1 Einleitung
Antisemitismus ist nicht zu letzt in Verbindung mit dem Nahostkonflikt und dem Holocaust heutzutage in aller Munde. Während eine Hand voll linker Israelkritiker meinen, dass der Zentralrad der Juden jede Kritik an Israel mit der Antisemitismuskeule beantworten würde, andererseits die aktuelle Wirtschaftskrise die Furcht der Politiker nach einem neuen politischen Rechtsdruck ansteigen lässt, debatiert die Wissenschaft, ob der seit den 1870er Jahren beginnende Moderne Antisemitismus so modern überhaupt sei, oder ob dieser doch nur eine Fortsetzung des historischen Antijudaismus ist.
Der folgende Artikel soll in sehr abgespeckter Form Ansätze zur Beantwortung dieser Fragen bieten, wobei ich mich hierbei ausschließlich auf die begriffsgeschichtliche Methode stützen möchte, von der ich mir erwarte, dass diese eine Hilfestellung zur Unterscheidung der unterschiedlichen Deutungsmuster des “Antisemitismus” heutzutage von dem des Ursprungsbegriffs im 18. Jahrhundert bieten kann. Zudem bietet diese eine Übersicht über die Entwicklungsgeschichte des Begriffs, von seiner Entstehung bis zum heutigen Tag. Der Schwerpunkt dieser Arbeit wird allerdings das 18. Jahrhundert sein. Wissenschaftliche Basis ist ein Aufsatz des Historikers Reinhard Rürup mit dem Titel Antisemitismus: Entstehung, Funktion und Geschichte eines Begriffs.
2 Der Begriff
2.1 Antisemitismus
Der Begriff Antisemitismus ist recht neu und entstammt aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Er bezeichnet grundsätzlich eine neue judenfeindliche Bewegung, die sich seit dem Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts von dessen Ursprungsland Deutschland aus über Österreich, Ungarn, Frankreich und Russland in weitere ost- und südosteuropäische Staaten verbreitete. Als Schöpfer des Begriffs gilt der deutsche aus Berlin stammende Schriftsteller Willhelm Marr (1819-1904, der den Begriff 1879/80 durch seine Hetzschrift Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum http://www.gehove.de/antisem/texte/marr_sieg.pdf publizierte und popularisierte.
Marr gilt sowohl in Deutschland als auch in Frankreich als Begriffsschöpfer. Die ersten Belege für den Begriff Antisemitismus gehen aber noch weiter zurück: Dieser wird parallel schon 1865 im Rotteck/ Welckerschen “Staatslexikon” und in Bluntschli/ Braters “Staatslexikon” verwendet, sowie von Ernest Renan (1823-1892), einem französischen Schriftsteller, Historiker, Archäologen und Religionswissenschaftler.
2.2 Semitismus
Der Begriff Semitismus entstammt der theologisch-historischen Literatur des späten 18. Jahrhundert. 1771 gebraucht ihn August Ludwig von Schlötzer (1735-1809) im Anschluss an die Völkertafel in 1 Mo 10, in der der Name eines von Noahs Söhnen Shem überliefert ist. 1787 führt Johann Gottfried Eichhorn (1752-1827) den Begriff in die Sprachwissenschaft ein. Gleichzeitig wurden die Begriffe “Arier”, “Indogermanen”, “Indo-Europäer” in die allgemeine Terminologie der Geisteswissenschaft aufgenommen.
Semitismus galt vor allem in der Orientalistik der Zeit als Basis des Antijudaismus. Paul de Lagarde (1827-1891) und Adolf Wahrmund (1827-1913) benutzten ihn als dunkles, “primitives” Gegenstück zu den Indo-Europäern und “arischen Völker”, die sich nach ihrer Auffassung nach im “Volks- und Rassecharakter”, in Begabung und Leistung unterscheiden würden. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Begriffe aus der Ethnologie und Philologie in den allgemeinen Sprachgebrauch der Gebildeten und in politischen Diskussionen übernommen.
2.3 “Jude”/ “Judentum”
Bis Ende des 18. Jahrhunderts definierte man unter dem Begriff “Jude” eine Religionszugehörigkeit und Religionsgemeinschaft, eine “Lebens- und Abstammungsgemeinschaft”. Seit dem Mittelalter wurde der Begriff auch als Schimpfwort für eine spezifische Art von “Geschäftsgeist” verwendet, der unter dem Stichwort “beschnittener – unbeschnittener Jude” auch Nichtjuden einbezog.
Seit dem späten 18. Jahrhundert wurden Juden im Zusammenhang mit der Haskalla, der jüdischen Aufklärung als Nation bezeichnet. Befürworter der Judenemanzipation stellten die besondere Nationalität als Folge der jahrhundertelangen Unterdrückung heraus, während die Gegner der Emanzipation zeitweise Nationalismus über die Religion stellten oder sogar eine Abspaltung des Nationalismus von der Religion in ihren Ideologien debatierten. So war es nicht ungewöhnlich, dass Humanisten wie Hegel oder Schoppenhauer die Juden als “Volk im Volk”, “Staat im Staat” oder “Nation in der Nation” bezeichneten, um somit ihre Fremdheit und grundlegende Verschiedenheit von den Deutschen zu charikieren.
Seit dem 19. Jahrhundert vollzog sich die Säkularisierung des Begriffs und dessen Erlangung einer nicht-ständischen Bedeutung. In Zeiten intensivierter theologischer Auseinandersetzungen mit dem Judentum war besonders die protestantische Theologie der Aufklärung, des Idealismus und des Liberalismus bemüht, alle Abwegigkeiten des Christentums als Erbe des Judentums abzuschweifen, um somit durch die Absonderung jahrhunderte alter historischer Lasten zum Ursprung der Religion zurück zukehren, zum so genannten Urmonotheismus.
Die antijudaistische Theologie Semlers, Hegels, Fichtes, Schleiermachers und Lagardes begann das Judentum nicht mehr allein als Religion zu verstehen, sondern erweiterte ihre Bedeutung als anthropologische Kathegorie. Dies bedeutet vor allem die Konstituierung eines jüdischen Geists, der auch den politischen, sozialen und kulturellen Bereich einschloss. Der Geist des Judentums galt als Volks- und Nationalgeist oder (und) als weltgeschichtliches Prinzip.
Der Sozialismus wiederum übertrug säkularisierte den Begriff und wendete ihn nun allein auf das kapitalistische Bürgertum an. Dies geschah in Frankreich durch Fourier, Toussenel und Leroux, in Deutschland durch Karl Marx. Dieser beschrieb 1844 in seiner Schrift “Zur Judenfrage” den “Semitismus” als Inbegriff jedes Negativen, in dem viele in der abendländischen Tradition der Judenfeindschaft erwachsene Vorstellungen eingingen.
In den Folgejahren gewannen vereinzelte Ansätze zur Identifikation von Judentum und Modernität erheblich an Gewicht und Resonanz und führten zur Bildung eines einheitlichen Vorstellungskomplexes. Dieser definierte den Semitismus vom ethnologischem Standpunkt aus betrachtet als Judentum, als “Zerrbild der Moderne” und Ursache für den Kapitalismus, als Synonym für die zu befreiende bürgerliche Gesellschaft und als Ursache und Synonym für Mangel an nationaler Integrität. Tatsächlich könnte man vorsichtig gesagt von einem Spiegel demographischer “Wirklichkeit” sprechen, denn oberflächlich gesehen bestand ein hoher Anteil am kapitalistischen System, am kritischen Journalisten- und Litratentum und an politisch linken Führungsgruppen größtenteil historisch bedingt aus Juden.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts vollzog sich nun entgültig eine Bedeutungsänderung des Begriffs, parallel zu den Termini “Semit”, “Arier”, “Indogermane”. Terminologisch wurde nun im allgemeinen Sprachgebrauch zwischen Judentum und Israeliten unterschieden, wobei für die Religionsgemeinschaft ausschließlich der Terminus Israelitentum verwendet wurde.|Juden und Christen benutzten allerdings häufig weiterhin die Bezeichnung “Judentum”. Semitismus hingegen bezeichnete das Judentum als “Rasse”. Seit 1870 wurde für Semitismus als modisches, halbwissenschaftliches Synonym für Jude verwendet. So definiert die zeitgleiche Ausgabe des Brockhaus “Semitismus” als “Bezeichnung für das ausschließlich vom ethnologischen Standpunkt aus betrachtete Judentum”.
Zugleich ist der Begriff Ausdruck einer Fundamentalkritik an den Prinzipien und Erscheinungsformen der modernen liberalen Gesellschaft:
• So gibt der Historiker Heinrich von Treitschke (1834-1896) 1879 dem Semitismus Mitschuld am Materialismus und Kapitalismus der Zeit.
• Die vier Jahre zuvor entstandenen “Ära-Artikel” von 1875 bezeichnen hingegen die Reichspolitik als “Judenpolitik”, als “Banquiersliberalismus unter semitischer Führung”.
• Wilhelm Marr trieb es 1879 auf die Spitze und warnte vor einer drohenden oder wirklichen Herrschaft des Judentums über Deutschland und die Welt.
• Constantin Frantz definiert 1876 den Semitismus hingegen als “allgemeinen Materialismus”, als “Kultus des Erfolgs” und als “Verdrängung des Christentums”.
2.4 Zwischenfazit
Der Begriff “Semitismus” findet in Zeiten der Wirtschaftskrise, des Kulturkampfs und des Niedergang des Liberalismus vor allem an Verbreitung in Form einer Kritik am Kapitalismus, an der Moderne und der ihr begleitenden Industrialisierung, die alle im Zusammenhang mit dem sich emanzipierenden und assimilierenden Judentum verstanden wurden. Zudem wurde der Liberalismus attackiert, der sich stark für die Schaffung einer Bürgergesellschaft, einer Republik und einer Emanzipation der sozialen Randgruppen in diese einsetzte.
Dass das Judentum selbst mit innerjüdischen Konflikten zu Recht kommen musste, auch hier nicht immer die Moderne und Emanzipation in einem Staat als selbstverständlich erachtet wurde, sie selber sich vor den Gefahren der neuen Wellen von Judenhass und Pogromen (vor allem in Frankreich, Russland un Rumänien) selbstbehaupten mussten, spielte für die sich später selbst bezeichneten Antisemiten der Kaiserzeit keine Rolle. Für sie galt allein das Sündenbockprinzip, mit dem sie all ihre Probleme in dieser sich rasch verändernden Zeit abwelzen konnten.
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dieses ist eine sehr gute zusammenfassung. sie zeigt etwas sehr deutlich, nämlich den konflikt ethnie und religion. der gottesglaube der juden bedurfte nicht eines geografischen standortes, kein glaube benötigt das. die historische aufgliederung zeigt auch, wie psychophatisch die zuordung der juden zur semitischen rasse der nazis war. sie zeigt aber auch den konflikt der juden als ethnische definition selbst. sie entwickelten ihre nationalität aus der überlieferung. mit recht sagt kant hier, sie entwickelten einen staat im staate. geht man davon aus, daß nationalität eine geografische kulturelle entwicklung ist, mit gemeinsame sprachzugehörigkeit, geografisch assimilierten ess und -lebensgewohnheiten, dann würden hegels und kants schlußfolgerungen zutreffen. eine ähnliche entwicklung ist heute bei einem großen teil der türken festzustellen. hier treffen sich migrationsunwilligkeit und migrationswilligkeit aufgrund unterschiedlicher kultureller bilder. es scheint also grundsätzlich ein problem zu sein, andere geografisch kulturelle wertebilder in eine andere kulturelle geografie zu integrieren. wie jüngst im ehemalige jugoslawien. besonders dramatisch am beispiel sarajevos zu sehen, eine vormals absolut multikulturelle stadt, die unter dem aspekt der krise eine verheerende eigendynamik entwickelte. nach meinem verständnis ist dies jedoch ein spezifischer gruppendynamischer prozess, der sich durchgängig findet und sich projektiv an minderheiten ausläßt. dieser prozess ist fortwährend weltweit zu beobachten. in bezug auf die juden spielte in der religiösen auseinandersetzung auch ihr glaube das einzige auserwählte volk gottes zu sein, eine nicht unerhebliche rolle. dieser besonder strenge und rigorose führungsanspruch in bezug auf religion und verachtung von nichtgläubigen, ist grundsätzlich konfliktstoff. sie ist der nährboden für sündenbockprinzipien und feindbildprojektionen. aus heutiger sicht betrachtet, ist die unikausalität oder der monotheistische gedanke grundsätzlich antagonistisch. die absurdität zeigt sich in dem von den zionisten durchgesetzen heutigen staat israel. ethnologisch betrachtet sind die meisten israelis europäer, die über die ethnologisch tradierten semitischen palästinenser und andere semiten in dieser region atomar herrschen. ein kaum lösbarer konflikt. besonders dramatisch ist jedoch, wie auch zur zeit der nationalsozialisten, dass die israelis mehr die moderne verkörpern.