nach Frankfurt an der Oder ließ, aber das damit zuständig gewordene dortige Wehrmachtskommando ordnete, kaum war er da, seine Versetzung an die Front an. Mitte Juli 1944, schon unterwegs, schreibt er: “Ich musste ein paar Schritte unternehmen für meine Sicherheit. Eine Einreihung in die SS schien mir nämlich nicht das unbedingt Richtige für mich. So bin ich nach vielem Hin und Her nach Norden gezogen. Überfälle in den verminten Gewässern, Angriffe auf unser Geleit waren nicht ungefährlich.”

Ungefährlich war es auch nicht, diesen Brief zu schreiben,

aber er fährt fort: “Trotz der fühlbaren Ablehnung der Bevölkerung bin ich stark eingenommen von den hiesigen Menschen, die ein großes Maß an Eigenwilligkeit in tausend äußeren Dingen zeigen. Ich denke nur an die luftige Kleidung der Damenwelt. Das Straßenleben bietet ein schönes buntes Bild, die einzige Uniform ist die der deutschen Soldaten.

Dänemark und Norwegen haben Bewunderung in uns allen hervorgerufen. Wir hätten an jedem Fenster stundenlang gaffen mögen – vermieden es nur, um nicht wie Ausgehungerte anzumuten. Die Art zu leben beeindruckt mich, zumal die Spuren des Einzelnen und sein Wert hervortreten. Wie es nach den Angriffen auf Berlin zu Hause aussieht, weiß ich nicht. Da ich noch nicht an meinem Bestimmungsort bin, kann ich keine Feldpostnummer angeben. Ich bin aber in allem zuversichtlich und glaube an baldige Wendungen. Nebenbei gesagt, bin ich seit Wochen nicht einen Augenblick unter keiner militärischen Obhut gewesen.”

Es ist fraglich, ob man ihm im Ernstfall abgenommen hätte, dass er, wenn er von seiner Bewunderung der eigenwilligen Dänen und Norweger schrieb, deren Art zu leben den Wert des Einzelnen hervortreten lasse, die luftige Kleidung der Damenwelt meinte.

Die unfreiwillige Reise endete in Oslo, wo sich der deutsche Soldatensender seiner als Sprecher bemächtigte. Er wurde zum Lyrikabend in die “Stabsbücherei des Feldluftkommandos Norwegen” befohlen. “Kritiker hätten vielleicht gerügt”, heißt es in einem Bericht, “dass Obergefreiter Ziegner mit den Goetheworten über die Grenzen der Menschheit begann”, während doch “die Grenzen an das Ende gerückt gehörten”, aber die Anwesenden hätten es zu schätzen gewusst, dass über das für den Menschen Letztmögliche vor allem andern gesprochen wurde. In klarer Zeichnung” hätten “durch das von Ziegner gestaltete Wort die alten Gesetze vor ihnen gestanden”, die “es mehr denn je vor dem Untergang zu bewahren gilt.” Anspielungen und Doppelsinn, in die der drangsalierte es gerade Sinn sich flüchtete.

Seinen militärischen Dienst musste Ziegner in einer Kompanie ableisten, die das größte deutsche Munitionsdepot der Stadt bewachte. Im April 1945 flog es in die Luft. Der Zufall, dass er in der Nacht, in der dass geschah, nicht wie gewöhnlich in einem der Mannschaftsräume schlief, die dem Innenhof und Zentrum der Explosion zugewandt lagen, sondern in einem Außenflügel des Gebäudekomplexes, rettete ihm das Leben. Die Wucht der Detonation schleuderte ihn ins Freie. Über das berstende Gemäuer dreier zusammensinkender Stockwerke hin glitt er, wie durch ein Wunder: ohne erdrückt oder erschlagen zu werden, an den Rand der Trümmerhalde und kam mit ein paar Verstauchungen und Hautabschürfungen davon.

Zehn Tage nach Kriegsende spielten in Berlin schon wieder vier Theater

und dreißig Kinos. Am 18. Mai 1945 veranstaltete der Rundfunk in der Masurenallee das erste Sinfoniekonzert, am 19. gab es in Neukölln das erste Gas, aber noch lange fuhr keine Untergrund und keine Stadtbahn, so dass ein Wandern zwischen den Schuttbergen begann, ein Karrenschieben und Rucksackschleppen, ein Sichdurchgraben und Sicheinbuddeln überall, wo man ein halbwegs herzurichtendes Kellergelass oder Hinterhofkabuff als Bleibe in der Not aufspürte. War so ein Unterschlupf erobert und mit Pappe vernagelt, durfte man sich nicht zu weit von seiner Burg entfernen, wenn man sie nicht ausgeraubt wiederfinden wollte. Ein gesamtstädtisches Leben entwickelte sich erst allmählich. Es war die große Zeit der Stadtbezirke. In beinah jedem öffnete plötzlich ein vorher nicht dagewesenes Stadttheater seine Pforten, Fehling wurde Intendant in Zehlendorf, Barlog in Steglitz. Er annoncierte in der Zeitung: “Jeder Besucher des Schloßpark-Theaters wird gebeten, einen Nagel mitzubringen.” Und im Stadttheater Schöneberg-Friedenau trat am 10. November 1945 Helmut Ziegner in der Hauptrolle von Max Alsbergs “Voruntersuchung” auf. Er spielte einen fälschlich unter Mordverdacht geratenen jungen Mann, erschütterte das Publikum und wurde von der Presse als starke neue Begabung gepriesen.

Buße im Namen der Menschenwürde

Ziegner widmete nach dem Krieg sein Leben den sozialschwachen Jugendlichen. Bildung, Ausbildung und gerechte Entlohnung sind die Eckpfeiler seines Stiftungsgedankens. Im Gegensatz zu seinem SS Waffenkollegen Grass, machte Ziegner wieder gut. Günter Grass schrieb kein Vorwort für die Biografie Ziegners, der ihn doch in den Sechziger Jahren medienträchtig publiziert hatte. Mit dem Tod Ziegners 2006 stirbt auch die Universalstiftung Helmut Ziegner. Sie wird Stück für Stück privatisiert und liefert Billigarbeitskräfte an die Industrie. Der Untergang des sozialen Engagements steht der Stiftung bevor. Die Inflation des Sozialstaates ist in vollem Gange. Die Biografie, geschrieben von dem deutschen Dramatiker Matias Braun, ist ein lesenswerte Stück deutscher Zeitgeschichte.

Books on Demand ISBN978-3-8370-4064-7 523208 Kovar, Karel (Hrsg.) Helmut Ziegner

Mehr zum Thema:

- Der langsame Tod eines sozialen Stiftungsgedankens (Teil 1)

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