“Ich nenne mich selbst einen Weinliebhaber”, prahlt der Geschäftsfreund, der mir nach langen Jahren intensiver Zusammenarbeit erstmals seine Schatzkammer zeigt: seinen Weinkeller. Es muss ein Vermögen gekostet haben, unter der neuen Immobilie diesen Gewölbekeller zu errichten. Die Temperatur wird mit den entsprechenden technischen Geräten ebenso gesteuert wie die Luftfeuchtigkeit. Die entsprechenden Daten werden vom Hausherr persönlich in ein Logbuch eingetragen, das zudem alle Verkostungsergebnisse der vergangenen sieben Jahre enthält. Na gut, gibt er zu, nicht für die leichten Weißweine, die er im Sommer auf der Terrasse konsumiert, jedoch für alle Rotweine, die zu edlen Speisen gereicht wurden.
Nach dem Hauptgang wird ordentlich protokolliert: Der Cabernet Sauvignon verfügt tatsächlich über intensive Cassis-Noten, feine Würzaromen und dezente Vanillenoten, die der Wein dem Ausbau im Eichenfass zu verdanken hat. Wir einigen uns und geben dem Wein sechzehn von zwanzig Punkten. Mal sehen, was der Abend noch zu bieten hat.
Ich frage mich, ob ich nicht auch ein Weinliebhaber bin. Immerhin kann ich damit auftrumpfen, dass meine Familie sich bereits seit Jahren darüber beschwert, viele Urlaubsziele würden ausschließlich dann ausgesucht, wenn es sich um Weinregionen handle. Längst muss ich die Weinkeller und -güter am Urlaubsort allein besichtigen.
Was ist ein Weinliebhaber eigentlich?
Ein guter Liebhaber schwärmt, lobt, seine Augen glühen und er hat den Dreh heraus, wenn es um sein Metier geht. Inzwischen vermute ich jedoch, dass sich zahlreiche Jünger des Bacchus selbst in den Stand eines Weinliebhabers erheben. Nicht immer nach dem Stand ihres tatsächlichen Wissens. Vereinzelt werden sie jedoch auch von Gesellschaften dazu ernannt, soweit es ihnen gelungen ist, mit ihren gesammelten Weinkenntnissen und Phrasen die gesamte Tischgemeinschaft unter eben diesen zu argumentieren und mit Kenntnissen maßlos zu überschütten. Das dritte Glas Rotwein erleichtert in diesem Fall das Zuhören gewaltig.
Ähnlich wie Theologen diskutieren einige von ihnen in einer Form, als ginge es um Leben und Tod, um die Frage, welches Holz welchem Wein bestmöglich dient. Barrique. Dieses Eichenholzfass, das in der Regel ein Volumen von 225 Litern besitzt und nach dem der Wein, der darin ausgebaut oder gelagert wurde, mitunter benannt wird.
Ist es gar ein Laster, Weinliebhaber zu sein?
Immerhin opfern Menschen dieses Titels häufig enorm viel Zeit und Geld in Ihr Lieblingsthema.
Ich komme zu dem Schluss, dass der Weinliebhaber, dem ich gerne Gesellschaft leiste, sich durch Dialogfähigkeit und Bescheidenheit auszeichnet. Er prahlt nicht mit seinen Kenntnissen, er folgt den Ausführungen seiner Gesprächspartner und er hebt sich dadurch hervor, dass er umtriebig auf der Suche nach neuen Weinentdeckungen ist. Und da können Sie und ich ihm – oder ihr – sicher helfen.
Photo Quelle/Copyright: Stephan Erdmann, via pixelio.de
Kommentare
Schreibe den ersten Kommentar für diesen Artikel.