“Ich bin voller Hass – und das liebe ich!!” Joachim Gaertners dokumentarischer Roman aus den Original-Dokumenten zum Attentat an der Columbine Highschool

Am 20. April 2009 jährt sich zum zehnten Mal das Attentat der Schüler Eric Harris (18) und Dylan Klebold (17) auf die Columbine Highschool in Littleton, welches diese gemeinschaftlich über mindestens ein Jahr vorbereitet hatten. Der sich als dokumentarisch verstehende Roman besteht aus über 25.000 Originaldokumenten, welche dem Autor 2006

zudguo1.jpgAm 20. April 2009 jährt sich zum zehnten Mal das Attentat der Schüler Eric Harris (18) und Dylan Klebold (17) auf die Columbine Highschool in Littleton, welches diese gemeinschaftlich über mindestens ein Jahr vorbereitet hatten. Der sich als dokumentarisch verstehende Roman besteht aus über 25.000 Originaldokumenten, welche dem Autor 2006 durch das Jefferson County Sheriffs Office weitgehend ungeordnet übergeben wurden. Schulaufsätze, Gedichte, Tagebucheinträge und Einkaufslisten eröffnen einen befremdend intimen Blick auf die Innenwelten der Täter, die sich in Größenphantasien, Suizidalität, Hasstiraden und Liebespoesie zu einem verstörenden Labyrinth verdichten. Die Frage nach den Gründen hallt in den Dokumenten tausendfach wieder, wird durch diese jedoch nicht beantwortet.

Eric Harris: überdurchschnittlich intelligent, überaus gebildet. Und hochgradig psychopathisch.

Harris, der in Schulaufsätzen Ähnlichkeiten zwischen sich und dem Gott Zeus erörtert („Zeus und ich werden leicht zornig und bestrafen Menschen auf außergewöhnliche Weise“), Himmlers „Meisterleistungen“ und Hitlers „Masterplan“ erörtert, erhält von den Lehrern anhaltend gute Noten. Dass sich seine geistigen Erzeugnisse darüber hinaus ausführlich mit dem Horror-Shooter-Doom befassen und im Creative-Writing-Kurs regelmäßig um größenwahnsinnige One-Man-Against-The-World-Szenarien kreisen, scheint ebenso wie sein Außenseitertum gegenüber den Gewinnern an der Schule und seine Faszination für Waffen niemandem aufgefallen zu sein. Leicht wäre es, seinen Eltern, den Lehrern und Mitschülern, die in Harris einen hochintelligenten, stets höflichen, wenn auch etwas eigensinnigen Schüler sahen, ein erhebliches Defizit an Achtsamkeit zu unterstellen. Zu leicht. Demgegenüber betont Harris selbst seine ausgesprochen hohe Fähigkeit zur sozialen Manipulation in seinen geheimen Aufzeichnungen, die sich in seinen Schulaufsätzen („Waffen in Schulen sind ein  wachsendes gesellschaftliches Problem“) sowie seinem öffentlichen Bericht zu einem Autoeinbruch und dem anschließenden Erziehungsprogramm in erschreckender Weise dokumentiert. Harris gibt lehrbuchmäßige Einsichten von sich, gelobt überaus glaubwürdig Besserung und erhält entsprechend eine gute Prognose nach Teilnahme an einem Erziehungsprogramm mit Anti-Aggressions-Training. Dass seine Schuldeingeständnisse ein wenig zu glatt, seine Ziele für das Schuljahr etwas zu löblich und seine Ausführungen zur Nazi-Ideologie etwas zu euphorisch wirken, mag nun im Nachhinein und kontrastiert durch seine privaten Tagebuchaufzeichnungen auf der Hand liegen, war damals aber wohl kaum erkennbar.

Dylan Klebold: schüchtern, sensibel, selbstunsicher. Suizidal.

Während Harris´ Ausführungen gleichwohl durch Sprachgewalt, Größenwahn als auch ihre allesvernichtende Wut bestechen, drehen sich Dylan Klebolds private Aufzeichnungen zu einem großen Teil um einen jugendegozentrischen Hader mit der eigenen Existenz, der teilweise zur Dauerklage um die eigene Einsamkeit und die Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe wird („Will WAHRE Liebe…ich will genau das, was ich nie haben kann“). Daneben finden sich auch bei ihm Größenphantasien („Ich bin Gott“) und ausgesprochen hasserfüllte Rachewünsche („Die Zombies werden bezahlen für ihre Arroganz“), sowie immer wieder das Thema Selbstmord. Auch er erhält nach der Erziehungsmaßnahme eine gute Prognose. Seine Schulaufsätze, beispielsweise über Denkweise und Motive Charles Mansons und seine Kreativgeschichten (Westernartige Showdowns aus der Ego-Perspektive) werden wegen ihre Detailliertheit und ihrer Sprache gelobt, lediglich formale Fehler und die vulgäre Ausdrucksweise werden bemängelt. Das wirklich Irritierende mindestens an Klebolds privaten Dokumenten ist der teenager-typische Zwist mit der Welt, das durchaus altersgemäße Gefühl unverstanden und ungeliebt zu sein, die wütende Rebellion gegen eine grausame Schulhierarchie mit Gewinnern und Verlierern und gegen die überfordernde Erwachsenenwelt. Um daraus einen Amoklauf zu machen, brauchte es wohl unter anderem einen Psychopathen wie Harris, dessen aggressive Größenphantasien eine Möglichkeit zur Vertauschung der bisherigen Opfer- und Täterrollen in Klebolds Leben versprachen.

Das Buch erklärt nichts. Und zeigt mehr, als erträglich ist.

Je mehr der Leser auf die abgründigen Pfade der äußerst durchdachten und sorgfältig geheim gehaltenen Attentatspläne mitgenommen wird, umso deutlicher wird die Frage nach den Gründen. Diese beantwortet sich jedoch nicht aus den seitenlangen Hasstiraden der beiden „unauffälligen“ Schüler, nicht aus den Außenbeschreibungen und nicht aus deren To-Do-Listen („Cargo-Hosen kaufen“, „Napalm-Behälter besorgen“). Sie hallt in den durch Gaertner lediglich arrangierten Dokumenten nur tausendfach wieder. Mehrfach entsteht das Gefühl, dass wesentliche Informationen nicht im Geschriebenen enthalten sind, Seite um Seite scheint die Grenze zwischen der Teenagerfaszination für Gewalt, Rachephantasien und  einer konkreten Tatabsicht zu verschwimmen. Schockierenderweise können beide offenbar eine distanzierte Außen-Perspektive zu ihrer Tat einnehmen („Es gibt nichts, was ihr hättet tun können, um das zu verhindern.“) und äußern in einem Video sogar Bedauern mit ihren Eltern. Spätestens hier wünscht man sich dann und wann einen Kommentar und die künstlerische Stärke der Collage wird zugleich ihre Schwäche: die unkommentierte Arrangierung des Materials bestürzt zutiefst, ohne dass dem Leser bei einer Einordnung geholfen wird. Andererseits wird das Buch gerade dadurch dem Anspruch gerecht, die Stille nach der Tat einzufangen, ohne vereinfachte Erklärungen vorzukauen. Im Gegenteil: der Leser wird in höchster Irritation zur Differenzierung gezwungen und muss nach seinen eigenen Antworten ringen.

Joachim Gaertner: „Ich bin voller Hass – und das liebe ich. Dokumentarischer Roman. Berlin: Eichborn-Verlag, 2009.

Bildquelle: pixelio (qd)

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