Vom Sieg des Blöden: über die Plakatkampagne der Parteien im EU-Wahlkampf

Die gute Nachricht zuerst: Die Wahlwerbung der deutschen Parteien zur Europawahl spricht 2009 gezielt Personen aus bildungsfernen Schichten, mit Pennäler-Humor, mit intellektueller Leistungsminderung, Legastheniker und Bürger, die nicht mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen sind, an, ist nicht mit Sachbotschaften überfrachtet und überbetont den europäischen Gedanken nicht.. Die schlechte Nachricht dürfte

euro_d.jpgDie gute Nachricht zuerst: Die Wahlwerbung der deutschen Parteien zur Europawahl spricht 2009 gezielt Personen aus bildungsfernen Schichten, mit Pennäler-Humor, mit intellektueller Leistungsminderung, Legastheniker und Bürger, die nicht mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen sind, an, ist nicht mit Sachbotschaften überfrachtet und überbetont den europäischen Gedanken nicht.. Die schlechte Nachricht dürfte sein, dass diese besondere Rücksichtnahme auf sehr spezielle Nutzergruppen offenkundig nicht beabsichtigt, sondern das Ergebnis einer ebenso gedanken- wie lustlosen Werbestrategie sein dürfte.

Politikwissenschaftler und Medienkommunikatorin befinden die Kampagne als schlecht

Eine Pressemeldung der TU-Chemnitz verschriftlichte heute als Professorenzitate was ohnehin die meisten im Vorübergehen denken: die Plakatkampagne im EU-Wahlkampf ist weniger ansprechend als man sie aus der vorherigen Wahlperiode in Erinnerung hat – und mutmaßlich auch weniger wirksam. „Politik muss heute angeboten werden wie etwas Kommerzielles, im Grunde ist es egal, ob eine Partei oder ein Stück Käse beworben wird.“ fasst Prof. Dr. Gerd Strohmeier, Politikwissenschaftler, die Quintessenz der Politik-Werbung  zusammen. In seiner zusammen mit Dr. Ruth Geier, Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Professur Medienkommunikation sowie Leiterin der Sprachberatung der TU Chemnitz  verfassten Analyse kommen beide zu dem schlichten Schluss: „Es geht besser – und ist nicht teurer“. Bemängelt wird unter anderem, dass der Europa-Gedanke nicht in den Vordergrund gestellt wird: “Der Europäischen Union messen die Parteien nicht so viel Bedeutung bei, das sieht man deutlich“, so Strohmeier. Stattdessen treten die Parteien mit Themen an, mit denen sie auch in den Bundeswahlkampf ziehen könnten – vermutlich weil von den meisten Wählern angenommen wird, sie interessierten sich nicht für Europa.

Die Parteien unterstellen den Wählern offensichtlich politisches Desinteresse und ein schlichtes Gemüt

Allerdings scheinen die meisten Parteien den potentiellen Wählern noch andere Dinge zu unterstellen. Zum Beispiel ein Faible für nicht ganz nahe liegende Tier- und Begriffsversinnbildlichungen (SPD: „Dumpinglöhne würden FDP wählen“) oder ein besonderes (und eventuell gar anstandswidriges)  Interesse an Gesichter-Close-Ups mit vergrößerten Vornamen (FDP: „Dr. SILVANA Koch“). Bei den Grünen WUMSt es dagegen bemüht witzig gegen Genmais und Datensammelwut, die schräg gestalteten Plakate scheinen sich dabei hauptsächlich an möglicherweise bereits wahlfähige Gymnasiasten zu richten. Klar und sachlich gestaltete Aussagen zu Zielen und Positionen der einzelnen Parteien, die den Wähler als erwachsene, mündige und intellektuell normale Person ansprechen, sucht man dagegen meist vergeblich. Falls man doch fündig wird, sind die Botschaften abstrakt wie inhaltsleer (CDU: „Wir in Europa“) oder entbehren einer auch nur halbwegs ansprechenden Farbgestaltung, ganz zu schweigen von einer Bildbotschaft als Grundlage jeder Außenwerbung (DIE LINKE: „Gleicher Lohn für Frauen!“).

Die Verpflichtung dem Europäischen Gedanken gegenüber scheint bloßes Lippenbekenntnis

Neben einer deutlich werdenden Geringschätzung der Bürger als mündige und informierte Rezipienten wird offenkundig, was seit Jahren traurige politische Tatsache ist: An einer Verbreitung des Europäischen Gedankens im eigenen Land haben die politischen Parteien wenig Interesse. Das ist umso bedauerlicher, da es gerade jetzt Gelegenheit gäbe, über die Vertretung nationaler wie europäischer Interessen zu informieren und  das Wort Europa mit konkreten Visionen für die Zukunft zu füllen.

Bildquelle: pixelio.de (Gerd Altmann)

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar. Was ist Deiner?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

  1. Danke fuer diesen Beitrag, dass sich da wer Luft macht.
    Fuer politisch Frustrierte gibt es u.a. die Moeglichkeit, sich die Parodie von
    Paris Hilton anzusehen. Als Alernative, Als Strafe. Rache kann ja auch suess sein.
    (Auch um den Missbrauch des Internets und all dieser IT Chancen durch
    Politiker vorzubeugen bzw. diesen zu neutralisieren. Karl Kraus sprach schon
    vor langer ganz richtig von den “elektrisch beleuchteten Barbaren”.)
    Raris for President:
    http://www.youtube.com/watch?v=k4WDjuiQmxA