Wenn es um Taiwan geht, ist National Geographic “NG”

Baby, they’re “no good” Die Mai-Ausgabe 2008 um National Geographic Magazine erzeugte bei ihrer Veröffentlichung große Furore. Die Ausgabe war mit allen Artikeln dem Themenkomplex China gewidmet. Sämtliche Karten schlossen Taiwan gemäß der chinesischen Doktrin in das Hoheitsgebiet der Volksrepublik China ein. Eine Doktrin ohne Realitätsbezug, denn Taiwan ist seit

Baby, they’re “no good”

Die Mai-Ausgabe 2008 um National Geographic Magazine erzeugte bei ihrer Veröffentlichung große Furore. Die Ausgabe war mit allen Artikeln dem Themenkomplex China gewidmet. Sämtliche Karten schlossen Taiwan gemäß der chinesischen Doktrin in das Hoheitsgebiet der Volksrepublik China ein. Eine Doktrin ohne Realitätsbezug, denn Taiwan ist seit 1949 nach einer kurzen Periode der Übernahme – welche selbst international umstritten ist – wieder politisch von China getrennt.

Die Regierung Chinas, namentlich die Volksrepublik China, hatte zuvor noch nie Verwaltungsgewalt über den Inselstaat gehabt, wohingegen die aktuelle Regierung Taiwans, die Republik China, diese vier Jahre lang über große Teile Chinas hatte, sie aber endgültig an die Volksrepublik verlor und seither nur die Geschicke Taiwans bestimmen darf. Ein unabhängiger Inselstaat mit sehr geringer internationaler, offizieller Anerkennung.

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Vor einem Jahr beschwerte sich der Journalist Dan Bloom bei National Geographic darüber, dass die Karten Taiwan als Teil Chinas darstellen. Er bekam nur eine knappe und widersprüchliche Antwort vom Redaktionsleiter David B. Miller zurück. Diese Woche leitete mir jemand dessen Antwort weiter.

Fast ein Jahr später ist Millers e-Mail immer noch genauso trügerisch und es ist an der Zeit, seine falschen Behauptungen zu korrigieren.

Die Welt wie sie ist?

Millers Antwort (in dunkelrot) mit meinen Kommentaren (in schwarz) und ein paar weiteren Zitaten und Anfügungen (in grün) an Millers Argumente:

Sehr geehrter Herr [Name]

Vielen Dank für Ihren Brief. Er wurde an mich weitergeleitet, da ich verantwortlich für die Karten Chinas bin. Unsere Ansicht bezüglich Taiwan ist durch viele Diskussionen gelaufen, in denen Aussagen und Standpunkte der Republik Chinas (Taiwan) und der Volksrepublik Chinas analysiert und abgewogen worden sind. Nachstehen finden Sie eine Zusammenfassung unserer Auffassungen:

National Geographic beruft sich seit jeher auf de facto-Kartenwerke. Diese haben unseren besten Beurteilungen nach die Welt so darzustellen wie sie ist, entgegen dem, wie einige Individuen oder Organisationen sie meinen zu sein. National Geographic bemüht sich unpolitisch zu sein, auf verschiedenste, zuverlässige Quellen zu beziehen und unabhängige Entscheidungen aufgrund von umfassenden Nachforschungen zu treffen.

Zu aller erst sollte die Taiwanpolitik nicht auf Grundlage von Überlegungen von Seiten der Volksrepublik China stattfinden. Sie sollte sich doktrinfrei auf Fakten beziehen, beispielsweise der de-facto-Unabhängigkeit Taiwans.

Und wie kann ein Magazin “unpolitisch” sein, wenn es darum geht Karten zu erstellen? Was sind internationale Grenzen, wenn nicht “politisch”?

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Bemerkenswert ist, dass Miller keine seiner “verschiedensten, zuverlässigen Quellen” nennt. (In welchem Umfang fanden diese “umfassenden Nachforschungen“ statt?) Ich habe meine eigenen seriösen Quellen, und ich werde diese zitieren.

Für den Anfang ist es übliche Praxis den Status eines Staates durch die Konvention von Montevideo zu bestimmen. Artikel 1 (übersetzt ins Deutsche) besagt:

Der Staat als Person des internationalen Gesetzes muss folgende Voraussetzungen erfüllen:
(a) eine sesshafte Bevölkerung; (b) ein festgelegtes Hoheitsgebiet; (c) eine Regierung; und (d) die Kompetenz mit anderen Staaten diplomatische Verbindungen zu halten.

Taiwan erfüllt alle diese Bedingungen – und noch mehr.

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Miller hat zwar brav den Grundsatz seines Magazins widergegeben, „..nach besten Beurteilungen die Welt so darzustellen wie sie ist, entgegen dem, wie einige Individuen oder Organisationen sie meinen zu sein“; seine Erklärungsversuche stehen hierzu allerdings in Widerspruch.

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Weiter schreibt Miller:

Taiwans (Republik China) Unabhängigkeit ist stark von Chinas (Volksrepublik China) zu unterscheiden und sehr komplex. Die Volksrepublik China erhebt Ansprüche über Taiwan und bezeichnet diese als eigene Provinz. Die Vereinigten Staaten und die meisten weiteren Staaten betrachten Taiwan als Teil Chinas und erkennen die Volksrepublik als alleinige rechtmäßige Regierung Chinas an.

Was die USA „anerkennen“ ist, dass die Kommunistische Partei und die Kuomintang jede ihre eigenen Ansichten zur Ein-China-Politik haben und sagen, dass Taiwan Teil Chinas ist. Die USA hingegen sagen nicht, dass sie dies als Fakt hinnehmen. Stattdessen sagen die USA, dass Taiwans Status „unbestimmt“ sei. (Siehe Zusammenfassung und die Seiten 7-8 und p. 29 von “China/Taiwan: Evolution of the ‘One China’ Policy” [417 KB PDF-Datei])

China ist permanentes Mitglied des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen mit Vetorecht. Da wundert es keinen, dass Taiwan dementsprechend behandelt wird. Man versucht China möglichst ruhig zu stimmen.

UN Generalsekretär Ban Ki-moon lehnte 2007 Taiwans erneuten Gesuch um Aufnahme in die Vereinten Nationen fälschlicherweise mit Verweis auf die Resolution 2758 der UN-Generalversammlung ab. Ban meinte, dass die Resolution „Taiwan als Teil Chinas“ sehe, stattdessen erwähnt diese Taiwan mit keinem Wort. (Lesen Sie hier mehr.)

Demzufolge ist der Grund warum diese Angelegenheit – wie Miller es darstellt – nur deswegen so „komplex“, weil keine ausreichenden Informationen herangezogen wurden.

Zurück zu Millers Antwort:

Die National Geographic Society Kartographiepolitik erkennt unabhängige Staaten nur an, wenn sie folgende drei Kriterien erfüllen.
Sie müssen:

- sich unabhängig erklären.
- das Gebiet kontrollieren, über das sie sich als unabhängig erklären.
- international anerkannt sein.

Taiwan jedoch erklärt sich 1. nicht als unabhängige Nation, 2. kontrolliert aber das Gebiet, über welches es Anspruch erhebt, und 3. nur wenige Nationen haben diplomatische Kontakte mit Taiwan. Im Wesentlichen erfüllt Taiwan nur eines der drei Kriterien.

Nun beginnt National Geographic seine eigenen Kriterien aufzustellen, um China zuzuspielen.

Der Grund, warum Taiwan sich nicht formal für unabhängig erklären kann ist mit dem Antisezessionsgesetz zu begründen. Dies besagt, dass China militärisch gegen alle Teile seines Territoriums vorgeht, soweit diese sich für unabhängig erklären wollen. Da China Taiwan als eigene Provinz sieht, ist Taiwans Unabhängigkeitserklärung mit inbegriffen. Zur Zeit sind auf Chinas Seite mehr als 1300 Raketen direkt auf Taiwan gerichtet. Ein weiterer Grund ist die Mehrheit von Kuomintang Parteimitgliedern im Parlament Taiwans. Wären diese beiden Elemente nicht vorhanden, würde ein Volksreferendum über die de jure Unabhängigkeit Taiwans ohne Probleme durchgehen. Aber Taiwans de facto Unabhängigkeit bleibt ein Status Quo.

Bei Punkt zwei ist zu betrachten, dass die Kuomintang ganz China plus der Mongolei! als ihr rechtmäßiges Hoheitsgebiet ansieht – ohne ein solches Gebiet überhaupt zu kontrollieren. Es ist interessant, dass National Geographic nun behauptet, dass die KMT nur an Taiwan Anspruch erhebt, wenn es sogar einnehmender ist als die Kommunistische Partei.

Als die besagte Ausgabe gedruckt wurde, war Chen Shui-bian (陳水扁) Taiwans Präsident. Und während seiner bis dato achtjährigen Amtszeit bezeichnete er Taiwan als ein souveränes, unabhängiges Land mit einer Bevölkerung von 23 Millionen Einwohnern und einer Fläche von 36.000 Quadratkilometern.

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Der Grund für die mangelnde Anerkennung Taiwans ist die Ein-China-Politik der Kommunistischen Partei und der Kuomintang. Wenn ein Land diplomatische Verbindungen mit Taiwan oder China knüpfen möchte, so darf es sich nur eines der beiden aussuchen, denn das sind die derzeit von der jeweiligen Partei verwalteten Gebiete. Die meisten Länder wählen nun die Volksrepublik China, weil ihre wirtschaftlichen Interessen die politischen überwiegen. Von einigen Seiten wird dies als geschickter „economic terrorism“ (wirtschaftlicher Terrorismus) seitens China bezeichnet.

Dennoch hat Taiwan offizielle, diplomatische Beziehungen zu 23 Staaten, ebenso wie zahlreiche inoffizielle Beziehungen zu Staaten wie den USA oder den Ländern der EU. Anscheinend erfüllt diese Anzahl an Staaten nicht die Kriterien von National Geographic, Taiwan als unabhängiges Land anzuerkennen.

Journalist Gerrit van der Wees von der Taiwan Communiqué berichtete 2007 (als Taiwan noch 24 diplomatische Verbündete hatte) über einige politische Hintergründe, welche ein interessantes Licht auf die Interpretationsmöglichkeiten solche Kriterien wirft:

Eine gängige aber falsche Ansicht ist, Taiwan nicht als Staat zu sehen, „da Taiwan nicht von der internationalen Gemeinde anerkannt wird”.

Dies ist Quatsch. Von 1949 bis 1979 erkannten die US die Volksrepublik China (VRC) nicht an. War China in dieser Periode kein Staat? Derzeit erkennen die US Kuba nicht als Staat an; ist Kuba nun kein Staat?

Die Geschichte der Vereinigten Staaten selber ist ein Paradebeispiel dafür, wie unregelmäßig und verwirrend diese Angelegenheiten sein können.

Wenn man fragt, ob die USA ein Nationalstaat seien, wird dies meist bejaht. Wenn dann die gleichen Personen gefragt werden, seit wann die USA ein Nationalstaat sei, antworten diese ohne Umschweife: „Seit 1776, als die Gründerväter die ‘Declaration of Independence’ unterschrieben.“

Dennoch erkannte kein weiteres Land die USA bis zwei Jahre nach Unterzeichnung der Declaration die USA als Staat an. Das erste Land, das die USA anerkannte, war Frankreich im Jahr 1778. Ein weiteres Land, Spanien, wartete ein Jahr länger und bis zum 42. Jahrestag der USA erkannten diese nur sieben Länder an. In den 1820ern folgten dann Staaten aus Lateinamerika und in den 1830ern europäische Staaten wie Belgien und Sardinien.

Interessanterweise hatten die USA bis 1848 – 72 Jahre danach – nicht einmal 24 diplomatische Verbündete. So viel, wie sie Taiwan derzeit hat.
[Randbemerkung: 2007 waren es noch 24, seit 2008 sind es nur noch 23.]

Den korrekteren Kriterien der Konvention von Montevideo zufolge ist Taiwan also ein unabhängiger, souveräner Staat. Und diverse weitere Eckpunkte untermauern das: Taiwan hat seine eigene Regierung, Flagge, Währung, Justiz und Gesetze, Pässe, Militär, Internetdomain (.tw) und internationale Vorwahl (+886).

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Ein weiterer Auszug aus Millers Schreiben:

Wie man aus Taiwans offiziellem Namen „ Republik China“ schon erkennen kann, sieht es sich selber als Teil Chinas. Im Jahr 1991 manifestierte die Republik China in ihrer Verfassung, dass „beide Seiten der Taiwan-Straße verschiedenen Regierungen angehören“. Das bedeutet, dass Taiwan sich selber als Teil des historischen und traditionellen China zählt — nur nicht zum Teil der Volksrepublik China. Es gibt nur ein China, aber zwei Interpretationen dessen.

Es wäre sehr realistisch und definitiv korrekt, wenn National Geographic auf seinen Karten „zwei Seiten der Taiwan-Straße [mit] verschiedenen Regierungen“ zeigen würde, statt sich eigenmächtig für eine Interpretation zu entscheiden und „[mit] verschiedenen Regierungen“ als „Teil des historischen und traditionellen China“ zu interpretieren.

Weiter schreibt Miller:

Kurz gesagt, obwohl Taiwan unabhängig agiert, hat seine Regierung niemals formal offizielle Unabhängigkeit erlangt und Taiwan wird weder von der UN noch den meisten Ländern staatlich anerkannt. Besonders wegen dem Ausgang der letzten Präsidentschafts- und Legislativ-Wahlen lässt sich nicht vermuten, dass die Republik China (Taiwan) in naher Zukunft unabhängig wird.

Wir möchten nochmal darauf hinweisen, dass Miller am Anfang meinte, dass ein Grundsatz des Magazins besagt, dass sie die Welt darzustellen zu hat wie sie sei. Dann sagt er, dass Taiwan unabhängig agiert. Warum wird das dann nicht in der besagten Mai-Ausgabe so präsentiert?

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Zum wiederholten Mal blendet Miller die Gründe aus, warum „[Taiwans] Regierung niemals formal offizielle Unabhängigkeit erlangte“ – die chinesischen Raketen und die KMT – aber schreibt im gleichen Absatz von Taiwans Unabhängigkeit.

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Die abschließenden Worte Millers:

Ich hoffe dies hat Ihnen geholfen. Vielen Dank, dass Sie National Geographic geschrieben haben.

Diese beiden kurzen Sätze sind vermutlich mehr ironisch als ernst gemeint. Sein Antwortschreiben war mehr verwirrend als aufklärend. Dennoch war es interessant zu sehen, wie National Geographic „die Welt sieht, wie sie nicht ist“.

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Dürfte ich bitte mehr haben, der Herr?

Wenn auch Sie einen Brief von David B. Miller erhalten möchten, so schreiben Sie Ihm an dmiller@ngs.org einen eMail und konfrontieren ihn mit den Fakten seiner eigenen Verstrickungen und widersprüchlichen Aussagen.

Tim Maddog von taiwanmatters.blogspot.com

Orginalartikel: http://taiwanmatters.blogspot.com/2009/02/when-it-comes-to-taiwan-national.html

Kommentare

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  1. Schöner Aufsatz, aber gegen die NG zu hetzen ist was heuchlerisch wenn die westlichen Länder selber TW nicht anerkennen. Da muss man nicht weit blicken, es reicht beim Auswärtigem Amt Deutschlands vorbei zu schauen. Ein kleiner haufen von Entwicklungsländern erkennt Taiwan an – und dies ist vielen, oder den meisten, der Marktschreier hier in D. oder auch woanders NICHT klar.

    Also, bevor man anfängt irgendwelche Unternehmen anzumachen, sollte man es erst ein mal bei eigener Regierung tun!

    Kurzer Zitat zum einstimmen: “Deutschland erkennt Taiwan nicht als souveränen Staat an und unterhält deshalb keine diplomatischen Beziehungen zu Taiwan.” Auswärtiges Amt, Stand März 2009