Es ist ein großer Kampf, den Dr. Dieter Wiefelspütz seit Tagen kämpft. Er tritt, er beisst, er ist der Lonesome Cowboy und der schwarze Rächer, er teilt verbale Knieschüsse aus und schlägt unter die Gürtellinie. Dr. Dieter Wiefelspütz, im wahren Leben ein kleiner, klapperdürrer Mann mit einer “Helge-Schneider-Gedächtnisfrisur”, erwehrt sich seiner Feinde mit Arroganz und Kälte, er will kein Mann des Volkes sein, denn das Volk stellt nur dumme Fragen. Er sucht sich die Leute, die überhaupt nur das Wort an ihn richten dürfen, sorgfältig aus.
Viel Erfolg hat Dr. Dieter Wiefelspütz damit nicht auf der Bürgerfrage-Plattform abgeordnetenwatch.de. Seit der gelernte Buchhändler vor einigen Tagen in einem Zeitungsinterview mitgeteilt hatte, er habe beschlossen, dass Paintball sittenwidrig sei, weshalb es “das in Zukunft nicht mehr geben” werde, ist der innenpolitische Sprecher der SPD, der heuer sein 22. Jahr im Bundestag absitzt, Lieblingsfeind des amorphen Gebildes, das er selbst “die Internet-Gemeinde” nennt.
Auf abgeordnetenwatch.de stellt die dem 63-Jährigen nun fortlaufend mehr oder weniger respektlose Fragen.
So wollen Menschen wissen, wieso Dieter Wiefelspütz Paintball-Markierer verbieten will, nicht aber Wasserpistolen. Oder sie wünschen zu erfahren, warum das Schießen mit Farbkugeln eine “Tötungssimulation” (Wiefelspütz) sein soll, das Degenfechten aber nicht. Und schließlich setzen sie den frei gewählten Parlamentarier auch noch unter Druck: Ob er denn schon mal von Begriffen wie DNS und TLD gehört habe? Wo er doch einer der Fürsprecher der Internetzensur sei?
Dr. Dieter Wiefelspütz macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. “Ich habe diese Begriffe noch nie gehört oder gelesen. Ich stamme nämlich aus dem vergangenen Jahrtausend. DNS, TLD, GAGA, GOGO, TRALAFITTI oder was?”, antwortet er souverän.
Ist ihm doch scheißegal, wenn der Fragesteller sich dann fragt: “wie Sie sich zu solch einer respektlosen Antwort hinreißen lassen” können? “Ihnen müsste doch klar sein, dass durchaus auch potentielle Wähler solche Antworten lesen, und sich daraufhin drei mal überlegen, sich von einer Person vertreten zu lassen, die einen derartigen Umgang mit anderen Menschen pflegt.”
Wiefelspütz´ Antwort lautet übersetzt ins Deutsche: Dann leck mich halt. Potentielle Wähler? Dass er nicht lacht! Was interesieren ihn Wähler? Das kann er gut, so eisig aus dem Rechner blasen. Aber immer korrekt. “Mit freundlichen Grüßen” steht unter jedem Eintrag, der meist nicht einmal vorgibt, eine Antwort simulieren zu wollen.
Dr. Dieter Wiefelspütz lebt in seiner eigenen Welt, das gemeine Volk darf ihn wählen, es durfte ihn bis hierher mit rund zwei Millionen Euro aushalten – aber Rechte kann es daraus nicht ableiten.
Wenn da einer etwa frech fragt, “warum das Waffengesetz so uneinheitlich geregelt ist. In Schützenvereinen wird mit Großkaliber geschossen, was weiter erlaubt bleibt, und im gleichen Atemzug wird sich gegenseitig mit Farbkugeln zu beschiessen als sittenwidrig erklärt”, dann kriegt er, was er verdient.
Keine Antwort. “Paintball hat mit Waffenrecht nichts zu tun, weil beim Paintball keine Waffen benutzt werden. Paintball hat etwas mit Ordnungsrecht und Gewerberecht zu tun”, belehrt Dr. Wiefelspütz. Man sieht ihn richtig den Wollkopf schütteln angesichts von so viel Ahnungslosigkeit da unten in der Schweinesuhle, wo das liebe Vieh auf den allwissenden Doktor wartet, damit der seine Krankheiten mit vielen neuen Verboten heile.
Es sei “nach unserem Waffenrecht strikt verboten, statt auf eine Scheibe auf das Bild eines Menschen zu schießen. Auf das Bild eines Menschen zu schießen ist sittenwiedrig” (sic). Der Politiker aus Unna ist ja auch Rechtsanwalt, also geübt im Voltenschlagen: “Denkbar ist auch in diesem Zusammenhang von einer Verletzung der Würde des Menschen zu sprechen”, führt er aus. Denkbar durchaus, dass er meint, keiner bemerke, was das für ein Blödsinn ist. Und weiter: “Ich halte es für sittenwidrig bzw. für eine Verletzung der Menschenwürde, das Töten eines Menschen zu simulieren.”
Er hält es also. Dann ist es ja so.
Wissenschaftliche Studien oder eigene Erfahrungen mit Paintball braucht Dieter Wiefelspütz schon lange nicht mehr. Für nichts. Verbotsgrund sei nach seiner Überzeugung die “Sittenwidrigkeit bzw.die Verletzung der Menschenwürde”. Das sei eine Rechtsfrage. Und “ich bin nicht nur Volksvertreter sondern auch Rechtswissenschaftler”, stellt der im Nebenberuf als Kurator der Stiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft” tätige Innenpolitik-Experte klar: “Ich benötige keine wissenschaftlichen Gutachten, um Fragen der Menschenwürde zu beurteilen. Das kann ich selber.”
Kommt gut an, draußen im Land, wo sie sich alle seit 64 Jahren nach der Peitsche sehnen, nach Zucht und Ordnung und einem Mann ganz oben, der nicht lange Studien liest, sondern Fragen der Menschenwürde einfach mal selbst entscheidet: Dem Letzten, der sich das zutraute, weil er nicht nur Reichskanzler, sondern auch Vegetarier mit Ausnahme von Leberknödelsupope war, flogen die Herzen von Jung und Alt nur so zu.
Sein Nachfolger trifft derzeit leider gelegentlich noch auf staunendes Unverständnis: “Entspricht es Ihrer allgemeinen Auffassung von Demokratie, dass man als innenpolitischer Sprecher der SPD Bundestagsfraktion Menschen, die sich mit ihren Fragen und Ängsten an Sie wenden, anpöbeln und mit unsachlichen Äußerungen wie “DNS, TLD, GAGA, GOGO, TRALAFITTI oder was?” zum Narren halten sollte?”, beklagt ein Steuerbürger, bietet aber devot gleich nachfolgend an: “Sollte dies zutreffen, bitte ich darum, dass Sie meine Frage ignorieren.”
Nur wenn Dr. Dieter Wiefelspütz “an einem echten politischen Diskurs interessiert” sei, könne er ja doch mal “erläutern, warum Sie Paintball für sittenwidrig halten, während das Schießen mit scharfer Munition nicht sittenwidrig ist und das auf Menschen sogar noch als Verteidigung des Vaterlands am Hindukusch heroisiert wird.”
Was aber noch wichtiger sei und deshalb vorrangig beantwortet werden solle: “Wieso Sie der Meinung sind, dass etwas verboten werden sollte, nur weil Sie es für sittenwidrig halten?”
Mit dem PS verscherzt der Fragesteller ist sich freilich gleich wieder bei sozialdemokratischen Domina: Um einer Antwort a la “ich habe mich zu Amokläufen, zum Medien- und Waffenrecht und nicht zuletzt zum Paintball-Verbot in zahlreichen Stellungnahmen sehr ausführlich und sehr differenziert geäußert und meine Überzeugung begründet. Diese Stellungnahmen sind klar, deutlich und allgemeinverständlich. Meine Beiträge haben in den Medien eine große Verbreitung gefunden.” Vorzubeugen, muss ich zu meiner Schande eingestehen, dass ich mithilfe von Google und den Suchbegriffen “Wiefelspütz” und “Paintball” immer nur auf Ihren einen Satz gestoßen bin, der da lautet “Paintball ist sittenwidrig. Das wird es in Zukunft nicht mehr geben”.
Vielleicht hätten Sie die Güte, mir einen Link zu einer dieser Stellungnahmen zu übersenden.
Link! Link! Was soll das wieder sein? Neinnein, so einfach kriegt man Dr. Dieter Wiefelspütz natürlich nicht. Wenn keine Tür mehr da ist, geht Mann mit dem listigen Mausgesicht nämlich durchs Fenster:
“Sehr geehrter Herr, mir gefällt der Ton Ihrer Frage nicht. Es fehlt Ihnen an Respekt. Suchen sie sich einen anderen Gesprächspartner”, schreibt er kalt lächelnd.
Wieder einen in die Arme der Extremisten getrieben. Das gibt noch mal Extra-Fördermittel für die Stiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft”, die ihn dort mit einer großen Plakatkampagne, ein paar “Hingucken”-Aufklebern und einer CD mit Xavier-Naidoo-Liedern wieder rausholen wird.
Ja, mit freundlichen Grüßen
Dr. Dieter Wiefelspütz, MdB
Quelle: politplatschquatsch.com
Die abgeordnetenwatch – Seite von Wiefelspütz ist wirklich ein Geheimtip. Ich habe jeden der Beiträge regelrecht verschlungen und sie haben ausserordentlich zu meiner Meinungsbildung und Wahlentscheidung beigetragen.
Dass Herr Wiefelspütz aber nahezu alle Beiträge und Fragen beantwortet sollte man ihm wenigstens hoch anrechnen. Dafür dass er – im Gegensatz zu manchen Kollegen – dabei so ehrlich ist und dem geneigten (Internetgemeinde)-Leser so offensichtlich und geradlinig ins Gesicht spuckt, sollte man ihm dankbar sein. So einer ist mir allemal lieber als einer der tarnt, trickst und täuscht.