Nachdem insbesondere die US-Notenbank und in ihrem Gefolge auch die Bank of Englandnach Ausbruch der Subprimekrise insbesondere dann ganz massiv nach der missglückten Pleite von Lehmann Brothers das Weltfinanzsystem mit einer historisch einmaligen Liquiditätsschwemme versorgt haben, stehen sie vor dem Problem der Rückführung dieser Liquidität, da zunehmend sich in der Öffentlichkeit Unruhe breit macht, dass daraus eine deutliche Beschleunigung der globalen Inflation stattfinden könnte. Der Elchtest ist ein geflügeltes Wort, das beim Test der A-Klasse von Mercedes-Benz Furore machte. Es gelang einem Testfahrer, das Fahrzeug bei einem simulierten Ausweichmanöver – sprich ein Elch betritt die Straße – soweit zu destabilisieren, dass das Fahrzeug schlichtweg seitlich umzukippen drohte. Die Fliehkräfte einer abrupten Ausweichbewegung waren zu groß, um das Fahrzeug in der Normallage – nämlich aufrecht – zu halten.
Wie kommt der Gini wieder zurück in die Flasche?
Nachdem nun seit rund achtzehn Monaten seit Ausbruch der Subprimekrise das Weltfinanzsystem mit Liquidität geflutet worden ist, kommen selbst den Akteuren Zweifel, dass dies nicht auf Dauer eine deutliche Beschleunigung der Inflationsrate mit sich bringen könnte. Paul Krugman – der im vergangenen Jahr mit dem Wirtschaftsnobelpreis geehrte – Topökonom, hat dies meiner Ansicht nach zutreffend als Ausgangspunkt der jetzigen Weltfinanzkrise als Greenspan-Bubbles charakterisiert. Dabei ist zu bedenken, dass die Liquiditätsschwemme im Zuge des Platzens der New-Economy-Blase und den Turbulenzen in Folge von 9/11 sowie dem zweiten Irakkrieg vergleichsweise harmlos erscheinen muss.
In der Sprache des Elchtests war das erste Ausweichmanöver der Geldpolitik vor einer unmittelbaren schweren Rezession erfolgreich. Die Weltwirtschaft boomte in ungeahntem Ausmaß, nicht zuletzt angefeuert durch einen globalen Handel mit Verbriefungen, die den einzelnen Beteiligten suggerierten, das Risiko ihrer Finanzanlagen wäre breit gestreut und vergleichsweise niedrig und kontrollierbar. Systemrisiken im Weltfinanzsystem gehörten nicht in den Wortschatz der Investmentbanker und sonstigen Hypothekenfinanzierer.
Konservative Beobachter wie das Cato-Institut in Washington kommen jedoch zu einer anderen Bewertung. Inzwischen sind auch dort die Zweifel unüberhörbar geworden, dass an der unorthodoxen Geldpolitik des Ben Bernanke etwas hinsichtlich der Preisstabilität gefährlich sein könnte. Man muss kein Gläubiger der Quantitätsgleichungen sein, um ohne ein wirtschaftswissenschaftliches Studium zu der Einsicht zu gelangen, dass viel Zentralbankgeld in den Wirtschaftskreislauf zu bringen über kurz oder lang den Geldwert schmälern könnte.
Nachdem man nun im Zuge der Liquiditätskrise die Zentralbanken bewusst zum Lender-of-first-resort machte, d.h. nachdem der Interbankenmarkt seit der Pleite von Lehmann Brothers zum Erliegen gekommen ist und bis heute keine normale Funktionsweise aufweist, muss irgendwie eine so genannte Exit-Strategie her, damit das Kind nicht in den Brunnen fällt. Das Konundrumsind die Inflationserwartungen, die sich zunehmend in der Öffentlichkeit breit machen. Beginnen die Menschen zu begreifen, dass das Geld, dass die Notenbanken unablässig schöpfen, nur bunte Papierschnipsel sindoder als Giralgeld, d.h. elektronisch auf Konten von Geschäftsbanken rund um den Globus erscheint, dann könnte dies zu einem rapiden Anstieg der Inflationserwartungen führen. Die Menschen würden daher die Preise ihrer Waren und Dienstleistungen in Erwartung der sich abzeichnenden Geldentwertung bereits vorab anheben. Diese Inflationserwartungen dann durch eine restriktive Geldpolitik, d.h. bewusste Verknappung von Zentralbankgeld, wieder zu stoppen, könnte schwierig sein.
Papier ist geduldig
Viele mathematische bzw. Modellökonomen verweisen darauf, dass im Prinzip ja der Vorgang der massiven Liquiditätsschöpfung reversibel ist. Allerdings vergessen sie sich über die Physik, d.h. hier die reale Anpassungsfähigkeit der Weltwirtschaft, ausreichend Rechenschaft abzulegen. Wie beim Elchtest behaupteten ja auch die Entwicklungstechniker, dass der A-Klasse-Mercedes fahrstabil beim Elchtest sei. Leider hatte das nur noch niemand praktisch ausprobiert. Ein Testfahrer, der es dann darauf ankommen ließ, belehrte die Entwicklungstechniker von Mercedes eines Besseren. Es war durchaus – und ein physikalisch gebildeter Techniker hätte dies auch wissen können – möglich, Fliehkräfte beim Ausweichmanöver zu erzeugen, welche das Fahrzeug wegen seines vergleichsweise hohen Schwerpunkts seitlich wegkippen ließen. Elchtest missglückt, Theorie widerlegt.
Ähnlich argumentieren jetzt einige Geldtheoretiker (PDF), dass ein solches geldpolitisches Wendemanöver problemlos machbar sei. Mal sehn, ob das klappt. Vielleicht waren ja auch hier wieder die Zentralbankpräsidenten à la Bernanke und King zu optimistisch à la Greenspan. Man hat eine Deflation und Depression verhindert, aber eine galoppierende Inflation und erneute Spekulationsblase angefacht. Wir dürfen gespannt auf den Elchtest der Geldpolitik sein. Wird sie ihn ohne nachträgliche ESP bestehen können? Wir sind jedenfalls unfreiwillige Teilnehmer eines globalen Sozialexperiments, ob sich da nicht einige Finanzmarktakteure nicht gewaltig verrechnet haben.
Was mich in diesem Zusammenhang immer mehr wundert ist, dass die USA trotz Jahrzehnte langer Geldmengenausweitung (per ursprünglicher Definition Inflation) gar nicht so starke Teuerungsraten erlebt haben.
Hier mal eine Darstellung der Geldmenge:
http://www.hartgeld.com/filesadmin/images/charts/us-m3b_2008-02.png
Die Preiserhöhungen lagen deutlich unter den Geldmengenausweitungen! Das ist die eigentliche Leistung der USA über die vergangen Jahrzehte… Die haben es tatsächlich geschafft die Geldmengen von den Güterpreisen zu entkoppeln.