Wenn Vati plötzlich Mammi ist

Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst des neuen Mannes. Es geht um vor allem in den Medien, die den neuen Mann feiern, der jetzt endlich auch dank Elterngeld die Kinder versorgt. Und es geht um in den Statements der zuständigen Politiker, die den Erfolg der Einführung dieses

layot.jpgEin Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst des neuen Mannes. Es geht um vor allem in den Medien, die den neuen Mann feiern, der jetzt endlich auch dank Elterngeld die Kinder versorgt. Und es geht um in den Statements der zuständigen Politiker, die den Erfolg der Einführung dieses Elterngeldes und ihrer Politik insgesamt feiern, nicht zuletzt mit dem Blick auf den kommenden Wahlkampf. Tatsächlich ist dieses Instrument überraschend unumstritten. Alle sind dafür. Die konservativen Kreise sehen es als Instrument der Stärkung der Familien. Und von Links kommt Beifall aufgrund praktizierter Gleichberechtigung der Geschlechter. Wie die Wirklichkeit der Männer in der Elternzeit ist, bleibt vor dem Hintergrund der vielen Veröffentlichungen zum Thema jedoch merkwürdig blass.

Funktioniert denn das überhaupt mit der Elternzeit der Väter? Und was bringt es wirklich, den Vätern, den Müttern und vor allem den Kindern? Zumindest das Klischee sagt, dass alle, Mütter, Väter und Kinder das toll finden. Ein bisschen bekommt man aber auch den Eindruck, dass alle die Idee mit der männlichen Elternzeit einfach toll finden müssen. Denn wer darf denn schon gegen so viel Fortschritt sein, oder?

Ein Bericht aus der Praxis

Der Verfasser dieses Artikels ist ein solches Gespenst. Er hat sich zwölf Monate Elternzeit mit seiner Frau geteilt, in fast genau zweimal sechs Monate, die jeder seinen praktisch gleichwertig qualifizierten und bezahlten Job hat ruhen lassen. Im Gegensatz zu anderen Vätern stand in der Elternzeit des Verfassers keine Frau ad hoc beiseite, um den Job bei Bedarf zu übernehmen. Die Mutter hat vielmehr zehn Stunden pro Tag gearbeitet, kam müde nach Hause und wollte das Kind dann natürlich sofort sehen und in die Arme nehmen, was dem Vater dann auch den Haushalt am Abend überlies. Das volle Programm also.

Und, ist das alles denn wirklich so toll, so produktiv für die Familie, wie es alle immer wieder behaupten? Fast spürt man einen Druck, sich hier als überzeugter Verfechter des Modells darzustellen. Schließlich will man doch auch fortschrittlich sein, wenn man schon so viel Zeit und Mühe investiert hat, oder? Kann man sich als Vater in Elternzeit überhaupt leisten, danach zu sagen, dass es nicht toll war?

Das Management einer Dramaqueen 

Es gibt wirklich ein paar großartige Seiten des Vaterseins. Dazu gehört zum Beispiel die Entdeckung, dass Menschen bereits mit zehn Monaten Humor haben. Sein Kind zum Lachen zu bringen, gehört zu den schönsten Erfahrungen, die man in der Elternzeit machen kann. Und wenn man dann merkt, dass auch das kleine Geschöpf anfängt, Witze zu machen, einen selbst zum Lachen bringen will, ist das ein großartiger Moment. Fast könnte man sagen, man fühlt sich eins mit der Welt in diesem Augenblick. Stolz seinen Nachwuchs der Welt zu präsentieren, auch das macht Spaß. Mein Kind hat den großen Vorteil, sich in der Öffentlichkeit überraschend ruhig zu verhalten. Fremde werden skeptisch angesehen, aber geheult wird nicht, und meistens siegt dann irgendwann die Neugier. Und so kann ich mein Kind nicht nur überall mitnehmen, ich ernte auch noch Komplimente für diesen braven Säugling.

Leider können sich die meisten Freunde und Bekannten nicht vorstellen, dass sich dieses wohlerzogene Baby zuhause, in einer sicheren Umgebung, mit nur einem bekannten Gesicht vor Augen regelmäßig in eine Dramaqueen verwandelt. Lachen, Weinen, Wut, Trauer, Neugier, Spielsucht, Neid, jedes denkbare Gefühl wird so ausprobiert, wie man auch das Krabbeln und andere Körperbewegungen ausprobieren muss. Es ist eine Probe für die Stressresistenz, die hier von dem Vater verlangt wird. Das Telefon, mit dem Pappi so gerne spielt, nicht sofort auch in die Hand zu bekommen, kann für die Kleine offenbar den Weltuntergang bedeuten. Entsprechendes Brüllen ist dann obligatorisch. Zu differenzieren, welches Brüllen auf ernsthafte Ursachen zurück geht und welche eher auf verhandelbare Bedürfnisse erweist sich auf Dauer als hohe Kunst der Babypflege.

Väter und Mütter 

In diesen Situationen zeigt sich auch ein gewisser Unterschied zwischen meiner Herangehensweise als Vater und der Mutter. Sie kann die Kleine nicht weinen sehen. Ich weiß, dass sie auch weint, wenn sie einfach nur auf die Schulter genommen werden will. Und das will sie am liebsten stundenlang. Tut man es, ist der Tag gelaufen und der Rücken ruiniert. Kommt man aber erst spät abends nach Hause, sieht man das als arbeitende Mutter etwas anders. Tatsächlich erweist sich das Umgehen mit der Kleinen durchaus als eine Quelle von Konflikt in der Beziehung. Vielleicht hat man hier als Vater eine andere Einstellung, weil man eben doch Mann ist, oder man hat eine andere Einstellung, wenn man den Großteil des Tages mit dem Kind klarkommen muss. So oder so, man fängt zu diskutieren an. Dazu kommt dann noch die für Väter etwas frustrierende Erfahrung, dass die Bindung des Kindes an die Mutter eben doch ein kleines bisschen stärker ist. Die Kleine weint, wenn die Mutter die Wohnung verlässt. Gehe ich, und bleibt die Mutter, ist das nicht so. Vielleicht liegt es an meiner Einstellung, vielleicht daran, dass Männer nicht stillen können, oder daran dass die ersten sechs Monate mit der Mutter prägender sind. Aber so oder so, Kämpfe um die Zuneigung der Kleinen sollte man auch besser vermeiden, wenn einem an der Beziehung zur Mutter gelegen ist. Denn sonst kann neben der kleinen auch mal die Mutter zu einer Dramaqueen werden.

Wickeln ist nicht sexy 

Und wie ist das nun mit der Arbeit und der Karriere? Fehlt einem was, wenn man aufsteht und das Handy nicht klingelt? Wenn der einzige Mensch, der einen braucht, zwischen sechs und zwölf Monate alt ist, wenn man kurz davor noch Projektteams mit dutzenden von Mitgliedern unter extremen Zeit- und Erfolgsdruck gemanagt hat? Nun ja, Haushalt machen, das ist schon sehr monoton. Spaß macht noch am meisten das Kochen, da kann man für Abwechslung sorgen, und tatsächlich hat am Ende der sechs Monate fast jedes Abendessen Restaurantqualität. Problematisch ist zwar das tägliche, frische Einkaufen, aber mit etwas Organisation bekommt man das auch hin. Aber Kochen war schon vor der Elternzeit Aufgabe des Vaters.

Tatsächlich ertappe ich mich dabei, dass ich den Tagesablauf genau so optimiere, wie ich es im Job getan habe. Schon nach vier Wochen unterscheidet sich mein Programm völlig von dem meiner Frau und auch der anderen Mütter. Dinge, die ich nicht mag, müssen schnell gehen. So verzichte ich auf die Wickeltasche, die jeden morgen gepackt werden muss, stelle auch das Kämmen des Babys ein und habe eine Neigung, immer wieder identische Outfits zu verwenden, die ich schnell anziehen kann. Im Ergebnis bin ich schon vor zehn mit einem perfekt gewickelten Baby aus dem Haus und inkl. Kinderwagen im Auto. Das gibt mir drei bis vier Stunden Zeit bis zur Mittagsfütterung. Diese nutze ich nicht nur für den üblichen Spaziergang im Park. Ich besuche in den sechs Monaten mehr als drei Dutzend Museen, sehe mir versteckte Kieze in meiner Stadt an, gehe Bummeln in Bezirken, in denen ich noch nie war. Ich aktiviere eine Reihe von Freunden mit Tagesfreizeit, die ich immer wieder treffe. Und ich vermeide es so, zu den Menschen zu gehören, die sich in und nach der Elternzeit nur noch über das Thema Kinder unterhalten können.

So erlebe ich die Elternzeit in vieler Hinsicht als eine sehr reiche Zeit, auch wegen des Kindes, aber nicht nur. Auf der anderen Seite bleiben mir die anderen Mütter oft fremd, es gelingt mir nicht, hier Anschluss zu finden. Aber vielleicht will ich das ja auch selbst nicht so richtig. Auf jeden Fall wirkt die durchorganisierte Art der Elternzeit, in der neben dem Kind auch noch andere Dinge im Mittelpunkt stehen, auf die meisten Mütter verdächtig. Mann muss einen gewissen Druck aushalten können, will er von den Ritualen der PEKiP- und Yogagruppen abweichen.

Folgen für die Karriere 

Aber Gruppenzwang kann sich auf für einen Auswirken. Meine Ankündigung, sechs Monate Elternzeit zu nehmen, bleibt beim Arbeitgeber glücklicherweise ohne Diskussion. Jeder, mit dem ich direkt rede, beglückwünscht mich zu der Entscheidung, äußert Verständnis oder gar etwas Neid. Bleibt die Karrierepause deshalb ohne Folgen? Nein, das nun auch wieder nicht. Tatsächlich erhalte ich gerade in dem Jahr, in dem ich die Elternzeit antrete, zum ersten Mal nach vielen Jahren nur eine durchschnittliche Leistungsbewertung. Nun gehört das formalisierte System dieser Leistungsbewertung, in dem gute Bewertungen faktisch budgetiert sind, ohnehin nicht zu den Stärken meines Arbeitgebers. Dennoch ärgert es mich, denn für einen Mitarbeiter, der immer ein überdurchschnittliches Ergebnis gewohnt ist, ist diese Bewertung doch so etwas wie der Fleck auf einer weißen Weste. Darüber hinaus kostet das auch ein paar Euro, die man gerade in einer Situation dringend gebrauchen könnte, wo man feststellt, dass weder der Zweisitzer noch die japanische Einkaufstüte mit vier Rädern zum Transport eines Kind plus Kinderwagens plus Einkäufen gut geeignet sind. Schlimmer ist allerdings ein größeres Problem, das bei einer Elternzeit im Freundeskreis auftritt. Da soll die Arbeit während der Abwesenheit an einen unerfahrenen, wahrscheinlich nicht ausreichend qualifizierten Vertreter übergeben werden. Kehrt man dann auf den alten Arbeitsplatz zurück, darf man dann erst einmal mit den Fehlern seines Vertreters kämpfen oder muss mit ihnen sogar leben. Keine gute Perspektive. Insgesamt bekommt man den Eindruck, als hätte man in den Unternehmen zwar viel guten Willen, aber wenig Praxis, wenn es darum geht, mit dem temporären Abschied von Leistungsträgern wirklich zu Recht zu kommen. Insbesondere wollen das Wort “High Potential” und Kinder einfach nicht zusammen passen. Und das gilt dann für Frauen und Männer gleichermaßen.

Unterstützung durch die Politik? 

Soll man jetzt nach mehr staatlichen Regelungen schreien, damit die Lage sich weiter verbessert? Nun, da wäre ich jetzt mal sehr vorsichtig. Den vielen Verbesserungen, die es in den letzten Jahren durch den Gesetzgeber für Eltern gegeben hat, stehen doch einige gravierende Fehlleistungen gegenüber. Alle gut gemeint, aber insgesamt handwerklich doch so schlecht gemacht, dass ich die Karriere von Ursula von der Leyen für ein Beispiel des Scheiterns, der Unvereinbarkeit der Rolle einer Bundesministerin und der Rolle als Mutter von sieben Kindern bezeichnen will. Seien wir ehrlich: Wenn man nicht mit Geburtsnamen Albrecht heißt, so wird das nichts mit der Vereinbarkeit. Und dementsprechend funktioniert das dann auch mit dem Elterngeld. Tatsächlich erweist sich der hoch gelobte Ausgleich für den Einkommensausfall in der Elternzeit als Mogelpackung, die den Eltern aufgrund der bürokratischen Ausgestaltung nicht nur weniger Geld bringt als eigentlich erwartet, sondern mit der man in einer Zeit, wo man viel im die Ohren hat, auch noch Ärger ohne Ende hat. Ist zum Beispiel die Elternzeit nicht tagesgenau deckungsgleich zu den Lebensmonaten des Kindes drohen unverständlicherweise Abzüge wegen plötzlich vorhandenem Nebenverdienst. Und auch bei unregelmäßiger Arbeit in den letzten zwölf Monaten gibt es Abzüge, was unter anderem auch kritisch werden kann, wenn man zwei Kinder sehr schnell hintereinander bekommt.

Zur Frage der Steuerprogression und dem Kindergeld will ich jetzt noch auch noch Stellung nehmen, der Streit sollte bekannt sein. Ich persönlich kann inzwischen das Lächeln von Ursula von der Leyen nicht mehr sehen, ohne dabei Wut zu empfinden. Zumal wichtige andere Dinge, wie zum Beispiel die Verfügbarkeit von Ganztagesbetreuung nach der Elternzeit, nach wie vor ungelöst sind.

Fazit 

Und jetzt? Nach sechs Monaten, würde ich das alles noch einmal machen? Tatsächlich muss ich erst einmal sagen, dass das große Lob für die väterliche Elternzeit mir inzwischen reichlich naiv vorkommt. Ein Erfolg kann das kaum für jeden denkbaren Papa werden. Insbesondere die ersten Wochen, in denen sich ein kleines, gut sechs Monate altes Baby umstellen musste von der Betreuung durch Mutter auf die Betreuung durch den Vater, der jeden Handgriff erst lernen musste, sind jedem der Beteiligten nicht einfach gefallen. Für das Kind wäre es leichter gewesen, hätte es die Umstellung nicht gegeben. Und mal ganz ehrlich: Eine intensive Beziehung zum Kind hängt nicht von der Frage der Tagesbetreuung ab. Dazu sollte man daran denken, dass ein Wechsel der Betreuungsverantwortung durchaus eine Belastung der Beziehung sein kann. Nicht jeder Ehe wird das gut bekommen. Und der letzte Tipp ist, sich zu überlegen, ob die persönlichen Ansprüche an diese Zeit mit den persönlichen Fähigkeiten in Übereinstimmung stehen. Will man die Zeit aktiv genießen und nicht unter dem Stress des ganzen leiden, braucht man Organisationstalent und Einfühlungsvermögen gleichermaßen. Hat man das nicht, tut man sich und anderen durch die Elternzeit keinen Gefallen. Und insofern sehe ich auch die pauschale Förderung der männlichen Elternzeit durch das Gesetz für das Elterngeld inzwischen eher mit kritischen Augen.

Und dennoch ist die Elternzeit auch eine Chance. Nutzt man diese, unter Einsatz aller Fähigkeiten, die man auch als Mann in diesem Bereich so hat, ist es eine Bereicherung des Lebens, für einen selbst, für das Kind und auch für die Familie. Und wo können Kinder schon besser groß werden als in einer solchen.

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