Weil es angesichts des massenhaften Übergewichts in unserer Gesellschaft gewiss von allgemeinem Interesse ist, wie wir uns richtig ernähren und wie aber unsere Bemühungen zur besseren Gewichtskontrolle von der Pharma- und Lebensmittelindustrie immer wieder torpediert werden, gebe ich hier mit der Wiedergabe meiner Antwort auf eine Frage nach unerklärlicher Lust am Essen einmal einen kleinen Einblick in meine Arbeit als selbsternannten praktizierenden Ernährungsforscher:
“Liebe Frau ….,
schönen Dank, dass Sie unsere interessante Korrespondenz aufrecht erhalten. Ihre klugen Fragen und Anregungen geben mir einen heilsamen Anstoß, die Probleme von Gewichtskontrolle, Hunger, Appetit und Freude am Essen noch einmal konsequenter als bisher geschehen zu durchdenken.
Ich höre immer wieder Berichte – gerade von Frauen – die nach einiger Zeit der von mir propagierten Umstellung auf eine kleine Morgenmahlzeit mit fein vermahlenen weitgehend rohen Pflanzenstoffen vor aller anderen täglichen Nahrung erklären, dass sie sogar eine größere Freude am Essen haben als zuvor. Selbst das kann nicht verwundern. Es gibt nämlich eine ganze Reihe mächtiger Antriebe zum Essen. Der potenziell stärkste von ihnen ist der erst sanft, dann aber regelrecht quälerisch zugreifende H u n g e r, der durch ausreichende Verfügung über das Esskontrollhormon Serotonin laufend begrenzt wird. Serotonin verhindert die üblen Heißhungerattacken (binge eating)und sorgt zudem dafür, dass die Masse der Nahrung, die man bei einer Mahlzeit schafft, wie auch die Gesamtmenge an Nahrung eines Tages begrenzt bleibt. Mehr aber nicht.
Sie kennen ja meine Hypothese, dass die fein vermahlene Pflanzenkost über mächtige Signale aus dem Dünndarm an das zentralnervöse Esszentrum im Gehirn die Synthese und Ausschüttung des Esskontrollhormons Serotonin hervorruft, das dann den Hunger begrenzt. Die beste Zeit um festzustellen, dass diese Hungerbegrenzung tatsächlich funktioniert ist der frühe Morgen, wenn man nach der Umstellung auf den kleinen Happen Rohkost morgens ohne jedes Hungergefühl wach wird und zudem ohne Übergang aus dem Traumschlaf zum Wachwerden gleich putzmunter ist. Im Verlauf des Tages melden sich dann allerdings die vielfältigen anderen Anreize zum genüsslichen Essen.
Wirksam ist auch das Interesse am Essen wegen fehlender S ä t t i g u n g. Der Verzehr der fein vermahlenen Rohkost sorgt mit der feinen Verteilung seiner Inhaltsstoffe auf den großen Flächen des Dünndarms neben der Lockung des Esskontrollhormons Seroronin auch für die Lockung des Sättigungshormons Cholezystokinin, das – ohne alle Probleme wie bei Serotonin – leicht im Stammhirn gebildet und in einem eigenen Bereich im Hypothalamus das Gefühl der Sättigung einschaltet. Anders als Serotonin, das eine “Halbwertzeit” von 21 Stunden hat, vergeht die Wirkung von Cholezystokinin aber schon nach wenigen Minuten. Manche Menschen stecken sich daher laufend etwas in den Mund oder trinken zumindest Säfte, gesüßten Tee oder Kaffee, damit sie immer das Gefühl haben, satt zu sein. Wer keinen quälenden Hunger fühlt, kann sich aber leicht dahin bringen, wertvolle größere Essenspausen einzuführen. Nur bedarf das tatsächlich eines bewussten Eingriffs in sein eigenes Verhalten. Das wird nicht geschenkt, ich weiß aber aus der Praxis, dass es nicht wirklich schwer fällt.
Gefühle ohne Nutzung von Hormonen gibt es nicht
In das Gefühl, eine Sättigung herstellen zu müssen, mischen sich dann aber die wirklich hochwirksamen inneren Antriebe zum Essen, die – gekoppelt mit der Macht der G e w o h n h e i t-, mit der L i b i d o zu tun haben, die im Limbischen System des Gehirns ihren Sitz hat und keines spezifischen hormonellen Ausdrucks bedarf. Dabei werden natürlich das von Serotonin kontrollierte Glückshormon Dopamin und vielleicht auch die Endorphine eine Rolle spielen, denn Gefühle ohne Nutzung der Hormone gibt es nicht. Dies ist eine Erkenntnis, die von vielen Menschen, auch Fachleuten, erst begriffen werden muss. Viele alte Menschen rühmen zu Recht, dass die Freude am Essen die nachhaltigste im Leben ist, jedenfalls die Freude am sexuellen Vollzug quantifiziert weit übertrifft.
Meines Erachtens ist die Freude an der Erforschung der Welt und die Freude an ihrem Erleben, besonders der Begegnung mit den Menschen und den vielen andern herrlichen Wesen in der Natur, viel nachhaltiger. Das aber sollte mit der besonderen Funktion von Serotonin als “Sozialhormon” zu tun haben. Serotonin ist nach Auffassung der Endokrinologen tatsächlich die hormonelle Basis für das Erleben von Empathie und dem Bestreben zum Altruismus. Aber das hat mit der Freude am Essen, mit Appetit und Hunger nur indirekt zu tun und hält uns auch nicht davon ab, Tiere quälerisch und gegen ihre Art zu züchten, tot zu schlagen und zu verschlingen.
Esslust aus der Tiefe der Seele
Ein ausgeglichener Mensch ist man nur, wenn auch die unser zentrales Steuerorgan, das Gehirn, bestimmenden Neurohormone wie Serotonin, Melatonin, GABA, Noradrenalin, Dopamin, Cholezystokinin, Acetylcholin und viele mehr im Gleichgewicht sind. Insbesondere darf das so oft knappe Serotonin nicht defizitär sein, weil es neben der Erfüllung seiner vielen eigenen Aufgaben auch den Einsatz und die Kontrolle der anderen Neurohormone moduliert. Die Hormone brauchen wir zwar, um unsere Gefühle ausdrücken und erleben zu können. Aber sie beherrschen uns nicht absolut. Denn Erinnerungen und Verhaltensmuster, die sich wie Straßen in unserem Unbewusstes eingegraben haben, melden sich aus den Tiefen der S e e l e. Ihre Bilder veranlassen die Ausschüttung von Neurohormonen, beispielsweise wecken Bilder von erlebten Schrecknissen Agressionshormone wie ASdrenalin und Cortisol, wogegen schöne Bilder aus guten Zeiten zur Ausschüttung von Dopamin sorgen. All diese psychischen Einflüsse sind auch psychsich gegenregulierbar, etwa in der Sebstbesinnung, der Meditation oder der Psychotherapie. All diese Wirkungen setzen natürlich voraus, dass die Hormone als Exprssionsträger unserer Gefühle auch rein materiell im Gehirn präsent sind.
Beim Rückgriff in die Tiefen der Seele gibt es allerdings keinen plausiblen Anlass, im Sinne buddhistischer Lehren nach psychischen Blockaden in unseren angeblichen früheren Leben als Kranheitsursache im aktuellen Leben zurück zu greifen, wie das die R e i n k a r n a t i o n s t h e r a p i e, bei uns am heftigsten vorgetragen von Dr. Ruediger D a h l k e , tut. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Reinkarnationstherapie
Reicht es nicht aus, dass uns in unseren christlichen Breiten zugemutet wird an ein Leben auf der Erde, im Himmel und in der Hölle zu glauben wie an die Wiederauferstehung von Jesus und gar Maria? Jetzt sollen wir selbst auch noch immer wieder auferstehen, bis wir irgenwann einmal hoffnungsfroh im Nirwana aufgehen? Diese Vorstellungen der Hippie-Generation der 60er Jahre sind so abwegig, dass es nicht lohnt, dem weiter nachzugehen.
Hunger ist nicht gleich Appetit
In diesen Bildern aus der Tiefe der Seele sehe ich auch Ihre neue/alte Freude am Essen, die durchaus kraftvoll nach Umsetzung verlangt. Ich kenne das doch auch höchst persönlich. Ich merke aber, dass ich, wenn ich nur will, bequem mal einen halben Tag oder länger gar nichts essen muss. Komme ich aus meiner Arbeit heraus so richtig zur Ruhe, meldet sich aber auch ohne bei mir selbst bei völligem Fehlen eines quälenden Hungergefühls das Interesse am Essen. Anders als früher esse ich aber nie einfach drauf los – das besondere Zeichen der Stillung von Hunger ist nämlich die Gier, überhaupt etwas zu essen. Nein, ich will immer was Besonderes essen oder etwas, was mir schon immer besonders geschmeckt hat (wie dicke Bohnen mit Speck oder sogar Grießklöße mit heißen Birnen). Besondere Speisen essen zu wollen, ist der A p p e t i t auf das Essen.
Sport muss nicht hungrig machen
Ich glaube nicht, dass Ihnen Ihre Arbeit auf dem Hometrainer Hunger macht. Hunger entsteht zwar auch durch einen Mangel an aktuell im Blutstrom zu Glukose umbaubaren Nährstoffen. Dies ist die Wirkung der sog. Insulin/ Glykagonpumpe, bei der auch die Hormone Ghrelin und Leptin entscheidend mitwirken. Ihr ist aber die zentralnervöse Hungerkontrolle durch das Esskontrollhormon Serotonin übergeordnet. Es ist ja auch sehr wertvoll, wenn die Hungerkontrolle aus dem Bauchraum immer wieder zentralnervös überspielt wird. Denn dann muss der Körper endlich an seine Energiereserven heran, von denen er ungemein viel in der Leber und in den Fettablagerungen im Körper hat. Die kräftigende Betätigung auf dem Hometrainer verschafft Ihnen aber einen kleinen Lustgewinn durch die Bestätigung der eigenen körperlichen Leistungsfähigkeit. Den Hunger, der konstant von Serotonin unten gehalten wird, erreicht das wie gesagt, nicht, wohl aber den vom Limbischen System gesteuerten Appetit!
Sprachverwirung und faule Arzneimittelstudien: Reductil
Ich habe endlos viele Bücher von Ernährungsforschern, Gastroenterologen und Allgemeinmedizinern gelesen und habe festgestellt, dass sie fast durchweg nicht zwischen den unterschiedlichen Antrieben zum Essen unterscheiden. Ihnen fehlen oft sogar die einfachsten Begriffe, weshalb sie fast generell von Appetitzüglern sprechen, wenn nur eine Hungerbegrenzung zur Debatte steht. Nur so konnte es passieren, dass das Medikament R e d u c t i l (s. schon https://www.readers-edition.de/2006/06/09/massenhaftes-uebergewicht-ist-kein-unausweichliches-schicksal-unserer-gesellschaft, auch https://www.readers-edition.de/2008/05/27/apotheken-umschau-propagiert-riskantes-abnehmmittel) mit dem Serotonin-Wiederaufnahmehmmer Sibutramin in einer “wissenschaftlichen ergebnisbasierten randomisierten D o p p e l b l i n s t u d i e” (zu solchen Studien vgl. https://www.readers-edition.de/2008/07/23/viagra-fuer-depressive-frauen-perverse-summierung-der-nebenwirkungen und https://www.readers-edition.de/2009/01/26/blindstudien-mit-und-ohne-wert) bestätigt bekam, dass seine Einnahme geeiget sei, das Körpergewicht zu reduzieren. Nur so ist es möglich, dass bis heute die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. in ihren Adipositas-Leitlinien Reductil als adjudante Hilfe bei der Gewichtsreduktion anpreist. Das Sibutramin kann nämlich nicht mehr, als Serotonin im Kopf nach getaner Arbeit an den Rezeptoren festzuhalten (welcher Wahnsinn!).
Damit bleibt die Wirkung des Esskontrollhormons Seroronin, das sich bei den meisten Menschen auf Grund unzureichender Essgewohnheiten täglich viel zu schwach neu aufbaut, länger erhalten und der Hunger wird besser kontrolliert. Nicht aber der Appetit! Der Hersteller und alle Welt reden aber davon, dass Reductil ein Appetitzügler (sic!) sei, was wie gezeigt schlicht falsch ist. Dass die so tolle Doppelblindstudie zeigt, dass nach acht Monaten die Gruppe, die den echten Wirkstoff täglich eingenommen hatte, gut 3 kg weniger wog als die Gruppe, denen man ein Placebo ohne Wirkstoffe gegeben hatte, kann nicht verwundern, denn irgendwie haben die Betroffenen die Hungerbegrenzung gespürt und haben dann wohl auch ein wenig ihre sonstigen Antriebe zum Essen etwas besser beherrschen können.
Ein so vielfach bedingtes Phänomen wie das Körpergewicht nur an dem einen Punkt der Hungerbegrenzung festzumachen, ist für einen Experten ein unverzeihlicher Fehler. Die Dinge sind aber so wichtig, dass auch jeder interessierte Laie so gut wie möglich über die wahren Zusammenhänge informiert sein sollte.
Der richtige Umgang mit den Produkten der Pharmaindustrie geht wirklich jeden an. Mir, z.B., ist erst sehr spät bewusst geworden, dass vor Jahren eine stark übergewichtige liebe Freundin, die nach und nach alle angebotenen freien und ärztlich verschriebenen Abnehmmittel ohne Erfolg durchprobiert hatte, vor ihrem urplötzlichen Tod intensiv ganz auf Reductil zum Abnehmen gesetzt hatte. Bei der allgemeinen Verbreitung dieses schädlichen Medikaments und der fehlenden Information der meisten Ärzte über seine wahren Risiken bestimmt kein Wunder!
Psychopharmaka verändern nicht nur die ganze Gehirnchemie
Es ist ohnehin kaum zu glauben, dass für diesen bescheidenen Erfolg von Reductil von im Durchschnitt gesehen ein paar Kilo Gewichtsabnahme in acht Monaten die ganze Gehirnchemie geopfert wird! Weltweit sind bereits Dutzende von Menschen nach der Einnahme von Reductil gestorben, was den Experten sämtlich gut bekannt ist. Der Grund ist seltsamerweise nicht in erster Linie darin zu suchen, dass die Wiederaufnahme von Seroronin nach seiner Arbeit im Gehirn verhindert wird – das birgt eigene Gefahren, die wegen der Überreizuung der Rezeptoren lt. Pschyrembel (Klinisches Wörterbuch, Stichwort Serotoninsyndrom) auch letale Folgen haben kann. Bei Reductil hat man die Todesursache vorwiegend wonaders ausgemacht. Denn der Rückabbau von Serotonin, der von der Natur zwingend vorgesehen ist, wird durch das Gift Sibutramin nicht nur im Gehirn verhindert, sondern auch im ganzen Körper, wo täglich an die 10 mg Serotonin verbraucht wird – gegenüber nur 0,1 mg im Gehirn. Dort kommt es in der Lunge zu Lungenemphysemen mit immer wieder mal tödlichem Verlauf! Man muss doch auch bedenken, dass alle Hormone chemisch hochreaktive empfindliche Moleküle sind, die durch ihren Einsatz beschädigt werden können und dann nicht mehr in der Lage sind, die richtigen Informationen weiter zu geben!
Der “Fall” Reductil ist nur einer von vielen ähnlichen letztlich gewissenlosen Einsätzen von Medikamenten. Sicher wissen Sie auch von der um sich greifenden Manie, unruhigen Kindern das Psychopharmakum Ritalin mit dem Wirkstoff Methypphenidat zu verpassen. Da ist längst bekannt und inernational vielfach beschrieben, wie das Medikament die körperliche und geistige Entwicklung behindert.
Falscher Schutz der etablierten Lebenmittelindustrie
Zurück zum Thema Gewichtskontrolle: Die Lebensmittelindustrie wird gleichermaßen vom Gesetzgeber im Vertrieb von Produkten geschützt, die außerordentlich nachteilige Folgen für die Kontrolle des Körpergewichts haben. Beispielsweise geschieht nichts dafür, dass der bekannt gefährliche “Gefräßigmacher” Glutamat, der sich in endlos vielen handelsüblichen Lebensmitteln versteckt, endgültig vom Markt genommen wird. Der Verzehr glutamathaltiger Fertiggerichte, Konserven, Suppen, Soßen, auch von Schnellgerichten wie, z.B., Hamburgern, Pizzas, Döner, Bratwurst und mehr in Imbissläden und Restaurants, auch in Kantinen, kann natürlich auch für Sie ein Grund für die neue Freude am unkontrollierten Essen sein. Weil der Gefräßigmacher Glutamat so wirksam das Geschmacksempfinden der Menschen korrumpiert, haben Lebensmitelhersteller, mit denen ich darüber gesprochen habe, keine rechte Wahl als auch auf diesen Wirkstoff zu setzen, weil sie sonst ihre Produkte nicht los werden.
Ich vermute aber, dass Sie vor diesen zusätzlichen Gefahren aus dem Bereich der zubereiteten Lebensmittel, mit denen die Allgemeinheit blind leben muss, durch bessere Information längst gefeit sind.
Mit lieben Grüßen
Rolf Ehlers”
Photo Quelle/Copyright: Hartmut910, via pixelio.de
selbstverständlich. komme soeben aus der küche zurück, wo ich gerade brombeermarmelade selbst gekocht habe.