Die diesjährigen, nunmehr bereits 63., Ruhrfestspiele Recklinghausen sind beendet. Sie waren erfolgreicher denn je. Wie der Verwaltungsdirektor und stellvertretende Geschäftsführer Reinhard Strehlau mitteilte, haben die Ruhrfestspiele mit dem diesjährigen Programm erstmals in ihrer Geschichte mehr als 80.000 Besucher in ihren Bann gezogen.
Sie erlebten 231 Vorstellungen und sieben Sonderveranstaltungen im Kreis Recklinghausen. Das Platzangebot von 93.000 Plätzen wurde zu 85,9 Prozent ausgelastet. Die Einnahmen aus der Verkauf der Eintrittskarten haben damit die Ansätze des Wirtschaftsplanes übertroffen. Ein mehr als zufriedenstellendes Ergebnis für die Ruhrfestspiele, zumal das Festival seit über 15 Jahren keine Erhöhungen ihrer Zuwendungen mehr erfahren hat. So waren Festspielleiter Dr. Frank Hoffmann und Verwaltungsdirektor Strehlau auch dieses Mal wieder auf eine hohe Selbstfinanzierungsquote und die Einwerbung von Sponsorengeldern angewiesen, um für das Programm in puncto Qualität und Quantität genügend Gestaltungsspielräume zu haben. Schon im Vorjahr war die Besucherbilanz höchst erfreulich ausgefallen. Der bisherige, 2009 nun eingestellte, Rekord: 77.200 Menschen wollten 2008 die zahlreichen Kulturveranstaltungen der 62. Ruhrfestspiele sehen.
Besucherzahl gestiegen
Aufgrund der Erweiterung der Spielstätten (Photo:einer der “Nebenschauplätze”, das Theater Marl) auf insgesamt elf und dank der Zusatzvorstellungen und der damit verbundenen Erhöhung der Platzkapazität, bedingt durch eine weiter gestiegene Nachfrage, schlug mit einem weiterem Besucheranstieg positiv zu Buche. Allein zum traditionellen Kulturvolksfest anläßlich der Eröffnung der Ruhrfestspiele am 1. Mai (Readers Edtition berichtete) “stiegen” mehr als 90.000 Besucher auf den “Grünen Hügel” nahe des grandiosen, sich seinen Besuchern architektonisch gekonnt, freundlich-transparent präsentierenden Festspielhauses (siehe Photo oben).
2009 im Fokus: Der Norden
Die 63. Ruhrfestpielen hatten unter dem Leitmotto “Nordlichter” vornehmlich das Theater des europäischen Nordens in den Fokus genommen. Damit lud Festpielintendant Frank Hoffmann von der vorherigen Konzentration auf einen bestimmten Bühnenautor, z. B. das Thema “Amerika” und die Theaterliteratur des nordamerikanischen Kontinents betreffend, heuer dazu ein, in eine neue, nicht minder interessante Blickrichtung gen Norden zu schauen. Den Zuschauerinnen und Zuschauern wurde so ein außergewöhnlicher Überblick über wichtige Autoren und deren Werke im Rahmen des skandinavischen Theaters verschafft. Geschehen ist das beispielsweise durch spannende Projekte von Henrik Ibsen, Ingmar Bergmann, Jan Fosse und Per Olof Enquist, welche die Ruhrfestspiele in den Monaten Mai und Juni auf die Bühne brachte. Sicherlich einer der Höhepunkte: das Strindberg-Projekt “Lieben Sie Strindberg…” mit dem großartigen Oskarpreisträger Maximilian Schell auf der Großen Bühne des Recklinghäuser Festspielhauses (RE war für Sie dabei).
Transatlantische Theaterinitiative, Premieren, Uraufführungen und Kabarett der Extraklasse…
Mit “Der Kirschgarten” und “Ein Wintermärchen” erlebten die Zuschauer zwei Koproduktionen der Festspiele mit BAM New York (sozusagen eine transatlantische Theaterinitiative – ein Brückenschlag zwischen Amerika und Europa) und The Old Vic London. Zu erleben waren insgesamt eine Reihe hervorragender Schauspielinszenierungen, Performances, Lesungen sowie Kabarett der Extraklasse (Dieter Hildebrandt, Georg Schramm Hagen Rether u.v.m.) . In dieser Festspielsaison gingen 4 Deutschland-Premieren, 7 Uraufführungen, 3 deutschsprachige Erstaufführungen sowie drei Neuinszenierungen in beachtlicher Qualität über die Bühnen-Bretter, die die Welt bedeuten. Einige der 15 in Kooperation mit anderen Theatern anläßlich der Ruhrfestspiele entstandenen Inszenierungen werden dankenswerter Weise auch künftig auf vielen deutschen sowie europäischen Bühnen zu sehen sein.
Volksfestival Ruhrfestspiele
Damit hat sich wieder einmal gezeigt, dass die Ruhrfestspiele Recklinghausen unterdessen zu einem Zentrum der Theaterwelt geworden sind, dass inzwischen eine so hohe künstlerische Ausstrahlung verströmt, daß es die europäische Theaterszene nicht nur unübersehbar mit gestaltet, sondern auch maßgeblich mit prägt. Überhaupt sind die Ruhrfestspiele ein ganz besonderes und damit nahezu einmaliges Kulturfestival inmitten Europas. Gerade deshalb, weil es nach wie vor Menschen aus allen Bevölkerungsschichten – die obendrein zuweilen untereinander auch noch ins Gespräch kommen! – erreicht. Man kann es so sagen: Das – man darf es wohl ruhig so nennen: “Volksfestival Ruhrfestspiele” – ist in den 63 Jahren, die das Festival inzwischen auf dem Buckel hat, im Wesentlichen stets auf dem Teppich geblieben (unter der kurzen Intendanten-Ägide von Frank Castorf höchstens einmal leicht über dessen Kante gestolpert). Sie verströmen nach wie vor die den Menschen des Ruhrgebietes eigene Offenheit, Wärme und Herzlichkeit; dienten und dienen bis heute nie einem Publikum (ziehen es deshalb wohl auch erst gar nicht an), welchem es wie weiland auf anderen “Grünen Hügeln” augenscheinlich hauptsächlich nur darum geht, in neuester spektakulär-prunkvoller Garderobe ins Theater zu stolzieren, um zu sehen und selbst gesehen zu werden. Dabei - dies muss unbedingt hinzugesetzt werden: sind die Ruhrfestspiele Recklinghausen trotz dieser unaufgesetzten Natürlichkeit, welche sie jedes Jahr wieder aufs Neue versprühen, dennoch niemals provinziell (im negativ besetztem Sinne dieses Adjektivs) gewesen. Ganz im Gegenteil. So man in Recklinghausen denn überhaupt vom Durchschnitt sprechen will, muss man sagen: dieser ist von einem durch die Bank hohem Niveau geprägt. Es wird, so hoffe ich doch stark – und zweifle kaum daran, auch die nächsten Jahre so bleiben.
LIEBEN SIE RECKLINGHAUSEN!
Übrigens hat auch die geschichtlich betrachtet interessante Stadt Recklinghausen einiges an Interessantem zu bieten. Leider - ebenso erging es mir einige Jahre selbst – reisen die meisten Besucher meist nur an, um die jeweiligen Aufführungen der Festspiele zu erleben, lassen also die Stadt links liegen, und düsen hernach halt wieder ab. Ein Fehler, wie ich finde (weshalb ich diesen bereits vor zwei Jahren korrigiert habe, ohne es zu bereuen; dank Vorstellungen, die erst nach Mitternacht endeten): Bleiben Sie doch ruhig einmal etwas länger in Recklinghausen und schauen Sie sich die durchaus charmante Stadt (Photos: Marktplatz, Probsteikiriche St. Peter) mit ihren kleinen Gassen und schmucken Fachwerkhäusern in Ruhe während eines Spaziergangs an. Es mangelt dem vielleicht danach müde gewordenen Flaneur darüber hinaus auch nicht an romantischen gastronomischen Stätten der Einkehr für jede Brieftasche. Für zentral gelegene Hotels in eigentlich allen Preiskategorien ist ebenfalls gesorgt. Das Auto kann getrost stehen gelassen werden: der Nahverkehr (auch in die nähere Umgebung) ist gut ausgebaut. Die Stadt selbst (empfohlen sei der gut ausgeschilderte Wallring) ist sehr gut fußläufig zu erkunden. Also nächste Jahr, Ruhrfestspiele Nummer 64? Klar: ich bin dabei. Auch für die Leserinnen und Leser von Readers Edition. Die Ruhrfestspiele Recklinghausen sind für mich längst zu einer festen Größe im Leben geworden, wie für viele andere Menschen aus nah und fern auch. Manche Gesichter – von Künstlern und Besuchern – begegnen einem jedes Jahr. Diese Tatsache läßt nicht nur auf Treue schließen, sondern auch darauf, dass die Ruhrfestspiele Recklinghausen etwas haben, was man woanders eben vergebens sucht. Zurück denkend an den einzigartigen Maximilian Schell und in Abwandlung an den eigentlich Strindberg betreffenden Titel der mit dem großen Mimen verbundenen Aufführung, wage ich einfach einmal auszurufen: LIEBEN SIE RECKLINGHAUSEN! Ein Besuch dorten hat sich – jedenfalls für mich – bislang noch immer gelohnt. Man kann davon bis weit in den Sommerurlaub hinein zehren. Selbst in Zeiten der Krise. Das ist nicht wenig.
Photos (3): Autor
Excellent Blog-Eintrag, halten Sie es weiter