Freiheit ist kein gesellschaftlicher Wert.

Oder: warum Heimkinder nicht die Wahrheit sagen Wenn ein Kind den Mutterleib verlässt, erlangt es die Freiheit. Alle Menschen werden frei geboren. Die Freiheit ist per se kein Wert irgendeines gesellschaftlichen Systems. Gesellschaften regeln die Entfaltung der Persönlichkeit, nicht mehr und nicht weniger. Niemand kann sich seine Gesellschaft aussuchen, in

brunoh.jpgOder: warum Heimkinder nicht die Wahrheit sagen

Wenn ein Kind den Mutterleib verlässt, erlangt es die Freiheit. Alle Menschen werden frei geboren. Die Freiheit ist per se kein Wert irgendeines gesellschaftlichen Systems. Gesellschaften regeln die Entfaltung der Persönlichkeit, nicht mehr und nicht weniger. Niemand kann sich seine Gesellschaft aussuchen, in die er geboren wird. Gleich nach der Geburt erlebt der Mensch die Einschränkung seiner Freiheit. Mehr oder weniger. Stück für Stück verliert er, am Ende sein Leben.

Seit einigen Jahren haben Wiedergutmachungsapostel die Heimkinder entdeckt, als Beschäftigungsgegenstand. Alle Nase lang werden die Gequälten im TV vorgeführt, damit sie ihre Leidensgeschichten erzählen können. Es soll zum Mitleid anregen, um Schadensersatz durchzusetzen. Am Ende werden jedoch allenfalls Almosenzahlungen herauskommen. Das sollte man den Bedauernswerten vorher sagen. Die letzte Waffe des Sadisten ist es, andere mitleiden zu lassen, hat Nietzsche einmal gesagt. Die Darsteller und ihre Regisseure jedenfalls lügen. Gewinnen werden nur die, die darüber schreiben oder Forderungen juristisch durchsetzen. Das Heimkind selbst bleibt Verlierer.

Heimkinder sind geborenen Verlierer.

Warum? Ich werde nun einen kurzen Abriss meiner eigenen Geschichte aufzeichnen, um zu zeigen, dass Verlieren eine Normalität ist und nicht notgedrungen zu Leiden führen muss. Meine Mutter, eine Tschechin, mein Vater, ein Deutscher im Dritten Reich trafen sie sich 1944 in Oberhohenelbe unter einen Fliederbaum. Er arbeitete in einem Außenlager des KZ Gross Rosen als Produktionsaufsicht bei kriegswichtiger Produktion und sie lebte 20 Meter über die Elbe hinweg gegenüber auf ihrem Bauernhof. Als sie schwanger war und ihm das sagte, kam er nicht mehr aus dem Lager, denn er hatte im Deutschen Reich eine Familie. Daraufhin ging meine Mutter mit mir schwanger in den Fluss und nur weil ein schöner Stern am Himmel war, ertränkte sie sich und mich nicht. Nun war sie von einem Deutschen schwanger, was nach Kriegsende dazu führte, dass man sie vergewaltigte, nackt durchs Dorf trieb oder sie mit den Füßen zuerst an einen Baum knüpfte. Bei der Vertreibung im Herbst 1945 warf man mich in die Elbe, eben mal sechs Monate alt und schoss auf mich und die Großmutter, die mich rettete. Die anschließende Vertreibung war verbunden mit einem ständigen Wohnortwechsel. So ging es Millionen Menschen. Bis zum Alter von sieben Jahren lebte ich bei meiner Großmutter in der DDR, bis mich meine Mutter über Nacht entführte, in den goldenen Westen, damit ich endlich einen Vater hätte. Zur Kommunion kam meine Oma zu Besuch in den Westen, um mir zu sagen, dass mein Vater nicht mein Vater sei und ich dem nicht zu gehorchen brauchte. Mit 14 Jahren stahl ich das erste Moped, um in die DDR zu flüchten, zu meiner Oma, dachte ich jahrzehntelang (später erst begriff ich, das ich meinen Vater suchte, der in der DDR lebte, der aber bis zu seinem Tod mit mir nichts zu tun haben wollte.) Ich wurde erwischt, bestraft, kam in den Jugendarrest, flüchtete nach Hamburg und landete von dort aus im Erziehungsheim in Idstein Kalmenhof.

Ich weiß also, wovon hier gesprochen wird.

Ein Heim spiegelt gesellschaftliche Verhältnisse wieder.

Ein Heim ist eine Gesellschaft auf engem Raum mit Regelwerk. Der Umgang der Zöglinge untereinander unterscheidet sich nicht vom Umgang der einzelnen Gruppen der Gesellschaft draußen. Es gibt den Stubenstärksten, die Regelüberwacher, die Zinseintreiber, die Prostituierten, die fleißigen und die geprügelten ganz Schwachen. Das war in den Konzentrationslagern, in den Gulags auch nicht anders. Die Stubenstärksten oder auch Kapos hatten die beste Position, mussten aber am meisten unterdrücken, um ihre Position  zu erhalten. Wenn die Stubenstärksten versagten, zum Beispiel wenn einer flüchtete, wurden sie abgelöst. Der Wiedereingefangene wurde kollektiv durch Schlappengeist (schwer Lederschlappen) verprügelt. Vom übergeordneten System kam er zwei, drei Tage in absolute Dunkelheit. Ein Raum im Keller. Absonderung. Dies ist nichts ungewöhnliches und ein übliches gesellschaftliches Sanktionsmittel (siehe Guantanamo). Ursache dafür ist die Flucht als Regelverletzung. Wenn man flieht, muss man mit den Sanktionsfolgen leben. Die Erzieher haben Probleme mit Schlägen als Züchtigungsmittel bewältigt: Zucht und Ordnung. Ein bewährtes gesellschaftliches Mittel aus der Überlieferung. (Heute werden für aggressives Verhalten statt Schlägen Medikamente verabreicht, auch zwangsweise) Feminine, körperliche Schwache Zöglinge konnten sich ihren Schutz durch Prostitution erkaufen. Oft wurden solche von  der Heimleitung zur sexuellen Befreidigung ausgewählt, denn die Heimleitung selbst schlägt selten. Andere Zöglinge aus dem unteren Drittel konnten sich durch Dienstleistungen (Schuhe putzen, – manchmal mussten sie die natürlich mit der Zunge ablecken) Betten machen u.a.m. Sicherheit und Ruhe erwerben. (Heute 1.- € Jobber)

In diesem Prozess gab es noch die Rechtsgelehrten und Künstler. Die Rechtsgelehrten waren solche, die gut schreiben konnten und so in den Dienst der körperlich Starken traten, die oft zu blöd waren, um etwas zu formulieren. Die Künstler, zu denen ich auch gehörte, obwohl ich mich auch physisch im oberen Bereich bewegte, hatten eine besonders bevorzugte Position. Obwohl die meisten Zöglinge aus zerrütteten Familienverhältnissen kamen, schickten viele gern einen Brief mit einer Rose oder etwas Gezeichnetem nach Hause, zu denen also, die sie am meisten geprügelt hatten. Nicht aus Liebe, aus Hoffnung auf ein Päckchen zu Weihnachten, um Glauben zu können, dass jemand an sie denkt.

Alle verlieren etwas an Würde in diesem Prozess nur den letzten beißen die Hunde, obwohl das auch nicht stimmt.

Später habe ich einmal in einem Jugendgefängnis einem Starken, der eine absolut menschlich arme Sau beständig schickanierte, ein Auge ausgeschlagen. Wenn es zu schlimm kommt, gibt es noch den Revolutionär, der auf die Barrikaden geht.

Zittern im Fernsehen.

Als ich kürzlich einen ehemaligen Heimzögling vor der Dunkelzelle im Erziehungsheim Idstein vor laufender Kamera habe zittern sehen, in dem Raum, in dem ich selbst zweimal gastierte, (den ich selbst gar nicht wieder gefunden hätte) habe ich mich gefragt, warum mich dieses Trauma nie befallen hat, obwohl ich länger in diesem Raum war. Ich kam zu einem verblüffenden Ergebnis. Ich habe gar keine Schuld zu verteilen. Auch Heim oder Gefängnisaufenthalte waren mit Freude und mit Spaß verbunden. Sie als fortlaufende Leidensgeschichte zu bezeichnen geschieht nur dort, wo jemand Schuld sucht, für seinen gescheiterten Lebensweg.

Ich glaube daher, dass die meisten Heimzöglinge in der Öffentlichkeit nicht die Wahrheit sagen, weil sie nicht darüber reden, wie sie selbst in der Hierarchie unterdrückt haben. Viele von Ihnen wurden später hochkarätige Kriminelle, Zuhälter, Betrüger, Nutten, Bankräuber oder Einbrecher, wie ich. In ihrem Verhalten zu Menschen haben sie sich oft nicht anders verhalten, als Bürgerliche in Ehen, Arbeitsverhältnissen oder anderen Machtstrukturen, zum Beispiel als Bedienstete in Erziehungsheimen. (Mitunter waren sie noch schlimmer. Nicht zufällig sind Knackis und Heimzöglinge politisch extrem rechts orientiert. Ein Paradoxon.) Würde man Heimzöglingen oder Knackis die Rechtsprechung überlassen, hätte man schneller wieder die Todesstrafe als durch die Bürgerlichen.

Zum Gegenstand machen.

Das Bedauernswerte ist, dass sich die Heimzöglinge nun nach Jahrzehnten wieder zum Gegenstand von Lobbyisten machen lassen, die die Aufarbeitung der Heim-Geschichten im Auge haben und sich über diesen Gegenstand einen Namen machen. So werden die ehemaligen Zöglinge wieder Produktionsgegenstand wie zur Zeit ihres Heimaufenthalts.

Es ist auch nicht nur so, dass diese Heimzöglinge die Unwahrheit sagen, sich in ihren Leiden animiert baden, sie sind auch feige. Als ich 1968 mit Andreas Baader im Zuchthaus Kassel Wehlheiden mit einem illegalen Flugblatt zur Arbeitsniederlegung aufrufen wollte, zum Generalstreik, haben sie es verraten. Büchner: Dantons Tod.

Deswegen klagen sie an: Weil sie nicht früh genug gehandelt haben und Opfer riskierten. Sie werden allenfalls ein Almosen erhalten. Wenn sich der eine oder andere erhofft, jemand würde ihn für seine lieblose Kindheit streicheln, irrt er schwer.

Hunderttausende Jugendliche haben in den 50ziger, 60ziger und 70ziger Jahren für die Industrie, Braun Melsungen, Hellas, VW, u.v.a. zum Nulltarif gearbeitet. Ein Kirchenvertreter dazu gefragt: Sie müssen das mit den heutigen Praktika in der Industrie vergleichen, diese Jugendlichen bekommen ja auch kein Geld und der Staat sorgt für ihre Unterhaltungskosten, wie wir das früher auch gemacht haben. Es gibt daher keinen Grund für Wiedergutmachung. Jede Gesellschaft braucht einen Bodensatz von Handlangern.

Die Verlierer dieser Gesellschaft sind die Arbeitgeber von Millionen Arbeitsplätzen. Ohne sie lägen andere auf der Straße. Mindestens so viel Selbstbewusstsein sollten ehemalige Heimzöglinge haben. Sie würden dann auf diese entwürdigenden Schadensersatzklagen gar nicht eingehen. Sie sollten sich daran orientieren, wie erbärmlich die Wiedergutmachungsklagen ehemaliger Zwangsarbeiter im Dritten Reich abgelaufen sind. Eine Würdelosigkeit sondergleichen.

Kommentare

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  1. Das Spiel ist durchschaut? Geht es nur darum der Stärkste und Mächtigste zu sein?
    Nein, denn dann würden die Heimkinder nicht klagen sondern den Richter und Henker spielen. In den 70zigern ist das Thema wegen der RAF untergegangen. Heimkinder haben nicht kapiert was da mit ihnen passiert ist. 30 Jahre dauert dieser Prozess der Erkenntnis.
    Ist in vielen Bereichen so. Mann schau sich nur mal die Großwildjäger an die aus Freude getötet haben. Wenn der Runde Tisch Heimkinder nicht zu einem Vernünftigen Ergebnis kommt wird sich an der heutigen Jugendhilfe nichts ändern aber dann werden die ehemaligen zu unkontrollierten Zeitbomben.