EZB wirft Notenpresse an

Nachdem derzeit ständig vom Ende des freien Falls, den green shoots, dem sich abzeichnenden Aufschwung und aktuellen Börsenhöchstständen in diesem Jahr berichtet wird, muss die Entscheidung der EZB nun der Geldpolitik der US-Notenbank und der Bank of England zu folgen, und jetzt ebenfalls über die breite des Kapitalmarktes auch Papiere

slumpf.jpgNachdem derzeit ständig vom Ende des freien Falls, den green shoots, dem sich abzeichnenden Aufschwung und aktuellen Börsenhöchstständen in diesem Jahr berichtet wird, muss die Entscheidung der EZB nun der Geldpolitik der US-Notenbank und der Bank of England zu folgen, und jetzt ebenfalls über die breite des Kapitalmarktes auch Papiere aufzukaufen, überraschend erscheinen. Warum sollten sie ihre bereits bis zum äußersten angespannte Geldpolitik der Liquiditätsschwemme noch ausweiten, wenn alles schon auf eine Normalisierung zusteuert? Droht doch noch Ungemach? Warum warnt Ben Bernanke die US-Regierung ihre expansive Schuldenpolitik weiter ungebremst fortzusetzen?

Crowding out auf den globalen Kapitalmärkten

Die Antwort ist nahe liegend. Die Flut öffentlicher Ausgaben weltweit droht rapide den globalen Kapitalmarkt auszutrocknen. Der Kreditnachfrage der öffentlichen Haushalte der diversen Staaten steht kein ausreichendes Kreditangebot der Privaten gegenüber. Der Ausweg ist die Notenpresse. Die Zentralbanken kaufen die Staatspapiere oder auch andere Kapitalmarktpapiere, um Liquidität bereitzustellen. Papiergeld gegen Kapitalmerkpapiere insbesondere Staatsanleihen. Die Hoffnung, die dahinter steht ist, dass der reinflationäre Prozess länger dauert als die durch Kreditgeld entstandene staatliche Nachfrage die Produktion der Wirtschaft wieder belebt. Klappt es mit der Reihenfolge nicht wie erhofft, dann drohen Verhältnisse wie zu Beginn der 1980er Jahre. Dort trat eine Inflationsbeschleunigung ein bevor die Wirtschaft wieder in Schwung kam. Das Ganze wurde dann mit dem neuen Kunstwort Stagflation bezeichnet. Eine solche Situation war in der Textbuchökonomie nicht vorgesehen. Dort gilt noch der eiserne Grundsatz, dass die Produktionslücke bzw. der Output-Gap geschlossen sein muss bevor es zu Inflationsgefahren kommt.

Helmut Schmidt als Weltökonom und Krisenkanzler wurde wie alle anderen führenden Regierungschef der G7-Staaten von einer rasch ansteigenden Inflationswelle bei weiterhin stagnierender oder leicht rückläufiger Produktion überrascht. Dieses Szenario könnte sich derzeit mit noch schwer einzuschätzender Vehemenz wiederholen.

Völker seht die Signale

Der dafür zentrale Indikator ist die Zinsstrukturkurve (engl. yield curve). Sie stellt den Zusammenhang zwischen kurzfristigen Geldmarktzinsen und den langfristigen Kapitalmarktzinsen dar. Betrachtet man deren zeitliche Entwicklung für die USA, dann erkennt man rasch, dass die radikale Nullzinspolitik der Fed nur sehr kurzfristig, d.h. ab Mitte Dezember 2008 bis Mitte April 2009 die langfristigen Zinsen vergleichsweise niedrig halten konnte. Seither steigen die Zinsen am langen Ende der yield curve wieder rasch an. Dies wird auch nicht ohne Wirkungen auf die Wirtschaftsentwicklung bleiben. Kommt es zu einem weiteren raschen Zinsanstieg aufgrund von mangelnder Nachfrage nach Staatspapieren aber auch anderen Kreditnehmern, dann droht eine drastische Kreditklemme.

Die derzeit konstatierte Stabilisierung der Weltwirtschaft könnte dann nur ein kurzes Zwischenhoch gewesen sein bevor die Talfahrt mit erneut zunehmender Geschwindigkeit nach unten einsetzt.

Die Angst der Zentralbanken vor der Schuldenfalle der Staaten

Diese Perspektive macht die Zentralbanker äußerst nervös. Muss sie auch, denn die Geldpolitik würde damit endgültig ans Ende ihrer Möglichkeiten angelangt sein. Auch die Politik der drastischen Ausweitung von Staatsdefiziten wäre an ihr logisches Ende gelangt. Was jetzt noch käme wäre die Schuldenfalle. Es bedarf wie bereits an anderer Stelle ausführlich dargelegt keinerlei Gesetze, Stabilitäts- und Wachstumspakte um die reale Schuldenaufnahme des Staates wirkungsvoll zu begrenzen. Wenn die Zinskosten eines zusätzlichen Staatsdefizits die erwarteten zusätzlichen Staatsausgaben übersteigen, dann kann der Staat keinerlei zusätzliche realen Ausgaben zur Wirtschaftsstimulierung mehr tätigen. Es ist sinnlos dann noch weiterzumachen. Jeder Dollar, Euro oder Yen landet nur noch in den Taschen der Kreditgeber. Sind diese aber weiterhin nicht bereit ihre Zinserträge auch durch Ausgaben für reale Wirtschaftsgüter wachstumswirksam auszugeben, dann ist die expansive Fiskalpolitik gescheitert. Mangel ausreichender Kreditwürdigkeit leiht ihnen kein privater Anleger mehr zu angemessenen Zinskosten Geld. Zusätzliche Staatsdefizite landen nur in den Taschen der Kreditgeber.

Die Notenpresse dient als Ventil

Um diese katastrophale Situation einer Schuldenfalle des Staates zu vermeiden, werden die Zinskosten von Staatsanleihen jetzt durch die direkte Monetisierung der Staatsschuldpapiere durch die Zentralbank künstlich gesenkt. Das Problem für die Zentralbanken dabei ist, eine mögliche Exit-Strategie zu entwickeln. Löst sich die Kreditklemme der privaten Kreditgeber nicht, dann droht bei einem Ausstieg der Zentralbanken aus dieser Notenpressepolitik ein Zinsschock. Stoppt die Zentralbank ihre Aufkäufe, dann steigen die Zinsen sehr rasch auf das von privaten Anlegern aufgrund ihrer Kreditvergabewilligkeit vorgegebene Niveau. Da dieses aufgrund der Eingriffe der Zentralbanken jedoch nur in seiner zukünftigen Entwicklung schwer abschätzbar ist, stecken die Zentralbanken nicht nur in der Liquiditätsfalle wo die klassische Zinspolitik unwirksam ist, sondern zusätzlich in einer Liquiditätsschuldenfalle. Letztere bezeichnet eben den Zustand, dass um den Staat vor einer Schuldenfalle zu bewahren, die Zentralbank für unbestimmte Zeit Staatspapiere mit langen Laufzeiten aufkauft um den Staat liquide zu halten. Es verwundert daher nicht, dass man nun nachdem man dieses Problem endlich begriffen hat, bereits nach neuen Instrumenten sucht.

Als neuester Clou sind jetzt negative Nominalzinsen in Gespräch. Das erinnert sehr stark an das von Silvio Gesell propagierte Schrumpfgeld. Dieser ein Brandenburger aus Oranienburg machte den Vorschlag den Geldwert systematisch einem negativen Zins zu belegen. Dadurch würde verhindert, dass Geld gehortet würde, da Geldhortung mit einer Strafsteuer in Form des negativen Zinssatzes belegt werden würde. Selbst John Maynard Keynes konnte diesen Überlegungen einen Charme nicht absprechen. Derzeit befinden sich diejenigen, die über Bargeldbestände verfügen in einem Streik hinsichtlich der Vergabe dieser liquiden Mittel an irgendwen. Da sie sich nach Ausbruch der Finanzkrise bereits untereinander nicht mehr über den Weg trauen, weitet sich die Vertrauenskrise nun auch auf die Kreditwürdigkeit der Staaten aus. Die Ratingagenturen kündigen bereits eine Herabstufung auch der USA und Großbritanniens an. Die AAA-Ratings von Standard und Poor’s könnten wegen der exzessiven Schuldenexpansion der Staaten gesenkt werden. Die Konsequenz wäre bereits ein Zinsschock für Staatsschuldverschreibung nach oben. Dies wäre jedoch eine Situation, in der die Zentralbanken mit ihrer Politik der Monetisierung an eine weitere unerwünschte Grenze stießen. Die Zinssenkungen, die sie mit ihren Aufkäufen induzieren würden ganz oder teilweise wieder durch die Verschlechterung der Ratings absorbiert. Kein Wunder, dass die Ratingagenturen jetzt sogar unter massiven Druck der Zentralbanken und Regierungen stehen nicht eine angemessene Risikobewertung vorzunehmen. Waren zuvor die Geschäftsbanken vorstellig geworden, um ihre Ratings bei den Schrottpapieren durch die Ratingagenturen nach oben manipulieren zu lassen, so sind es jetzt die Staaten, die ihre Bonität gerne geschönt hätten. Herrliche Zeiten für Ratingagenturen. Zuvor wurden sie gescholten, weil sie die Geschäftsbanken zu positiv bewerteten, jetzt sollen sie doch bitteschön die Ratings der Staaten nicht senken, weil dies ihnen die Fiskalpolitik ruinieren könnte. Man wird es niemandem an Ende recht machen können.

Photo Quelle/Copyright: alles-schlumpf, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr

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