Die Nationalmannschaft als unbefleckte Insel der Glückseligkeit?
Nun also auch noch das – die letzte Bastion an purer Identifikation und muttermilchgetränkter Hingabe wird ernsthaft bedroht – Fußballer dürfen ihre Nationalteams künftig (fast) so häufig wechseln wie ihre Vereinstrikots. Einzige Voraussetzung: Sofern sie noch kein Pflichtspiel, ergo Qualifikations- oder Turnierspiel für das vormalige Land ihres Herzens/ihrer Ahnen absolviert haben – und natürlich noch irgendeine entfernte Großtante-/onkel im Stammbaum vorweisen können, die die Annahme der gewünschten Staatsbürgerschaft ermöglichen.
Da beklagen strenge Sittenwächter schnell das ach so plötzlich aufkommende und florierende Phänomen des “Söldnertums”, komischerweise oft jene altgedienten Funktionäre, die ihrerseits keine Sekunde zögerten, als es darum ging, Übertragungsrechte für Live-Fußballspiele meistbietend zu verscherbeln – völlig unabhängig von den Möglichkeiten und Qualifikationen der ausgewählten Sender oder Redaktionen (vgl. Champions League auf äh 9 LIVE? Oder doch auf tm3?) und dem damit verbundenen, oftmals fragwürdigen Transport zum “Endverbraucher” (”machen Sie mit bei unserem Gewinnspiel …”). Auch die Aufsplittung der Spieltage, so dass möglichst viele LIVE-Übertragungen gewährleistet werden, wurde unter Ausblendung sämtlicher negativer Aspekte durchgeboxt. Dass dabei das Rückgrat des Profitums (Fans und Amateursport) auf der Strecke zu verkümmern droht, ist offenkundig schade, aber nicht weiter verwunderlich oder kritikwürdig, solange die eierlegenden Wollmilchsäue ihre Hochglanzformate produzieren, Emotionen direkt ins Wohnzimmer transportieren und die Quadratur des Kreises weiter fortschreiben können.
Vom hemdsärmeligen Volkssport zum glamourösen, minuziös geplanten Top-Event
Schließlich wollen wir ja auf dem europäischen Markt konkurrenzfähig bleiben und auch künftig Ballartisten aus aller Herren Länder ihre Zaubertricks direkt vor unserer Haustür vollführen sehen, n’est-ce pas? Wieso also sollte die Metamorphose vom idyllischen, von Unwägbarkeiten begleiteten, hemdsärmeligen Volkssport zum glamourösen, minuziös geplanten Top-Event plötzlich und ausgerechnet vor den Fußball-Nationalmannschaften Halt machen? Weil das Erklingen der Hymne in den Ohren der Profis plötzlich Sandkastengefühle weckt und das Streben nach größtmöglicher Selbstverwirklichung übertönt?
Ich habe kein Problem damit, wenn Cacau mit dem Bundesadler auf der Brust stürmt und dies nicht wegen seiner Vorliebe zu Schnitzel mit Pommes, Bier und Sauerkraut, sondern mit dem festen Bewusstsein, dass er einfach nicht talentiert genug ist, für sein Heimatland Brasilien aufzulaufen. Vielleicht bin ich einfach schon zu desillusioniert vom Profisport und all seinen Begleiterscheinungen – aber wer sich über Kunstprodukte wie Bayer Leverkusen, Hoffenheim oder Wolfsburg freut und deren vitalisierende Wirkung auf die Branche unablässig betont, darf sich auf der anderen Seite auch nicht über aufmerksamkeitssüchtige, auf eigenen Vorteil bedachte Fußballprofis echauffieren – das kommt meinem Verständnis von Doppelmoral einfach zu nahe.
Marc Strasser arbeitet in einer Münchner Sportredaktion und schreibt für Betfair.











Lennard
Na das ist doch toll, dann haben auch schwächere Nationalmannschaften eine chance und es ist nicht immer ein einseitiges spiel…