Ausgetrickst und Angeschmiert: Gerd Billens Analyse von Kunden

- Buchcover, (c) Westend-Verlag
(via www.westendverlag.de)
Verbraucher sein wird zum Vollzeit-Job, so sieht es Gerd Billen, seit August 2007 Vorsitzender des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, in seinem kürzlich erschienenen Buch “Ausgetrickst und angeschmiert - Wie wir Verbraucher uns wehren können”. Garniert mit den “111 häufigsten Verbraucherfallen” beschreibt es auf etwa 240 Seiten seine Sicht auf den modernen Verbraucher, die Lage im Finanz, Energie und Konsumgütermarkt und stellt Forderungen an die Politik nach verbesserten Rahmenbedingungen für Otto Normalverbraucher. Doch auch die Verantwortung der Verbraucher selbst spricht er an: König Kunde muss seinen Teil dazu beitragen, sich seine Krone zurück zu erobern.
Gerd Billen zeichnet ein unbehagliches Bild der Situation des modernen Konsumenten: Ausgesetzt in zunehmend liberalisierten Märkten ist er auf sich allein gestellt, die passende Altersvorsorge aus einer Flut von Angeboten auszuwählen, unverständlich gekennzeichnete Lebensmittel zu kaufen und mehrere tausend Telekommunikations-, Gas-, Strom- und Versicherungstarife im Auge zu behalten, die sich zudem allesamt “Spartarif” nennen.
Zu der Flut von Angeboten gesellt sich laut dem Autor eine zunehmend verunsichernde Berichterstattung in den Medien: Kein Tag vergeht, an dem nicht in der Presse von Abofallen, Gift in chinesischem Spielzeug oder gesundheitsgefährdenden Stoffen in Lebensmitteln zu lesen ist.
Sich gut informieren, das klein Gedruckte lesen, sich gegen Betrüger zu Wehr setzen: Diesen täglichen Herausforderungen seien nur gebildete Verbraucher gewachsen, die sich stetig informieren und sich einen Konsum nach ihren eigenen Bedürfnissen auch leisten können. Alle Übrigen seien schlechter dran und von der Politik in vielen Fällen allein gelassen.
In weiteren Kapiteln nimmt Gerd Billen verschiedene Märkte genauer unter die Lupe. Im Energiemarkt sieht er den Verbraucher als Opfer verfehlter Deregulierungspolitik, dank derer eine echte Konkurrenz für die bestehenden Oligopole der Stromriesen nie aufkommen konnte. Im Lebensmittelmarkt fordert er eine einfachere Kennzeichnung, verbesserte Kontrollen und mehr Transparenz und Information. Im Finanzmarkt sieht er Verbraucher zunehmend verpflichtet, sich selbst umfassend um die private und betriebliche Altersvorsorge zu kümmern. Viele träfen jedoch ihre Entscheidungen aus mangelnder Kenntniss zu vorschnell und wenig fundiert. Durch Falschberatung bei Anlageprodukten würden deutschen Anlegern jährlich bis zu 30 Milliarden Euro verloren gehen.
Der Ausweg aus der Überforderung
Billens Rezept für den Ausweg aus der von ihm skizzierten Situation heutiger Verbraucher: Mehr Transparenz in den Märkten, Verbraucherausbildung zu kompetenten Kunden und eine deutlich aktivere Verbraucherpolitik. Statt klarer Konzepte reagiere die Politik nach wie vor nur auf einzelne Mißstände.
Verbraucherschutz betrifft zudem viele unterschiedliche Behörden und Ressorts, Verantwortlichkeiten sind auf den Bund und die Länder verteilt. In seinem “Fitnessprogramm” für die Verbraucherpolitik formuliert der Sozial- und Haushaltswissenschaftler Gerd Billen die wesentlichen Ziele, die die Politik seiner Ansicht nach verfolgen sollte und stellt ein 10-Punkte-Programm für eine zukunftsweisende Verbraucherpolitik auf.
Natürlich sieht der Vorsitzende der Verbraucherzentralen in der Stärkung der unabhängigen Verbraucherberatung durch die Zentren seiner Organisation eine Grundvoraussetzung für eine Stärkung der Verbraucherposition. Ihre Bedeutung hebt Gerd Billen nicht nur aus eigener Zuständigkeit stark hervor: Sie sind nach wie vor wichtigste Anlaufstelle für Ratsuchende und bieten durch ein großes Netz an Beratungsstellen als einzige unabhängige persönliche Beratung in allen Belangen des Verbraucherschutzes.
Doch ihre Konkurrenz wird zunehmend stärker: Organisationen wie Foodwatch agieren längst nicht so zurückhalten wie die Zentralen. Ökotest übernimmt seit geraumer Zeit mit eigenen Analysen und Tests erfolgreich die Machart der Hefte der Stiftung Warentest, die seit ihrer Gründung 1964 Jahrzehnte lang praktisch konkurrenzlos blieb. Auch unzählige Verbraucherportale im Internet, in denen Verbraucher eigene Erfahrungen mit Produkten einstellen, erfreuen sich zunehmender Beliebtheit.
Der Autor will auch die Verbraucher selbst in die Pflicht nehmen: Eindrücklich stellt er die Zusammenhänge zwischen Verbraucherverhalten und wirtschaftlichen Entwicklungen dar, erklärt die ökologischen Folgen des Geiz-ist-geil-Prinzips und das nichts wirklich umsonst ist. Es geht ihm bei der Änderung des Verbraucherverhaltens nicht nur um das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis: Er wirbt beim Verbraucher auch darum, bei der Auswahl der Waren Überlegungen zur Nachhaltigkeit und fairen Produktionsbedingungen in die Entscheidung einzubeziehen.
111 Verbraucherfallen
Gegen Ende des Buches listet Billen 111 Verbraucherfallen auf. Hier finden sich altbekannte Tricks und Hinterhältigkeiten des Marketings und der Verkaufsraumgestaltung: Dank Berieselung frisch aussehendes Obst, verkaufsfördernde Duftstoffe und zum Großeinkauf animierende, extra-große Einkaufswagen in den Lebensmittelmärkten. Dauerbrenner wie Abofallen, betrügerische Mahn- und Inkassopraktiken und Schnupperabos, aus denen es scheinbar kein Entrinnen mehr gibt und auch viele neue Themen wie Telefonwerbung oder Online-Musiktauschbörsen werden thematisiert.
Im Vergleich zum offensiven Titel des Buches bleibt der Aufruf an die Verbraucher, sich zu wehren, zurückhaltend und die Kritik an der Politik betont sachlich. Dafür bekommt der Leser eine spannend geschriebene, natürlich sehr sachverständige und prägnante Analyse seiner Situation und der wichtigsten Fallstricke in den verschiedenen Märkten, konkrete Hilfestellungen bei häufigen Verbraucherfallen und erfährt viel über die Zusammenhänge in der Verbraucherpolitik.
“Ausgetrickst und angeschmiert” ist im Westend-Verlag erschienen, umfasst 246 Seiten und kostet 19,95 Euro.











Joss
Da spietl vielleicht auch der Bequemlichkeitsfaktor eine gewisse Rolle. Damit haben
viele wohl mal uebertrieben nur um dann festzustellen dass das schadet ausserdem
zu Versaeumnissen fuehrt. … Was wiederum mit allem Verdruss und Aerger zu
tun hat, der aus dem Medienkonsum zu tun hat. den Themen und Inhalten die oft
auf “Gefuehle”, Entruestung, reinen Konflokt abzielen, nur um einen Aufreger zu
haben. Und darueber dann allerhand anderes, Wichtiges, versaeumt.
(Habe ich zumindest bei mir selber mal festgestellt. Dass man zu faul wird,
Hinweisen zu folgen, … nur um dann festzustellen, dass man Interessantes
versaeumt hat.)
Andy
“Sich gut informieren, das klein Gedruckte lesen, sich gegen Betrüger zu Wehr setzen: Diesen täglichen Herausforderungen seien nur gebildete Verbraucher gewachsen, die sich stetig informieren und sich einen Konsum nach ihren eigenen Bedürfnissen auch leisten können.”
Das ist 100% Richtig!
” Alle Übrigen seien schlechter dran”
Das ist 100% Richtig!
” und von der Politik in vielen Fällen allein gelassen.”
Das ist nicht Richtig.
In 99% der “Betrugsfälle” war - wenn auch nicht kristallklar - das Risiko beschrieben. Wer zu dumm oder zu faul ist zu verstehen, dem kann auch die “Politik” nicht helfen.