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Kultur + Wissenschaft

Das Libet-Experiment und die Fähigkeit, nein zu sagen.

Mittwoch, den 17. Juni 2009 um 11:33 Uhr von Jochen Ebmeier
Gehirn; Photo: Gerd Altmann (geralt) via Pixelio

Als der Hirnforscher Gerhard Roth im Philosophischen Quartett bei Sloterdijk und Safranski die These von der vollständigen Determiniertheit unseres durchaus nicht freien Willens vertrat, räumte er am Ende der Diskussion doch eine Ausnahme ein: „die Verneinung“.

Er hat die Tragweite seiner Einschränkung nicht bedacht. Wenn der Verneinungsmodus eine Ausnahme von der Determiniertheit unseres Willens ist, dann ist der ganze Mensch eine Ausnahme von der Determination. Denn der Mensch kann grundsätzlich Alles verneinen und verleugnen. Könnte er nicht nein sagen, dann könnte er nicht ja sagen. Eben das ist die Freiheit seines Willens. „Der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann“ meint Max Scheler.

Das Interesse der Hirnforschung, den Glauben an die Freiheit unseres Willens zu widerlegen, datiert von dem berühmten Libet-Versuch her. Der amerikanische Neurophysiologe Benjamin Libet wollte mit Hilfe der neuen bildgebenden Verfahren der Hirnforschung herausfinden, wie menschliches Handeln strukturiert ist, in welcher Reihenfolge, nach welchem Zeitverlauf Willensakte zustande kommen. Er forderte seine Probanden auf, irgendeinen Körperteil zu bewegen. Libet erwartete folgenden Ablauf: An erster Stelle steht der Willensentschluss, der sich in Aussagen wie „Ich werde jetzt meine rechte Hand heben” artikuliert. Dann baut sich im Gehirn ein Bereitschaftspotenzial auf – das ist der messbare neuronale Prozess der Vorbereitung einer Körperbewegung; und dann kommt es schließlich zur Ausführung der Körperbewegung.

Als Libet das Experiment durchführte, zeigte sich überraschenderweise, dass die angenommene Chronologie falsch war: Das Bereitschaftspotenzial ging nämlich der bewussten Willentscheidung um rund ein Fünftel Sekunde voraus, das heißt: Das Gehirn hatte die Handlung bereits eingeleitet und geplant, bevor sich die Person auf bewusste Weise zu ihr entschließen konnte.

Unter Willen und Ich wird „das Bewusstsein“ verstanden. Aber sie übersehen, dass die Aufgabe: „ein Körperteil bewegen“ im Bewusstsein schon präsent gewesen ist – nämlich als Frage: „welches?“ Kein Wunder, dass das „Bereitschaftspotenzial“ schon da war…

Tasächlich hat Libet nicht den Willensakt selbst beobachtet, sondern den Akt seiner Bewusstwerdung: die Reflexion, durch welche der Wille seiner inne wird. Es handelt sich dabei um eine nachträgliche Kenntnisnahme zum Zweck der Selbstkontrolle – um im gegebenen Fall noch rechtzeitig nein sagen zu können.*

Er setzt voraus eine willentliche Ausrichtung der Aufmerksamkeit.

Im wirkliche Leben geschehen – sagen wir: – neunundneunzigkommaneun Prozent der willkürlichen, nämlich nicht vom Zentralen System gesteuerten Bewegungen ‘vor-bewusst’ und treten in den Kreis der Aufmerksamkeit gar nicht erst ein. Anders käme ich nie zum Handeln. Das an dieser Stelle stets bemühte Beispiel ist das Autofahren. Die Aufmerksamkeit ist gerichtet auf das Verkehrsgeschehen. Meine Muskulatur – Hände und Füße – “wissen von allein”, welche Bewegungen jeweils auszuführen sind. Ich richte meine Aufmerksamkeit nur dann darauf, wenn ich einen sich abzeichnenden Fehler zu unterbinden habe. Während dessen ziehe ich meine Aufmerksamkeit vom Verskehrsstrom ab. Eine Verzögerung von einer Fünftelsekunde geht im Straßenverkehr gerade noch an. Brauche ich länger, wird mich das Verkehrsgeschehen überrollen. Für den Musiker, der seine Stimme oder sein Instrument betätigt, ist eine Fünftelsekunde schon zu lang. Der Rhythmus ist futsch. Da hilft nur üben, üben, üben…**

Ergebnis: Das Ich entsteht da und dann, wo die Reflexion die vorgängigen Willensakte überprüft, um im gegebenen Fall nein sagen zu können. Das Ja ist die ‘natürliche’ Prämisse. Aber erst, wenn ich darauf verzichtet habe, nein zu sagen, kann ich ein Ja auch sagen. In diesem Moment war mein Wille frei. An dieser Stelle ‘ereignete sich’ Ich.

*) Das war auch Libets eigene Interpretation.

**) Und dies nicht zu vergessen: Es handelt sich nicht um ein abgeschlossenes Stück in drei Akten, sondern um eine willkürlich herausgegriffene Sequenz eines fortwährenden systemischen Prozesses.

- - -

Photo: Gerd Altmann (geralt) via Pixelio

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10 Reaktionen zu “Das Libet-Experiment und die Fähigkeit, nein zu sagen.”

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  1. Rolf Ehlers

    am 17. Juni 2009 um 12:27 Uhr | Link | Kommentar melden

    Eine wunderschöne Betrachtung! Mir fällt dazu der seiner Zeit weit vorauseilende Beitrag von Heinrich von Kleist ein, dessen Titel schon die überraschende Aussage
    preisgibt:

    “Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden!”

    Das Reden zeigt ganz deutlich die Volatilität der Aussage. Außer dass man wie manche Übervorsichtige, besonders Männer, die wie Thomas Mann jede ihrer Äußerungen zigfach hin und her wägen, bevor sie sie öffentlich machen, haben wir einen geistigen Mechanismus in uns, der uns ohne durchgängige rationale Kontrolle
    ganze Reden schwingen lässt. Da sprudeln die Sätze nur so aus uns heraus und wir
    hatten keine Gelegenheit, sie vorher gründlich zu prüfen.

    Ganz im hier angesprochenen Sinne kann der Redner aber zu dem, was sich ohne
    bewusste Kontrolle in ihm als Aussage geformt hat, auch “Nein” sagen. Er muss sich - wie im Beispiel mit der Reaktion im Strapenverkehr - rasend schnell entscheiden, ob er die Dinge so laufen lässt, wie sie aus ihm herauskommen. Und er kann es wirklich!

    Ob all das aber wirklich Argumente sind für oder gegen einen freien Willen, muss m.E. dahin stehen. Gleich wie kompliziert die Mechanismen in unserem Hirn sind,
    ob wir genetisch, hormonell oder anders funktional gesteuert sind, man kann jedenfalls derzeit nicht sicher wissen, was da “frei” ist, weil diese Steuermechanismen ihrerseits wieder Steuerungen unterliegen, die tatsächlich auch dem psychischen Einfluss des Menschen unterliegen. Als Beispiel dazu fallen mir die von der Wissenschaft entdeckten Steuerproteine ein, die unsere Gne zu- und abschalten können. Ob allerdings diese Schaltungen durch Einflüsse von außen auf die Psyche und dann in einer inneren Reaktion darauf oder von innen - vom”freien Willen” - bedient werden, bleibt eine philosophische Frage.

    Mir scheint ohnehin, dass die Natruwissenschaftler, wenn sie ihr eigenes Terrain verlassen und die Welt zu erklären versuchen, alles von der notwendigen philosphischen Skepsis über Bord werfen, was in Jahrhunderten philosophischer Arbeit als unverzichtbar ekannt wurde.

  2. Tolya Glaukos

    am 17. Juni 2009 um 18:00 Uhr | Link | Kommentar melden

    … ach, liebe Kinder! ;)

    … wie sagte Onkel Schopenhauer so schön: man kann zwar tun, was man will, aber nicht wollen, was man will.
    Und Kollege Einstein hat diesen Satz auch immer wieder vorgebracht, um seine eigene Haltung zu unterstreichen - wie viele Physiker bestritt er die Willensfreiheit sowie jedwede andere Zufallsprozesse und favorisierte ein naturwissenschaftliches, auf festen Gesetzmäßigkeiten beruhendes Weltbild.

    Wer dagegen argumentiert, verlässt die Pfade der Wissenschaft und wendet sich den Zauberreichen der Religion und Esoterik zu: dort ereignen sich wahrlich Wunder am Fließband. Ein wirklich freier Menschenwille wäre solch ein Wunder: im Universum wäre dann innerhalb einer “Einheit” (Individuum) etwas möglich, das nichts und niemand sonst von außen beeinflussen könnte, nicht stören, nicht prognostizieren - nur abwarten, beobachten und dann beschreiben könnte.

    Also: entweder lässt sich alles erklären im Universum (auch wenn nicht “wir” es erklären können, aber objektiv betrachtet ist es erklärbar), oder aber eben nicht. Wenn nicht, sind folglich Wunder möglich, die nichts und niemand erklären kann.

    (Und wo wären denn dann eigentlich die Grenzen der Wunder …?)

    Der Mensch hält für Freiheit, was eigentlich ein Handlungsspielraum ist. Aber den Handlungsspielraum selbst - kann er nicht in der Situation beeinflussen. Er mag den Spielraum nachträglich selbst in Maßen modifizieren, oder aber seine Umwelt modifiziert selbigen für ihn. (durch Evolution werden ja immer neue Spielräume für immer neue Intelligente Designs generiert): im Augenblick des Denkens und/oder Handelns aber kann er den Spielraum nicht beeinflussen, er muss mit dem arbeiten, der gerade vorhanden ist, selbiger bildet in diesem speziellen Moment den ultimativen Rahmen seiner Möglichkeiten ab.

    Er ist folglich ein hübscher und wunderbar kompliziert programmierter Automat …

  3. JochenEbmeier

    am 17. Juni 2009 um 18:20 Uhr | Link | Kommentar melden

    Heinrich von Kleist,

    “Über die allmählicher Verfertigung der Gedanken beim Reden:
    http://neuromantiker.wordpress.com/2009/02/25/uber-die-allmahliche-verfertigung-der-gedanken-beim-reden/

    “Von der Überlegung”:
    http://neuromantiker.wordpress.com/2008/12/21/von-der-uberlegung/

  4. JochenEbmeier

    am 20. Juni 2009 um 20:11 Uhr | Link | Kommentar melden

    Was unterscheidet den Wissenschaftler - den “exakten”, den “Natur”-Wissenschaftler - von den Forschern, Nachdenkern und Ergründern in anderen Bereichen?

    Das Experiment. Und das ist nicht bloß die geduldige Beobachtung von dem, was “von Natur aus” sowieso schon geschieht, sondern der kontrollierte Versuch im LABOR. Dort wird zunächst einmal eingegrenzt, WAS eigentlich beobachtet werden soll, nämlich nicht alles, was “vorkommt”, sondern dasjenige, was der Forscher in seiner Eingangsfrage als Dieses-Eine vorab IDENTIFIZIERT hat. Also ein Auswahl aus dem, was “die Natur” dem unbefangenen Auge bietet.

    Und der Versuch geschieht nach einer ausgeklügelten ANORDNUNG, die penibel dokumentiert wird, damit eine jeder Interessierte ihn gegebenenfalls WIEDERHOLEN kann.

    Der ganze Sinn dieses aufwendigen Unternehmens: KONTINGENZ ausschalten. Kontingenz ist alles, was unter anderen Umständen anders ablaufen könnte; vulgo der “Zufall”.

    Zufall bedeutet aber: das, was nicht dem GESETZ unterliegt, sondern gesetzlos und ‘willkürlich’ geschieht.

    Mit andern Worten: Das experimentelle Verfahren setzt EO IPSO die Gesetzmäßigkeit der zu beobachtenden Phänomene VORAUS. Sonst könnte das Experiment ja nichts BEWEISEN. Und das allgemeinste Gesetz der Naturwissenschaften - Dasjenige, was sie zu Naturwissenschaften überhaupt erst macht - heißt KAUSALITÄT. Kontingenz ist demgegenüber alles, was keiner Kausalität zugeordnet werden kann.

    Wenn allerding der Forscher sein Verfahren so ausgewählt hat, dass es überhaupt immer nur Kausalitäten sichtbar machen kann, dann… hat er sich von vorn herein dazu entschlossen, alles, was Will-Kür - freie Wahl - sein könnte, NICHT ZU BEACHTEN.

    Experimente zur Willensfreiheit sind unwissenschaftlich, weil sie ihr Ergebnis durch die Wahl des Verfahren BEREITS VORWEGGENOMMEN haben, statt es… zu prüfen!

  5. Rolf Ehlers

    am 21. Juni 2009 um 09:50 Uhr | Link | Kommentar melden

    Sind das nicht alles nur Wortspiele? Sind wir nicht gefangen in vorgegebenen Grenzen, die uns immer wieder in einen Teufelskreis führen, in dem wir unablässig den Sinn in den Begriffen suchen, die wir selbst definiert haben?!

  6. Jochen Ebmeier

    am 21. Juni 2009 um 12:54 Uhr | Link | Kommentar melden

    Grenzen… naja. Unsere Vorstellungskraft ist begrenzt durch das, was die Evolution uns angehext hat. Aber das eigentliche Mysterium der Vernunft ist, dass wir Sachen DENKEN können, die außerhalb unserer VORSTELLUNG liegen; der ‘gekrümmte’ Raum etwa oder das Raum-Zeit-Kontinuum. Wie weit das Denken die Grenzen der Vorstellungskraft übersteigen kann, kommt immer auf den Versuch an. Vorher kann man es ‘naturgemäß’ nicht wissen.

    Dass die Argumentation in meinem Kommentar ganz abstrakt, nämlich ‘rein begrifflich’ ist, gebe ich freilich zu. Aber ich kann es konkretisieren.

    Bei den ‘bildgebenden’ Verfahren der Hirnforscher wird anhand magnetischer Wellen dargestellt, in welcher Hirnregion gerade die größte Blutzufuhr geschieht; und die also ‘aktiviert’ ist. Das ist buchstäblich eine BILDLICHE, per Definition ‘analoge’ Darstellung. Wenn im Gehirn der Bedeutungsgehalt ‘jetzt in den Park gehen’ durch die Aktivierung soundsovieler Hirnregionen konfiguriert wird, ist nicht zu erkennen, ob das mit positivem oder mit negativem Vorzeichen (=Digit) versehen ist. Es sind - egal ob es heißt: Ja, jetzt in den Park gehen oder Nein, jetzt nicht in den Park gehen - dieselben Regionen aktiviert.

    Oder sind sie es nicht? Dann müsste dargestellt werden, durch welche ‘Ursachenkette’ der Sprung von einer Region zu einer ganz anderen Region ‘vermittelt’ wird. Wolf Singers einziges (!) Argument für die ‘Determiniertheit’ der Gehirnvorgänge ist nämlich, dass es “in der Natur keine Sprünge gibt”: Jeder momentane Zustand des Gehirns sei ‘determiniert’ durch den jeweils unmittelbar vorhergegangenen. Dann müsste bei einem Wechsel von einer Region zur anderen irgendein ‘Verlauf’ sichtbar gemacht werden können. Wäre es so - sein Sie sicher, dass sie uns das längst berichtet hätten.

    Der extreme Fall wäre: Zu der ursprünglichen Konfiguration ‘in den Park gehen’ träte gerademal EIN neues Zentrum im Gehirn hinzu: ein “Nein-Zentrum” sozusagen. Wäre es so - dann wäre DAS das gesuchte ‘Ich’, das den Freien Willen hat.

    Wenn es so wäre - wie gesagt: Sein sie sicher, dass sie uns das längst erzählt hätten! Und wenn nicht Wolf Singer, dann diejenigen seiner Kollegen, die ihrerseits auf den Nobelpreis reflektieren und ihm zuvor kommen wollen.

  7. Tolya Glaukos

    am 21. Juni 2009 um 13:36 Uhr | Link | Kommentar melden

    j-e,
    die ausführungen zu kausalität & experiment fand ich insgesamt schlüssig, stringend, zielführend. warum aber das denken sich etwas zum inhalt machen könnte, was außerhalb der vorstellung liegt, will mir nicht in den kopf … vielleicht außerhalb des “verständnisses”, das leutete mir ein. aber eine vorstellung muss ich mir sofort machen, sobald ich versuche, etwas logisch zu durchdenken. der gekrümmte raum war auch mir anfangs eine art rätsel, ich suchte nach dem geistigen “bild”, und ich habe es tatsächlich gefunden. für mich geht denken mit vorstellungen immer hand in hand.
    oder anders: ich kann nicht das denken, was ich nicht denken kann. ein denken ohne vorstellung ist für mich kein denken mehr. ansonsten wäre ja schon ein buch allein eine art denken, es benötigte keinen leser, wäre schon geist, ganz ohne jemanden, der den geistigen inhalt darin aktiviert - via vorstellung des darin abgehandelten.

    das ja- und das nein-zentrum helfen m.e. auch nicht weiter. warum darf das ja-zentrum aktiv werden? wer erlaubt ihm die entscheidung? oder ist eine art wägeprinzip daruntergeordnet?

    darüber hinaus: wenn ein ja-nein-zentrum als heimatort des freien willens existierte, der willkürlich entscheiden könnte (also gewissermaßen autokratisch), was getan wird, was würde dann in selbigen stattfinden? doch ein zufallsprozess? angenommen, es gäbe tatsächlich einen reinen zufall, was wäre dann dieser freie wille? ein würfelspiel! nicht wir würden etwas entscheiden, sondern etwas in uns würde entscheiden. von außen besehen könnte man dann sagen: die person X verhält sich zufällig, vielleicht auch irrational, weil ihr verhalten nicht vorauszusagen ist. aber das verhalten wäre dann auch von der person X selbst nicht vorauszusagen, bis zu dem moment, in dem sie sich entscheidet. was hätte sie von dem freien willen? er hätte keine bedeutung. die freiheit darin wäre die freiheit eines geworfenen würfels … aber die chance, z.b. überhaupt nicht zu würfeln, wäre darin gar nicht vorgesehen! (das als anmerkung zu den grenzen oder spielräumen)

    die andere alternative, das alles geschehen im menschlichen gehirn determiniert ist, lässt sich gut mit einem computerprogramm beschreiben: statt einem ja-nein-zentrum sind IF-ELSE entscheidungsstrukturen konfiguriert. und selbige können hochkomplex ineinander verzahnt sein, sich manchmal auch widersprechen (im menschen erzeugt das konflikte, in dem computer ist es ähnlich, da stellt man schonmal einen freeze auf dem bildschirm fest und muss rebooten, weil sich das system selbst an solchen widersprüchen aufgehängt, blockiert hat).
    wenn man nun ein programm schreibt, das sehr viele IF-ELSEs beinhaltet, dann sieht das verhalten des programms von außen betrachtet oft sehr artifiziell und mitunter auch unvorhersagbar aus - und doch ist alles darin ablaufende auf fakten zurückzuführen, auf fix vorgegebene abläufe.

    wenn ich nun mit einem randomprogramm den computer z.b. würfeln lasse - womöglich erscheint mir als zuschauer das gewürfelte als absolut zufällig, ja als purer zufall. aber was ist der fall? das programm hat sich keines zufalls bedient. es hat informationen aufgenommen, sein programm abgearbeitet - das ergebnis ausgegeben.
    und jetzt der clou: das programm könnte aber VORHER nicht sagen, welche zahl es würfeln wird (sofern man es etwas komplexer geschrieben hat). denn angenommen, man nähme nur mehrere zufallsvariablen, die z.b. die aktuelle prozessorzeit einbeziehen - dann müsste das programm auch noch weißsagen können, wie schnell es die berechnung durchführen wird. es kann also keine zuverlässige prognose abliefern, was das ergebnis sein wird. es weiß nicht, was es erwürfeln wird, obwohl beim start des programms feststeht, was das ergebnis sein wird …

    (mit libet hat das nur am rande zu tun. dass man sauerstoffverteilungen im gehirn als beweis für irgendwas nimmt, halte ich ohnehin für nachgerade kindlichnaiv. denn was zeigen sauerstoffverteilungen im gehirn an? nichts anderes als die verteilung von sauerstoff im gehirn ;)

    schönen sonntag die herren,
    t.

  8. JochenEbmeier

    am 21. Juni 2009 um 21:10 Uhr | Link | Kommentar melden

    Die Möglichkeit eines ‘Nein-Zentrums’ habe ich nur zu Demonstrationsszwecken erwogen - um zu zeigen, dass sich die Hirnforscher, die in letzter Zeit glaubten, die Freiheit naturwisschenschaftlich widerlegen zu können, in heillose Widersprüche verstrickt haben.

    Übrigens geht es nur um das Nein, nicht ums Ja. Wenn ein Vorstellungskomplex so, wie er sich nun einmal einstellt, ungeprüft und ‘bedenkenlos’ hingenommen wird, entspricht das problemlos dem deterministischen Glaubenssatz. Erst wenn er ‘aus freien Stücken’ zurückgewiesen wird - ohne dass die bildgebenden Verfahren zeigen können, was DIESER ZURÜCKWEISUNG ‘determinierend’ VORANGEGANGEN wäre -, ist die Verursachungskette unterbrochen. Ein WILLENTLICHES Ja wäre dann die Verneinung der vorangegangenen Verneinung.

    Eine Entweder-oder-Figuration wäre kein Ersatz für die Verneinung. Denn sie setzt immer zwei positiv bestimmte Alternativen gegeneinander; und NUR die. Sowohl logisch als auch erfahrungsmäßig im wirklichen Leben eröffnet aber das Nein einen offenen Raum von unbestimmt vielen anderen Möglichkeiten. Tatsächlich wird bei der Entscheidung zwischen nur-zwei Möglichkeiten die eine der beiden ja nur dadurch ausgeschieden, dass die andere ihr (positiv) VORGEZOGEN wurde. Das läuft nur aktisch auf die ‘Negation’ der andern Möglichkeit hinaus; aber sie ‘bedeutet’ sie nicht - und um Bedeutungen geht es hier.

    Das ist keine Haarspalterei, denn dass auch Tiere - nicht einmal nur Primaten - von zwei Möglichkeiten die gefälligere wählen können, ist offenkundig. Da kommt man ganz ohne die Hypothese des freien Willens aus, das lässt sich ohne weiteres auf genetische Disposition (”Instinkt”) zurückführen. Es ist nämlich vielmehr das Einverständnis mit dem (mehr oder weniger) ‘Besseren’, als die Verneinung von etwas als FALSCH Erkanntem. Für das eine reicht schlichtes und einfaches “behavior”. Für das andere braucht es ein URTEIL.

    Das ist der springende Punkt: ‘Der Mensch kann Nein sagen’ heißt: Der Mensch kann URTEILEN. Genauer gesagt, er MUSS urteilen, weil er in einer Offenen Welt lebt, für die es kein genetisches Programm gibt. Das bedeutet ‘Freiheit’ im transzendentalen Verständnis.

  9. JochenEbmeier

    am 21. Juni 2009 um 21:24 Uhr | Link | Kommentar melden

    PS: ‘Vorstellung’

    Mit Vorstellung meine ich die Re-Präsentation eines zuvor schon angeschauten BILDES; wobei es unerheblich ist, ob das Bild ‘wahr-genommen’ oder ‘ein-gebildet’ worden ist. Entscheidend ist die Anschaulichkeit.

    Man kann einen Gedanken so oft wiederholen und hin und her prüfen, bis er einem so vertraut geworden ist, das man sich ein-bildet, sich dabei etwas VORZUSTELLEN. Natürlich versuche auch ich - ich denke, wie jeder, der kein Theoretischer Physiker von Profession ist -, mir den Gekrümmten Raum oder das Raum-Zeit-Kontinuum durch Analogie mit vertrauten Bildern irgendwie zu veranschaulichen; und es gibt reichlich Computersimulationen im Internet… Aber das sind alles nur Vergleiche, die sofort zu hinken anfangen, wie man versucht, anschauliche OPERATIONEN daran vorzunehmen. Das müssten sie aber erlauben, wenn sie WIRKLICHE Bilder wären.

    Aber ich hätte gar nicht so weit ausholen müssen. Die Arithmetik reicht schon aus. Eine ganz gewöhnliche ZAHL kannst Du Dir nicht VORSTELLEN, du musst sie DENKEN. Du kannst Dir vier Äpfel vorstellen, aber keine Vier. Du kannst Dir viermal vier Äpfel vorstellen - aber 4 X 4 genauso wenig wie Vier Äpfel X Vier Äpfel. Und letztere kannst Du Dir auch nicht einmal mehr denken…

  10. Tolya Glaukos

    am 23. Juni 2009 um 12:20 Uhr | Link | Kommentar melden

    schönen dank für die erläuterungen, zu einer profunden replik fehlt mir im moment leider die zeit - ich hoffe, das bald ‘nachholen’ zu können.
    t.

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