Etwas zu zerstören ist sehr leicht… – Warum der Westen die Afghanen nicht versteht

Im Augenblick feiert sich die NATO selbst. Das größte Militärbündnis der Welt besteht nunmehr sechzig Jahre. Die Führer und Repräsentanten ihrer Mitgliedsländer sind bei den Feierlichkeiten weitgehend unter sich. Gigantische Sicherheitsmaßnahmen – welche die Meinungs- und Demonstrationsfreiheiten der zwecks Protests angereisten NATO-Kritiker übergebühr einschränken bzw. völlig verhindern; sowie das persönliche

ztgrfsds.jpgIm Augenblick feiert sich die NATO selbst. Das größte Militärbündnis der Welt besteht nunmehr sechzig Jahre. Die Führer und Repräsentanten ihrer Mitgliedsländer sind bei den Feierlichkeiten weitgehend unter sich. Gigantische Sicherheitsmaßnahmen – welche die Meinungs- und Demonstrationsfreiheiten der zwecks Protests angereisten NATO-Kritiker übergebühr einschränken bzw. völlig verhindern; sowie das persönliche Leben der davon unmittelbar betroffenen Anwohner in Straßbourg und Baden-Baden auf eigentlich nicht hinnehmbare, weil rechtswidrige, Weise beeinträchtigen (in der Sicherheitszone wurde ihnen sogar verboten, die Fenster zu öffnen!) – verhinden nicht nur den Kontakt mit den Staatenlenkern, sondern verschlingen auch noch Millionen von Euro. Steuergelder.

Khazan Gul: NATO-Soldaten agieren in meinem Land wie “Wilde”

Was könnte ein bitterarmes Land wie Afghanistan, welches sich seit Jahrzehnten im Krieg befindet, nicht alles mit diesen Millionen anfangen!  Khazan Gul, früherer Minister für Erziehung in der afghanischen Provinz Khost, machte vor kurzem hauptsächlich die Kriegsstrategie der NATO für die nach wie vor problematische Lage in seinem Land verantwortlich. NATO-Soldaten würden dort wie “Wilde” agieren. Deshalb, so Gul, werde “der Krieg nicht aufhören”. Für seine Landsleute gelte: “Je mehr Soldaten, desto mehr Unsicherheit”. Aus diesem Grunde wären auch die horrenden Summen, welche für militärische Aktionen ausgegeben würden vernünftiger investiert, verwendete man sie zur Förderung der Landwirtschaft. Schließlich bräuchten die Menschen etwas, von dem sie leben könnten, meint der Afghane. Vom Krieg haben seine Landsleute längst genug. Hätten sie etwas von dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten könnten – ist sich Gul ziemlich sicher – gäbe es am Hindukusch keinen Krieg mehr.

Phoenix-Runde: “Deutschland im Krieg – Raus aus Afghanistan?

Letzten Mittwoch war Khazan Gul Gast in der Phönix-Runde. Gul, der in Frankfurt/Main an der Pädagogischen Hochschule studiert hat und sich momentan im Rahmen einer Hilfsorganisation mit dem Bau von Schulen in seiner Heimat beschäftigt, war neben dem ausgewiesenen Kenner Afghanistans, dem Grand Seigneur unter den deutschen Fernsehkorrespondenten, dem Journalisten und Buchautor Peter Scholl-Latour, der mit am stärksten beeindruckende Gast in der von Anke Plättner moderierten Gesprächsrunde mit Titel “Deutschland im Krieg – Raus aus Afghanistan?” . Während der ebenfalls eingeladene Zeithistoriker Prof. Christian Hacke noch durchaus Diskutables von sich gab, stellte der außenpolitische Sprecher der SPD, der Bundestagsabgeordnete Gert Weisskirchen, gut informierte Zuschauer damit sicherlich peinlich berührend, dagegen lediglich unter Beweis, wie im Grunde gefährlich naiv manch deutscher Politiker in Sachen Afghanistan (und wohl auch darüberhinaus) denkt (und demzufolge ebenso handelt!). Es stellt sich nur die Frage: Haben wir es hier wirklich mit Naivität zutun, oder wird uns von unserer Regierung aus falsch verstandener Staatsräson oder sonstigen Gründen vielmehr die Wahrheit absichtlich vorenthalten, lügt man nur weiter mit, um dem deutschen Wahlvolk, dass mehrheitlich gegen den Afghanistan-Einsatz ist, ein geschöntes Bild über die Lage in Afghanistan zu vermitteln? Vielleicht ist es ja eine Mischung aus beidem. Peter Scholl-Latour erinnerte in diesem Zusammenhang an die jahrelang verbreiteten Lügen in Sachen Afghanistan-Einsatz. Die doch schon mit der Kriegsbegründung der USA nach 9/11 begonnen hatten. Schließlich so, Scholl-Latour, sei bis heute kein einziger Afghane als Selbstmordattentäter im Westen in Erscheinung getreten. Und die Attentäter von New York hätten ja bekanntlich aus Saudiarabien und eben nicht aus Afghanistan gestammt, unterstrich Scholl. Ihre Flugausbildung genossen sie doch in den USA und nicht in afghanischen Ausbildungslagern. Desweiteren dürfte ja bekannt sein, dass etwa die Taliban ihre gefährliche Stärke vorallem massiver US-Unterstützung verdankten. Die USA hatten die Gotteskrieger aufgerüstet und logistisch unterstützt, um sie gegen den kommunistischen Feind Sowjetunion in Stellung zu bringen. Und Al Kaida? Bin Laden? Auch der hatte früher gute Kontakte zur CIA, zur Familie Bush. Aufgebracht zeigte sich Peter Scholl-Latour darüber, dass gewisse deutsche Politiker offenbar bis heute weiter an all den Lügengespinsten festhielten, während man sich anderen Ländern – sogar in den USA – längst davon distanzierte. In US-Präsident Obama setzt hingegen auch Scholl-Latour nicht wenig Hoffnung. Jedoch verstehe auch er – und mit ihm sicherlich viele andere Menschen auch – warum dieser die US-Truppen in Afghanistan nun um 17 000 Soldaten aufzustocken gedenkt. Ist dies nur ein Zugeständnis an die Falken im eigenen Land? Man weiß es nicht.

Der Westen versteht die Afghanen nicht

Fürderhin müssen die fremden Truppen (dazu zählen die Deutschen) jedenfalls Afghanistan verlassen und zivile Maßnahmen greifen. Inzwischen haben die Besatzungstruppen zwar längst die Stärke der sowjetischen Besatzungsarmee (ca. 100 000 Mann) seinerzeit erreicht, der Krieg aber ist auch so nicht zu gewinnen. Selbst US-Präsident Obama ist davon überzeugt. Immer wieder (heute geschah es im benachbarten Pakistan) kommen in Afghanistan Zivilisten ums Leben oder werden verletzt. Kinder sind traumatisiert. Und da sind wir wieder bei Khazan Gul und seiner Bemerkung, die Besatzer handelten wie “Wilde”. Hauptsächlich den US-Truppen ist vorzuwerfen, sich afghanischen Zivilisten gegenüber wie die sprichwörtliche Axt im Walde zu benehmen. Dies, so Gul, habe natürlich auch mit Rekrutierung der US-Soldaten zu tun. Oft handele es sich bei ihnen um schlecht gebildete Menschen, welche auf Grund von sozialer Chancenlosigkeit im eignen Land nach dem Strohhalm US-Army griffen, um in derem Dienst ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Nicht wenige von ihnen, würden es sogar genießen, sich als Besatzer im fremden Land wie Kriminelle benehmen zu können, ohne von juristischen Konsequenzen bedroht zu sein. Solches Wüten und dazu noch mehr Soldaten bedeute schon deshalb mehr Gewalt und eine Verlängerung des Krieges, weil sich Afghanen eben noch immer traditionsgemäß der Blutrache verpflichtet fühlten. Werde ein Familienangehöriger getötet, müsse für diesen ein für die Tat Verantwortlicher getötet werden. Afghanen seien immer frei gewesen. Nie hätten sie Besatzung geduldet. Und müssten sie bis zum letzten Mann kämpfen. Nur verstünde der Westen halt das afghanische Volk nicht.

Das ist nichts Neues. Und das gilt wahrlich nicht nur für Afghanistan. Westliche Ignoranz und Arroganz hat indes schon immensen Schaden in der Welt angerichtet.

Eine allegorische Verdeutlichung zum Schluss

Der Lehrer Khazan Gul griff gegen Ende der Sendung zu einem ziemlich einfachen Mittel, um das Nichtverstehen des Westens seinem Land und den dort lebenden, endlich Frieden haben wollenden, Menschen gegenüber anschaulich vor Augen zu führen. Gul sagte, er habe diese Problematik schon einmal einem US-Amerikaner in der Schweiz versucht plausibel zu machen. Dann griffen seine Hände zum Turban auf seinem Kopf, wickelten den dafür verwendeten Stoff Lage für Lage ab, bis das in Ehren ergraute Kopfhaar des Pädagogen zum Vorschein kam. Erst da reagierten die anderen in der Runde. Wurden aufmerksam. Gleichermaßen wie nun, den Stoff vor sich hinhaltend, erzählte Khazan Gul, habe er damals den US-Amerikaner gebeten: “Machen Sie das ganz!” Doch der verblüffte Mann versagte jämmerlich. Gul blickte sich noch einmal in der Phoenix-Runde um. Dann versetzte er seine Kopfbedeckung in Kürze wieder zurück in den Ausgangszustand. Gul: “Das kann bei uns schon ein zehnjähriger Junge!” Und nach dieser quasi allegorischen Verdeutlichung setzte er noch eins drauf und damit gewissermaßen den Schlußstein als Mark- und Merkstein in den Rahmen der kurz darauf zu Ende gehenden Phoenix-Sendung ein. Zu dem USA-Bürger habe er damals gesagt, etwas zu Zerstören ist sehr leicht, aber es wieder aufzubauen…

Heute feiert sich die NATO selbst. Millionen an Steuergeldern werden dafür verpulvert. Manche Bürgerinnen und Bürger meinen: Auf einem Flugzeugkreuzer draußen auf hoher See wäre die Sause gewiß billiger gewesen. Und sie hätte den Alltag der Leute nicht gestört. Aber die schöne Kulisse, die hätte freilich gefehlt: Straßbourg, Baden-Baden, die Brücke über den Rhein bei Kehl…

Afghanistan ist eines der ärmsten Länder der Erde. Seit Jahrzehnten herrscht dort Krieg. Wann gelingt es endlich auch den Menschen dort eine Brücke zu bauen? Wann werden wir die Menschen dort verstehen? Wie sagt man so schön: um einen anderen Menschen auch nur etwas verstehen zu können, müsse man ein Stück weit in dessen Schuhen gegangen sein. Wie lange dauert der Afghanistan-Einsatz schon?

Photo/Quelle: Dr. Holger Frommert via Pixelio.de

Kommentare

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  1. Es gibt also doch hin und wieder gute Beitaege irgendwo.
    Fuer mich steht u.a. wegen Afghanistan Hannah Ahrendt: Macht und Gewalt
    seit langem wieder ganz oben auf. Aus hundert Gruenden. U.a. sowohl im Hinblick
    auf Terrorgruppen wie auch auf eher verrueckte Politik, die es ja reichlich gab in
    den letzten Jahren.
    Ahrendt beschriebt u.a. das laengerfrisige Scheitern der Gewalt, wie diese letztlich
    Macht zerstoert. Das hat sich seit Erscheinen des Buches hundertmal oder oefter
    erwiesen.
    Was am Ende uebrig bleibt sind die Schaeden, abgesehen vom klaeglichen
    Scheitern der “Konfliktliebhaber”.
    Und was Nicht – Verstehen betrifft: es gibt m. E. ein paar sehr witzige Nebenaspekte. Zu jenen, die eine reichlich problematische Rolle spielten, gehoerten bekannt die Medien, die Meinungsmacher, Narren und Kriegshetzer.
    Seit einiger Zeit gibt es ja bekanntlich Medienkrise, allen voran die USA. Eine
    Kuendigungswelle nach der anderen, weil sich die Einnahmen mit den Ausgaben
    nicht so ganz decken. Zu den Entlassen gehoeren u. a. auch die Narren und
    Kriegshetzer. Das ist mal an sich schon sehr amuesant wenn die Umstaende
    auch jenen mal die Gelegenheit geben, sich das Brot ehrlich verdienen zu
    muessen. Und ueberhaupt mal ordentlich Arbeit machen zu muessen.

    Hinzu kommt dass die Miedien, zumeist “public companies”, boersennotiert,
    seit laengerem eine sichere Sache fuer die “short sellers” (Spekulation auf
    Verluste) sind. Das hat eine Reihe Ursachen. Aus Sicht und Analysen von
    short sellern geben die Medien und diese Quatschniggs schon ein recht grauen-
    haften Bild ab. … Gewissermassen haben die jenen Zustand erreicht in dem
    sie schon Schwierigkeiten haben, sich ein Hemd noch richtig zuzuknoepfen,
    den richtigen Schuh am richtigen Fuss zu tragen. Die verstehen wirklich gar
    nichts mehr. (Einziger Trost fuer manche, dass man dabei profitieren kann.)
    Das Nicht – Verstehen nebst aller intellektuellen Unredlichkeit macht
    sich laengst als Nemesis, als Rachegoettin, an allerhand Urhebern bemerkbar.
    Dies hier als Trost und leichter Hoffnungsschimmer vorgebracht, erwaehnt.