Schweinegrippe: “Jeder flüchtet aus Angst sich anzustecken”

Die Warnungen vor einer möglichen Pandemie der Schweinegrippe häufen sich. Besonders in den USA und in Mexiko ist die Angst groß und greift tief bis in das alltägliche Leben hinein. Vanessa Schätzle, die in Mexico-City an einer Deutschen Gesamtschule Deutsch als Fremd- und Muttersprache unterrichtet und bald ein Baby erwartet,

IMG_2558.jpgDie Warnungen vor einer möglichen Pandemie der Schweinegrippe häufen sich. Besonders in den USA und in Mexiko ist die Angst groß und greift tief bis in das alltägliche Leben hinein. Vanessa Schätzle, die in Mexico-City an einer Deutschen Gesamtschule Deutsch als Fremd- und Muttersprache unterrichtet und bald ein Baby erwartet, berichtet über ihren derzeitigen Alltag im Angesicht der Gefahr vor einer Ansteckung mit dem tödlichen Virus.

Hallo Vanessa, wie ist die Situation momentan vor Ort?

Vanessa Schätzle: Ich schätze mal nicht so dramatisch, wie in den Nachrichten gezeigt wird. Jedenfalls ist auf den Straßen alles ruhig, weil alle zu Hause oder ausgeflogen sind. Ich suche morgen früh auch das Weite, denn ich habe von der Stadt echt genug. Auch wenn ich schätze, die Sicherheitsvorkehrungen, die Schulen zu schließen und alle Events abzusagen, werden greifen, so dass sie die Situation bald im Griff haben. Allerdings hat die Regierung jetzt durch ihre Panikmache genau das erreicht, was sie verhindern wollten: Die Pandemie. Denn jeder flüchtet aus Angst sich anzustecken und trägt damit den Virus wohl erst recht in alle Himmelsrichtungen.

Ich habe Schlagzeilen gelesen, in denen es hieß, dass das öffentliche Leben in Mexiko City fast komplett zum Erliegen gekommen sei. Stimmt das?

Vanessa Schätzle: Ja, das stimmt. Endlich mal kein Verkehr, und das Gute daran ist, dass dadurch der Smog ein wenig eingedämmt wird. Leider ist das zu Zeiten der Finanzkrise nicht gerade förderlich, denn wenn kein Mensch mehr an Kultur- und Sportveranstaltungen teilnehmen kann und nur noch die nötigsten Einkäufe erledigt, merkt das die Wirtschaft.

Ein Bild zeigt gar einen Mann und eine Frau in Mexiko, die sich mit einem Mundschutz küssen, welche vom Militär verteilt werden. Gehst du auch nur noch mit Mundschutz raus?

Vanessa Schätzle: Nein, wenn alle einen anhaben, brauche ich ja keinen mehr. Gestern war ich auf der Straße, da hatten ca. drei von zehn Leuten eine Maske. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich in einem alternativen Viertel wohne. Doch ich verlasse das Haus auch nur für das Nötigste. Jedenfalls freue ich mich auf erneute neun Tage Ferien und fliege morgen zu meinem Freund nach La Paz. Dort ist der Virus noch nicht angekommen.

Nach den neun Tagen Urlaub willst oder musst du schon wieder zurück nach Mexiko City?

Vanessa Schätzle: Eigentlich schon, um meine Kündigungs- und Visaangelegenheiten zu klären. Das heißt, um einige Dokumente abzuholen, an die ich jetzt nicht ran komme, weil alles zu ist. Prinzipiell muss ich aber allein schon deshalb nach Mexiko-Stadt zurück, weil die Regierung bislang die Schulschliessung nur bis zum 6. Mai angeordnet hat, so dass ich ab nächsten Dienstag, wenn sich die Lage beruhigt hat, wieder in der Schule arbeiten muss. Aber je nach dem, wie sich die Lage entwickelt, bleib ich länger. Mir geht grad die Gesundheit meines ungeborenen Kindes vor. Ich buche auch erst einmal nur den Hinflug.

Du hast es eben angesprochen, deine momentane Schwangerschaft kommt sicher noch als zusätzlicher Beunruhigungsfaktor hinzu. Ziehst du angesichts dieser Tatsache die Möglichkeit nach Deutschland zurückzukehren, nicht in Erwägung?

Vanessa Schätzle: Ich habe darüber nachgedacht, aber ich sehe mich jetzt noch nicht in Deutschland. Zu sehr hält mich meine Beziehung und meine Liebe zu dem Land, dass ich mich von der aktuellen Schweinegrippe nicht verunsichern oder aus dem Land treiben lasse, sondern darin vertraue, dass der Grippevirus unter Kontrolle kommt wie damals SARS.

“Wieviele sterben täglich hier an Unterernährung oder aus Konflikten, die von der Drogenpolitik herrühren!”

Für wie gefährlich hältst du den Virus tatsächlich, wird da deiner Meinung nach übertrieben?

Vanessa Schätzle: Ich denke, alles was neu ist für den Menschen, erschreckt ihn. Den Virus gab es bisher noch nicht, deshalb ist auch die WHO alarmiert. Aber ich denke angesichts der Tatsache, dass jetzt 80 Menschen an der Grippe gestorben sind und 1000 daran erkrankt, ist schon nach den Ursachen zu forschen. Allerdings ist die Zahl bei 20 Mio Einwohnern vom Valle de Mexico ein Witz. Wieviele sterben täglich hier an Unterernährung oder aus Konflikten, die von der Drogenpolitik herrühren!

Hältst du eine Pandemie für möglich?

Vanessa Schätzle: Schon. Weil jetzt immer mehr Fälle in den USA gemeldet werden. Aber der Flugbegleiter der British Airways, der einen Grippevirus aus Mexiko eingeschleppt hat, ist harmlos und hat nicht den Schweinevirus. Andererseits tut die Regierung gerade alles, eine Pandemie zu verhindern.

Was macht denn die Regierung genau?

Vanessa Schätzle: Alle öffentlichen Großveranstaltungen wie Fußballspiele, Festivals und Gottesdienste werden abgesagt, vom Kindergarten bis zur Uni wird alles geschlossen, die Soldaten werden  ausgeschickt, um Mundschutze zu verteilen. Die Regierung bleibt mit der WHO im Kontakt und mit den USA im Gespräch, extra Medizinkonsultorien werden eingerichtet.

Liebe Vanessa, vielen Dank für Deine Einschätzungen der Lage. Pass gut auf Dich auf.

Ja! Ich werde vorsichtig sein und niemanden küssen außer mit Mundschutz.

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Vanessa Schätzle wohnt seit kanpp zwei Jahren in Mexiko-Stadt, hat erst an der Nationalen Autonomen Universität Mexikos (UNAM) Deutschkurse als Sprachassistentin des DAAD gegeben und lehrt seit einem Jahr am Colegio Aleman Alexander von Humboldt, einer Deutschen Gesamtschule im Estado de México, in der Sekundarstufe und in Abiturklassen Deutsch als Fremd- und Muttersprache. Die Einrichtung ist derzeit aus Angst vor der weiteren Ausbreitung der Schweinegrippe geschlossen. Die Schulschliessung betrifft alle Schulen und ist eine Anordnung der Regierung.

Weitere nützlich Links zum Thema aus dem Netz:

http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/633678

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  1. Solange nicht geklärt ist ob es um einen Subtyp wie H1N1 geht und wirklich zum ersten Mal eine Virusübertragung Mensch-Mensch auf Basis eines Schweingrippen-Viruses sich handelt, sollten wir Europäer auch Mundschutz tragen. (und uns nicht schämen.) Er sollte gegen Tröpfcheninfektionen schützen. Handhygiene und Menschenansammlungen vermeiden. Und Infos einholen.
    Die WHO ist desh. alarmiert, weil exakt so eine weltumfassende Epidemie, eine PANdemie beginnt. Keine gute Nachricht – auch ohne Panikmache.

    Inwiefern die Pandemiepläne der Bundesländer und der Privatwirtschaft hier greifen werden – wir dürfen gespannt sein. Aber es ist nicht unbedingt typisch deutsch, hier vorzusorgen.