“Ich freue mich und bin begeistert, dass so viele Bürger zeigen, dass sie mit der Symbolpolitik der Bundesregierung nicht einverstanden sind. Es gibt viele sinnvolle Maßnahmen, um gegen Kinderpornographie im Internet vorzugehen. Der Aufbau einer geheimen Zensurinfrastruktur gehört nicht dazu”, erklärt Franziska Heine, Initiatorin der Online-Petition “Internet – Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten” zum heutigen Erfolg mehr als 50.000 Mitzeichner gefunden zu haben. Nun gilt es jedoch weitere Unterstützer einzubinden. Die Initiative der 29-Jährigen hat wieder einmal gezeigt: Das Internet ist lebendiger denn je. User schließen sich zusammen und können mit geballter Kraft mehr bewegen als der Einzelne sich je erträumen könnte. Ob Boris Becker mit seinem neuesten Coup “WebTV” ebenfalls eine solche Euphorie auslösen kann, sei dahin gestellt. Unsere Autoren haben sich in der vergangenen Woche jedenfalls drängenderen Themen als dem Privatleben eines alternden Tennisstars gewidment.
Ein Gang in uns selbst
Zwar beschäftigt sich auch unser Schreiberling Kai Beisswenger schon am vergangenen Sonntag mit dem Thema Internet. Doch in “Die Verwandlung des Menschen im ‘Hier und Jetzt’ zum Zombie der Parallelwelten” beleuchtet er das virtuelle Treiben aus einer völlig anderen Warte. Denn der Segen des World Wide Webs birgt auch Gefahren. Multiple Persönlichkeiten würden hervorgebracht, die sich zwischen den verschiedenen Datenautobahnen teils gänzlich zu verlieren scheinen. Phantasiewelten werden wichtiger als die eigentliche Realität. Der Alltag rückt in den Hintergrund – wird vielmehr völlig in den Computer hinein gedrängt. Und das mit allen Konsequenzen, aber vor allem auch allen dazugehörigen “Spielzeugen”. Ein Leben ohne Handy, BlackBerry, Spielkonsolen und Co. – für manch Zeitgenossen gar nicht mehr möglich. Erst- und Parallelwelt verschmelzen. Doch wie sieht es mit einem Ausgang aus?
Auch unser Autor Daniel Nuber spricht mit seinem Beitrag “Zeit für Unruhen!“, in dem er sich auf ein umstrittenes Zitat von Gesine Schwan bezieht, unser Innerstes an. “Ich kann mir vorstellen, dass in zwei bis drei Monaten die Wut der Menschen deutlich wachsen könnte”, lautete der für Provokation sorgende Satz, dank dessen sie sich sogar eine Rüge der Kanzlerin eingehandelt hat. Über Sinn und Unsinn einer solchen Äußerung könnte man streiten. Doch auch Nuber ist überzeugt: “Gründe, um wütend zu sein, gibt es schließlich einige.” Sei es Hartz-IV, die Ein-Euro-Jobs oder etwa das desolate Bildungssystem – Nuber könnte noch viele weitere Gründe aufzählen, die die Gesellschaft in Aufruhr versetzen könnten. Er jedenfalls bedauert es zutiefst, dass im Zuge dieser Aussage nicht tiefer in die Diskussion eingestiegen und über die eigentlich Ursachen für potentielle Unruhen gesprochen wurde. Denn Zahlen stehen nun einmal für Menschen und diese “können eben wütend werden”.
Ein “kränkelndes” Volk und seine Obrigkeiten
Wut und Gewalt, das sind auch die Themen, die in dieser Woche Julien Germain bewegen. Mit “Die Volksseuche” überschreibt er seinen Beitrag, der ebenfalls auf die Psyche unserer Gesellschaft abzielt. Er sieht das Übel jedoch an völlig anderer Stelle. Der “Egoismus” erscheint ihm ein Grundpfeiler vieler Probleme im öffentlichen wie privaten Raum – mit unabsehbaren Folgen. “Für viele Menschen führt ein ausgeprägter Egoismus unweigerlich zur Gewalt, da viele Egozentriker unserer Gesellschaft zwischenzeitlich selbst diese Hemmschwelle zur Durchsetzung ihrer persönlichen Belange übersprungen haben”, stellt der Autor fest. Brutalitäten aller Art scheinen keine Grenzen mehr zu kennen. Gerade die steigende Bereitschaft der Jugendlichen eine solche auszuüben sieht er mit großer Sorge. Sein Lösungsvorschlag, dem entgegenzutreten wirkt allerdings abstrakt: “Wenn wir als Gesellschaft bereit sind, den nahezu krankhaft ausgeprägten Egoismus als den wesentlichen Baustein heutiger Gewaltarchitektur zu begreifen, kommen wir einer friedfertigeren Zukunft garantiert ein sehr großes Stück entgegen”, gibt er am Ende zu verstehen. Doch was hieße das konkret?
Vielleicht mal das Thema Kids Alkohol angehen? Diesem nimmt sich zumindest unser Autor Marius Baumann mit “Jugendsuff: Schützt die Verteuerung von Alkohol?” an. “Bereits seit längerem wird die Notwendigkeit betont, staatlicherseits vermehrt in die Prävention zu investieren”, läutet er seinen Beitrag ein. Denn zu Wahlkampfzeiten sei die “tiefe Besorgnis” selbsternannter Volksgesundheitsschützer eben besonders billig zu haben. Neueste Forderung dieser sei nämlich: “Eine Verteuerung von Alkohol soll dem Komasaufen der mächtig angeschickerten Jugend nun ein Ende setzen.” Aber mal ehrlich, ist das überhaupt nötig? Schließlich haben wir in unserer Jugend alle gelernt damit umzugehen. Oder befinden sich die Kids heute vielleicht in einer anderen Situation als wir? Ja, meint Baumann und zitiert Professor Dr. Götz Mundle, der glaubt: “Jugendliche haben heute wesentlich mehr Stress als früher.” Kein Wunder, dass da auch die alten Präventionsstrategien nicht mehr greifen. Sein Fazit fällt daher auch für manchen überraschend aus: “Verteuerung bringt was – aber nicht viel”, fügt aber sogleich hinzu: “Moderne Suchtprävention sollte auf Kompetenzen setzen”.
Ein TV-Tribunal par excellence?
Politisch wird es am heutigen Freitag auch bei Martin Böcker. “Broder, Strunz und Jermak – Ein Kommentar zum TV-Interview” ist sein Thema pünktlich zum Wochenende. In seinem Beitrag nimmt er Bezug auf den N24-Talk vom 4. Mai, in dem sich der junge Kirill Jermak, aktiv bei den Berliner Linken, dem Publizisten Henry M. Broder samt Moderator Claus Strunz gegenübersah. Der Initiator der gewalttätigsten Mai-Demonstrationen seit Jahren hat gegen die beiden Herren jedoch kaum eine Chance. “Es ist nicht so, dass Jermaks Äußerungen der Weisheit letzter Schluss sind”, glaubt auch Böcker. Doch was in dieser Sendung mit dem jungen Mann angestellt wird, das kann er nicht tolerieren. Es wird sich über ihn belustigt, ausreden darf er nur selten und so kann er sich des Eindrucks nicht erwehren: “Das Interview als Tribunal und Vorführung war hier im Vorfeld schon abzusehen, schlussendlich war es also nicht mehr, als eine öffentliche moralische Selbstbefriedigung.” Denn obwohl Broder und Strunz richtig lägen, so dürfe niemand vorgeführt werden.
Nun sind wir auch schon am Ende unserer Lesetipps angelangt. Frau Heines ePetition hat mittlerweile fast 57.000 Mitzeichner versammelt. Als “Heldin der Internetgemeinde” wird sie gefeiert. Sollte sie sich also wirklich bald Autogrammkarten drucken lassen, wie derzeit auf Twitter scherzhaft gefordert wird? Eher nicht, denn die Berlinerin gibt sich betont bescheiden: “Es geht gar nicht um mich, auch wenn ich unter dieser Petition stehe”, gibt sie zu verstehen. Die Initiative habe sich mittlerweile ohnehin selbstständigt. Und so darf gespannt abgewartet werden, wie weit die Sache noch gehen und zu welchem abschließenden Ergebnis sie führen wird.
Bis dahin haben wir hier auf der Readers Edition schon einmal Erfreuliches zu berichten. Im Monat April erreichte der Artikel “Der Deglobalisierungsschock” von Georg Erber eine durchschnittliche Leserbewertung von 5.4 Punkten, die höchste Bewertung unserer Jury mit 4 Punkten und somit den ersten Platz. Den zweiten Rang belegt “Warum “dem Sick sein Zwiebelfisch†nicht falsch ist” von Wolfgang Sobtzick mit 3 Punkten in der Jury- und 5.1 Punkten in der Leserwertung. An den Beitrag “Maggie Merkel und Finanzrambo Steinbrück” von Zbigniew Menschinski vergaben die Jury ebenfalls 3 Punkte und die Leser 4.8 Punkte und er erreicht somit den dritten Platz. Herzlichen Glückwunsch an die drei Sieger-Autoren und vielen Dank an die Jury!
Photo Quelle/Copyright: S. Hofschlaeger, via pixelio.de
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