“Man stelle sich vor, es gäbe keine Musik … Man stelle sich vor, die Dichter wären tot”: Furchtbar! Wollten wir entgegnen. Nein, eine solche Welt darf und soll nicht sein! Die Zeilen von Gerry x, die uns kurz vor dem heutigen “Welttag des Buches” über unser Myspace-Postfach erreichten, rütteln auf und ziehen sogleich in ihren Bann. Noch scheint dies eine Horrorvorstellung, die von Zeit zu Zeit gar nicht so weit her geholt zu sein scheint. Manchmal, ja manchmal ist sie aber auch schon in unserer Realität angekommen. “Freund an Freunde Offener Briefe” lautet das “Betreff” seiner Nachricht. Wir nehmen ihn beim Wort und tragen sein bewegendes “Appell für die Lyrik” dem Blauen Planeten entgegen (Anm. d. Red.):
“Wer nicht glaubt, bedürftig zu sein, der begehrt auch das nicht, dessen er nicht zu bedürfen glaubt.”
Diotima
Mit müdem Gähnen, Spott und sogar Hass wird Lyrik bedacht… bestenfalls begegnet ihr man mit Gleichgültigkeit. Die deutsche Kulturmaschine erwartet seit langem den Tod des Gedichts. Doch noch ist Lyrik ein Stachel im Fleisch der multi-medialen Mattscheiben-Kultur.
Dass man der Lyrik das Totenbett bereitet, ist nicht in erster Linie den Verlagen und dem Buchhandel anzulasten, und auch nicht den Literaturkritikern. Es war Marcel Reich Ranicki, der die Frankfurter Anthologie gegen den Zeitgeist durchsetzte. Es ist ihm zu verdanken, dass man den Sarg mit dem lyrischen Zombie noch nicht Ketten rasselnd ins dunkle Grab herabgelassen und für alle Zukunft unter prosaischer Erde begraben hat.
Es sind die Bildungsanstalten: Schulen, Universitäten und Medien, die dem Diktat der Profitinteressen des Kapitals folgen und den Menschen zu einem bloßen Wertschöpfungsobjekt heranbilden – Wissen, das Karriere fördernd wirkt und nicht dem Menschen zu den Möglichkeiten seiner ihm vom Kosmos verbürgten Freiheit führt. Die düster glühende Flamme unserer Leibseele lässt man hungern!
Präziser: Es ist das kapitalhörige Bildungssystem, das kommerziellen Zwängen einen existenziellen Wert zuordnet, der über die “bloß” kulturellen Werte herrschen soll, das dem Gedicht mit Totschlag droht. Bildung ist verkommen zu einer Ware, man handelt sie wie ein Parfüm von Jil Sanders oder ein Handy von Nokia. Bildung besitzt zunehmend einen rein funktionalen Wert. Bildungswert besitzt, was einen Marktwert hat – dieser Nihilismus feiert seine hehren Feste auf dem Nullmeridian der Zivilisation. Dies ist der ideale hypertropische Nährboden all jener feinsinnigen Zyniker, die nichts anderes wollen als wahrgenommen werden: Comedians, Poetry- und Prosa/Slamer, die auf der Schädelstätte ihrer einstigen Ideale banale Klischees apostrophieren um die moderne Heiterkeit des Daseins zu verkünden, scharfsinnig, aber geistlos. Die intelligente Dummheit hat Hochkonjunktur. Man lacht, wo man nichts zu lachen hat.
Wir erlauben uns eine Informationsgesellschaft, der ein relevanter Informationsbegriff fehlt, ein sich selbst permanent in Frage stellender, fordernder und fördernder Begriff, der der Ausbildung des menschlichen Geistes dient – der Verortung des Daseins im kosmischen Strom. “Leben, das Sinn hätte, fragte nicht danach.” (Adorno)
Ein Gedicht ist keineswegs funktional und auch nicht pragmatisch verwertbar als Steilvorlage für eine Karriere im Gesellschaftsbau. Es ist nutzlos – es ist frei.
Der erste Gesang der Vögel im jungen Morgenlicht nach dem eisig stillen Winter … Man stelle sich vor, es geschehe: das Schweigen der Vögel. Man stelle sich vor, die Wolken würden stillstehen – windlose Stille ließe sie auf einem trüben Himmelsfleck verharren … Man stelle sich vor, es gäbe keine Musik … Man stelle sich vor, die Dichter wären tot – tot selbst jene die schon lange ihr Erdgrab bewohnen: Bedeutungs /Tod.
Und in der Tat: … Also der Poet ist wahrhaftig der Dieb des Feuers.
Seine Aufgabe ist die Menschheit, ja sogar alle Lebewesen; er muss seine Entdeckungen fühlen, ertasten, hören lassen; wenn es Form hat, was er aus der Tiefe dort mitbringt, gibt er Form; ist es ungeformt, gibt er Ungeformtes. Eine Sprache finden!
Der Dichter Arthur Rimbaud schrieb diesen Satz in dem berühmten Brief eines Sehers an Paul Demeny im Jahre 1873. Und Paul Celan schrieb: “Wirklichkeit ist nicht, Wirklichkeit soll gesucht sein … um zu sprechen, um mich zu orientieren, um zu erkunden, wo ich mich befand und wohin es mit mir wollte, um mir Wirklichkeit zu entwerfen …Wirklichkeit will gesucht und gewonnen sein.” Der Mensch ist die Aufgabe seine Möglichkeiten zu verwirklichen… der Mensch nahm sein Wesen nicht in Arbeit, er war noch nicht erwacht, oder noch nicht in der Fülle seines großen Traums … auch dies ist im Brief eines Sehers von Arthur Rimbaud nachzulesen. Wir haben es bis zum heutigen Tage nicht getan. Was Plato in seiner Schrift “Der Staat” empfahl: die Dichter aus dem Staate zu vertreiben, da diese ja Trugbilder der Wirklichkeit schaffen und sittlich Fragwürdiges äußern, vollzieht sich in unseren quasi modernen Gesellschaften. Plato wollte nur bildende Kunst und Dichter in seinem idealen Staate dulden, die Altbewährtes bewahren, Traditionen und Einfaches, ergo dem “Staat” dienlich mit ihrer Kunst sind.
Lyrik ist aber das Geschoss der Leibseele: Zorn, Verzweiflung, Liebe.
Das sind die Bausteine, aus denen uns quantenmechanisch betrachtet 10 hoch 3 x 10 hoch 45 existenzielle Zustände möglich sind, also eben eine solche Zahl möglicher Gedichte. Ein Gedicht offenbart uns die ungeheure Dichte der Existenz – einerseits der Schrei des Vakuums, das nach Ausdruck verlangt, anderseits die Schaffung von Form und Rhythmus. Das Maßlose, von allen angeeignet, würde zum Maß: so wäre der Poet (…die Lyrik…) wahrhaftig ein Vervielfältiger der Veränderungen. (Arthur Rimbaud ebenda…) Unsere Gesellschaft verlangt nicht mehr nach Veränderung … Alles soll sich ändern, damit es so bleibt, wie es ist … dies ein Wahlslogan der Grünen. Schlimmer geht es nimmer.
Die üble Nachrede, welche die Lyrik auch erleiden muss, argumentiert oft mit der Unverständlichkeit der lyrischen Ausdrucksweise. Welcher Leser auch immer einen solches Urteil über ein Gedicht verhängt, dem soll gesagt sein, dass ein Urteil immer auf den Urteilenden zurückfällt. Unverständlichkeit ist kein Urteil, vielmehr die Verweigerung eine Herausforderung anzunehmen.Der Hintergrund dieser Verweigerung ist, dass man Sprache ausschließlich als Mittel der Kommunikation begreift. Sic! Sprache ist aber das Haus des Seins. (Heidegger) Ein Wort, ein Satz, Zeilen von Sätzen bedeuten immer Offenbarung des Kosmos – altgriechisch verstanden: Alles was war, ist und sein wird … Ein Wort, ein Satz, Zeilen von Sätzen sind: Tür, Raum, Fenster und Dach. Sprache kommuniziert nicht bloß vermeintlich verständliche Information: Wer überhaupt spricht oder schreibt, sollte sich verständlich ausdrücken. Das ist eine auf den ersten Blick einleuchtende Forderung. Denn wozu äußert er sich, wenn er nicht verstanden werden will? … Und auf den zweiten Blick kommen Fragen und Bedenken hoch. Soll man alles was gesagt wird, gleichermaßen unter die Knute der Verständlichkeit zwingen? Soll Verständlichkeit bedeuten: Verständlichkeit für jedermann? Verständlichkeit ohne Mühe?
Verständlich ohne jeden Zeitaufwand des Nachdenkens und Entschlüsselns… Gilt vielleicht, dass das Unverständliche nur aufgelöst werden kann durch Steigerung von Verständlichkeit und Missverständlichkeit zugleich? … Ich denke manchmal es fehlt uns nicht an gelehrter Prosa, sondern an gelehrter Poesie. (Niklas Luhmann) Sic! Das sagt uns ein Soziologe, Mitbegründer der Systemtheorie, ein Geisteswissenschaftler und kein Dichter.
Soll bedeuten: Jedes Hirn, das sich da denkt, es könnte der Lyrik entbehren, ist ein kommunikatives Hirn und ist damit in jeder Hinsicht Manipulationen der von (Profit)/Interessen geleiteten Vernunft preisgegeben – Frauchen/Herrchen-Hund-Verhältnis: Zeichen, Signale, Reaktion. Pawlow lässt grüßen … Die tatsächlichen im Geheimen und im Offensichtlichen agierenden Gesetzgeber sind die Dichter, ja die Kunst der Künstler überhaupt – jene die uns verwirren, verstören, aufrütteln und uns zu uns selbst mahnen und der Herde der bloßen Mitläufer entreißen.
Es gelten Theodor Ludwig Wiesengrund-Adornos Worte: Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen … und … Es ist das Höchste von des Dichters Rechten, dass er da redet, wo die Menge schweigt … und Liebe ist die Fähigkeit, Ähnliches an Unähnlichem wahrzunehmen.
Stirbt die Lyrik, das Gedicht, stirbt die Freiheit … sterben die Bienen, so ist der Tod der Blumen gewiss.
Gerry X, den 16.04.09
Photo Quelle/Copyright: NiceBastard, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr
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