Mein Wort zum Sonntag: Habgier und Wirtschaftstheorie

Adam Smith hat die moderne Wirtschaftstheorie damit begründet, indem er der menschlichen Gier durch den Wettbewerb der Gierigen untereinander einer Selbstkontrolle unterwarf und dies als “invisible hand“, das heißt unsichtbare Hand Gottes deutete. In den modernen Textbüchern steht anstelle von Gier der Nutzen und gemeint ist der egoistische Eigennutz. Damit

Mephist.jpgAdam Smith hat die moderne Wirtschaftstheorie damit begründet, indem er der menschlichen Gier durch den Wettbewerb der Gierigen untereinander einer Selbstkontrolle unterwarf und dies als “invisible hand“, das heißt unsichtbare Hand Gottes deutete. In den modernen Textbüchern steht anstelle von Gier der Nutzen und gemeint ist der egoistische Eigennutz. Damit setzte er sich als Moraltheologe, der er war, nur mit einem der im Mittelalter bekannten sieben Laster, der Habgier, auseinander.

Zu den Lastern zählen im traditionellen christlich-abendländischen Verständnis die sieben Hauptlaster (auch Wurzelsünden, Hauptsünden oder Todsünden genannt): Stolz, Neid, Völlerei, Geiz, Faulheit (oder Trägheit), Zorn und Wollust.

Kein Wunder, dass die Erklärung der wirtschaftlichen Beziehungen aus Sicht der Moraltheologie unvollständig ist, da sie die Laster der Menschheit nur auf ein einziges reduzierte. Durch seine Legitimierung der Habgier wurde jedwede Kritik an dieser mit einer anderen Todsünde des Kritikers dem Neid zurückgewiesen. Verteilungsdebatten werden seither mit dem Schlagwort Sozialneid zurückgewiesen. Da die Welt mehr Laster und keine Therapien für deren Beseitigung kennt, versagt auch die Wirtschaftstheorie an der wirtschaftlichen Realität.

Die vier Apokalyptischen Reiter

Beschränken wir uns darauf, drei weitere Laster in Form von Ignoranz, Dummheit und Faulheit in die ökonomische Betrachtung mit einzubeziehen, dann wird einem rasch klar warum der homo oeconomicus der Wirtschaftstheorie einen Homunculus darstellt, der am menschlichen Wesen vorbei zielt. Das Wirtschaftsgeschehen allein auf der Basis der Habgier der Menschen zu erklären, stößt zwangsläufig an Grenzen der Realitätsbeschreibung. Erst sehr allmählich wurde die Ignoranz als Informationsproblem in die wirtschaftstheoretische Betrachtung einbezogen. Der Allwissenheit des neoklassischen Homo oeconomicus steht ein nur eingeschränkt mit Wissen ausgestatteter Mensch plötzlich gegenüber. Schlimmer noch Wissen muss kostspielig erworben werden. Die Kosten der Informationsgewinnung stoßen jedoch auf das Problem der Faulheit bzw. Trägheit in der menschlichen Natur. Der Gedanke der Aufklärung, dass der Mensch von Natur aus gut und nur durch die Zivilisation zum Bösen hin deformiert worden sei, sollte ihn zu seinem vernünftigen rationalen Urgrund zurückführen. Laster, wie sie im Mittelalter als Bestandteil der menschlichen Natur anerkannt wurden, wurden schlichtweg als widernatürlich angesehen. Dieser idealisierte platonische Mensch sollte daher – wenn er es nicht in Realita war – durch Erziehung bekehrt werden.

Die Pädagogik diente genau diesem Ziel der Missionierung. Seither wird mit wissenschaftlichen Methoden daran gearbeitet, den Menschen seine Laster auszutreiben. Leider ist dieses Programm – auch wenn es seit einigen Jahrhunderten offizielle Gesellschafs- und Staatsideologie ist – nur sehr bedingt erfolgreich. Die moralische Erziehung der Menschen scheitert immer wieder an seiner unmoralischen Natur, das heißt Lasterhaftigkeit. Mithin fassen wir die vier Grundlaster wie Habgier, Ignoranz, Dummheit und Faulheit zu den modernen apokalyptischen Reitern zusammen, die unsere Gesellschaften immer wieder verwüsten und in tiefe Sinnkrise stürzen, dann wird verständlich warum eine Wirtschaftstheorie, die wesentliche Charaktereigenschaften der menschlichen Natur ignoriert, am Ende bei der Erklärung des realen Wirtschaftslebens scheitert.

Neoklassische Wirtschaftstheorie als platonische Glaubenslehre

Neoklassische Wirtschaftstheorie ist im Wesentlichen ein neo-platonisches Denken bezüglich des Zusammenwirkens von Menschen im Wirtschaftsgeschehen. Die harmonia mundi der Wirtschaftsgesellschaft wird dabei durch ein Gleichgewicht der Kräfte hergestellt, Habgier und Egoismus werden durch den Wettbewerb der Habgierigen gegeneinander neutralisiert. Gleichsam Mephistopheles in Goethes Faust könnte man sagen: “Habgier ist die Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft.”

Die Gläubigen dieser Kirche an die segensreiche Wirkung eines ansonsten unregulierten Wettbewerbs, muss daher der explizite Eingriff anderer gesellschaftlicher Institutionen in den freien Wettbewerb als Todsünde erscheinen. Etwas Perfektes kann man aus dieser Sicht nicht perfekter machen.

Theologie der Finanzmärkte

Diese Theologie feiert auch bei der Frage, soll man globale Finanzmärkte stärker regulieren?, fröhliche Urständ. Deren Propheten à la Ackermann & Co wehren sich daher mit aller Macht – und ihnen steht reichlich davon zur Verfügung – gegen einen Staatseingriff. Man muss gespannt sein, wie diese Auseinandersetzung am Ende ausgeht. Sie wird unsere Zukunft maßgeblich mitbestimmen.

Die drei Laster einer Gesellschaft – Ignoranz, Dummheit und Faulheit – werden sie nicht vor den Konsequenzen eines solchen Verhaltens bewahren. Schließlich ist es Marktmacht der Marktmächtigen, die das harmonische Gleichgewicht der Wirtschaftsgesellschaft stören. Ihr ignoranter Fundamentalismus perfekter und effizienter Finanzmärkte verblendet sie oder täuscht zumindest die breite Öffentlichkeit über das reale Marktgeschehen.

Kommentare

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  1. Invisible hand:
    Ich glaube nicht, daß man das Anliegen einer Wirtschaftstheorie so mystifizieren muß. Denn allein die Frage “Cui Bono” – Wem nützt es? – läßt doch ganz schnell den Verdacht aufkommen, daß der Ruf nach Liberalisierung und Deregulierung – vulgo: Strukturverbesserungen – dazu da ist, einem Finanzkapital, welches auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten ist, eine satte grüne Spielwiese zu verschaffen. Warum gibt es denn auf einmal den Ruf nach Effizienz bei der Bahn, Post, Wasser, Strom etc.? Doch nicht deswegen, weil man dort ganz groß investieren könnte (ne, ne, das würde ja zuviel Geld kosten) sondern weil die Branchen, die man früher natürliche Monopole nannte, wegen der inhärent niedrigen Preiselastizität der Nachfrage, die dicken Renten (vulgo: Renditen) versprechen. Und natürlich auch deswegen, weil die Infrastruktur, die ja ein Schweinegeld kostet, inzwischen vom Steuerzahler gebaut und bezahlt worden ist. Dann braucht man nur noch das Argument defizitärer Wirtschaftsweise seitens des Staates, rechnet flugs aus, daß der Ertragswert der z.B. Wasserversorgung Null oder Negativ ist und behauptet dann, daß eine private Bewirtschaftung “effizienter” sei! Nun, in einer Hinsicht ist das richtig: private Bewirtschaftung ist effizienter in der Abschöpfung von Renten! Ob allerdings Branchen der Daseinsvorsorge dazu herhalten müssen, dem Finanzkapital die gewünschten Renditen zu garantieren, kann nicht wirklich ökonomisch, sondern darf ruhig politisch entschieden werden! Und zwar nicht von denen, die INSM – indoktriniert werden, sondern von denjenigen, die es bezahlt haben: die Steuerzahler (und nicht die Steuerverweigerer!).

    Die Marktmacht der Mächtigen:
    Es scheint so, als hätte die Realitätsverweigerung der Markttheorie gerade einen empfindlichen Dämpfer bekommen und zwar weil der Glaube an die Unabhängigkeit von Angebot und Nachfrage von der Finanzkrise erschüttert worden ist. Natürlich: wenn man meint, daß auf den Finanzmärkten vollkommene Konkurrenz herrscht – das nennt man dann Markteffizienzthese – dann ist es schlicht unmöglich, daß Handlungen Einzelner eine systematische Wirkung haben können. Nun ist aber diese Welt endlich und selbst auf globaler Ebene hat der Zentralsatz der volkswirtschaftlichen Saldenmechanik, daß das monetäre Nettovermögen aus der (realen) Monetarisierung von (Gold-) Beständen besteht, immer noch seine Gültigkeit. (Streng genommen ist das ja auch nur Folklore für unverbesserliche Träumer!) Soll heißen: ein Zuwachs an Geldvermögen ist nur dann möglich, wenn es auch einen Zuwachs an Verbindlichkeiten (= negatives Geldvermögen) gibt. Geraten Verbindlichkeiten in eine Schieflage, sind auch die Forderungen nichts mehr wert, das nennt sich dann bilanzielle Abschreibungen. Und das hat die Finanzmarkttheorie nie kapiert. Denn wenn die Kapazität der Staaten erschöpft ist, die Verbindlichkeiten, die zur Aufrechterhaltung der Forderungen notwendig sind, zu garantieren, ist von der “Theologie der Finanzmärkte” auch nichts mehr übrig, weil man dann irgendwann merken wird, daß man existierende Risiken zwar verschieben, aber nicht beseitigen kann. Dann heißt die Traumfabrik wieder (B)Hollywood und nicht Finanzmarkt!

    http://www.handelsblatt.com/politik/handelsblatt-kommentar/eine-last-fuer-generationen;2196653