Bachelor – unzureichender Hochschulabschluss

Was steckt hinter den jetzt massiv aufgeflammten massiven Protesten von Hunderttausenden von Schülern und Studenten in Deutschland, deren großes Ausmaß Nicole Oppelt in der RE gerade so deutlich aufgezeigt hat? Laut beklagt wird eine “Bildungsmisere”. Zudem wird ein freierer Zugang zu höherer Bildung und die endgültige Abschaffung von Bildungsgebühren verlangt.

grauda.jpgWas steckt hinter den jetzt massiv aufgeflammten massiven Protesten von Hunderttausenden von Schülern und Studenten in Deutschland, deren großes Ausmaß Nicole Oppelt in der RE gerade so deutlich aufgezeigt hat?

Laut beklagt wird eine “Bildungsmisere”. Zudem wird ein freierer Zugang zu höherer Bildung und die endgültige Abschaffung von Bildungsgebühren verlangt. Dahinter steckt die stetig wachsende Kritik am Bologna-Prozess von 1999, in dem die Regierungen von 46 europäischen Staaten, die Weichen für eine radikale Neuordnung des Hochschulwesens gestellt haben, allerdings “per ordre de mufti” – ohne Beteiligung der Parlamente oder gar der betroffenen Hochschulen, der Professoren und Studenten.

Dieser demokratisch nicht legitimierte Vorgang ist die Vorwegnahme dessen, was uns in Europa ständig blühen würde, wenn die Europäische Verfassung oder der Lissabon-Vertrag tatsächlich wirksam werden würden (wovor uns hoffentlich bald und noch vor der Bundestagswahl das Bundesverfassungsgericht bewahrt).

Mit der Umstellung der Studiengänge auf das Bachelor- und Mastersystem sollte die Qualität der Lehre verbessert und die Studiendauer verkürzt werden. Zudem sollte durch vergleichbare Studienleistungen und -abschlüsse sowie eine gesteigerte Mobilität der Studierenden ein gemeinsames europäisches Hochschulsystem vorangetrieben werden. An der Reform beteiligen sich 46 europäische Staaten. 2010 sollen überall unter Wegfall der Magister-Studiengänge bei den Geisteswissenschaftlern, der Diplome bei den Naturwissenschaftlern und der Staatsexamina bei den Juristen einheitlich nur noch die nur dreijährigen Bachelor-Studiengänge und darauf aufbauend Magisterausbildungen und Promotionen möglich sein. Gedacht war auch daran, dass die Vereinheitlichung der Studiengänge zu einer beseren Mobilität der Studenten in Europa führen würde. Nach dem Motto: zwei Semester Studium an der Sorbonne, drei in Stockholm und den Rest mit dem Abschluss in Wien oder Berlin.

“Akademische Freiheit” war gestern

Die Umsetzung hat zu einer Überforderung der Bacherlor-Studenten geführt, die gezwungen werden, in streng verschulter Weise in viel kürzerer Zeit das alte Lernpensum zu behalten. Der Leistungsdruck macht oft eine Teilbeschäftigung zur Aufbringung der Lebenshaltungskosten während des Studiums unmöglich. Zeit für ein “studium generale” gibt es natürlich gar nicht. “Akademische Freiheit” war gestern.

Der Bacherlor-Abschluss bereitet aber kaum auf das Berufsleben vor, obwohl das ein erklärtes Ziel der “Reformer” ist. Er wird aus verständlichen Gründen in der Wirtschaft nicht groß geschätzt. Der Gedanke der Vereinheitlichung der Studienbedingungen in Europa wird zwar allgemein unterstützt. Aber einfach die Schwächen der amerikanischen Hochschulausbildung zur Norm für ganz Europa zu machen, hat zu einem Fiasko geführt. Die Striktheit der Studiengänge hat die Mobilität der Studenten zudem immer weiter eingeschränkt, besonders bei den Bachelors.

Diese Kritik kommt von allen Seiten:

http://www.blaetter.de/artikel.php?pr=3103

http://www.vlk-online.de/files/articles/2009-05/200905_b15a2d7343.pdf?PHPSESSID=23370588d45592579bc2e38b3dd13326

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30534/1.html

http://www.deutsche-bildung.de/presse/meldungen/detail/news/bologna-reform-in-der-kritik.html

http://dermorgen.blogspot.com/2008/03/der-bolognaprozess-ein-blick-zurck.html

auch vom Präsidenten des Deutschen Hochschulverbandes, Professor Bernhard Kempen. Der Mainzer Theologieprofessor Marius Reiser gar ist aus Protest gegen die durch die Umkremplung des Hochschulwesens erzeugte Unkultur von seinem Amt zurückgetreten.

Es gärt nicht nur in Deutschland

Prototypisch ist die Kritk des bekannten österreichischen Philosophen und Staatspreisträgers Professor Konrad Paul Liessmann, der rügt, dass nach Bologna nur noch Informationsvermittlung stattfindet statt Wissen gesammelt und Bildung vermittelt wird.

Noch am 20.11.2008 meinte die “Zeit” als Ergebnis einer kleinen Meinungsumfrage bei Studenten feststellen zu können, dass unter den Studenten die Kritik am Bachelor-Studiengang zurückgegangen sei. Bei der Studie kann es indes nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Woher sonst kommen die Hunderttausende, die auf die Straße gehen?

Unsere Bildungsministerin Annette Schavan beschimpft derweil die Schüler und Studenten sowie die sich mit ihnen solidarisierenden Professoren, dass sie rückschrittlich seien und einen notwendigen Eingungsprozess in Europa zu torpedieren suchten. Deutschland sei Teil des Europäischen Bildungssystems. Schavan hat, was an ihren Veröffentlichungen (sie hat im Gegensatz zu Merkel wenigstens ein paar) als streng katholische Erziehungsexpertin weniger die Heranbildung freier schöpferischer Geister im Sinn als die Ermittlung der Voraussetzungen für die “Herausbildung des Gewissens” in den heranwachsenden Generationen.

So jedenfalls macht das Schavan zusammen mit ihren Amtskollegen in Europa: Sie zerschlagen ein bewährtes Bildungssystem, führen aus Amerika geborgte Billigstandards ein und erklären die Nivellierung zur moralischen und historischen Pflicht! Zum Ausgleich für die Herunterstufung des ganzen Systems werden dann Exzellenzschwerpunkte gebildet, die wenigstens hier und da für ein hohes Niveau sorgen sollen – was sie aber ohne akademische Freiheit, die auch ihnen nicht zugestanden wird, nicht schaffen können.

Photo Quelle/Copyright: BL 1961, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr

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  1. Humboldts Begräbnis – Zehn Jahre Bologna-Prozess

    Am 19. Juni dieses Jahres jährt sich das wohl einschneidendste Ereignis der jüngeren europäischen Hochschulgeschichte zum zehnten Mal. An diesem Tag kamen 1999 im italienischen Bologna die Bildungsminister 29 europäischer Staaten zusammen, um die Mobilität der Studierenden im „europäischen Hochschulraum“ etwa durch vergleichbare Studienabschlüsse voranzutreiben. Das Ergebnis war die Verabschiedung der sogenannten Bologna-Erklärung, die bis heute von 46 Staaten unterschrieben wurde. Ihr Ziel sollte, neben der Verständlichkeit und Vergleichbarkeit von Hochschulabschlüssen, die Einführung eines zweistufigen (angelsächsischen) Studiensystems (Bachelor und Master) sowie die Förderung der Mobilität von Hochschulangehörigen sein.
    Seither haben sich die deutschen Hochschulen grundlegend verändert.

    Ein Beitrag von Wolfgang Lieb in den Blättern für deutsche und internationale Politik, 06/2009

    hier lesen: http://www.nachdenkseiten.de/?p=3978