Jugendsuff: Schützt die Verteuerung von Alkohol?

Seit mehreren Jahren bestätigen regelmäßig( von der Bundesregierung ebenso regelmäßig als “alarmierend” bezeichnete) Studien einen europaweiten Anstieg des massiven Alkoholkonsums unter Jugendlichen, während nach dem neuesten Drogenbericht der Bundesregierung nun ein deutlicher Trend des nachlassenden Konsums von Tabak und Marihuana in dieser Bevölkerungsgruppe erkennbar ist. Bereits seit längerem wird die

Gucken_JA_trinken_NEIN.jpgSeit mehreren Jahren bestätigen regelmäßig( von der Bundesregierung ebenso regelmäßig als “alarmierend” bezeichnete) Studien einen europaweiten Anstieg des massiven Alkoholkonsums unter Jugendlichen, während nach dem neuesten Drogenbericht der Bundesregierung nun ein deutlicher Trend des nachlassenden Konsums von Tabak und Marihuana in dieser Bevölkerungsgruppe erkennbar ist. Bereits seit längerem wird die Notwendigkeit betont, staatlicherseits vermehrt in die Prävention zu investieren. Zu Wahlkampfzeiten ist die “tiefe Besorgnis” selbsternannter Volksgesundheitsschützer besonders billig zu haben. Neueste Forderung: Eine Verteuerung von Alkohol soll dem Komasaufen der mächtig angeschickerten Jugend nun ein Ende setzen.

Die Suche nach Grenzerfahrungen und hohe Stressbelastung sind für die heutige Jugend typisch

Geben wir es zu: auch wir haben als Teenager heimlich Alkohol konsumiert und es war aufregend, sexy und irgendwie haben wir dabei schließlich auch gelernt, den Umgang mit dem Teufelszeug nicht jedes Mal soweit zu treiben, dass wir unser Abendbrot wieder sahen. Die Suche nach Grenzerfahrungen und das Experimentieren mit dem Verbotenen sind wie auch der heimlich Umgang mit den in der Gesellschaft vorhandenen Drogen zu jeder Zeit typische Merkmale des Jugendalters. Das dabei gerade Alkohol an Bedeutung gewinnt, ist unter den aktuellen wirtschaftlichen Bedingungen kaum verwunderlich: es ist die in Deutschland kostengünstigste und zugleich am leichtesten zugängliche Droge, deren „Anschmiegsamkeit“ an die Stimmung des Nutzers und ihre enthemmende Potenz besondere Anziehung in einem Lebensalter bewirkt, welches von Gefühlslabilität, Selbstunsicherheit und der aufgeregten Entdeckung der Sexualität gekennzeichnet ist. Rechnet man hinzu, dass die Bedeutung von Bildung zunimmt, gleichzeitig aber weniger Möglichkeiten bestehen, qualifizierte Bildungsabschlüsse zu erwerben und dass sich der Druck der wirtschaftlichen Gesamtsituation gerade auf jene auswirkt, von denen regelmäßig verlangt wird, nun einen Lebensplan zu entwerfen, ist der Aussage des Mediziners Prof. Dr. Götz Mundle nur zuzustimmen: Kinder und Jugendliche haben heute wesentlich mehr Stress als früher.

Warum die alten Präventionsstrategien nicht greifen

Suchtprävention aus der guten alten Zeit sah vor, dass man Jugendlichen – stets mit eindringlich warnenden Unterton – Aussehen, Zusammensetzung und schädliche Folgewirkung verschiedenster Drogen erklärte und sie streng mahnte, doch nicht so dumm zu sein, ihrem Körper und ihrem Gehirn einen Schaden zu tun. Bei dieser Strategie wurde jedoch vernachlässigt, dass es gerade Jugendliche sehr attraktiv finden, den Werten und Normen der Erwachsenenwelt nicht zu entsprechen, dass sie im besonderen Maße dazugehören wollen und dadurch empfänglicher für den Gruppendruck sind und das es im Allgemeinen der menschlichen Natur entspricht, eher anhand kurzfristig positiver Erfahrungen Verhalten zu erlernen, auch wenn dies langfristig negative, aber eben nicht unmittelbar erlebbare Folgewirkungen zeitigt. Zudem ist die Fähigkeit, langfristige Folgen des eigenen Verhaltens einzuplanen gerade im Jugendalter noch nicht ausreichend entwickelt, um abstrakte Warnungen hinreichend zu berücksichtigen. Dessen ungeachtet wurden Milliarden in diese Art der Prävention investiert, bis ab Mitte der neunziger Jahre (auch aufgrund zahlreicher Studien, die diese Strategie als wirkungslos belegten) ein Umdenken stattfand. So setzte die Anfang der Neunziger Jahre gestartete, milliardenschwere Kampagne „Keine Macht den Drogen“ auf eine eher lebensbejahende Ansprache. Gleichwohl sind die Motive und sozialen Umstände des Rauschmittelkonsums heute wesentlich komplexer, alte Ansätze berücksichtigen auch zu wenig den Ritualcharakter gemeinsamen Konsums, wie Forscher betonen.

Verteuerung bringt was – aber nicht viel

Die nun vorgeschlagene, höhere Besteuerung von Alkohol entspricht übrigens einem bereits seit längerem geplanten Aktionsprogramm, obwohl dies noch im Dezember 2008 dementiert worden war und setzt im Sinne eher konventioneller Strategien auf eine finanzielle Erschwerung des Konsums. Das viel beschworene Beispiel Schweden zeigt jedoch deutlich die Schwächen dieses Ansatzes: dort halten Jugendliche ihren Spiegel mit Selbstgebrannten und Schmugglerware auf Hochstand. Dass Maßnahmen der Gesetzgebung prinzipiell nur eingeschränkt wirksam sind, belegen auch die Ergebnisse jugendlicher Alkoholtestkäufer unter Aufsicht von Polizei und Ordnungsamt in Bremen und Bremerhaven. Diese konnte in fast 80 % der Fälle Alkohol erwerben. Somit ist davon auszugehen, dass die Forderung nach einer Verteuerung von Alkohol eine lediglich kurzfristige, populistische, wahljahrtypische und schlussendlich kaum wirksame Maßnahme darstellen dürfte.

Moderne Suchtprävention sollte auf Kompetenzen setzen

Unter Suchtforschern gilt es mittlerweile schon als ein alter Hut, dass wirkungsvolle Präventionsmaßnahmen nicht in Abschreckung oder Erschwerung des Konsums allein bestehen können. Stattdessen wird heute davon ausgegangen, dass bereits lange vor dem eigentlichen Einstiegsalter sowohl soziale als auch emotionale Kompetenzen Jugendlicher gefördert werden sollten. Die Grundidee dabei ist, dass Jugendliche, die sich als sozial integriert erleben, mit Belastungen und Unsicherheiten umgehen können und allgemeine Fähigkeiten zu einer positiven, problemlösenden Lebensgestaltung besitzen, weniger empfänglich für die kurzfristige Entlastung durch den Rausch sein dürften. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der schulischen Suchtprävention, da Kinder und Jugendliche gerade dort mit Gleichaltrigen in Kontakt kommen und wesentliche Lernerfahrungen machen. Beispielhaft wurde in Österreich ein Katalog mit Qualitätskriterien schulischer Suchtprävention entwickelt, der einen kompetenzorientierten Ansatz vertritt. Ein Musterbeispiel – allerdings ein langfristiges und somit wohl nichts fürs Wahljahr 2009.

Bildquelle: pixelio.de (Friese 1962)

PS: Auch die gestrige Ausgabe der NDR-Sendung Extra 3 hat sich mit dem Thema auseinandergesetzt:

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Die Situationsbeschreibung im ersten Teil finde ich recht gut. Wenn es aber zu den Präventionsstrategien kommt, entfernt sich der Artikel von den Tatsachen. Die anfangs der Neunzigerjahre aufgekommene Verhaltensprävention war zum vornherein zum Scheitern verurteilt, weil sie finanziell nicht flächendeckend zu realisieren ist. Sie hatte zur Folge, dass alle Mittel von der strukturellen oder Verhältnis-Prävention abgezogen wurden, die fast ausschliesslich die Schäden reduzieren kann. Als ich das unsern staatlichen Präventionsfachleuten voraussagte, wurde ich ausgelacht. Inzwischen, 2003, haben Thomas Babor u.a. in ihrem heutigen Standardwerk “Alcohol – no ordinary commodity” (2005 auf deutsch: “Alkohol – kein gewöhnliches Konsumgut” nachgewiesen, dass die aufklärende Prävention, wie sie in Schulen und in der Oeffentlichkeit betrieben wird, praktisch wirkungslos ist, weil sie nur das Wissen vermehrt, aber nicht das Verhalten ändert.
    Die Massnahmen, die den Konsum reduzieren können sind wissenschaftlich nachweisbar 1. die Preispolitik (Alkoholsteuern, Mindestpreise, keine Billigaktionen), 2. die Einschränkung der Erhältlichkeit (Oeffnungszeiten, Lizenzen), 3. tiefere Promillegrenze im Verkehr, 4. höheres Mindestalter (Jugendschutz), 5. Werbeverbote; die Wirksamkeit in dieser Reihenfolge.

    Alle gegenteiligen Behauptungen sind falsch und entspringen dem Wunschdenken von Politikern, die es nicht wagen, den Tatsachen ins Auge zu blicken oder beruhen auf Aussagen von Lobbyisten der Alkoholindustrie, die um ihren Gewinn bangen.
    Dass höhere Preise den Konsum senken und tiefere Steuern diesen anheizen ist im letzten Jahrzehnt in Europa mehrmals praktisch erlebt worden, auch in Deutschland mit der Alcopopsteuer. Selbstverständlich nützen Jugendschutzgesetze nur, wenn sie auch durchgesetzt werden. Ermahnungen an Händler sind nicht hilfreich und ein Verzögerungsmanöver zu Gunsten der Alkoholwirtschaft, zu Lasten unserer Jugend. Die Einschränkung der Werbung oder besser ihr Verbot würde es ermöglichen, die alkoholfreundlichen Botschaften aus der Umwelt, die ständig auf uns einwirken, auszuschalten, was zur Folge hätte, dass die Prävention bei Jugendlichen glaubwürdiger und damit erfolgreicher würde. Beim jetzigen Zustand der Gesellschaft hat sie keine Chance. Ihre negative Vorbildwirkung wird von der Werbung mitverursacht.
    Einzelne Massnahmen sind schwierig einzuführen, weil die dabei Betroffenen immer reklamieren, das sei nicht die richtige Massnahme, eine andere sei besser. Darum schnüren verantwortungsbewusste Regierung ein ganzes Massnahmepaket. Leider ist die Alkohollobby in Europa immer noch so stark, dass ausser in Skandinavien, wo der Staat das Alkoholmonopol lange besass (im Einverständnis aller wichtigen Parteien) noch wenig grosse Fortschritte gemacht wurde. Immerhin muss gesagt werden, dass Italien und Frankreich, als grosse Weinländer, in den letzten 50 Jahren enorme Fortschritte fertig brachten.