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Politik + Wirtschaft

Steinbrück: Vom Paulus zum Saulus

Donnerstag, den 18. Juni 2009 um 15:36 Uhr von Georg Erber
Der Retter der Wirtschaft? Sicher nicht: Peer Steinbrück.

Peer Steinbrück war angetreten den Staatshaushalt zu sanieren. Bis Mitte letzten Jahres war er fest davon überzeugt, dass es ihm gelänge die Neuverschuldung des Bundeshaushalts auf Null herunter zu drücken. Jetzt muss er sich von solchen Wolkenschlössern bis auf unbestimmte Zeit verabschieden. Wie er heute einräumte steigt die Neuvorschuldung nach Einschätzung seines Ministeriums jetzt um rund 300 Mrd. Euro bis zum Jahr 2013.

Staatsverschuldung gerät außer Kontrolle

Damit wird es voraussichtlich nicht lange dauern bis die Staatsverschuldung die Zwei-Billionengrenze überschreitet. Mithin schnellt die Staatsschuldenquote auf über 80 Prozent des BIPs in die Höhe. Damit wird die im Wachstums- und Stabilitätspakt vorgesehene Staatschuldenquote von 60 Prozent auf unbestimmte Zeit verletzt bleiben. Schuldenbremse hin, Schuldenbremse her, der Bundestag mag soviel in das Grundgesetz festschreiben wie er will, er wird sich der Realität der effektiven Staatsverschuldung und seiner progressiven Dynamik stellen müssen. Der Weg zur Hölle ist bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert.

Die Opfertheorie

Um sich der öffentlichen Kritik an der Schuldenexplosion zu entziehen, beruft man sich darauf, dass man ja Opfer der globalen Finanzkrise geworden ist. Für diese trage mach ja schließlich keinerlei Verantwortung. Dies ist jedoch nur die halbe Wahrheit.

Die Bundesregierungen der letzten drei Legislaturperioden waren aktiv daran beteiligt, die Finanzmärkte in Deutschland soweit zu deregulieren, dass der massive Einstieg deutscher Finanzinstitute insbesondere auch der Landesbanken sich als globale Spieler betätigen konnten. Schließlich saß der Staat in Form von Bundes- und Landespolitikern als Miteigentümer immer in den jeweiligen Aufsichtsräten.

Hinzu kommt, dass er zwar mit der BaFin eine Institution zur Finanzaufsicht des Bankensektors geschaffen hat, diese aber zugleich hinsichtlich der Finanzaufsicht in eine Konkurrenz mit der Bundesbank brachte, die ebenfalls einen Teil des Finanzaufsicht wahrnehmen durfte. Durch die Europäische Währungsunion ist auch der Apparat der Bundesbank aufgebläht und sucht nach neuen Betätigungsfeldern. Gleichzeitig wurde, wie auch der derzeitige Chef der BaFin einräumt, diese nicht mit ausreichend Personal ausgestattet, so dass man seiner Aufgabe hätte gerecht werden können. Zu überdenken wäre auch insbesondere, ob Rechnungsprüfungsgesellschaften wie beispielsweise Price, Waterhouse & Coopers, die gleichzeitig als Buchprüfungsgesellschaften für einzelne Banken fungieren und gleichzeitig für die BaFin als Bilanzprüfer derselben Banken tätig sein dürfen. Ein Interessenkonflikt ist hier zwangläufig unvermeidlich.

Der Finanzministerium beaufsichtigt weiterhin die KfW

Gleichzeitig hielt man die KfW nicht außerhalb der Finanzaufsicht, sondern unterstellte sie der direkten Aufsicht des Bundesfinanzministerium. Damit waren insbesondere auch hier Interessenkonflikte vorprogrammiert. Finanzaufseher und zu beaufsichtigende Bank wurden in Personalunion seitens des Finanzministeriums überwacht. Eine höchst zweifelhafte Selbstkontrolle.

Risikofreudigkeit der deutschen Banken war bereits vorher bekannt.

Hinzu kommt, dass bereits nach dem Platzen der Internetblase auch die Privatbanken in Deutschland bereits ähnliche Symptome hinsichtlich auch international weit überdurchschnittlicher Risikopositionen ihrer Geschäftspolitik identifiziert worden waren ( Kool, 2006 insbesondere Abbildung 2 und 3). Trotzdem wurde aus diesem erkennbaren Versagen nicht die notwendigen Konsequenzen gezogen.

Bundesregierungen und Bundestag als Deregulierer

Stattdessen wurden regulatorische Hemmnisse der Schattenbanken wie beispielsweise Hedgefonds, REITs, etc., noch durch den Gesetzgeber aus dem Weg geräumt. Man wollte ja nur im globalen Kasinokapitalismus mitspielen solange der Rubel rollte. Gesetze, die regulatorische Lücken wie beispielsweise die Unterstellung von Finanzholdings auch der Finanzaufsicht wurden im Ministerium jahrelang liegen gelassen. Dies hätte es beispielsweise der BaFin besser ermöglicht die desaströse Entwicklung bei der HRE früher zu erkennen und entsprechend einzuschreiten. Mithin war man ideologisch soweit verblendet, dass man im Glauben an die Effizienz der Finanzmärkte und deren effiziente Selbstregulierung alles unternahm den Regulierungsrahmen auf die angelsächsische Softregulierung anzupassen.

Nachdem nun das Kind tief in den Brunnen gestürzt ist, gibt man sich jetzt den Anschein, von dieser Entwicklung völlig überrascht worden zu sein. Es sind wieder mal die bösen anderen die Schuldigen, man selbst hat sich nichts vorzuwerfen. Ein Rücktritt des Ministers als Supermann der Krisenrettung ist schlichtweg undenkbar. Dabei löffelt er nur die Suppe aus, die er sich gemeinsam mit den großen Geschäftsbanken zuvor selbst eingebrockt hat. Dabei muss dann der gemeine Steuerzahler als Gläubiger-Schuldner für die eskalierenden Staatschulden herhalten. Als Gläubiger kreditiert er die insolventen Finanzinstitute. Als Schuldner zahlt er deren Verluste.

Wenn man jetzt so tut als würde man mit der Entstehungsgeschichte der globalen Finanzmarktkrise nichts zu tun gehabt haben, dann bindet man der breiten Öffentlichkeit einen Bären auf. Wenn Peer Steibrück weiterhin den Anschein zu vermitteln versucht, er sei der Paulus der Finanzstabilität des Bundeshaushalts und der Retter der Wirtschaft, dann will er uns vergessen machen, dass er längst vorher vom Paulus zum Saulus geworden ist.

Photo Quelle/Copyright: nrwspd, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr

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9 Reaktionen zu “Steinbrück: Vom Paulus zum Saulus”

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  1. Georg Erber

    am 18. Juni 2009 um 15:59 Uhr | Link | Kommentar melden

    IKB braucht wieder mehr Geld bzw. Staatsbürgschaften

    http://www.ftd.de/unternehmen/finanzdienstleister/:Hilfe-vom-Soffin-IKB-braucht-neue-Staatsmilliarden/528770.html

  2. Rolf Ehlers

    am 18. Juni 2009 um 16:24 Uhr | Link | Kommentar melden

    Wie sieht denn das Bild aus, wenn die großzgig gewährten Bürgschaften zu bezahlen sein werden, weil die Schuldner nicht selbst zahlen können?

    Wie hoch ist denn dann die Staatsverschuldung?

  3. Jan van Winried

    am 18. Juni 2009 um 17:28 Uhr | Link | Kommentar melden

    Die Bankster klappern bereits mit den Zähnen und fürchten eine “Bürokratisierung” der Finanzwirtschaft nachdem Amerika den Weg für die Zukunft aufzeigt: Kontrolle und verständliche Finanzprodukte.

    Unsere Politiker sind ja auch noch da und werden derartige Regelungen für Deutschland zu verhindern wissen. Das Credo der Kanzlerin lautet schließlich: “Der Staat kann kein guter Unternehmer sein”. Beängstigend im Angesicht der Tatsache, dass dieser Staat jedes Jahr zig Milliarden Euro verwalten und investieren muss.

    Man fragt sich langsam, was können die Politiker überhaupt? Die Schuldenbremse ist ja ein unmittelbares Eingeständnis, mit dem anvertrauten Geld nicht umgehen zu können.

  4. Margareth Gorges

    am 18. Juni 2009 um 18:06 Uhr | Link | Kommentar melden

    Herr Jan van winfried

    die Schuldenbremse ist ein klares Eingeständniss den Sozialstaat weiter abzubauen!
    Privatisierung - Ausverkauf des Staates - die Neoliberalen jubeln

    Das Ergebnis dieses verfassungsrechtlichen Richtungswechsels lässt sich jetzt schon prognostizieren: Die Schuldenbremse wird die Verschuldung nicht bremsen, sondern sie wird Konjunkturbelebungen immer wieder prozyklisch abwürgen und damit zu weniger Steuereinnahmen und mehr Schulden führen.

    Als einziger Ausweg bleiben weitere Privatisierungen von Volksvermögen und der Abbau öffentlicher Leistungen für Bildung, für Daseinsvorsorge und für soziale Absicherung. Es werden damit die Bildungschancen der künftigen Generationen eingeschränkt, Investitionen in die Zukunft blockiert und die Schwächsten der Gesellschaft zur Kasse gebeten; das wird schließlich zu einer noch größeren sozialen und ökonomischen Spaltung in unserem Land führen.

  5. Kai Beisswenger

    am 18. Juni 2009 um 19:33 Uhr | Link | Kommentar melden

    Lieber Kollege,
    letzte Woche nannte Peter Sloterdijk in seinem lesenswerten Essay in der FAZ die zunehmende Staatsverschuldung ein Verbrechen.

    Recht hat er und die verantwortlichen Rattenfänger, die in Erwartung auf zusätzliche Wählerstimmen unseren Kindern immer größere Lasten aufbrummen, sollten sich eigentlich vor einem Gericht verantworten. Dieses jüngste Gericht wird das nächste Wahlergebnis sein, wenn die SPD bei 20% dümpeln wird. Denn der Wähler ist viel schlauer, als die “Stones” denken.

    Die Seifenoper um die “Rettung” von OPEL hat der SPD unglaublich geschadet, während der aufrechte Herr von Guttenberg in der Wählergunst an Ansehen gewonnen hat. Recht so!

  6. Thorsten

    am 18. Juni 2009 um 21:53 Uhr | Link | Kommentar melden

    Ich weiss nicht ob man die Liberalisierung der Finanzmärkte (und deren jetzigen Folgen) Herrn Steinbrück anlasten kann. Dies wurde eher von der CDU und dem Druck deren künftigen Wunschkoalitionspartners FDP forciert. Weite Teile der SPD haben immer davor gewarnt.

  7. Steinbrück: Vom Paulus zum Saulus >> Staatsverschuldung gerät außer Kontrolle, Die Opfertheorie , Der Finanzministerium beaufsichtigt weiterhin die KfW, Risikofreudigkeit der deutschen Banken war bereits vorher bekannt, Bundesregierungen und Bund

    am 18. Juni 2009 um 22:24 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Von Georg Erber | Readers Edition | – Peer Steinbrück war angetreten den Staatshaushalt zu sanieren. Bis Mitte letzten Jahres war er fest davon überzeugt, dass es ihm gelänge die Neuverschuldung des Bundeshaushalts auf Null herunter zu drücken. Jetzt muss er sich von solchen Wolkenschlössern bis auf unbestimmte Zeit verabschieden. Wie er heute einräumte steigt die Neuvorschuldung nach Einschätzung seines Ministeriums jetzt um rund 300 Mrd. Euro bis zum Jahr 2013. […]

  8. Georg Erber

    am 19. Juni 2009 um 07:55 Uhr | Link | Kommentar melden

    Irrsinn mit Methode:

    http://www.ftd.de/politik/deutschland/:Mittelfristige-Finanzplanung-Koalition-sch%FCttet-F%FCllhorn-aus/528860.html

  9. Margareth Gorges

    am 26. Juni 2009 um 21:05 Uhr | Link | Kommentar melden

    Bekommen wir die Verschuldung überhaupt noch in den Griff?

    Viele Menschen sind angesichts der wachsenden Staatsverschuldung in Sorge und fragen, ob es überhaupt noch einmal möglich sein wird, diese Schulden abzubauen. Diese Sorgen sollte man ernst nehmen, auch dann, wenn das Thema erkennbar benutzt wird, um politische Entscheidungen gegen die Interessen der Mehrheit zu begründen - etwa um eine Mehrwertsteuererhöhung auf 25 % durchzudrücken oder den Abbau sozialer Leistungen fortzusetzen.

    Ich will versuchen, einige eher zuversichtliche Antworten zum gesamten Fragenkomplex zu geben.

    von Albrecht Müller hier lesen: http://www.nachdenkseiten.de/?p=4023#more-4023

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