China: Isaac Mao: #twinterview mit Hu Yong

Wer am Donnerstag (8. Mai) den #China-Twitter-Stream aufmerksam verfolgt haben, erwartete eine Überraschung: Isaac Mao begann per Twitter Hu Yong zu interviewen. Hu Yong ist Assistenzprofessor für Neue Medien an der Peking University und Autor mehrerer Bücher über Internettheorie und -kultur. Hier das Transkript von Maos Blog, Isaac 2.0: “Frage

Wer am Donnerstag (8. Mai) den #China-Twitter-Stream aufmerksam verfolgt haben, erwartete eine Überraschung: Isaac Mao begann per Twitter Hu Yong zu interviewen. Hu Yong ist Assistenzprofessor für Neue Medien an der Peking University und Autor mehrerer Bücher über Internettheorie und -kultur.

Hier das Transkript von Maos Blog, Isaac 2.0:

Frage 1: Sie haben als einer der ersten in China die Internet-Welle vorausgesehen. Wie haben sich die Dinge seit damals verändert?
Antwort 1: Damals war es wie Adam und Eva in einem einfachen Garten. Nun ist das ‘verlorene Paradies’ ein Dschungel geworden, in dem auch das Gesetz des Dschungels herrscht.

Frage 2: Aber in ‘Being Digital’ scheinen die Dinge nicht so kompliziert? War das damals vielleicht zu idealistisch?
Antwort 2: In ‘Being Digital’ ist es mir vor allem darum gegangen aufzuzeigen, dass die Gesellschaft der Zukunft aus Bits und nicht aus Atomen bestehen wird. Das erklärt, warum so viele Industrien heutzutage in Schwierigkeiten stecken, und es erklärt auch, warum die chinesische Regierung so immense personelle und materielle Ressourcen in Firewall-Technologien steckt. Natürlich war ich damals genauso optimistisch wie Nicholas Negroponte und habe noch an die ‘glücklichen’ Bits geglaubt.

Frage 3: Aber ich bin noch immer skeptisch, vor allem in Bezug auf China: Werden die Bits eine Veränderung in den traditionellen Denkweisen bewirken können?
Antwort 3: Eine Veränderung in traditionellen Denkmustern kann nicht über Nacht passieren. Die Bits haben aber bereits eine immer stärker werdende ‘Kakophonie’ bewirkt: Früher einmal waren wir vollkommen stumm, aber jetzt, wo zum ersten Mal eine Gelegenheit, sich zu äußern, existiert, reden wir nicht, sondern wir schreien gleich. Aber wir dürfen die Rolle des Redens nicht unterschätzen: Es ist die eine Therapie für eine psychologische Wunde, die eine Wunde heilen kann, die China durch die jahrtausendelange Autokratie zugefügt worden war.

Frage 4: Ich möchte auf Ihr Buch ‘The Rising Cacophony’ zu sprechen kommen. Jeder schreit, und jene, die die besten Möglichkeiten haben, sich Information und Gehör zu verschaffen, scheinen sich am meisten Sorgen zu machen, während jene Menschen, die keinen Zugang zu Informationen haben, am stillsten zu sein scheinen. Ist das Ihrer Sicht richtig?
Antwort 4: Gute Frage! Daher müssen jene, die über mehr Informationen verfügen, sich auch anstrengen, mehr Dialog und Diskussion in Gang bringen. Manchmal bewaffnen wir uns zu Tode mit neuen Technologien. Wir lassen uns von Technologie förmlich ersticken und vergessen dabei ganz die Grundlagen der Gesellschaft. China muss heute eine ganze Reihe fundamentaler sozialer Fragen diskutieren. Eine Gesellschaft, die sich weigert, die dringlichsten Probleme anzusprechen, die führt entweder in den Totalitarismus oder sie bringt sich selbst um.

Frage 5: Ihre Erfahrung im Fernsehen hatte auch große Auswirkungen, ich denke zum Beispiel an die Veränderungen in CCTV-2. Was hat die relativ größere Bedeutung?
Antwort 5: Ich bin gegen jede Haltung, die für ein ‘nicht schauen, nicht surfen, nicht hören, nicht reden’ ist, was CCTV-News, Propagandaprogramme oder auch Webseiten betrifft, denn jedes noch so kleines Territorium will erobert sein.

Frage 6: Im Info-Rhizome-Report sagen Sie über die Beziehung zwischen Medien und Macht, dass die neuen Medien diese Beziehung radikaler zu verändern scheinen, gleichzeitig aber sehr effektiv auf einen gewissen Einflussbereich beschränkt bleiben. Wenn wir uns die Geschichte der Medien anschauen: Kann sich das je ändern?
Antwort 6: Foucault sagte einmal: ‘Dass die Macht Bestand hat, dass man sie annimmt, wird ganz einfach dadurch bewirkt, dass sie nicht bloß wie eine Macht lastet, sondern dass sie in Wirklichkeit die Dinge durchläuft und hervorbringt, Lust verursacht, Wissen formt und einen Diskurs produziert’. Neue Medien jedoch revoltieren gegen die Selbstherrlichkeit des ‘Nein’, aber auch gegen das Transversale des ‘Ja’. Deshalb müssen wir uns an Orwell erinnern und dürfen auf keinen Fall Huxley vergessen.

Frage 7: In den USA sind die traditionellen Medien an einem Ende angekommen, sie suchen verzweifelt einen Ausweg. Lässt diese Nervosität etwas Gutes für einen sanften Übergang der chinesischen Medien ahnen?
Antwort 7: Der Übergang wird für Zeitschriften und Bücher viel leichter sein, weil sie sehr marktorientiert sind. Für das Fernsehen wird es schon schwieriger werden, weil in China das Fernsehen eine sehr verzerrte Struktur aufweist und sowohl durch die Ideologie als auch durch seinen Monopolstatus belastet ist. Wie dem auch sei: Eine Investition von 45 Milliarden Renminbi für ‘Öffentlichkeitsarbeit nach außen’ ist einer Transformation nicht gerade förderlich.

Frage 8: Diese ‘Öffentlichkeitsarbeit nach außen’ verstehe ich nicht ganz: Schafft das nicht ganz viele Arbeitsplätze für Ausländer?
Antwort 8: Ein Journalismusprofessor der University of Southern California, Nicholas Cull, hat es sehr präzise formuliert. Er sagt, dass die chinesische Regierung sich auf Zeitungen, Fernsehen und Kulturaustausch stützt und damit versucht, eine ‘interne Propaganda durch äußere Propaganda’ zu schaffen. Mit anderen Worten: Für die chinesische Regierung ist es am wichtigsten, dem chinesischen Volk zu vermitteln, dass die chinesische Kultur in der ganzen Welt propagiert wird. Viele Leute bezweifeln die Wirkung dieser Form von ‘Öffentlichkeitsarbeit’ und meinen, das sei ein Irrweg.

Frage 9: Wie steht es mit den chinesischen Uni-Professoren? Müssen sie sich regelmäßig vor ihren Studenten selbst zensurieren? Was sind die Kriterien dafür?
Antwort 9: Kriterien? Da gelten die gleichen wie für die Medien. Die Frage ist immer, wie weit man sich hinauszulehnen wagt. Früher gab es in Amerika einmal einen Witz über die Definition von obszönem Material: ‘Obszönes Material? Ich weiß, ob etwas obszön ist, sobald ich es sehe.’ Ob in China eine Meinungsäußerung angemessen oder illegal ist, wird auch so beurteilt.

Frage 10: Wenn es das Internet schon vor zwanzig Jahren gegeben hätte, wäre die Gesellschaft dann heute ein bisschen optimistischer, als sie es heute ist?
Antwort 10: Haha, zurück in die Zukunft … Die 1980er Jahre waren die besten der letzten sechzig Jahre in China. Damals hatten wir wenigstens zwei ‘Hauptsachen’: Die ‘Hauptsachen, die die Leute wissen müssen’ und die ‘Hauptsachen, die die Leute diskutieren müssen’. Eigentlich erfüllt das Internet ja beide Hauptsachen. Das ist doch noch ein bisschen optimistischer?

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Global Voices. Die Übersetzung erfolgte durch Ingrid Fischer-Schreiber, Teil des “Project Lingua“. Die Veröffentlichung auf der Readers Edition erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Global Voices.

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