Dieter Hildebrandt bei den Ruhrfestspielen: genial – Oder was ist ein Pfau schon gegen einen Strauß?

Die Ruhrfestspiele Recklinghausen 2009 sind bereits über eine Woche im Gange. Aber noch befinden sich jede Menge kulturelle Pfeile im Veranstaltungsköcher. Ein vielseitiges Angebot an Theaterinszenierungen wartet auf die Besucher aus nah und fern. Natürlich werden auch die Kabarettfreunde wieder auf ihre Kosten kommen. Leider nicht alle. Denn die Nachfrage

Dieterhildebrandt2009stille 004.jpgDie Ruhrfestspiele Recklinghausen 2009 sind bereits über eine Woche im Gange. Aber noch befinden sich jede Menge kulturelle Pfeile im Veranstaltungsköcher. Ein vielseitiges Angebot an Theaterinszenierungen wartet auf die Besucher aus nah und fern. Natürlich werden auch die Kabarettfreunde wieder auf ihre Kosten kommen. Leider nicht alle. Denn die Nachfrage ist wie immer größer als das Angebot sein kann. Allein diese Tatsache wiederlegt so manch großkotzig ins Blatt geknallte Feuilletonansage neoliberal gepolter Schreiberlinge der letzten zwei Jahrzehnte: wonach das politische Kabarett endgültig tot sei. Auch das Urgestein des deutschen Nachkriegskabaretts, Dieter Hildebrandt, kann sich nahezu jeden Abend aufs Neue davon überzeugen, dass diese Todesanzeige verfrüht und ohne Kenntnis der Wirklichkeit geschrieben wurde.

Ja, mehr noch: die Leute kommen freiwillig zu ihm in die Vorstellung. Und sind selbst mitten in der Krise auch noch bereit, Geld dafür zu bezahlen. Totgesagte leben eben bekanntlich länger. Die Totsager mögen wohl mit der Hoffnung gespielt haben, das beliebige, das Verdummende würde auch die Brettl’-Bühnen samt ihren Protagonisten in den Orkus des Vergessenen hinabspülen, damit die Gesellschaft insgesamt so cool und aalglatt werde, wie manch Typ es bereits inzwischen ist. Abziehbilder, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit unseren neuen Wirtschaftsminister von und zu Guttenberg haben, dem die Haare in der Art glattgegelt und glänzend an der Kopfhaut pappen.

Ein kabarettistischer Parforceritt durch die Zeiten

Am vergangenem Sonnabend war Dieter Hildebrandt – in wenigen Tagen wird er das 83. Lebensjahr erreicht haben – im Recklinghäuser Kabarett-Zelt zu Gast. Sein Programm lautet diesmal: “Nie wieder Achtzig – Das Beste vom Meisten” Und wie er da war! Ganz der Alte. Wer mit ihm da war, eine der begehrten Karten ergattert hatte, konnte einen satirischen Parforceritt der Sonderklasse erleben. Hildebrandt, der geborene Oberschlesier, der wie er selber sagt “froh ist, in Bayern leben zu dürfen”, hat nichts von seiner Bissigkeit verloren. Rückblickend ist er gleichzeitig immer auch im Hier und Jetzt. Beziehungsweise springt zwischen den Zeiten rasend schnell hin und er und auf und ab. In die Weltwirtschaftskrisen-Wunde legt er ganz selbstverständlich bohrend seinen Finger, darin die Ursachen heraufbefördernd und deren Verursacher unverblümt beim Namen nennend. Auch das. Wie könnte das fehlen, wo wir doch nun alle mehr oder weniger in jenen Schlamassel hineingeraten sind oder später erst geraten werden. Vieles wird den gegenwärtig Lebenden erst im kabarettistischen Rück-Spiegel klar. Dann erst erschrecken wir über den allgemeinen geistig-moralischen Verfall, welcher in den vergangenen Jahrzehnte Einzug in unseren Alltag, die Gesellschaft, hielt. Dieser im Grunde begann mit dem Zeitpunkt schon, da Helmut Kohl die geistig-moralische Wende postulierte und dann ohne Rücksicht auf Verluste ‘drauf los und durchregierte. Und der sogenannte Sozialdemokrat Schröder und jetzige Gaz(prom)-Mann (“dessen Rente ist sicher. Gut, dass wir ihn von der Straße haben.”) baute fleißig auf Kohls politischen Leistungen auf und damit das Soziale in der Gesellschaft noch weiter ab.

Hildebrandt fühlt sich vergesäßelt

Nein, Hildebrandt ließ und läßt sich nicht für dumm verkaufen. Dass sollten auch wir nicht zulassen. Obwohl es nicht einfach ist. Schließlich schritt, wie nicht nur Hildebrandt feststellen konnte, die Verdummung mit Siebenmeilenstiefeln voran. Unter sich so manches plattwalzend, das einst maßgebend und sozial-marktwirtschaftlich gewesen war. Und das V-Wort  – die Verdummung – macht auch in Krisenzeiten munter weiter die Runde. Dieter Hildebrandt dazu: Da fühle ich mich immer öfters vergesäßelt. Hildebrandt – so fit möchte manch Junger gerne sein – ist nach wir vor einer, der es versteht, auf  die brilliante Art und Weise Pointen zu setzen. Scheinbar und dann wirklich vom Thema, vom Konzept abschweifend, ist er danach verblüffend schnell wieder auf dem Punkt. Er setzt Kommas, dass einem der Atem stockt. Denn erst so wird das Wesentliche deutlich, dass andernfalls harmlos klänge und wohl überhört werden würde. Denn: Auf die Betonung kommt es an. Die deutsche Sprache kann schnell mißverständlich sein. Wenn man Hildebrand so dasitzen, so tief drin iund konzentriert bei seiner Arbeit beobachten darf und darin Mal für Mal aufgehen sieht, bemerkt man das Aufblitzen seiner wachen Augen. Noch immer blimkt darin das spitzbübische, das schelmische, durchtriebene Leuchten auf, welches man bereits auf Photos erkennt, die den ganz jungen Hildebrandt abbilden.

Auch Pfauen-Schreie schaffen Hildebrandt nicht

Natürlich, Stammbesucher des Recklinghäuser Theaterzeltes konnten es vorausahnen und damit rechnen: Der oder die unweit des mobilen Kulturtempels in ihrer Voliere wohnenden Pfaue “spielten” auch diesmal wieder mit. Kabarettist Hagen Rether machte diese sicher einmalige Erfahrung schon 2007. Sind sie nun Kabarettfreunde oder Feinde der Brettl-Kleinkunst, diese Tiere? Man wird nicht schlau aus ihnen. Jedenfalls schreien sie an den unterschiedlichsten Stellen hinein ins laufende Programm. Festnageln lassen sie sich da nicht. Haben sie etwas gegen Merkel, wenn deren Namen fällt, oder lieben sie die mit ungebremster Vorliebe Hosenanzug tragende protestantische Pastorentochter? Warum ertönt ihr Schrei da oder dort? Witzig, dass Hildebrandt die Pfauenrufe zunächst für die Schreie miauender Katzen hielt. Bis ihn jemand aus dem Publikum von seinem Irrtum kurierte. Dann – öfters – kreiste ein Helikopter über dem Zelt. Hildebrandt: “Wird jemand von ihnen gesucht, oder abgeholt? Wer also mochte da kreisen: “Schäuble?” – Der Grandseigneur des deutschen Kabaretts jedenfalls ließ sich nicht beirren. Fand stets seine und wenn’s drauf ankam immer auch die richtigen auf die Situation passenden Worte und danach wieder in seinen um eine neue Variante reicher gewordenen Ur-Text zurück. Was für Gedankengänge, hergestellt in Sekundenschnelle: VW wird da zu “Pfau Weh”. Dann wieder Pfauenschreie – als hörten die mit -, die durch Mark und Bein gingen: “Der muss Schmerzen haben.”, “Spreizen er sich jetzt?”, “Wann geht der schlafen?”. Später, als plötzlich mehrstimmig anmutende Pfauen-Rufe ertönten: “Haben die gejungt?” Die Pfauen können auch Hildebrandt nichts. Der überstand schon den Strauß, was kann da ein sich spreizender Pfau noch anrichten? Apropos Strauß: Klaus Bölling erzählte Hildebrandt einmal diese Story: Eine sich Journalistin nennende Dame meldete sich im Willy-Brandt-Haus. Sie wolle eine Geschichte über die SPD machen. Deshalb hätte sie gern mit Herbert Wehner gesprochen. Der war aber bereits verstorben. Man schaltete im SPD-Hauptquartier: Wehner sei gerade nicht zu erreichen. Er hätte eine Unterredung mit Franz-Josef Strauß. Der aber weilte ebenfalls bereits nicht mehr unter den Lebenden. Die Journalistin gab jedoch nicht auf: Dann, so die Dame, rufe ich halt später nochmal an. Soviel zum Zustand des Journalismus hierzulande. Bestätigen Ausnahmen die Regel? – Und schon ist Hildebrandt aufs weitere Mal scharfzüngig bei einer Frage, die ihn umtreibt: “Wir haben immer mehr Alte. Wo kommen die bloß her? “Früher”, so Hildebrand in seinen Gedanken zackig abknickend, “gab es so viel Holländer. Die waren überall. Jetzt haben wir die reichen Russen. Wie kriegen wir die wieder aus unseren Fünfsternehotels ‘raus?”

Rettet uns die Revolution der renitenten Alten?

Im Alter wird der Mensch renitenter. Das stimmt. Angesichts des Stands der schon ziemlich weit fortgeschrittenen Verdummung unserer Gesellschaft und eines elektronisiert-hochtechnisierten und computergesteuerten Alltags, wo es überall, beispielsweise im Auto aber auch mehr und mehr selbst im eignen Heim, “piept, knurrt und möpt”, wo bestimmte Dinge beinahe schon veraltet sind, wenn sie auf den Markt kommen; setzt Hildebrandt auf die renitenten Alten. Wird von ihnen die nächste Revolution ausgehen?

Dieterhildebrandt2009stille 001.jpgNach einer vom begeisterten Publikum erklatschten Zugabe, signierte der junge Alte Dieter Hildebrand noch sein Buch “Nie wieder Achtzig”. Dabei flüsterte ihm ein Zuschauer, dass er manchmal mit dem Pfau dahinten in seiner Voliere rede. Hildebrandt nahm das anerkennend nickend und interessiert zur Kenntnis und schrieb weiter fleißig Widmungen in die Bücher. Heute Abend tritt Hildebrandt im “Kni – ki” in Salzgitter auf. Das Tourprogramm auf seiner Homepage. Der Mann ist gewohnt und bewährt genial. Er trifft spitzzüngig wie immer direkt ins Schwarze. Treffen Sie Hildebrandt wo immer sie ihn auf der Brettl’-Bühne erwischen können. Aber besorgen Sie sich rechtzeitig Karten! Das Kabarett ist tot? Es lebe das Kabarett!

Photos: Autor

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  1. Hildebrandt wie immer ein Meister der Extreme . Hochintelligente und saudumme
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