Die Atmosphäre war “peacig”, die Location perfekt; im sonnigen Berlin im Radialsystem V direkt an der Spree wurde zwei Tage lang klug debattiert. Die Sessions waren ausgewogen, gut durchdacht, kurzweilig, facettenreich. Und doch blieb bei mir ein wenig Verwunderung: Die Diskussion um Twitter nahm eine so übermäßige Präsenz ein, dass fast alles andere dahinter verschwand. Ein Resümee des PolitCamp09-Wochenendes.
Zum Ende des PolitCamps hin sollte auf mancher Session, die im Stile eines BarCamps von den Teilnehmern selbst organisiert waren, nur noch von dem bösen “T-Wort” die Rede sein. Alternativ wurde scherzhaft über fünf Euro Strafe für jedes ausgesprochene Wort “Twitter” nachgedacht. Gleiches hatte bereits zu Beginn für jedes “Obama” gegolten, mit dem Ziel, dem inflationär gebrauchten Vergleich zu dessen vorbildhaftem Wahlkampf vorzubeugen. Die fast alles überragende Rolle, die Twitter auf den Panels zugewiesen wurde, ließ den Eindruck erwecken, es stehe sozusagen stellvertretend für “das Internet”. Dies überraschte schon, obwohl diese Präsenz von Twitter natürlich auch seinen Grund hat. Erstens ist Twitter in den Medien allgegenwärtig und zweitens gilt die Twitter-Aktivität eines Politikers mittlerweile für viele als ein Indikator (neben facebook, flickr, youtube etc.) für dessen generelle Wahlkampfaktivität (Dies gilt beispielsweise für wahl.de, eine Session dazu gab es am Samstag), was wiederum ebenfalls von den Medien aufgegriffen und übernommen wird.
Ist Twitter für den Wahlkampf geeignet oder nicht?
Mit dieser Frage war im Prinzip das Hauptfeld der Diskussion abgesteckt, die zwischen den Polen, man könne mit 140 Zeichen keine politischen Inhalte vermitteln und: “Mehr als 140 Zeichen wirst du auch auf einem Wahlplakat nicht finden” zirkulierte (letzteres von Jens Matheuszik auf der Session “Politikerbashing im Web 2.0“), mal beherrscht und im Gestus einer bereits hinlänglich bekannten Geschichte – mal enthusiastisch und mit viel Herzblut. Mit dem provokativen Statement: “Wir lesen hier keine Tweets von twitternden Politikern, weil die abgrundtief schlecht sind” von den Machern der Twitterlesung war am Freitagabend das PolitCamp09 bereits eingeläutet worden.
Während SPD-Kommunalpolitikerin Angelika Dorsch auf der von ihr geleiteten Session “Politikerbashing im Web 2.0″ äußerte, sie halte den Nutzen des persönlichen Gespächs samt Überzeugungsarbeit am Wahlinfo-Stand noch immer für ungleich höher, als darin Botschaften “in den weiten wirren Raum” bei Twitter hineinzurufen, wo man nicht wisse, ob und wer das überhaupt höre, sahen andere größere Vorteile in einem mit Twitter geführten Wahlkampf.
Muss ein Politiker twittern? – Die “Elefanten-Session”
Auch auf einer der (vorher feststehenden) Hauptveranstaltungen, der von Alexander Görlach, Ressortleiter Cicero Online moderierten “Elefanten-Session – Wahlkampf im Internet” am Sonntag, auf der Schwergewichte aus allen Parteien (außer der NPD), Bundesgeschäftsführer und Online-Wahlkampfleiter zusammen mit Markus Beckedahl von netzpolitik.org diskutierten, war Twitter wieder omnipräsent, was Cem Basman in seinem Tweed während der Session so kommentierte: “Erstaunlich dass ‘Online’ sich fast nur auf ‘Twitter’ beschränkt in der Session #PC09 – Was ist mit dem ganzen breiten Spektrum? ‘PC09″
Ein wenig wurde aber auch über allgemeine Fragen wie die Bedeutung von Social-Network-Aktivitäten für den Online-Wahlkampf debattiert. Stefan Hennewig, Leiter Internes Management bei der CDU, machte anhand der durch Umfragen erwiesenen Tatsache, dass nur drei Prozent aller Leute, die das Internet nutzen, auf die Angebotsseiten der Parteien gingen, das Entscheidende der Nutzung von Aktivitäten außerhalb der Parteiseiten im Online-Wahlkampf deutlich. Kajo Wasserhövel, Bundesgeschäftsführer der SPD, argumentierte ebenfalls, das Beispiel aus den USA habe gezeigt, dass nur zehn Prozent der politischen Inhalte des Online-Wahlkampfes aus den Parteihauptquartieren selbst gekommen seien, die anderen 90 Prozent seien aus Graswurzelbewegungen der Bürger selbst entstanden.
Über politische “Kabbeleien” im Internet Â
Unterdessen Halina Wawzyniak von Negative-Campaigning schwärmte, was sie nach eigener Aussage jedoch nicht durchsetzen könne in ihrer Partei, da sie noch nicht den Parteivorsitz inne habe, erteilte Robert Heinrich, Online-Wahlkampfleiter der GRÜNEN, gegenseitigen “Kabbeleien” eine Abfuhr. Es sei “ein Irrtum”, so Heinrich, “dass die Parteien im Netz primär miteinander konkurrieren”. Denn vorrangig konkurriere man um Aufmerksamkeit, wofür es eben gut gemachter, glaubwürdiger, spannender, lustiger Inhalte bedürfe.
Thomas Scheffler, Referent des Bundesgeschäftsführers der FDP, bekannte, dass seine Spitzenkandidatin Silvana Koch-Merin nicht twittern werde, weil es nicht zu ihr passe und sie daran einfach kein Interesse habe. Nicht jeder Spitzenkandidat müsse zwangsläufig auch twittern: “Wir setzen darauf, wo wir auch wirklich authentisch auftreten können”.
Autenthizität und Glaubwürdigkeit
Dieser Aspekt wurde von anderen Teilnehmern auch während anderer Sessions immer wieder hervorgehoben, und zwar so oft, dass es fast zu einem bösen “A-Wort” mutierte, auch wenn die Botschaft natürlich stimmt: Worauf es ankomme, sei “Authentizität”. Das heißt, wenn ein Politiker schon twittere, müsse er das so machen, dass es vor allem “glaubwürdig” sei (auch so ein Wort, das ich erst einmal 14 Tage nicht mehr hören möchte). Daraus erschlossen sich wiederum Reizpunkte. Während sich beispielsweise Halina Wawzyniak, stellvertretende Parteivorsitzende der Partei DIE LINKE und Teilnehmerin der “Elefanten-Session” einen Twitter-Account ihres eigenen Vorgesetzten Oskar Lafontaine mangels ebendieser Glaubwürdigkeit nicht vorstellen kann, fand Markus Beckedahl das nicht so abwegig. Seine Äußerung, dass Lafontaine nicht einmal selbst twittern müsste, sondern seine Kampagne dies stellvertretend mit Tweeds aus gezielten Informationen über politische Inhalte übernehmen könne, solange dies als solches gekennzeichnet sei, rief jedoch kontroverse Reaktionen bei den Teilnehmern hervor. (Worauf es noch beim Twittern ankommt, hatte Katrin Scheibe in ihrem herrlich locker moderierten und gleichfalls heiß umstrittenen Referat “10 Gebote für twitternde Politiker – aus Journalistensicht” erklärt.)Â
Was ist aus den guten alten Blogs geworden?
Während die Tweeds unaufhörlich im Sekundentakt auf der Twitterwall des Politcamp weiterhin hereinrauschten, sollte am Ende Markus Beckedahl mit dem Schlusswort der Runde die auch ihm zu starke Fokussierung auf Twitter noch einmal aufs Tableau bringen. So äußerte er seine Verwunderung darüber, dass die im letzten Bundestagswahlkampf noch so “hippen, trendigen” Blogs heute so gut wie keine Rolle mehr spielten. Dabei, so seine persönliche Erfahrung, bringe ein Blog eigentlich viel mehr. Denn hier hätten Politiker die Chance, in einem Blog-Posting “größer zu argumentieren, mehr über die eigene Arbeit aufzuklären”. Leider bekamen die Teilnehmer der Runde nicht mehr Gelegenheit, darauf zu antworten.
- – -
Weitere interessante Panels zum Ansehen:
Facebook im Wahlkampf sinnvoll einsetzen (Oliver Zeisberger)
Mehr zum Thema auf Readers Edition:
Pingback: Klaus Lübke Blog » Bericht vom Politcamp 09 in Berlin - update