Iran: “Wir betreten eine neue Ära der Gewalt” - Hamid Tehrani im Interview
Iran in Aufruhr: Der iranische “Global Voices“-Redakteur Hamid Tehrani über den Betrug bei den Präsidentschaftswahlen, die Protestbewegung, die Macht der Mobilisierung von Menschmassen und die Rolle von Bloggern und Twitterern für die Menschen in Iran.
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Nach den Wahlen vermuten nicht Wenige in und außerhalb des Irans eine Manipulation der Stimmenverteilung zu Gunsten Ahmadinedschads. Teilen Sie diese Annahme?
Tehrani: Allerdings! Ich folgte dieser Wahl Stunde um Stunde und kontrollierte parallel verschiedene Websites. Eine Reihe von offiziellen und halbamtlichen Seiten riefen Ahmadinedschad als Sieger mit rund 65 Prozent der Stimmen schon zu Beginn der Auszählung aus (gleichzeitiges Endergebnis der Wahlen, Anm. d. Red.). Zum zweiten waren Ahmadinedschads Zahlen ziemlich einheitlich quer durch alle Provinzen Irans. Bei den letzten Wahlen hatte es erhebliche ethnische und provinzielle Unterschiede gegeben. Es gibt noch viel mehr Elemente und Fakten, die zu der Annahme führen, dass diese Wahl ein echter Betrug ist.
Mussawi, politischer Gegner Ahmadinedschads, ist nach aktuellen Informationen auch kein wirklicher Reformer und vertritt etwa in der Atom-Frage offenbar eine ähnlich starre Haltung wie Ahmadinedschad. Wie fällt Ihr Urteil über Mussawi aus?
Tehrani: Mussawi ist ein echter Khomeinist und hält treu zu ihm. Er ist der Auffassung, dass der Iran sich der internationalen Gemeinschaft anschließen und vernünftige ökonomische und politische Entscheidungen treffen sollte. Er ist kein “Demokrat”, aber er denkt eher an die iranischen nationalen Interessen als an ideologischen Wahnsinn.
Obama und die Europäer erwägen keine Intervention in diesem Konflikt. Sollte sich der Westen Ihrer Meinung nach mehr engagieren und eine klarere Position beziehen?
Tehrani: Der oberste iranischen Führer, Ali Chamenei hat der Opposition bereits vorgeworfen, durch ausländische Feinde unterstützt worden zu sein. Ich glaube, sie sollten keine Stellung beziehen, aber auch die iranische Regierung und den Präsidenten nicht anerkennen.
Worum geht es den Demonstranten ganz konkret inhaltlich, was fordern diese ein, außer der bereits gescheiterten Annulierung der Wahl? Sind diese Forderungen realistisch bzw. wie sehen Sie die Chancen für einen Erfolg der Bewegung?
Tehrani: Die Menschen wollen ihre Stimmen zurück. Die Losung heißt: “Where is my vote?”. Zum ersten Mal in 30 Jahren demonstrierten Millionen von Menschen in Teheran und anderen Städten ihren Willen zur Veränderung. Nachdem Khamenei Ahamdinejad zum Präsidenten ausgerufen hat und die Führer der Opposition bedroht, sollten wir Mussawis und Karroubis Reaktion abwarten. Wir betreten eine neue Ära der Gewalt.
Nach offiziellen Aussage hat es bereits sieben Tote bei den Unruhen gegeben, d.h. eine erste Schwelle zu extremer Gewalt ist schon überschritten…
Tehrani: Ich denke, wenn auf dieser Ebene reformistische Führer einen Kompromiss eingehen, werden sie aus dem iranischen politischen Leben für immer ausradiert werden. Wenn sie Widerstand leisten, werden sie unterdrückt. Aber wenn du Millionen von Menschen mobilisierst, ist es sehr schwer, dich aus dem Verkehr zu ziehen. Die Zahl der Opfer der jüngsten Gewalt beträgt mehr als 7. Wir bekommen alltäglich Infos über mehr Opfer, aber es ist schwierig eine genaue Zahl anzugeben.
Die meisten Informationen über die Protestbewegung beziehen die Menschen in und außerhalb des Irans nur aus dem Internet, etwa aus Sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook. Wäre ohne diese Hilfsmittel der Protest in dieser fortgeschrittenen Form überhaupt entstanden bzw. denkbar? Ist es eine Revolution, die im Internet ihren Anfang genommen hat?
Tehrani: Ich denke, das Internet, Websites und Blogs waren über Jahre das einzige Fenster für Aktivisten der Zivilgesellschaft, sich selbst auszudrücken oder Veranstaltungen zu organisieren, da sie keinen Zugang zu anderen Informationen hatten. Faceboook, Twitter etc. spielen eine wichtige Rolle, um zu kommunizieren und sich zu informieren. Ich glaube, ohne Internet wäre es sehr schwierig für die Opposition gewesen, mit den Befürwortern und den Massen zu kommunizieren, aber noch immer ist der Kontakt von Mensch zu Mensch zweckmäßig.
Wie hoch stehen die Chancen, dass Blogger und Twitterer langfristig etwas bewegen und nicht nur kurzfristig in den medialen Focus rücken?
Tehrani: Blogger gibt es schon seit Jahren und viele Twitterer sind auch Blogger. Sie sind gekommen, um zu bleiben.
Wie informieren Sie sich persönlich über die Ereignisse in Iran?
Tehrani: Websites, Blogs, Chat, TV … über fast alle Wege der Information.
Ali Chamenei hat am Freitag Mahmoud Ahmadinejad den Rücken gestärkt. Inwieweit wird dies, glauben Sie, die gegenwärtige Situation auf den Straßen Irans verändern?
Tehrani: Wir sollten die Demonstrationen am Samstag und die Reaktionen der Menschen und ihrer Führer abwarten. Viele sind sehr traurig und wütend über das Handeln des Führers.
Interview/ Übersetzung: Felix Kubach
Hamid Tehrani ist iranischer Redakteur des internationalen Blogger- und Bürgerjournalisten-Netzwerkes Global Voices. Mehr von Hamid Tehrani auf Readers Edition (via Global Voices)
zusätzl. Hörtipp: BBC Digital Planet - 16/06/2009 Blogging & Censorship Special (ONLINE ACTIVISM IN IRAN, CHINA, CUBA), mit Hamid Tehrani im Interview (real player plugin needed)
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