Die Mär vom neoliberalen Höhlenmenschen

Am vergangenen Sonntag bei Anne Will konnte man es wieder hören, das Mantra des Oswald Metzger: die Gier sei es gewesen, die schon unsere Vorfahren aus den Höhlen trieb. Die Paläoanthropologie, die sich mit der Entwicklungsgeschichte des Menschen beschäftigt, kommt zu einem völlig anderen Schluss. Mit dem Ende der Eiszeit

gier.jpgAm vergangenen Sonntag bei Anne Will konnte man es wieder hören, das Mantra des Oswald Metzger: die Gier sei es gewesen, die schon unsere Vorfahren aus den Höhlen trieb. Die Paläoanthropologie, die sich mit der Entwicklungsgeschichte des Menschen beschäftigt, kommt zu einem völlig anderen Schluss. Mit dem Ende der Eiszeit verschwand auch das Großwild. Mammuts, Höhlenbären und Co. waren die Hauptnahrungsquelle der eiszeitlichen Jäger. Das Niederwild, das sich in der durch das milde Klima bedingten dichten Vegetation ansiedelte, war zu schwer zu jagen und zu klein, um ein oder zwei Dutzend Menschen zu ernähren. Und das Sammeln von Beeren und Wurzeln machte die Menschen auch nicht satt, zumal es harte Winter gab. So war es nicht die Gier, die den Höhlenmenschen zum sesshaften Bauern machte, sondern der Mangel.

Felder mussten angelegt werden. Getreide, das sich zum Anbau eignete, konnte jedoch nicht im Rohzustand gegessen werden. So entwickelten sich Technologien zum mahlen, fermentieren oder backen. Speichersysteme für den Winter mussten entwickelt werden und so weiter. Zum ersten Mal entstand Besitz im heutigen Sinne. Doch dieser Besitz war schwer erarbeit durch Zeit, Kraft und Hirnschmalz. Es entstand Neid und das Verlangen sich das Eigentum des Nachbarn durch Vertreibung oder Totschlag einfach anzueignen. Ganze Völker wurden unterjocht und Menschen versklavt, um die Gier nach immer mehr zu sättigen.

Doch die Gier schadete nicht nur den Opfern, sondern meist auch den Tätern.

So führte die unbändige Gier der Spanier nach Gold nicht nur zum Völkermord an den süd- und mittelamerikanischen Ureinwohnern. Hunderte von Schiffsladungen Gold ließen den Preis des Edelmetalls ins Bodenlose fallen. Damit kam der auf Gold basierende Finanzmarkt Spaniens in eine Krise, die wiederum auf die Realwirtschaft durchschlug. Einige Jahrzehnte nach dem großen Goldboom war Spanien praktisch bankrott und musste das Feld den Engländern und Holländern überlassen. In manch einer Hinsicht erinnern die Conquistadores und Edelmänner von damals an unsere heutigen Banker, Manager und Finanzinvestoren.

Schon vor Jahrtausenden wurde den Menschen die fatale Wirkung der Gier bewusst. So ist es kein Zufall, dass in allen Weltreligionen die Gier als moralisch verwerflich gebrandmarkt wird. Den Christdemokraten Oswald Metzger ficht dies jedoch nicht an. Christliche Grundsätze scheinen ihm heute so fremd wie in früheren Jahren ökologische oder sozialdemokratische. Er hält die Gier für eine Tugend, zumindest solange er nicht Opfer derselben wird. So scheint es, dass seine wechselnden Parteizugehörigkeiten von der SPD über die Grünen zur CDU weniger Ausdruck einer politischen Überzeugung sind als vielmehr das Sprungbrett für die eigene Karriere. Und so ist der gierige Höhlenmensch vielleicht eine Art Freudsche Metapher. Der “Alter Ego” des Oswald Metzgers.

Kommentare

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  1. Interessant! Ich habe mich schon immer gefragt, was den ewig kämpferisch auftretenden Oswald Mezger denn antreibt. Vielleicht ist er bei der CDU endlich bie einer Truppe angelangt, die sich den neoliberalen Raubtierkapitalismus auf die Fahnen geschrieben hat. Soll er doch im Kreise seiner neuen Freunde rumpöbeln!

    Mezgers Ansatz, dass wir Menschen uns besser verstehen, wenn wir bis zu unseren
    evolutionären Wurzeln zurückblicken, ist jedenfalls richtig. Nur versteht der Autor ganz offensichtlich mehr davon. Ein kleiner Fehler hat sich aber eingeschlichen: es ist nicht richtig, dass der Mensch “Getreide, das sich zum Anbau eignete,” nicht roh hätte essen können. Jeder gesundheitsbewusste “Körnerfresser” straft ihn da Lügen.