Obama in Kairo: Eine Rede mit Vorbildcharakter

Viele mögen Obama, aber nicht alle. Es gibt wenige Stimmen, die schreiben, dass der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten für sie weder attraktiv, noch sympathisch noch glaubwürdig sei. Sein Image sei ohnehin nur ein “Produkt aus kluger PR, Post-Bush-Traumata und wohl auch des in den USA weit verbreiteten und

Viele mögen Obama, aber nicht alle. Es gibt wenige Stimmen, die schreiben, dass der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten für sie weder attraktiv, noch sympathisch noch glaubwürdig sei. Sein Image sei ohnehin nur ein “Produkt aus kluger PR, Post-Bush-Traumata und wohl auch des in den USA weit verbreiteten und vom medialen Mainstream geschürten ‚White guilt’-Komplexes.” Sehr wahrscheinlich haben diese Stimmen Recht. Die Rede in Kairo war trotzdem gut und wichtig.

Der US-amerikanische Präsident betonte, dass er in Ägypten sei, um “einen Neuanfang zwischen den Vereinigten Staaten und den Muslimen in aller Welt zu suchen”. Auf den Staat Iran oder die transnationale Terrororganisation Al Kaida ging er eher nebenbei ein. Dieser Versuch einer Versöhnung zwischen den USA (als westlicher Welt – sei’s drum) und dem Islam ist bestimmt auch der Weltoffenheit und des Friedenswillens Obamas geschuldet. Da wären wir wieder beim PR-Thema.

Viel wahrscheinlicher ist natürlich, dass Obama mit der Annäherung schlicht und einfach US-amerikanische (Sicherheits-)Interessen vertritt. Offensichtlich hat Obama Huntingtons “clash of civilizations” gelesen, denn die Gegenüberstellung von USA und Islam zeigt deutlich, dass es hier nicht mehr nur um zwischenstaatliche Konflikte geht. Eine fortgesetzte Konfrontation zwischen “Westen” und “Islam” könnte zu einer Eskalation führen, deren Kosten nicht absehbar wären. Dies vor allem, weil die Grenzen zwischen den Kulturen längst nicht mehr geografischer Natur sind, sondern sich kreuz und quer durch alle (ich behaupte: alle) westlichen Städte ziehen.

Wenn hier von “Kosten” die Rede ist, dann sind damit sowohl ökonomische, gesellschaftliche als auch politische Kosten gemeint: Die Unruhen in Pariser Vororten waren eine Vorgeschmack, ein Bürgerkrieg zwischen den Kulturen eines Landes ist sicherlich nicht undenkbar. Entspannung tut also not, Obama hat sich – ob man ihn mag oder nicht – richtig verhalten.

Wer nun “Entspannung” liest und das auf bundesrepublikanische Verhältnisse überträgt, dem mag – je nach politischer Richtung – sich der Magen umdrehen oder das Herz höher schlagen. Denkt man dabei doch an die Utopie der funktionierenden Multikulturalität in einer perfekt-bürgerlichen Gesellschaft, die gerade Obama wie kein Zweiter verkörpert. Entspannung ist sicherlich auch in Deutschland ein wichtiger Faktor, um eine “Zurüstung zum Bürgerkrieg” unnötig werden zu lassen. Aber: Nicht im Sinne falsch verstandener Toleranz. Hält man sich an Obama, wird man feststellen, dass er eigene Interessen deutlich artikuliert hat. Dies setzte natürlich voraus, dass er eigene Interessen hat.

Zusammenfassend: Die Rede in Kairo war gut, sie hat – in ihrer Mischung zwischen deutlichem Respekt und deutlicher Selbstbehauptung – Vorbildcharakter.

Dieser Kommentar erschien zuerst auf www.dasgespraech.de.

Hier seine Rede in voller Länge:

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