Best of Readers Edition – Eine Wochenbilanz

“Tageszeitungen (…) müssen sich gegenüber einer Nachricht so verhalten, wie es seit über sechzig Jahren der ‘Spiegel’ tut: Er kommt immer zu spät und kann mit der nackten Nachricht niemandem mehr imponieren”, erklärt der bekannte Sprachkritiker Wolf Schneider heute zur Diskussion über die “Zukunft der Zeitung”. Seine Lösung: Man bediene

zetir.jpg“Tageszeitungen (…) müssen sich gegenüber einer Nachricht so verhalten, wie es seit über sechzig Jahren der ‘Spiegel’ tut: Er kommt immer zu spät und kann mit der nackten Nachricht niemandem mehr imponieren”, erklärt der bekannte Sprachkritiker Wolf Schneider heute zur Diskussion über die “Zukunft der Zeitung”. Seine Lösung: Man bediene die Leser mit Texten, die sie aus dem Internet eben nicht kennen würden und stelle das Analytische und Reportagehafte in den Vordergrund. Langfristig befürchtet er jedoch: “Auch diejenigen unter den Online-Lesern, die sich noch tiefer gehend informieren wollen, werden irgendwann keine Lust mehr haben, sich täglich mit raschelndem Papier zu umgeben.”

Schneider, der kürzlich selbst mit “Speak Schneider” unter die Video-Blogger gegangen ist, mag mit seinem Vorschlag bezüglich der Ausrichtung recht haben. Ob seine Prognose zum künftigen Leseverhalten allerdings eintreten wird, sei dahin gestellt. Denn, dass sich Print und Online auch auf ganz inspirierende Weise miteinander verknüpfen können, das sehen wir hier auf der Readers Edition jeden Tag: Einmal gelesene Themen werden aufgegriffen, weiter gedreht oder andere Blickwinkel ins Spiel gebracht. Und so können wir auch heute wieder die Lesetipps der vergangenen Woche für Sie bereit halten, die dies in vorbildlicher Weise aufzeigen.

Die Europawahlen im Blickpunkt – eine Vor- und Nachbetrachtung

Am vergangenen Sonntag war es endlich soweit: Die Bürger schritten zur Urne. Doch Unsicherheit schien durch die Lande zu ziehen. Trotz einschlägiger Wahlkampagnen, die diesmal vor allem auf Youtube sehr erfolgreich waren, fragte sich unser Autor aristo einen Tag vor dem großen Ereignis stellvertretend für wahrscheinlich viele: “Wen soll ich wählen?“. Der ehemalige Nichtwähler, der in seinem Beitrag nun die Gründe für die Aufgabe seines Protestes darlegt, ist der festen Überzeugung, “dass nur derjenige Entscheidungen, die in Brüssel gefällt werden, kritisieren darf, der auch gewählt hat”. Aber eine Partei kommt für ihn nicht in Frage. Er plädiert “Für Volksentscheide” und löst damit eine spannende Diskussion aus, die noch nicht zu Ende ist.

Am Dienstag nach der Wahl, scheint aristos Wahlaufruf ungehört verklungen zu sein. Und so titelt Lopez SuarezDie peste Lösung – Quarantäne für Politiker“. Anhand der beiden Werke “Die Pest” von Camus und “Die Rättin” von Günter Grass zeigt er auf, was hierzulande schief läuft. “Politiker sind längst keine Volksvertreter mehr”, stellt er frustriert fest. Sie seien selbstgefällige Medienjunkies geworden, die uns umzingeln – uns mit dem Rücken zur Wand stehen lassen. Quarantäne scheint hier, mit Blick auf den literarischen Vergleich, die einzig angemessene Lösung. Denn: “Wir dürfen diese Pest nicht einfach so hinnehmen und hoffen, dass sie uns verschone, solange wir den Kopf einziehen.”

Von missachteten Berufen und nicht gehörten Fans

Den Kopf einziehen, nein, das wollen die Erzieherinnen und Erzieher städtischer Tageseinrichtungen für Kinder nicht mehr. Seit drei Wochen befinden sie sich deshalb schon im Streik für höhere Löhne und verbesserten Gesundheitsschutz. Autor Marius Baumann nahm sich ihnen zu Wochenmitte an und macht mit “ErzieherInnen-Streik: der missachtete Beruf” auf ihre Situation aufmerksam. Viel werde von ihnen verlangt: “neue Bildungspläne, teilweise selbst zu finanzierende und in der eigenen Freizeit stattfindende Weiterbildungen, stärkere Dokumentationspflichten” sind hier nur einige der Mehr-Aufgaben, die sie seit PISA unter den alten, schlechten Bedingungen zu bewältigen haben. “ErzieherInnen sollen dokumentieren, begleiten, Fähigkeitsbereiche fördern, Projekte initiieren, sich als Bindungspartner anbieten und sonst noch allerlei.” Doch zu schaffen ist das kaum.

Ohren auf und zuhören lautet also die Devise unseres Autors. Das hätten die rund 60.000 Menschen, die am vergangenen Wochenende das Kult-Festival “Rock im Park” in Nürnberg besucht haben, sicherlich auch gerne getan. Dass das allerdings gar nicht so einfach war, erzählt uns Sandra Schmelz in ihren Beschreibungen des ersten Veranstaltungstages. “Fuck the volume control!!“, lautet ihre Überschrift, die bereits alles an Frust und Enttäuschung enthält, die nicht nur die Besucher in der ersten Nacht mit ins Zelt nehmen mussten, sondern auch die Künstler auf der Bühne mehr als ärgerlich stimmte. Dennoch kann sie dem Massenspektakel auch Positives abgewinnen. Folgen Sie ihr auf eine Konzertreise zu den bekannten “Guano Apes”, teilen sie ihre Begeisterung für die Headliner “Limp Bizkit” und drängeln Sie sich zu später Stunde mit hinein in das Getümmel rund um den Berliner Peter Fox. Welch Neuentdeckung sie jedoch aus dem Mittelfränkischen mit nach Hause genommen hat, sei ebenso wenig verraten, wie die Geschehnisse, die ihr auf dem Zeppelinfeld sonst noch wiederfahren sind…

Die Theologie der Finanzmärkte

Nicht nur Lopez Suarez liebt es in dieser Woche metaphorisch. Auch unser geschätzter Experte zum Thema Finanzkrise, Georg Erber, bedient sich in seinem heutigen Beitrag “Mein Wort zum Sonntag: Habgier und Wirtschaftstheorie” mittelalterlicher Anschauungen, um heutige Probleme aufzudecken. Bezug nehmend auf den Moraltheologen Adam Smith hat sich Erber die sieben Laster vorgenommen und sie auf aktuelle Propheten wie Ackermann und Co. transferiert. Sein ernüchterndes Ergebnis, das er seinen äußerst lesenswerten Ausführungen anschließt, klingt mahnend wie aufrüttelnd zugleich: “Ihr ignoranter Fundamentalismus perfekter und effizienter Finanzmärkte verblendet sie oder täuscht zumindest die breite Öffentlichkeit über das reale Marktgeschehen.”

Nun sind wir auch schon am Ende unserer wöchentlichen Lesetipps angelangt und wollen die Gelegenheit nutzen, an dieser Stelle unseren neuesten “Zuwachs” auf der Readers Edition ganz herzlich willkommen zu heißen. Philipp Erik Breitenfeld hat am heutigen Freitag mit einer “Verkostungsnotiz” sein Debüt gegeben. Wir wünschen ihm viel Erfolg und Ihnen allen, liebe Leserinnen und Leser, ein geruhsames Wochenende. Doch bevor es soweit ist, lohnt es vielleicht über Wolf Schneiders Prognose noch einmal nachzudenken. Er befürchtet nämlich nicht nur schwindende Lust Papier in die Hand zu nehmen, sondern auch, dass: “Nur Wochenzeitungen oder Wochenendausgaben (…) überleben.” werden.

In diesem Sinne, machen Sie’s gut. Wir lesen uns nächsten Freitag.

Ihre Redaktion Readers Edition

Photo Quelle/Copyright: Paul Marx, via pixelio.de

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