Kaum haben der Kongress und Barack Obama Sanktionen gegen die Kaste der Bonusritter beschlossen, da zerreissen die neoliberal geeichten Journalisten auch schon unter Klagegeschrei ihre Kleider.
“Bonus Bashing beschädigt Obama” titelt das Handelsblatt. “Childish Congress” und “lousy tax politics” giftet die Werbepostille der Investmentbanker, “breaking news”. Von “Boni-Furor” spricht die Neue Zürcher Zeitung und meint nicht etwa das dreiste Absahnen der Nieten in Nadelstreifen, sondern, Obamas Gesetz gegen die Bonus-Abzocke für Minusgeschäfte. “Populismus” gar unterstellt Lauren Silva Laughlin im “Handelsbaltt” dem US-Präsidenten.
Auch die einst sozialkritische Frankfurter Rundschau stimmt ein in die künstliche Entrüstung. “Boni-Steuer entpuppt sich als Bumerang” überschreibt Astrid Dörner, die New York-Korrespondentin des Blattes, ihren Artikel und meint, die Zukunft bereits genau zu kennen.
Worum geht es?
Wenn eine Firma mehr als fünf Miliarden Dollar Staatshilfe erhalten hat, sollen die Boni von Mitarbeitern, die mehr als 250.000 Dollar im Jahr verdienen, mit 90 Prozent besteuert werden. “Bluten” nennt die FR-Journalistin Astrid Dörner die Verringerung der Boni von Managern, deren Unternehmen durch Gelder der Steuerzahler gerettet wurde.
Normalsterbliche fragen sich, wieso erhalten diese Manager überhaupt Boni. Diese Frage würde Astrid Dörner wohl als pietätlos empfinden. Stattdessen erzählt sie das Märchen von den unentbehrlichen, grenzgenialen und verfolgten Managern.
“Viele talentierte Banker sitzen bereits auf gepackten Koffern”, heißt es in ihrem FR-Artikel. Schon möglich, Frau Dörner, aber wohl kaum, um demnächst in “good old Europe” Millionen-Boni zu kassieren. “Auch die Headhunter lecken sich schon die Finger.” Ja, solche Legenden erzählt man inzwischen gern am Hudson River nahe der Wall Street, wohl um sein Image zu wahren und die Tristesse zu übertünchen.
Vielleicht ist es Astrid Dörner in New York entgangen: Europa und vor allem Deutschland sucht händeringend medizinisches Personal, Facharbeiter, Lehrer, Ingenieure, aber nicht noch mehr Finanzjongleure.
Die Entrüstungstiraden gegen Obamas Bonus-Gesetz sind eine gute Gelegenheit, sich näher mit den Mythen der abdankenden Shareholder-Ära zu befassen. Seit Jahren kursiert in den Kreisen der neoliberalen jeunesse doree das Gerücht, je mehr ein Manager einstreicht, um so großartigere Leistungen habe er vollbracht.
Gemäß diesem schlichten Denkmuster wären Desaster-Manager wie Jürgen Schrempp (Daimler-Chrysler – geschätzte 30 Millionen Euro Abfindung bei 25 Milliarden Verlust), Charles Prince (citigroup – rund 95 Millionen Dollar Abfindung bei 50 Milliarden Verlust) oder Stan O’Neal (Merrill Lynch mit rund 150 Millionen Dollar Abfindung bei 40 Milliarden Unternehmensverlust) wahre Herkulesse.
Sicher – wenn man als Leistung definiert, sich selbst maßlos zu bereichern, obwohl man Milliarden an Einlagen und Hunderttausende von Jobs vernichtet hat, dann ist die “Performance” vieler Stars der Finanzmanege in der Tat exorbitant.
Auch die immer wieder aufgetischte Mär kostbares Know-How würde das Land verlassen, wenn Manager zu schlecht bezahlt würden, ist dummes Gerede und durch keinerlei Fakten gedeckt.
Eine Studie der Unternehmensberatung Kienbaum aus dem Mai 2007 ergibt ein ganz anderes Bild. Britische Manager von Großbetrieben erhielten im Schnitt 584.000 Euro pro Jahr, deutsche 540.000. Österreichische Manager mussten sich mit 385.000 Euro “begnügen”, Schweizer Topmanager mit 370.000 Euro. Italienische, spanische und schwedische Spitzenmanager erzielten rund die Hälfte dessen, was sich ihre Kollegen in Deutschland gönnen. In Holland erhielt ein Top-Manager im Schnitt gerade einmal 220.000 Euro pro Jahr. Nach der Logik der neoliberalen Panikmacher müssten die Manageretagen in den Niederlanden völlig verwaist sein und die Wirtschaft des Landes am Rande des Ruins dahinsiechen.
Das Gegenteil ist der Fall.
Holland wies für 2007 ein BIP-Wachstum von 4,1 Prozent auf (zum Vergleich Deutschland: 2,5 Prozent) und die Arbeitslosigkeit betrug in unserem Nachbarland gerade einmal 4,3 Prozent, in Deutschland waren es 8,1 Prozent (Zahlen aus Economist Nov 24th-30th 2007).
Vielleicht liegt das Geheimnis wirtschaftlichen Erfolgs gerade darin, dass man den Managern das Geld gerade nicht hinterherwirft, sondern die Zahlungen an echte Leistungen bindet? So wie es Barack Obama gerade anstrebt.
Solche Zahlen und Tatsachen lassen die Apologeten der Nadelstreifenelite jedoch kalt. Ihre “Argumente” pro Bonuszahlungen an Verlustmanager lesen sich wie eine Kette von Absurditäten aus den Adelsannalen des Rokoko.
Wer im Detail wissen will, was in den Köpfen der Managerfreunde vor sich geht, wie das Weltbild der Marktgläubigen aussieht, der sollte einen Blick ins Forum der “größten deutschen Volkspartei” werfen http://diskussion.cdu.de/forum/thema2/ileJ5lVXH.ovr/ilelw2Gu0. Ein ehemaliger Schüler von Hans-Wener Sinn gibt dort seiner Empörung über Barack Obamas Bonus-Gesetz Ausdruck: “Nicht die Experten und Manager von AIG sind schuld an der Misere, sondern die Sparte, die faule Termin- und Derivategeschäfte betrieb.”
Anmerkungen eines Obama-Fans:
Aha, die Sparte wars und nicht die Lerche. Dann waren die festangestellten “Experten” und Manager von AIG, die Millionen kassierten und dem Treiben der “Sparte” hilflos zusahen, nur Opfer? Da fragt man sich: Wie sieht die “böse Sparte” denn aus? Wie Gundel Gaukeley?
Der welterfahrene Ökonom erläutert:
“… die Haendler, die die faulen Geschaefte machten, sind laengst weg. Ebenso der einstige Vorstand von AIG.”
Anmerkungen eines Obama-Fans:
Mhm.Also nicht die Sparte wars, sondern unbekannte(?) Händler sind schuld an der AIG-Misere. Gut getarnte Panzerknacker? Mein Kaufmann an der Ecke würde sagen: ‘Wenn eine Versicherung oder Bank die Einlagen ihrer Kunden in faulen Papieren halbseidener Händler anlegt, nennt man das bestenfalls grobe Fahrlässigkeit und schlimmstenfalls Veruntreuung.’ Hat er so unrecht?
Der “Wirtschaftsexperte” weiter:
“uebrig geblieben sind bei AIG Leute, die die Sparte sicher und vorsichtig abwickeln sollen, ohne dass AIG — und damit dem Steuerzahler — zu hohe weitere Kosten entstehen. ”
Anmerkungen eines Obama-Fans:
Haben die “Übriggebliebenen“ die letzten 10 Jahre nicht glänzend an den Schmuhgeschäften verdient – und Millionen von Menschen in den Ruin getrieben? Ist es da wirklich zuviel verlangt, wenn sie bei fixen und unangetasteten Gehältern ab 250.000 Euro und mehr(!) einen Abschlag – und zwar nur bei den Boni – hinnehmen müssen?
Um die Forderungen nach ungeschmälerten Bonizahlungen zu untersteichen, malt der “Kenner vor Ort” als nächstes die Gefahr des Experten-Exodus an die Wand.
“In einer Abteilung, die abgewickelt wird, will doch niemand arbeiten. Zumindest wenn er Alternativen hat — und die meisten Leute dort haben Alternativen.”
Anmerkungen eines Obama-Fans:
Bei Zigtausenden gefeuerter Wertpapier- und Derivate-Experten, die händeringend einen Job suchen? Und ist das wirklich ein unersetzliches Know-How? Millionen haben wegen solcher und ähnlicher Finanzmachenschaften wie bei AIG Haus, Hof, Altersversorgung und Job verloren. Sind da jene AIG-Manager mit ihren 250.000 Dollar Festgehalt und mehr(!) nicht noch bestens bedient? Man stelle sich vor, jemand käme auf den altmodischen Gedanken Schadensersatz von den vermeintlichen Experten zu fordern oder sie gar mit ihrem Vermögen in Haftung zu nehmen?
Der Experte schildert ein wahres Drohszenario, wenn die Boni-Ansprüche der Manager verprellt werden:
“Amateure koennen komplexe Transaktionen nicht abwickeln, ohne dass Milliardenverluste entstehen, weil die anderen Marktteilnehmer die Unerfahrenheit der Amateure ausnutzen wuerden…
AIG selbst erwartet dass die Mitarbeiter das Unternehmen fluchtartig verlassen, niemand mehr uebrig bleibt der weiss, wie man die Derivatpositionen aufloest, und dem Steuerzahler Zigmiliarden weitere Verluste entstehen”
Anmerkungen eines Obama-Fans:
Das hört sich an wie “Gebt uns die Kohle, sonst sagen wir euch nicht, wo der Giftmüll vergraben ist.”
Nachdem die festangestellten AIG-Manager von “der Sparte” und bösen Händlern wie Amateure aufs Kreuz gelegt wurden, – was unser Kenner der Materie ja selbst zugibt -, sollen nun genau diese Manager das Unternehmen retten? Ist es nicht mehr als zweifelhaft, ob solche Experten die Finanzbomben überhaupt entschärfen können? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass diese unersetzlichen Experten noch mehr Sprengstoff in schwarze Löcher und Oasen kippen? Wir kennen das inzwischen ja zur Genüge von IKB, KfW und Hypo Real. Schliesslich haben genau diese Art von Experten die von ihnen vertriebenen Produkte ganz offensichtlich gar nicht verstanden. Den Mechanismus der Zünder kannten sie nachweislich auch nicht. Oder hätten wir sonst ein solches Chaos auf den Finanzmärkten? Warum sollten sie sie jetzt durchschauen?
Der Hans-Werner-Sinn-Schüler ergeht sich indessen in bitteren Anklagen gegen Barack Obama und den Kongress:
“Obama, Geithner und co. bezeichnen jetzt oeffentlich und wider besseres Wissen die AIG Mitarbeiter als Musterbeispiele der unverantwortlichen Wall Street Gier.”
Anmerkungen eines Obama-Fans:
Wieso gegen besseres Wissen? Kommt nicht erst jetzt nach und nach überhaupt ans Licht, wohin die Steuermilliarden verschoben werden und wieviel Bonus-Millionen die AIG-Manager abgreifen? Was, wenn Obama, der Kongress und die US-Gerichte die Warnungen der AIG-Manager irgendwann gar als Nötigung verstehen? Was, wenn unabhängige Prüfer die Geschäfte etwas genauer unter die Lupe nehmen und nicht erklärbare Begünstigungen entdecken sollten?
Schliesslich meint unser Wirtschaftsexperte noch:
“Jetzt ist Auszahlungszeit, und die “Boni” sind ploetzlich an die Oeffentlichkeit gekommen. Flugs fallen Politiker aller Couleur ueber ihre Bezieher her. ”
Anmerkungen eines Obama-Fans:
Ja, jetzt ist Auszahlungszeit.
Gut möglich, dass Obama dafür sorgt, dass die Auszahlungszeit für die Manager und „Experten“ eine andere als die ursprüngliche Bedeutung erhält.
Die Auslassungen des Mangerfreunds klingen alles in allem doch sehr larmyoant und infantil. Nachdem die gehätschelten Kinder der Spekulation die halbe Weltwirtschaft in Brand gesteckt haben, klagen sie nun im Schmollwinkel, dass ihnen neben dem “fixen Taschengeld” von 250.000 Dollar und oft weitaus mehr (!) nicht auch noch ihre Fincas, Yachten, Ferraris und Privatjets weitehrin per Bonus aus Steuergeldern finanziert werden.
Die Vorstände nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland, haben genau das excessiv getan, was ihnen die Gesetze ihrer Länder erlauben. Wer an der Kasse sitzt bedient sich, so lange er nicht gegen Gesetze verstösst. Das alles ist seit vielen Jahren bekannt und wird seit vielen Jahren beklagt. Getan haben die Gesetzgeber nichts. Warum wohl?
Nach dem gleichen Prinzip ist uns die Finanzkrise übergestülpt worden. Wenn die Ackermänner dieser Welt alle schuldenfinanzierten Spekulationen in ihren Firmenbilanzen hätten ausweisen müssen, hätte es dieses Debakel nicht gegeben. Dann hätten die staatlichen Aufsichtsbehörden, die Aufsichtsräte, die Wirtschaftsprüfer und die firmeninternen Kontrollgremien Sturmwarnung gegeben. Gleichzeitig wären die Börsen nervös geworden. Aber was ist passiert? Die Ackermänner haben genau das getan, was ihnen die Gesetze ermöglichen. Sie haben die Schulden- und Spekulationsblasen in “bilanzneutralen Zweckgesellschaften” (Wikipedia gibt darüber Auskunft) gebunkert. Bis die Schuldenfalle über ihnen zusammen gebrochen ist. Zum Glück für sie sind alle Spekulationsblasen geplatzt. Wer wollte da alle zur Rechenschaft ziehen?
Zu AIG: die US-Regierung hätte die Hilfen mit Auflagen verbinden können. Hat sie aber nicht. Warum wohl nicht?