
Bei herrlichem Wetter wurden gestern die Ruhrfestspiele 2009 eröffnet. Etwa hunderttausend Menschen strömten im Laufe des Tages hinauf zum Grünen Hügel Recklinghausens. Gegen 12.20 Uhr war die offizielle Eröffnung durch den Betriebsratsvorsitzenden der Zeche Auguste Victoria, Norbert Maus, erfolgt. Zuvor zogen zahlreiche Teilnehmer des Recklinghäuser 1. Mai-Umzugs am Ruhrfestspielhaus vorbei und stoppten auf dessen Vorplatz.
In ihrer Rede vor den Gewerkschaftern und Besuchern des Volksfestes verglich Verdi-Bezirksleiterin Andrea Becker die über die Welt hereingebrochene Weltwirtschaftskrise mit einem Tsunami. Nur, betonte sie, sei diese im Gegensatz zu letzterem Ereignis eben alles andere als eine Naturkatastrophe, sondern ein von Menschen angerichtetes Desaster. Becker forderte, die Schuldigen müssten endlich ihre Fehler zugeben. Die Politik forderte die Verdi-Gewerkschafterin auf, nach den milliardenschweren Hilfsaktionen für die Banken endlich auch einen Rettungsschirm für die von den Folgen der Krise betroffenen Menschen aufzuspannen. Den Gewerkschaftsmitgliedern, der Bevölkerung, legte Andrea Becker ans Herz, ihre Kraft zum Protest zu sammeln und am 16. Mai zur DGB-Demo nach Berlin zu kommen, um in der deutschen Bundeshauptstadt für Solidarität, Chancengleichheit, Freiheit und Kultur auf die Straße zu gehen. Als der Bürgermeister von Recklinghausen Wolfgang Pantförder (CDU) ein Grußwort an die Menschen richtete, ertönten “Cross-Border!”-Rufe aus dem Publikum. Sie sollten offenbar an die von der Stadt vor einigen Jahren eingegangenen, nun Verlust für die Kommune bringenden, fragwürdigen Cross-Border-Leasing-Geschäfte erinnern, vor denen Kritiker bereits vor der Vertragsunterzeichnung gewarnt hatten. Vermutlich, um sich vor den bevorstehenden Wahlen beim Volk anzudienen, bekundete der OB gegen Ende seines Grußwortes “in fast allen Punkten” mit dem von Andrea Becker Benanntem übereinzustimmen. Die Verdi-Kollegin registrierte das mit Verwunderung und hoffte, dass den Worten des OB nun auch Taten folgen.
“Kohle für Kunst, Kunst für Kohle”
Anschließend erinnerte der Betriebsratsvorsitzende der Zeche Auguste Victoria Norbert Maus flankiert von Kohlekumpeln (siehe Photo) u.a. daran, dass es die Institution “Ruhrfestspiele” ohne die Kohlekumpel nämlich überhaupt nicht gäbe: Im kalten Winter des Jahres 1946/47 standen die Hamburger Theater vor der Schließung. Sie verfügten über keine Kohlen mehr für die Beheizung ihrer Bühnen. Abgesandte der Hamburger Theater fuhren daraufhin mit Holzvergaser-LKW ins Ruhrgebiet, um auf Kohlenzechen um Hilfe anzusuchen. Und Theaterleute sollten sie bekommen! Unter Umgehung der Kontrolle durch die Besatzungsmächte wurden die LKW von Ruhrpottkumpeln mit Kohle beladen. Diese noch einige Male wiederholte illegale Aktion half, die Hamburger Theater wieder in Gang zu bringen. Aus Dankbarkeit für die Kohle-Hilfe kamen im Sommer 150 Hamburger Theaterschaffende ins Ruhrgebiet. Sie spielten unter dem Motto “Kunst gegen Kohle” im Städtischen Saalbau Recklinghausen. In der Tat entstanden aus der Aktion “Kohle für Kunst, Kunst für Kohle” heraus die nunmehr bereits zum 63. Mal jährlich stattfindenden Ruhrfestspiele. Sie sind nicht nur eines der ältesten, sondern auch auch eines der größten und noch dazu renommiertesten Theaterfestivals Europas.
Ruhrfestspiel-Programm unter dem Titel “Nordlichter”
Norbert Maus überreichte dem Intendanten der Ruhrfestspiele Recklinghausen, Dr. Frank Hoffmann (Bildmitte m. hellem Sakko), ein Stück Kohle. Betreffs diesen wichtigen Bodenschatzes und Energielieferanten hat Frank Hoffmann nun endlich auch eine ganz persönliche, man kann sagen: hautnahe, Erfahrung gemacht: Kürzlich fuhr der Theatermann das erste Mal in seinem Leben ein, um selbst einmal vor Ort, unter Tage, zu erleben, wie der Abbau von Steinkohle vonstatten geht. Hoffmann zeigte sich tief beeindruckt von diesem Erlebnis. Auch nahm dem Steinkkohlebergbau nicht krumm, dass sich das Festspielhaus auf einer Seite etwas gesenkt habe. Nun sehe er das eben mit ganz anderen Augen, nach dem er einmal selbst 1000 Meter tief unter dem Boden war, welcher seine Kulturstätte trage. Der Intendant verlieh seiner Überzeugung Ausdruck, dass sich das Theater angesichts der Weltwirtschaftskrise auch politisch wieder mehr einmischen – ja: bekennen – sich fragen und beantworten müsse: Wo stehen wir? Mit einem “Glück auf!” wünschte Dr. Hoffmann den Ruhrfestspielen einen guten und erfolgreichen Verlauf. In seinem im aktuellen Festspielheft abgedrucktem Vorwort zum Programm “Nordlichter” der diesjährigen Ruhrfestspiele stellte Frank Hoffmann ein Zitat von August Strindberg voran: “Was ist Dichtung? Nicht Wirklichkeit, Mehr als Wirklichkeit. Kein Traum, Waches Träumen.” Beim diesjährigem Festival auf Recklinghausens “Grünen Hügel” werden insgesamt 223 Aufführungen und Lesungen zu erleben sein. Davon sind sieben Uraufführungen. Zwei Deutschland-Premieren gehen über die Bühnen.
Volksfest pur auf dem Grünen Hügel - DGB-Forum im Foyer
Nach all dem Offiziellem nahm das traditionell am 1. Mai stattfinden Volksfest auf dem “Grünen Hügel” der Stadt Recklinghausen inmitten eines wunderschönen Parks rund um das Festspielhaus bei wohlig warmem Wetter und unter blauen Himmel seinen Lauf. Hier geht es im entferntesten nicht so elitär wie auf Bayreuths “Grünen Hügel” zu. Soll es auch betont nicht. Hier steht das Volk – sozusagen querbeet - im Mittelpunkt des Geschehens. Und das war reichlich und mit Kind und Kegel herangekommen, um sich zu amüsieren, oder einfach Sonne oder die zahlreichen lukullischen Angebote zu genießen. Natürlich fehlte es auch nicht an einem buntem Kulturangebot rund um das Ganze. Deftige Rockmusik gab es auf die Ohren, oder samtig Jazziges auf der kleinen Bühne von WDR 5 zu hören, von wo die Sendung “Scala” life gemacht und hinaus in den Rest der Welt übertragen wurde Dabei durfte auch beim Programmpunkt Mundart-Kabarrett (Photo) reichlich gelachtÂ
werden. Nur wenige Schritte weiter, vorbei an einem zum Schreien komischen Clown mit schauerig buckligen Schultern, umringst von einer neugierigen Schar Kinder, sang auf der Funkhaus Europa – Bühne Paco Mendozza zur Gitarre, anmoderiert von Daniela Milutin. Auch der beliebte WDR-Radiospezialist für World Wide Music hatte es sich nicht nehmen lassen, life vom Volksfest zu senden. Weiter oben wehte Bratwurst- und Dönerkebap-Duft über die verschiedenen
 Spiele-Parcours auf der saftig grünen Wiese. Mittendrin die Fußballweltmeisterin Nia Künzer, die sich für eine Kinder-Welt ohne Drogen aktiv engagierte und in diesem Sinne mit den Kindern vor Ort arbeitete. Etwas verborgen vor der bunten Welt da draußen konnte man im Foyer des Festspielhauses Veranstaltungen des DGB-Forums besuchen. Ein Teil befaßte speziell mit Europapolitik. Interessant im Vorfeld der Europawahlen am 7. Juni: Wer wollte, noch unentschlossene Wählerinnen und Wähler beispielsweise, konnte sich dazu interessante Anregungen aus berufenem Munde holen. Dem Ruf des DGB waren so interessante Leute wie Martin Schulz, MdEP, der Fraktionsvorsitzende der Sozialistischen Fraktion im Europaparlament und Reiner Hoffmann, der stellvertretende Generalsekretär des Europäischen Gewerkschaftsbundes gefolgt (mehr dazu demnächst hier an dieser Stelle).

Der gestrige, nicht nur wettermäßig, wunderschöne Tag auf Recklinghausens “Grünen Hügel” hat hoffentlich Appetit auf mehr gemacht. Die Veranstaltungen (zu einigen gibt es noch Eintrittskarten) gehen im Zeitraum vom 1. Mai bis einschließlich dem 14. Juni 2009 über die verschiedenen Bühnen in Recklinghausen sowie des Theaters Marl unweit davon. Die Ruhrfestspiele Recklinghausen sind eröffnet. Zum 63. Mal seit 1947. Dafür ein donnerndes “Glück auf!” und den zahlreichen Künstlern toi, toi, toi für ihre Auftritte. Auch von Readers Edition.
Photos: C.-D. Stille
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