Warum “dem Sick sein Zwiebelfisch” nicht falsch ist

Herr S. war besorgt, wenn nicht gar bestürzt von dem, was er da so hörte und las. Sein Sorgenkind: Die deutsche Sprache. Sie ist in jedermanns Munde, doch wird sie von diesem zunehmend unsachgemäß gebraucht. Meint Herr Sick. Und er steht nicht allein, einer letztjährigen Allensbach-Umfrage zufolge, glauben 65 Prozent

sickb.jpgHerr S. war besorgt, wenn nicht gar bestürzt von dem, was er da so hörte und las. Sein Sorgenkind: Die deutsche Sprache. Sie ist in jedermanns Munde, doch wird sie von diesem zunehmend unsachgemäß gebraucht. Meint Herr Sick. Und er steht nicht allein, einer letztjährigen Allensbach-Umfrage zufolge, glauben 65 Prozent der Deutschen, an einen fortschreitenden Verfall der deutschen Sprache, auch durch die zunehmende Verwendung von Anglizismen.

In diesem Fahrwasser zieht er, einem Wanderprediger gleich, durch die Lande und verbreitet die Eine Wahrheit, was richtig und was falsch und dass der “Dativ dem Genetiv sein Tod” sei. Damit füllt er Stadien, Arenen, Hallen, Bücher und auch seine Kolumne “Zwiebelfisch” im Magazin “Der Spiegel”, den Duden dabei wie eine Bibel immer in Reich – und Greifweite. Auch in manchen Schulen gehört sein Werk mittlerweile zur Pflichtlektüre im Deutschunterricht, verbreitet von gläubigen Studienräten. Unbestritten ist auch in Fachkreisen sein Verdienst, das Interesse der Bevölkerung an der deutschen Sprache geweckt zu haben.

Von Besserwisserei und Oberlehrertum – “Sick sucks!”

Doch was treibt den Ruhelosen an? Ein Blick in eine bekannte Online-Enzyklopädie verrät das hintergründige Motiv dieses Don Quichote des Deutschen: der Gedankenlosigkeit und dem Sprachverfall Einhalt zu gebieten – und das mittlerweile sogar via PC-Spiel. Ein hehres Ziel, so meint man, wäre da nicht der schale Beigeschmack der Besserwisserei, Überheblichkeit und des Oberlehrertums in seinen Texten. “Sick sucks!” möchte man, dermaßen erschlagen schon neudeutsch alliterierend meinen, er selbst jedenfalls sieht sich selbstbewusst in der Rolle eines Experten, dem oft – doch eben auch nicht immer – der Duden, wie auch die applaudierenden Massen recht zu geben scheinen.

Meinunger auf Sezierkurs…

Doch gerade diese Medienpräsenz ist ob ihres Einflusses auf den deutschen Sprecher und dessen Sprachkenntnisse, Sprachverwendung und Einstellung zur Sprache nicht ungefährlich, denn auch dieser so genannte “Grammatikpabst” ist alles andere als unfehlbar. Und seine an Zahl zunehmenden Kritiker sind nicht irgendwer, sie reichen vom FAZ-Journalisten Seidl bis zu den Sprachwissenschaftlern Eisenberg, Ickler, Schneider und anderen Fachkundigen.
sick2.jpgEs ist anzunehmen, dass auch der Potsdamer Linguist André Meinunger geradezu “Sick of Sick” ist. Denn er hat sich mit seinem gleich lautenden Werk detailliert mit dessen populären Werken und Äußerungen auseinandergesetzt, die – wie Meinunger gleich zu Beginn seines im März 2008 erschienen Buches klarstellt – “neben den guten und treffenden Darstellungen […] eben auch von Ungereimtheiten, Unstimmigkeiten, Halbwahrheiten, Pedanterien bis hin zu reinen und groben Fehlern” strotzen und die er vor dem Hintergrund sprachwissenschaftlicher Sichtweisen in insgesamt 25 kurz gehaltenen Kapiteln seziert. Damit auch der Laie ihm hierbei folgen kann, lässt er sein Buch einführend mit der Vorstellung der maßgeblichen Untersuchungsgebiete der Sprachwissenschaft beginnen, bestehend aus unter anderem der Phonologie, Morphologie, Syntax und Semantik. Leider versäumt es Meinunger hier, zum Arbeitsgegenstand der Linguistik, nämlich der Sprache im Allgemeinen – und des Deutschen im Besonderen – Stellung zu nehmen. Denn unter anderem liegt auch hier der sicksche Hund begraben. Als einem Vertreter der professionellen Sprachwissenschaft kommen dabei Meinungers Ausführungen besonderes Gewicht zu, er vertritt die deskriptive Linguistik, im Gegensatz zu Sicks normativer Sichtweise, die eher der Tradition eines frühneuzeitlichen Schottelius nahe steht, dabei aber an echter Wissenschaftlichkeit und auch sprachlicher Realität vorbei geht. Folglich ist einer der Hauptkritikpunkte Meinungers der Normierungswahn des Kieler Oberlehrers, der grundsätzlich zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit wenig Unterschiede macht.

Die einführenden Worte Meinungers erklären gleich zu Beginn die Sprachwissenschaft als wissenschaftliche Disziplin mit ihren Teilbereichen, vor deren Hintergrund er Sicks Werke und Äußerungen seziert. An dieser Stelle wäre ein kurzer Diskurs über den Gebrauch von Sprache im Allgemeinen, dem Deutsche im Besonderen nicht unpassend gewesen, um den Leser, gerade solchen mit Sick’schem Background, mit einer möglichst breiten Grundkenntnis auszustatten, was insgesamt dem schnellem Verständnis mancher Erläuterungen hülfe – doch Meinunger geht gleich den Sick’schen Ergüssen auf den Grund. Das scheint ihm nicht schwer zu fallen, denn Sick kratzt mitunter zu oft an der sprachlichen Oberfläche, so dass ihm zuweilen aus linguistischer Sicht haarsträubende Fehler unterlaufen, die aber im Zwiebelfisch und anderen Veröffentlichungen besserwisserisch postuliert werden.

Sick selbst als “Auslöser des schlimmsten Sprachverfalls”

Ganz ist jedoch auch Meinunger vor Ungenauigkeiten nicht gefeit, doch sind diese weniger inhaltlicher, als vielmehr, um zu weit führende Erklärungen zu vermeiden, vereinfachender Natur. Denn auch wenn es zum Verständnis der deutschen Sprache und deren Sprachsystem nicht unwesentlich ist, dass etwa /i mog di/ oder /jo freili/ nicht per se von Bayern und Österreichern (diese Namen/Schreibweise bezeichnen die Staatsangehörigkeit und haben keinen unmittelbaren Bezug zu ethnischen oder sprachlichen Gegebenheiten), sondern nur von den Sprechern des Bairischen – den Baiern (die zwar beide Länder größtenteils prägen, aber eben nicht ausschließlich) – sprachlich realisiert wird – dem Ziel, Sicks grobe Schnitzer zu entlarven, wäre eine zu ausführliche Beschreibung mit Verweis auf den berühmten roten Faden eher hinderlich. Die Qualität und Hintersinnigkeit in der Beweisführung des Potsdamer Wissenschaftlers ist dabei beachtlich, gerade wenn er aufzeigt, warum Sprachwächter Sick “selbst zum Auslöser des schlimmsten Sprachverfalls in der Geschichte des Homo sapiens werden würde, sollten sich die Menschen an seine Logik halten”, etwa wenn Sick über die Logik des grammatischen Geschlechtes sinniert, denn dessen Schlussfolgerungen würden – wenn umgesetzt – das Ende der Grammatik per se bedeuten.

Ja, und warum ist jetzt “dem Sick sein Zwiebelfisch” nicht falsch? Den Sprachnormieren zufolge wäre diese grammatische Konstruktion übelstes Deutsch, selbst Meinunger gesteht, hier einen Sprachekel zu verspüren, der aber rationalen Gesichtspunkten nicht genügt. Denn dieser besitzanzeigende Dativ hat sich nicht erst in neuerer Zeit und unter Mithilfe eines potentiellen Sprachverfalls aufgemacht, dem Genitiv zum Leidwesen sensibler Schöngeister den Garaus zu machen. Denn zum einen wird diese Dativkonstruktion vornehmlich mündlich in der Umgangssprache oder auch Dialekten gebraucht – Varietäten, die zum System ‚deutsche Sprache’ dazu gehören, wenn nicht gar (wie Letztere) diesem zugrunde liegen – und auf diesen Sprachebenen durchaus richtig sein kann, zum anderen liefert die Dativkonstruktion eine ganze Reihe von Vorzügen, welche die “normative pränominale Genitivkonstruktion” so nicht bietet und den Sprachgebrauch einschränkt. So verursacht die Konstruktion “dem Peter seiner Hose ihre Farbe”, wie Meinunger schreibt, bei genannten Schöngeistern zwar einigen Sprachekel, sie ist aber theoretisch möglich und dabei eindeutig, ähnlich wie “dem Schmidt seine Katze”, deren Genitiventsprechung “Schmidts Katze” das Problem der Doppeldeutigkeit birgt. Meinunger zufolge enthält die Verwendung des besitzanzeigenden Dativs einige Vorzüge und ist auch anderen germanischen Sprachen nicht fremd. Zudem handelt es sich um keine neue sprachliche Erscheinung: Schon Rumpelstilzchen holt seit Jahrhunderten der Königin ihr – und nicht etwa der Königinnen – Kind. Man kann also “dem Sick seinen Zwiebelfisch” auch mündlich kritisieren ohne dabei falsch zu liegen.

Der Messias wird entzaubert

Am Ende des Buches, das weiß Gott noch so manch ”Highlight” bereithält, angelangt, fühlt man sich auf angenehme Art aufgeklärt und der Sick’schen Weisheit nicht mehr hilflos ausgeliefert. Doch da das Werk eine Antwort auf Sick ist, hat es einen großen Nachteil – man muss erst den Zwiebelfisch und andere Werke gelesen haben, um Meinungers Ausführungen folgen zu können. Die aufklärenden Seiten des Linguisten Meinungers erweisen sich als ideale Lektüre gerade für Deutschlehrer und Autoren, insbesondere für sick-gläubige. Diese sollten sich allerdings im Klaren sein, dass ihr Messias samt seiner “gelben Bibel” in vielen Punkten weitgehend entzaubert wird.

“Sick of Sick” von André Meinunger ist im März 2008 im Kulturverlag Kadmos erschienen. ISBN: 978-3865990471.

Photo Quelle/Copyright: nchenga, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr

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  1. Den “Messias” des deutschen Wortschatzes und der Orthographie wird man auch künftig ganz sicher vergeblich suchen, wenn man sich einmal vor Augen hält, dass sich Sprachen im Laufe der Zeit grundsätzlich verändert haben und auch die Rechtschreibung faktisch nur eine Empfehlung im Sinne einer “Richtlinie” darstellt, die wiederum durch besagte und stete Veränderungen von differenzierter Richtigkeit und Akzeptanz zeugt. Insofern ist es mehr als verwunderlich, dass man mit “Zwiebelfischen” heutzutage tatsächlich Geld verdienen kann, ohne sie ausschließlich für den Verzehr zur Verfügung zu stellen.