Georg Schramm – Pulverdampf im Zuschauerraum…

Sage keiner, er habe nichts gewusst, nichts bemerkt! Nun jedenfalls sitzen wir – die Welt – in der Bredouille. Die Weltwirtschaftskrise ist da: real. Und jeden Tag ein Stückchen mehr zu greifen.  Der preußische Rentner Lothar Dombrowski (Photo) hat all das und mehr schon lange kommen sehen. Aber wer schon

Georg_schramm.jpgSage keiner, er habe nichts gewusst, nichts bemerkt! Nun jedenfalls sitzen wir – die Welt – in der Bredouille. Die Weltwirtschaftskrise ist da: real. Und jeden Tag ein Stückchen mehr zu greifen.  Der preußische Rentner Lothar Dombrowski (Photo) hat all das und mehr schon lange kommen sehen. Aber wer schon hat Dombrowskis, sich aus rasender, tagtäglich noch und nöcher weiter anschwellenden Wut über den prekären Ist-Zustand unserer Gesellschaft  die ganzen Jahre über und die daraus resultierenden und von ihm herausgeschrieenen und zusätzlich noch mit etlichen Ausrufezeichen und fetter Unterstreichungen versehenen Mahnungen denn befolgt, geschweige denn: verstanden?
Wer die von Dombrowski in den öffentliche Raum eisern hinein gestempelten Fragezeichen ernst genommen? Jetzt – beinahe zuspät- kommt die Wut auch in der Mitte der Gesellschaft an. Und der deutsche Mittelstand, der womöglich eben noch über die Hartz-IV-ler spottete, sich sicher glaubte, wackelt nun inzwischen ebenfalls schon bedenklich. Wenn nun auch der noch kippte – ein kleiner Schritt genügt – wartet der Abgrund in Form des absoluten sozialen Abstiegs. DGB-Chef Sommer möchte, geht’s so weiter mit dem Raubtierkapitalismus, soziale Unruhen nicht mehr ausschließen.

Dombrowskis Wut

Die Politiker – rufen nun viele – sind schuld. Nulpen sind das ja: und was für welche! Sind Sie sicher? Der radikal-rasende Rentner Dombrowski alias Georg Schramm meint: all die politischen, in Gesetze gegossenen Entscheidungen unserer Regierung, die wir gemeinhin für unsinnig und handwerklich grottenschlecht gemacht halten, haben doch einen Sinn! Wenngleich auch nicht für uns. Für irgendeinen sind die nämlich immer goldrichtig! Und die Lobbyisten, die heute schon rotzfrech in den Ministerien mit an den Gesetzen werkeln, freuen sich wie die Schneekönige. Deutschland ist korrupt bis in die obersten Etagen hinein. Die Regierungen von Kohl über Schröder bis hin zu Merkel waren und sind die Erfüllungsgehilfen des Großkapitals. Schon wollen die Ärztefunktionäre die Patienten noch mehr abkassieren, als es bisher schon der Fall gewesen war: Das deutsche Gesundheitssystem läßt deutlich mafiöse Züge erkennen. Nur dank der Politik ist alles legal! An die Drahtzieher kommen nicht einmal Bundeskriminalamt und Staatsanwaltschaften heran. Ermittlungen gab und gibt es längst. Wußten Sie das? Oder haben Sie’s nur vergessen? Nur scheint irgendwer dafür zu sorgen, dass kaum Konsequenzen daraus erfolgen. Warum auch? Die deutschen Patienten zahlen doch anstandslos. Und die Pharmaindustrie macht sie krank, damit der Profit stimmt. Die deutsche Hochdruckliga setzt den Bluthochdruckhöchstwert von 150 auf 140 herunter. Warum? Rechnen Sie mal aus, wieviel neue Patienten das aufs Jahr gerechnet bringt!

Georg Schramm ist ohne Beißhemmung

Der Kabarettist Georg Schramm greift all dies nicht aus der Luft. Alles speist sich aus Fakten. Schramm bereitet sie nur auf. Schramm ist einer von den wenigen aus der ersten Reihe des deutschen Kabaretts. Bitterböse beißt er zu. Beißhemmungen kennt der Mann, der nach Gymnasium, Bundeswehr, als Zeitsoldat mit Einzelkämpferlehrgang, Reserveoffizier, dem Psychologiestudium 12 Jahre Arbeit in einer neurologischen Reha-Klinik hinter sich hat, Betriebsratsmitglied und Gewerkschaftsvertrauensmann war nicht. Ganz im Gegenteil: Er schlägt seine satirisch scharf geschliffenen Hauer ohne Rücksicht auf Verluste in die Wunden des Gesellschaftskörpers hinein. Und zwar da, wo’s ordentlich wehtut. Dieses Land braucht diesen Schramm. Er legt es samt seiner Menschen auf die Couch, schickt es in die Anstalt (“Neues aus der Anstalt”; eine Kabarettsendung des ZDF, die längst besser ist wie die der ARD-”Satire Gipfel”, der von Kollege Richling auf Comedyniveau herunter gebrachte einstige “Scheibenwischer”) und unterzieht es einer nötigen Behandlung. Schramm tut das in Gestalt des desillusionierten Oberstleutnants Sanftleben (!), des bereits erwähnten Rentners Dombrowski, der nichts mehr zu verlieren hat außer seiner Wut auf die unhaltbaren Zustände hierzulande und des hessischen Sozialdemokraten August, der versucht in seiner Partei zu retten was noch zu retten ist, indem er einen “Arbeitskreis Sozialdemokraten in der SPD” (!) gründete. Köstliche Abziehbilder unserer Gesellschaft. Man möchte schreiend über sie lachen, während einem gleichzeitig nach Weinen zumute ist. Schramms Zuhörer nehmen dessen zum Schießen komische Personage samt deren herausgehämmerten wortgewaltigen Ent-Äußerungen dankbar an: als Blitzableiter für die eigne angestaute Wut, den eignen Frust über den jämmerlichen allgemeinen Daseinszustand dieser unserer Gesellschaft, samt ihres überkapitalisierten Alltags.

Thomas Bernhard hätte geschossen

Am vergangenen Sonnabend gastierte Georg Schramm mit seinem Programm “Thomas Bernhard hätte geschossen” im Großen Haus der Recklinghäuser Ruhrfestspiele. Das kabarettistische Feuerwerk der Extraklasse startete pointensicher gegen 22 Uhr und zischte mit kurzer Pausenunterbrechung durch bis kurz nach 1 Uhr nachts. Spaß und Ernst lagen da – so ist man’s von Schramm gewöhnt – immer verdammt dicht beieinander. Da muss aufgepaßt werden, dass nichts im Halse stecken bleibt! Und das geht gleich am Anfang los, wenn Schramm als Motivationstrainer mit white board die Lebens-Kosten eines Hartz-IV-Empfängers beginnt vorzurechnen. Und wie, indem dieser von seiner Initiative finanziell alimentiert, der Gesellschaft mehr bringen könnte als bisher, da man ihn mit Almosen abspeist. Das ist bitter. Zynischer ist nur der real existierende Alltag noch! Ein grandioser Abend! Thomas Bernhard selbst kam übrigens beabsichtigt nicht vor im Programm (Regie: Rainer Pause). Oder doch: Über eine Toneinspielung eines von Dieter Hildebrandt gelesenen Textes des großen bösen Österreich-Kritikers. Da ging es um Schüsse von der Bühne: ins Publikum. Auch Schramm schoss scharf. Gekonnt wie immer. Und er hat getroffen: Kopf und Herz der Leute. Pulverdampf im Zuschauerraum. Schramm verlieh der allgemeinen Wut (s)ein Gesicht. Seine Stimme. In den Köpfen der Zuschauer dürfte soziale Unruhe gewabert haben. Zum Schiessen! Kabarettistisches Dauerfeuer auf total-radikale Art: tosender Applaus. Verdientermaßen! Das Volk ging motiviert nach Hause. Ein unruhige Abend hatte sein Ende gefunden. Und der Tag danach? Sage nun keiner mehr: er habe nichts gewusst!
Nächste Auftritte von Georg Schramm:

Heute Pforzheim im Kulturhaus Osterfeld

Am 21.5 Würzburg im Mainfranken Theater

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(Photo/Quelle: Hossa via Wikipedia.org)

Kommentare

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  1. Hervorragend, dass gerade Georg Schramm hervorgehoben wird. Denn er gehört nicht nur neben Pispers, Priol, Rether und einer kleinen Reihe anderer immer und ohne jede Ausnahme aufrechten und sachgeteuen Kabarettisten (Ausnahmen wie die Beteiligung an der ungerechten Abschlachtung von Ypsilanti bestätigen die Regel), Schramm hat eine einmalige trockene Art uns einfach die bitteren Wahrheiten unserer Zeit entgegen zu schleudern und uns damit sogar noch zu erheitern. Es macht ja auch Freude, wenn den Bösewichtern die Maske entrissen wird!