Wenn Videospiele mit Kinderpornos verglichen werden

Wer die Akzeptanz und Befürwortung der Bevölkerung für ein neues Verbot sucht, tut sich gut daran, Angst und Schrecken zu verbreiten. Falschinformationen, übertriebene Darstellungen und zusammenhanglose Vergleiche sind langfristig sicherlich der beste Weg zum Erfolg. Seit dem ersten Amoklauf an einer deutschen Schule im Jahr 2002 zeigen Politiker und Sympathisanten

Comput.jpgWer die Akzeptanz und Befürwortung der Bevölkerung für ein neues Verbot sucht, tut sich gut daran, Angst und Schrecken zu verbreiten. Falschinformationen, übertriebene Darstellungen und zusammenhanglose Vergleiche sind langfristig sicherlich der beste Weg zum Erfolg. Seit dem ersten Amoklauf an einer deutschen Schule im Jahr 2002 zeigen Politiker und Sympathisanten zu gegebenen Anlässen ihre rhetorische Feinfühligkeit, wenn sie für ihr Vorhaben eines generellen Herstellungs- und Verbreitungsverbots so genannter “Killerspiele” werben.

Auf dieses Ziel haben sich unter anderem Joachim Herrmann (CSU) und Wolfgang Schäuble (CDU) verbissen, als bekannt wurde, dass der Amokläufer von Erfurt das ein oder andere Videospiel mit gewaltverherrlichendem Inhalt besaß. Seitdem wird mit populistischen Begriffen um sich geworfen, es werden haarsträubende Vergleiche angestrengt und sämtliche Prioritäten über Bord geworfen. Kurz: Sie betreiben Propaganda.

Leider trifft diese Propagandamaschinerie auf fruchtbaren Boden: In einer von der ARD und Infratest dimap durchgeführten Umfrage befürworten immerhin 41 Prozent ein Verbot von “Killerspielen”. Wie viele davon nicht wissen, was unter dem Begriff zu verstehen ist, kann nur vermutet werden – wahrscheinlich keine unerhebliche Menge. Dazu beigetragen haben auch Politiker wie die beiden oben genannten, die bereits vor Jahren gewaltverherrlichende Computerspiele mit Kinderpornographie verglichen – das schürt freilich Vorurteile und Furcht vor der Zockergemeinde und den angeblichen Konsequenzen, die diese durch ihre Leidenschaft tragen muss.

Hauptsache, es klingt irgendwie plausibel…

Vernünftige Argumentationen sind bedauerlicherweise auch aus Medienkreisen mager: Das Online-Rollenspiel “World Of WarCraft” (WOW) wird da schnell zum “Killerspiel”, obwohl es aus dem eigentlichen Raster eines Shooters fällt. Offenbar bedienen sich sowohl Medien als auch Politik an dem Thema und werfen alles mögliche in den Raum, ganz gleich, ob es den Tatsachen entspricht oder nicht. Hauptsache, es klingt irgendwie plausibel. Und wenn das eigentlich nicht so ist, sucht man sich ein emotionales Thema heraus – wie Kinderpornos – und mischt diese mit Videospielen. Voilà: Schon kommen einige Bürger aus dem bejahenden Nicken nicht mehr heraus, wenn es um ein Verbotsverfahren geht.

Was genau sind denn “Killerspiele”?

Das größte Versäumnis ist, dass sich niemand in der Verpflichtung sieht, eine genaue Definition von “Killerspielen” aufzustellen. Das lässt viel Spielraum für Anschuldigungen und Verbote. In näherer Vergangenheit wurde aber immer ein Spiel im Zusammenhang mit Amokläufen genannt: Counter Strike (CS). Dabei handelt es sich um einen Online-Taktik-Shooter in dem sich Spieler, zweierlei Gruppen angehörend, gegenseitig bekämpfen und sich dadurch daran zu hindern versuchen, die jeweils erhaltenen Aufträge zu erfüllen. Bei den Gruppierungen handelt es sich um Terroristen und Anti-Terroristen, die sich bewaffnet auf einer vorher festgelegten Karte bewegen, strategisch wichtige Positionen einnehmen oder einfach nur wild umherlaufen und sich unter Beschuss nehmen. Beim Amoklauf in Winnenden wurde außerdem der Ego-Shooter FarCry 2 erwähnt. Auch hier ist das mit besonderem Geschick geschehen: Bis auf ein paar kontextfreie Szenen hat man den Titel nicht näher zeigen wollen, wohl aber als Killerspiel betitelt. Dabei ist die Thematik dieses Videospiels gar nicht so schwer zu erklären: Als etwas heroisierter Protagonist wird der Spieler nach Afrika geschickt. Dort soll er den berüchtigsten Waffenlieferanten finden und ausschalten, damit keine Waffen mehr den Weg in den vom Krieg geplagten Kontinent finden. Dabei haben die Hersteller nicht nur auf realistische Grafik, sondern auch auf ein realistisches Gameplay gesetzt: Der Hauptcharakter kann sich verletzen, was sich durch eingeschränkte Sicht bemerkbar macht und er kann durchaus sterben. Natürlich nicht endgültig; das Szenario muss dann lediglich vom letzten Speicherpunkt aus gespielt werden. Das klingt alles blutiger, als es wirklich ist. Immerhin darf nicht vergessen werden, dass da ein Haufen von Pixeln zu sehen ist und zu Boden geht, kein wirklicher Mensch und auch nichts, was tatsächliche Schmerzen davonträgt, wenn es sich Kugeln einfängt. Im Prinzip sind “Killerspiele” also wie Action-Filme, mit dem Unterschied, dass man sich selbst einbringen und Herausforderungen stellen kann.

Trotzdem muss fairerweise erwähnt werden, dass es auch Videospiele mit sehr brutalem Inhalt gibt. Durch das scharfe Jugendschutzgesetz sind diese allerdings bereits indiziert und in Deutschland verboten – also auch nicht ohne weiteres für über 18-Jährige erhältlich. Jedoch sollte sich jeder im klaren sein, dass selbst diese Spiele übers Internet ohne weiteres auffind- und besorgbar sind. Wer sie also wirklich möchte, wird sie auch jetzt haben können – Gesetze hin oder her. Das würde sich durch ein “Killerspiel”-Verbot auch nicht ändern, außer, dass noch mehr Videospiele legal und illegal den Besitzer über die Weiten des WWW wechseln würden. Vergessen wir ferner nicht, dass oftmals gerade das Verbotene an Reiz gewinnt. Doch vorher möchten wir eine sehr interessante Aussage eines Politikers betrachten.

“Was bei Kinderpornos klappt, muss auch bei Killerspielen funktionieren”

Es ist selbstverständlich vollkommen korrekt, Kinderpornographie, deren Konsumenten und die Kinderschänder selbst konsequent und mit aller Härter zu verfolgen. Wenn aber Menschen auf die Idee kommen, “Killerspiele” mit kinderpornographischen Medien zu vergleichen, muss man deren Zurechnungsfähigkeit ernsthaft in Frage stellen. Denn: Damit überdramatisieren sie nicht nur gewaltverherrlichende Videospiele zu Propagandazwecken. Es ist für Opfer von Kindesmissbrauch auch ein Schlag ins Gesicht, mit einem an und für sich unbedeuten Haufen von Texturen gleichgesetzt zu werden.

“Ich kann nicht nachvollziehen, wieso man sich im politischen Berlin weitgehend einig ist, Kinderpornographie im Internet zu verbieten und das mit allen Mitteln auch konsequent durchsetzen will, dies aber bei gewaltverherrlichenden und extrem grausamen Killerspielen nicht möglich sein soll”, sagte Joachim Herrmann (CSU) gegenüber “DerWesten”. Selbst in den eigenen Reihen hielt man diesen Vergleich für “unglücklich”, Herrmann aber hält stur an seiner Äußerung fest: “Dabei geht es grundsätzlich nicht um die Frage einer vergleichbaren moralischen Schwere. Ich höre immer wieder das Argument, man könne sich bei solchen ‘Killerspielen’ abreagieren. Doch gerade für labile Personen besteht die Gefahr, dass aus dem Abreagieren ‘mehr’ wird. Deshalb mein Vergleich mit der Kinderpornographie.”

Dass sich die Anzahl der labilen Personen aber sehr stark in Grenzen hält – oder zumindest die Zahl derjenigen, die bedingt durch Videospiele nachweislich Straftaten begingen -, wird mit keinem Wort erwähnt. Ebenso wenig, dass es gar nicht so unwahrscheinlich ist, bei einem Amokläufer Spiele wie Counter Strike oder FarCry 2 zu finden. Dazu müssen wir uns nur die Verkaufszahlen ansehen.

Alles nur Zufall?

Bleiben wir zunächst bei den genannten Videospieltiteln. CS erschien 1999, FarCry 2 2008 – das sind selbstredend nicht alle erhältlichen “Killerspiele”, wohl aber die jüngst genannten. Da Counter Strike über einen gewissen Zeitraum herunterladbar war oder noch immer ist, gibt es keine genauen Verkaufszahlen. In Deutschland ging das Spiel jedoch nachweislich mindestens 500.000 Mal über den Ladentisch. FarCry 2 verkaufte sich weltweit in den ersten drei Wochen nach Veröffentlichung über eine Million Mal. Nun tauchen wir einmal in die Naivität mancher Politiker ein und gehen davon aus, dass zumindest ein Amokläufer bedingt durch “Killerspiele” seine Tat beging. Dann bleiben noch immer mindestens 1.499.999 Spieler, die in der Realität zu keiner Waffe gegriffen haben; zumindest nicht aufgrund eines Computerspiels. Nehmen wir uns auch die Freiheit, dieses Prinzip auf weitere Bestseller der Videospielindustrie zu projizieren (nur auf jene, bei denen Gewaltdarstellungen in irgendeiner Form vorhanden sind):

- Grand Theft Auto: Mindestens 65.000.000
- Call Of Duty 4: Mindestens 7.000.000
- Crysis: Mindestens 1.000.000

Nun sind es schon 74.499.999 Spieler, also fast so viele wie Deutschland Einwohner hat, die nicht Amok gelaufen sind. Wie man es auch drehen mag, es bleibt immer eine derartige Mehrheit übrig, die die amoklaufende Minderheit bei jeder statistischen Erfassung in den Schatten stellen würde. Wäre es also gerechtfertigt, Millionen Menschen ihres Hobbys zu berauben, nur weil bei einem Dutzend Amokläufern “Killerspiele” gefunden wurden? Bei den Verkaufszahlen ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass bei den Tätern solche Videospiele gefunden wurden. Die würde man bei nahezu jedem Jugendlichen und jungen Erwachsenen finden.

Banale Konsequenzen

Soweit möchten einige aber offenbar nicht denken. Stattdessen folgen auf das Massaker in Winnenden erste Konsequenzen: Die Stadt Stuttgart etwa hat das ESL Pro Series-Turnier, das am vergangenen Freitag (27.03) stattfinden sollte, aufgrund der jüngsten Ereignisse abgesagt. “Angesichts der Ereignisse und des schrecklichen Amoklaufs in Winnenden und Wendlingen, bei dem 15 Menschen getötet wurden, können wir eine solche Veranstaltung derzeit in unserer Stadt nicht akzeptieren”, sagte der Oberbürgermeister Schuster (CDU). Bei dem Turnier der “Königsklasse” der Electronic Sports League sollten Videospiele wie Counter Strike oder WarCraft III gespielt werden.

Sehr interessant an diesem Punkt: Die Waffenmesse in Nürnberg durfte unbehelligt stattfinden.

Bild: (C) geralt / pixelio

Kommentare

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  1. Ich verstehe nicht, was das ganze Theater um sogenannte Killerspiele soll, das ist doch garnicht die Ursache für Gewalt. Die Ermittlungsorgane haben in allen zurückliegenden Fällen schlampig gearbeitet ! Sie hätten eine g r ü n d l i c h e Hausdurchsuchung machen müssen, dann hätten sie auch die Spielzeugpanzer gefunden, die dafür verantwortlich sind. Bereits 1975 haben SPD und Grüne militärisches Spielzeug aus den Geschäften verbannt. Und das aus gutem Grund, denn beide Parteien haben eindeutig festgestellt : Wer als Kind mit einem Panzer spielt wird später mal gewalttätig. Warum haben die Ermittlungsorgane diese Erkenntnis nicht beherzigt , dann könnte man sich die jetzige Diskussion um Killerspiele sparen. Die Grünen beispielsweise haben niemals mit Panzern gespielt und waren daher auch niemals gewalttätig !

    Bernd Stichler