“Heil versprechen und kassieren” – Wer kennt es nicht: die Email-Post zur gesunden Ernährung, zum Abnehmen, gegen Depression, zum Nichtrauchen. Kürzlich schrieb ich einem Anbieter dreimal, dass ich Nichtraucher sei, aber unverdrossen bietet er weiter an. Ich muss ihn indizieren, um Ruhe zu haben. Kaum gibt es eine Studie – jeder dritte Deutsche zu dick – kommen die Heuschrecken aus ihren Verstecken. Wie eine Plage überziehen sie das Land und “bearbeiten” die Menschen, um ihre Produkte loszuwerden. Dabei schrecken sie vor keiner Lüge und keinem Trick zurück und versprechen das Heil als könnten sie selbst übers Wasser gehen. Frei nach dem Motto: Ihr müsst nur daran glauben, kaufen, dann wachsen euch auch dritte Zähne.
Kürzlich las ich auf der Readers Edition folgende These, deren Quintessenz überspitzt formuliert in etwa wie folgt lautete: Wenn der Täter von Winnenden sich entsprechend ernährt hätte, wäre aus ihm statt einem Mörder ein Pfarrer geworden, der Glückseligkeit verbreitet hätte.
In diesem Fall handelt es sich um gemahlenes “Trockenfutter”, das vermeintliche Wunder bewirken soll. Der Hersteller preist es als einzigartige (und seine) Erfindung an und beschreibt das in einer lang anhaltenden fachspezifischen, Exkursion die abgesichert mit namhaften Wissenschaftlern sei. Was ist der Kern seiner Erfindung? Die Leute heute kauen zuwenig (Meine Oma sagte noch: Kind, 32 mal musst du kauen, und dann erst schlucken), deswegen bildeten sie nicht genügend Serotonin und werden – ebenfalls überspitzt formuliert – nicht glücklich und im Extremfall ermorden sie auch mal schnell 16 Menschen. Der Anbieter des vermeintlichen Wundermittels sagt nun in etwa Folgendes: Weil ihr zu faul zum Kauen seit, kaue ich’s euch vor, dafür müsst ihr aber zahlen. Er hat quasi die Tütensuppe neu erfunden. Bravo. 500 Gramm Vorgekautes kosten dann 30,- Euro und mit Biosiegel 36,- Euro. Ob es eine Biokodierung gibt, kann einzig die Gesundheitsbehörde beantworten.
Fragt man nun bei dem Wissenschaftler nach, mit dem das Produkt positiv abgesichert wurde, erfährt man allerdings Schreckliches. In dem hier vorliegenden Fall sagt Professor Hüther: Mit dieser Scharlatanerie hat meine Forschung nichts zu tun und ich habe den Anbieter auch darauf hingewiesen.
Im Zuge der journalistischen Grundregel der “3 W’s” frage ich nun bei dem Wissenschaftler an. Hier also seine Antwort:
Sehr geehrter Herr Nagel,
folgende Argumente können Sie unter Berufung auf mich und mein Buch (Das serotonerge System, Uni-Med-Verlag Bremen 2000) für Ihre Initiative nutzen:
1. Um die Tryptophanverfügbarkeit und damit die Serotoninsynthese im Gehirn meßbar zu erhöhen, müssten enorme Mengen an Trp und keine anderen großen neutralen Aminosäuren (Vorl, Leu, Ile, Tyr und Phe) zugeführt werden. Praktisch versucht hat man das durch Trp-Tabletten (1g), als Einschlafhilfe am Abend, die Effekte waren gering, das Medikament hat sich nicht am Markt behauptet.
2. Am Effektivsten läßt sich die Serotoninfreisetzung im Gehirn mit
substituierten Amphetaminen stimulieren (Ectasy).
3. Das serotonerge System ist ein harmonisierendes Transmittersystem, das dazu beiträgt, die in regional verteilten neuronalen Netzwerke generierten Aktivitäten zu integrieren. Um hier Verbesserungen zu erreichen, sollten Menschen Gelegenheit bekommen, Herausforderungen zu meistern,
Selbstwirksamkeit zu erleben, Wertschätzung zu erfahren etc. (siehe beiliegenden Text).
Mit freundlichen Grüßen
Gerald Hüther
Prof. Dr. Gerald Hüther
Leiter der Zentralstelle für
Neurobiologische Präventionsforschung
der Univ. Göttingen und Mannheim/
Heidelberg
Psychiatrische Klinik
v. Siebold Str. 5
37075 Göttingen
Tel. 0551/396930
Fax 0551/3922620
Oh wie schön ist Panama………
Über die Suche der Hirnforscher nach dem Stoff oder dem Ort im Hirn, der uns glücklich macht
Gerald Hüther, Universität Göttingen und Mannheim/Heidelberg
Die Macht, mit der psychoaktive Substanzen (Psychopharmaka und Drogen) unsere Stimmungen und Gefühle verändern können, ist ein faszinierendes Phänomen. Den Hirnforschern ist es in den letzten Jahren gelungen, das Geheimnis dieser Wirkungen zu lüften: Nervenzellen verwenden chemische Signale (Botenstoffe, Transmitter, Hormone) um miteinander zu kommunizieren. Und psychoaktive Substanzen verändern diese normalerweise ablaufenden “Unterredungen” so, dass das gesamte, im Hirn ablaufende “Gespräch” von einzelnen Nervenzellverbänden dominiert und in eine bestimmte Richtung gedrängt wird. Das Ergebnis erlebt man als eine charakteristische Veränderung des affektiven Zustandes, also des Gefühls.
Psychostimulanzien wie Kokain führen (durch Stimulation der Freisetzung von Dopamin) zu übersteigertem Antrieb bis hin zu psychotischen Allmachtsgefühlen, Etaktogene wie Ecstasy bewirken (durch Stimulation der Freisetzung von Serotonin) eine Harmonisierung, Öffnung und rauschartige Glückszustände. Ähnlich, aber wesentlich schwächer ist die Wirkung von Fluctin (Prozac), einem Antidepressivum, das inzwischen 37 Millionen Amerikaner allmorgendlich als “Psychokosmetikum” einnehmen, um ihren offenbar recht frustrierenden Alltag bei einigermaßen guter Stimmung zu überstehen. Bestimmte Botenstoffe, die normalerweise nur bei besonders gravierenden Ereignissen ausgeschüttet werden (Opiate bei Stress, Oxytocin bei der Geburt und beim Stillen) können – von außen zugeführt – z.T. sehr tiefgreifend unser Verhalten und Empfinden verändern (Opium als Droge, Oxytocin als “Bindungs- oder Liebeshormon”).
Das Bekanntwerden all dieser Wirkungen hat wesentlich zur Verbreitung der sonderbaren Vorstellung beigetragen, unsere Gefühle seien letztlich nur das Ergebnis von Veränderungen unserer “Hirnchemie”. Inzwischen ist die anfängliche Euphorie über die Möglichkeiten der chemischen Manipulierbarkeit von Stimmungen und Gefühlen jedoch bereits weitgehend verflogen. Entweder mußte man feststellen, dass die Drogen mit der Zeit immer mehr an Wirkung verloren, weil sich das Gehirn an die “chemischen Zwischenrufer” anpasst und deren “Gerede” zunehmend überhört, oder es traten unerwünschte Nebenwirkungen zutage, die den gewünschten Effekt z.T. erheblich störten (hierzu zählt u.a. der sich ausbreitende Libidoverlust bei Prozac-Konsumenten). Mit Chemie, so die bittere Erkenntnis, ist das Gehirn auf Dauer offenbar nicht in ein beständiges Beglückungsorgan zu verwandeln.
Die Blüte der “Hirnchemiker” begann endgültig zu verblassen, als es in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Hilfe so genannter “bildgebender Verfahren” (Computertomographie) möglich wurde, einem Menschen der musiziert, sich etwas schönes vorstellt, glücklich ist oder Angst hat sozusagen ins Hirn zu schauen. Dabei wurde deutlich, dass bei all diesen Nutzungsarten bestimmte Bereiche des Gehirns besonders aktiv werden: Limbische Regionen wenn Emotionen geweckt werden, die Amygdala (Mandelkern) wenn Angst empfunden wird, der Frontallappen, wenn Handlungen geplant werden etc. Die so erzeugten “Hirnbilder” mit ihren grellbunten Flecken erweckten nicht nur bei Laien den Eindruck, dass man damit nun endlich auch die Regionen gefunden hätte, die für die Entstehung menschlicher Gefühle wie Lust, Angst, Trauer, Liebe etc. verantwortlich sind.
Doch die Begeisterung über die Entdeckung dieser “Gefühlszentren” währte ebenfalls nur kurz. All zu schnell wurde deutlich, dass das mit einem bestimmten Gefühl im Gehirn einhergehende “Aktivierungsmuster” individuell sehr unterschiedlich ausfiel, dass es in hohem Maße durch Vorerfahrungen bestimmt war, und dass es sich durch neue Erfahrungen verändern konnte. Das daraus abgeleitete Konzept der “erfahrungsabhängigen Plastizität neuronaler Verschaltungen” bildete den Grundstein für eine neue dynamische Betrachtungsweise der Funktion des menschlichen Gehirns: Ein Gefühl wie Freude oder Glück bleibt zwar nach wie vor gebunden an die Freisetzung bestimmter Botenstoffe und die dadurch ausgelöste Aktivierung bestimmter Nervenzellverbindungen und Netzwerke. Aber die komplexen Netzwerke und Verschaltungen, die darüber bestimmen, was wir suchen und wo wir suchen, was uns glücklich macht, werden erst im Lauf unserer Entwicklung in ganz bestimmter und individuell sehr unterschiedlicher Weise angelegt, gefestigt und stabilisiert. Was ein einzelner Menschen also anstrebt, was er zu erreichen sucht, was er als besonderes Glück betrachtet und was in ihm ein Gefühl höchster Freude, eben ein Glücksgefühl auslöst, hängt deshalb ganz entscheidend von den Erfahrungen ab, die dieser Mensch im Lauf seines bisherigen Lebens machen konnte oder aber zu machen gezwungen war. Diese individuellen Erfahrungen bestimmen darüber, ob es jemand als besonderes Glück erlebt, entweder viel oder aber wenig Geld zu besitzen, entweder ein festes oder aber gar kein zu Hause zu haben, entweder jemanden lieben zu dürfen oder von jemanden geliebt zu werden, entweder anderen etwas abgeben zu dürfen oder von anderen etwas geschenkt zu bekommen.
Die wichtigsten Erfahrungen werden bereits während der frühen Kindheit gemacht und als gebahnte Verschaltungsmuster im Gehirn verankert. Sie sind bestimmend für das, was ein Mensch später zu erreichen sucht und was ihn – wenn er das Gewünschte schließlich erreicht hat – so besonders glücklich macht. Was immer das im Einzelfall auch sein mag, in einem Aspekt gleichen sich all unsere Bemühungen: Wir versuchen mit Hilfe unseres Gehirns einen Zustand herbeizuführen, der uns hilft eine irgendwie verloren gegangene innere Balance wiederzufinden, eine irgendwie eingetretene Störung unseres emotionalen Gleichgewichtes zu beseitigen oder auszugleichen. Wir streben also alle danach, einen Zustand innerer Harmonie zwischen den verschiedenen und z.T. sehr unterschiedlichen Aktivitäten der einzelnen regionalen neuronalen Netzwerke und Verarbeitungszentren in unserem Gehirn zu erreichen. Angesichts der vielen, immer wieder auftretenden Störungen dieser inneren Harmonie ist dieses Ziel jedoch nur schwer und bestenfalls für kurze Zeit erreichbar.
Immer wieder müssen wir erleben, wie kurzlebig das Gefühl der Freude und des tiefen Glücks ist, das sich immer dann einstellt, wenn es uns wieder einmal gelungen ist, Einklang mit uns selbst, in uns selbst und mit allen was uns umgibt herzustellen. Allzu schnell wird dieser harmonische Zustand wieder gestört: Durch neue, aufregende Wahrnehmungen, durch von außen geweckte oder von innen entstehende drängende Bedürfnisse und Wünsche, durch nicht erfüllte Erwartungen, durch verletzte Gefühle, durch neue Anforderungen, durch Spannungen und Konflikte mit anderen Menschen. Immer dann, wenn das harmonische Zusammenwirken der vielen regionalen Netzwerke in unserem Gehirn gestört wird, wenn einzelne Bereiche überstark erregt, wenn die dort entstehende Unruhe nicht unter Kontrolle gebracht werden kann und sich in tieferliegende limbische Bereiche auszubreiten beginnt, ist auch das Glücksgefühl rasch zu Ende. Dann macht sich ein Gefühl von Verunsicherung, Angst und Stress breit. Es ist spürbarer Ausdruck der Tatsache, dass wir wieder einmal “aus dem Gleichgewicht” geraten sind, und dass wir etwas tun müssen, um den Einklang zwischen uns und unserer äußeren Welt, zwischen unserem Denken, Fühlen und Handeln und zwischen dem was wir wollen, und dem was wir können herzustellen. Wir müssen versuchen, das in unserem Gehirn entstandene Durcheinander wieder in geordnete Bahnen zu bringen, die gestörten Verarbeitungsprozesse wieder zu harmonisieren und zu synchronisieren. Gelingt uns das nicht, so macht uns dieses Durcheinander in unserem Gehirn über kurz oder lang krank, entweder psychisch oder körperlich.
Wer irgendwie noch kann, rappelt sich daher immer wieder auf und macht sich auf die Suche nach dem verlorenen Glück. Manche suchen es dort, wo es am leichtesten zu finden ist (und greifen zu Drogen), viele suchen es dort, wo sie es bisher schon immer gefunden haben (und werden von den einmal gefundenen und gebahnten Strategien zur Bewältigung ihrer Ängste immer abhängiger), einige versuchen auch, sich die störende äußere Welt und andere Menschen effektiver vom Leibe zu halten (und werden dabei immer einsamer) und wieder andere versuchen, sich noch besser als bisher an die vorgefundenen Verhältnisse anzupassen (und verlieren sich auf diese Weise zunehmend selbst). Nur wenigen gelingt das Kunststück, sich immer wieder neu auf die immer wieder neuen Herausforderungen einer sich ständig wandelnden Welt einzulassen, diese Welt zu gestalten und sich von dieser Welt gestalten zu lassen. Sie machen den Weg zu ihrem Ziel.
Oh, wie schön ist Panama………….. eine glückliche Reise, aber nur solange man noch unterwegs ist. Am Ziel seiner Wünsche angekommen, hat man leider nichts mehr, worauf man sich freuen kann. Diesem Dilemma, so scheint es, können auch Hirnforscher nicht entgehen.
Literatur zum Weiterlesen:
1. G. Hüther: Biologie der Angst, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 1997.
2. G. Hüther: Die Evolution der Liebe, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 1999.
3. G. Hüther: Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2001.
4. G. Hüther: Die Macht der inneren Bilder, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2004.
5. G. Hüther, H. Bonney: Neues vom Zappelphilipp. Walter Verlag Düsseldorf, 2002.
6. G. Hüther, I. Krens: Das Geheimnis der ersten neun Monate. Walter Verlag Düsseldorf 2005.
7. K. Gebauer, G. Hüther: Kinder brauchen Wurzeln, Walter Verlag Düsseldorf, 2001.
8. K. Gebauer, G. Hüther: Kinder suchen Orientierung, Walter Verlag Düsseldorf, 2002.
9. K. Gebauer, G. Hüther: Kinder brauchen Spielräume, Walter Verlag Düsseldorf, 2003.
10. K. Gebauer, G. Hüther: Kinder brauchen Vertrauen. Patmos Verlag Düsseldorf 2004.
11. C. Nitsch, G. Hüther: Kinder gezielt fördern. Gräfe und Unzer, München, 2004.
12. M. Storch, B. Cantieni, W. Tschacher und G. Hüther: Embodiment. Huber 2006
13. W. Bergmann, G. Hüther: Computersüchtig. Kinder im Strudel der Medien. Walter 2006
14. J. Prekop, G. Hüther: Die Schätze unserer Kinder. Kösel Verlag 2006
DANKE!