Hauptmann der Reserve Bastian Kuhl, Hauptmann Sascha Hertel und Hauptmann Ronny Rose studierten Wirtschafts- und Organisationswissenschaften an der Universität der Bundeswehr München. Alle drei waren im Einsatz in Afghanistan. Nach ihrer Rückkehr gründeten sie das Afghan German Management College (AGMC), um Studenten in Afghanistan Wirtschaftswissen beizubringen – per Fernunterricht.
“Alles begann 2006 im Januar”, erinnert sich Sascha Hertel. Da sprach ihn ein ehemaliger Studienkollege von der UniBw München an. “Hauptmann Bastian Kuhl fragte mich, ob ich denn nicht am College mitmachen wollte. Er suche noch Mitarbeiter, um jungen Menschen in Afghanistan Managementwissen beizubringen. Ich fand die Idee spannend und willigte ein.” Bastian Kuhl erzählt: “In Afghanistan ist ‘Bildung’ nach dem Thema ‘Sicherheit’ ein wichtiges Aufgabenfeld für die internationale Gemeinschaft. Im Bildungsbereich fehlt aber noch die Schulung von fundiertem, praxisorientierten Managementwissen.” Hier sah er einen Markt, der noch weitgehend unbearbeitet ist. Mit dem College wollen er und seine Mitstreiter diese Lücke schließen. “Das Afghan German Management College möchte einen kleinen Beitrag zum nachhaltigen Wiederaufbau des Landes leisten”, erläutert Kuhl.
Im Gegensatz zum Präsenzstudium an der Universität der Bundeswehr München lehren Hertel, Kuhl und die anderen fünf Dozenten per Fernunterricht. Online können die Studenten in Afghanistan Powerpointpräsentationen runter- bzw. eigene Lösungen für Tests hochladen. Auf dem Lehrplan stehen klassische Managementthemen wie Marketing, Logistik, Strategisches Management oder Personalmanagement. Die Studienunterlagen sind sehr detailliert und so aufbereitet, dass sie das notwendige Wissen einfach veranschaulichen. Die Dozenten prüfen die Studenten durch wöchentliche Tests und am Ende eines jeden Kurses mittels so genannter fallstudienbasierter “Final-Exams”. Nach diesen Prüfungen werden den Studenten Zertifikate verliehen, die aufeinander aufbauend unterschiedliche Abschlüsse ermöglichen. “Mit dem Studium möchten wir junge Menschen in Afghanistan befähigen, kleinere Betriebe selbst zu führen bzw. eine Firma aufzubauen.”
300 Studenten erwerben Wissen für den Aufbau Afghanistans
Während Hauptmann der Reserve Kuhl im Hintergrund für die strategische Ausrichtung des College zuständig ist, verantwortet Sascha Hertel die operativen Geschäfte. Er koordiniert die Arbeit der Dozenten, hilft bei Problemen mit der Übertragungstechnik oder organisiert die Implementierung neuer Software. Mehrere Stunden pro Woche investiert Hertel für die ehrenamtliche Arbeit. Wie die anderen Mitarbeiter findet er Zeit nach Dienst oder am Wochenende. Denn hauptberuflich dient er bei der Truppe für Operative Information in Koblenz.
Obwohl die Absolventen der Universität der Bundeswehr München keine finanzielle Vergütung erhalten, bekommen sie eine andere Belohnung. Trotz der geopferten Freizeit ist Hertel überzeugt das Richtige zu tun. Aus diesem Gedanken schöpft er seine Motivation. “Eine Hilfe für andere erfüllt mich mit Stolz. Diese Erfahrung sollte jeder Mensch machen”, sagt Sascha Hertel. Hauptmann Ronny Rose ist Dozent für Logistik. Er fügt noch einen weiteren Motivationsgrund hinzu: “Durch die Arbeit mit den Studenten konnte ich auch viel über mich lernen, z.B. wie Studenten meine Vorlesungsinhalte verstehen und bewerten. Das hat dann zu vielen Verbesserungen geführt, so dass die Unterlagen einem beständigen Wandel unterliegen. Ich lerne also ständig dazu.”
Steigende Studentenzahlen zeigen, dass die Offiziere auf dem richtigen Weg sind und ihre Lehrinhalte gern angenommen werden.
“2006 begannen wir mit 40 Studenten, heute studieren bei uns 300 Frauen und Männer”, erklärt Hertel stolz. “Immer wieder erhalten wie Dankesschreiben von den Studenten in Afghanistan”. Diesen sozialen Charakter der Einrichtung findet nicht nur Anerkennung von den Studenten. 2007 zeichnete die UN das College aus und nahm es als offizielles Projekt der UNESCO auf. Heide Consentius vom Nationalkomitee “Bildung für nachhaltige Entwicklung” schrieb: “Die Auszeichnung als offizielles Dekadeprojekt ist eine symbolische Anerkennung Ihrer engagierten Tätigkeiten im Bereich der Bildung für nachhaltige Entwicklung.”
Jüngst gewannen die Macher des College das IT Unternehmen IBM für eine kostenlose Zusammenarbeit. Hierbei entwickelten 18 Berufsakademiestudierende der IBM in Stuttgart eine neue Lernplattform für die Fernuniversität. “Da unser College stetig an Studenten und Dozenten wächst, brauchten wir nach zwei Jahren auch eine neue Onlineplattform, die sich an diese Entwicklung anpasst”, erklärt Sascha Hertel. Mit der neuen Plattform können Informationen zwischen den Studenten und den Dozenten besser ausgetauscht werden.
“Dadurch wird es für die Studenten noch einfacher den Lehrstoff aufzunehmen. Wir werden attraktiver für weitere Interessierte in Afghanistan”, glaubt Hertel. Doch bringt das neue Programm zunächst auch mehr Arbeit. Hertel muss derzeit je Woche noch einmal zwei Stunden für die Implementierung des neuen Programms investieren. Zudem wollen immer mehr Studenten am College unterrichtet werden. “Um diesen Ablauf zu koordinieren, brauchen wir in Deutschland dann auch zusätzliche personelle Unterstützung.”
Logistikdozent Rose sagt: “Für Menschen mit der Ambition sich auszuprobieren und persönlich weiter zu entwickeln, ist das College genau der richtige Ort. Man hat die Freiheit, alle möglichen Wege zu beschreiten und kann gleichzeitige etwas Gutes tun.” Das College bietet deutschen Studenten im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich Seminararbeiten, Projektstudien oder sogar Diplomarbeiten an. “Studenten, die eine Projektarbeit bei uns absolvieren, erlangen dadurch wertvolle interkulturelle Erfahrung. Gleichzeitig helfen sie mit, die wirtschaftliche Entwicklung in Afghanistan voran zu bringen”, erklärt Sascha Hertel. Gründer Bastian Kuhl hat dies gerade getan. Er schrieb seine Masterarbeit zum Thema: Strategieentwicklung für ein Non-Profit-Unternehmen.
Wäre das nicht Arbeit im Kriegsgebiet, würde mich nicht die Vorstellung beschleichen,
dass es nicht nur um uneigennützuge Hilfe geht. Für Angola oder Haiti gibt es wohl nichts Vergleichbares!