Wäre Moral ein Zeitwort, gäbe es womöglich keine finite Form dessen: Kein Perfekt, kein Präsenz, kein Futur. Moral würde nur die noch nicht vollendete Verlaufsform kennen, da sie sich ungleich ihres Nominativ-Charakters immer und täglich entwickelt. Moral kennt keinen Plural und ist dennoch für jeden Menschen ein anderer Begriff.
Moral ist nicht unbedingt ein Sammelwort und vereint dennoch so viele unterschiedliche Ansichten in sich. Sie hat einen weiblichen Artikel und dennoch kein Geschlecht. Moral ist amorph und benötigt eigentlich keinen Begleiter. Dass ein Artikel sie quasi bewacht und andere versuchen sie zu hüten, missfällt ihr womöglich ebenso wie Michel, dem Protagonisten von André Gides L’Immoraliste. Als junger Archäologe entwickelt er sich zu einem im Hier und Jetzt verankerten Lustmenschen, der gesellschaftliche Konventionen hinter sich lässt, sexuelle Befreiung erfährt und lebt und schließlich das Leben durch die eigene Krankheit und den Tod seiner Ehefrau besiegt, indem er sich von engen Korsetts und auferlegten Lebensmustern befreit. Michel ist unmoralisch, weil er seine kranke Frau überredet, ihn auf eine zweite Lustreise zu begleiten und diese dabei stirbt. Michel ist unmoralisch, weil er sich von den Fesseln einer akademischen Laufbahn befreit. Er ist unmoralisch, weil er in einer Zeit sexueller Tabuisierung seine Homosexualität leben möchte. Und weil er den Tod besiegt.
Es geht bei einem möglichen ‘Übertrag’ dieser Erzählung auf die heutigen Umstände nicht darum, einen Aussteiger zu beschreiben, dem irgendwann alles egal wird und der sich nur noch und ausschließlich der Lust als Prinzip hingeben möchte. Dies wäre bestenfalls eine Karikatur dieses komplexen Charakters. Nein, es geht vielmehr darum aufzuzeigen, dass man nicht unbedingt etwas verliert, wenn man Dinge aufgibt, die einem zwar etwas bedeuten, dennoch nicht ausfüllend sind. Schließlich streben doch unzählige moderne Menschen danach eine schwer zu fassende Leere zu füllen.
Dass dies auch möglich ist, indem man in seinem Leben Platz schafft, mag auf den ersten Blick nicht verständlich sein.
Schließlich hieße dies ja, Leere durch noch mehr Leere zu potenzieren. Wenn man jedoch beginnt einen freien und keinen leeren Raum zu sehen, sieht man womöglich auch die Option diesen neu, ansprechender und aufregender zu gestalten. Dass Gide in Berührung mit der Bewegung der Symbolisten und ähnlich Thomas Manns Zauberberg die Krankheit als Erlösung und Weg aus dem eigentlichen krankhaften Zustand enger und tatsächlich unmenschlicher Konventionen sieht, zeigt demnach auf, dass die ‘Krankheit’ insofern eher der Heilung entspricht – und all jenes, was einem davor gesund und erstrebenswert war als porös, pestilent und dem Tode geweiht.
Die Moral ihrerseits befindet sich nicht nur in dem einen oder dem anderen. Sie ist nicht bodenständig sondern vielmehr losgelöst von all jenem, was wir gerne als Anstand und Gewissen, Ethik und Würde definieren. Sie ist nicht gut oder böse. Sie ist. Moral existiert nicht, weil wir sie erschaffen haben, sondern lebt unbefangen mit und unter uns. Wenn ‘Verstöße’ gegen sie quälen, dann nur aufgrund einer selbst auferlegten ‘Sperre’, die genauso gut indoktriniert sein kann. Insofern wäre jenes, was Michel macht – nämlich ein Doppelleben führen – auch heute moralisch, auch heute unmoralisch. Es wäre ebenso verwerflich oder verlockend, wie es 1902 war. Denn Moral ist eben kein Zeitwort und ebenso wenig unterliegt es einer Beugung, (De)Kadenz oder Flexion. Es bedarf einer linken Vorsilbe, um sie in ihr Gegenteil zu verwandeln, sie gleichsam zu brechen. Immoralist, unmoralisch…
Wer aber wäre heute ein adäquater Immoralist? Was genau ist heute unmoralisch?
Es geht nicht um fehlende Achtung und Respekt. Dies sind keine Kategorien der Moral. Es geht um das Ausbrechen aus viel zu engmaschigen Mustern, die uns die Luft zum Denken nehmen. Sich einen Ausbruch auszumalen bedeutet nicht zwangsläufig ihn auch in die Tat umzusetzen. Doch was genau gibt es Verwerfliches daran, ihn in der Fantasie auszukosten und dann zu entscheiden, doch zu verbleiben? Ein Coming Out zu haben oder einfach auszusteigen – nein, dies ist keine passende Adaption des Immoralisten. Vielmehr ist es Stoff für nach noch mehr Sensationen und Skandalen hungernde intellektuelle Flatrate-Formate, die gar nicht tief genug im Müll stöbern können, um letztendlich zu merken, dass sie längst schon selbst zum Bodensatz gehören. Seine Existenz einfach aufzugeben gehört nämlich nicht zum Immoralisten. Nein, er zerstört sie bewusst, nicht aber um Voyeure anzuziehen. Er zerstört seine bisherige Existenz, weil sie es ist, die ihn einengt und gefangen hält. Es ist sein Konstrukt und somit muss er auch derjenige sein, der die alten Mauern dem Erdboden gleich macht, um sich einen Überblick zu verschaffen. Es hat ein wenig von Steppenwolf und Harry Haller, nur das diesem letztendlich fröstelte in der emotionalen Kälte, welche er sich erschaffen hatte, weil er nicht glauben konnte, dass der Intellekt vielleicht eine Ergänzung, nicht aber ein Ersatz für die naive, einfache Lust ist.
Kaputt zu machen, was einen kaputt macht, mag mancher als Aufruf zum Vandalismus verstehen. Dabei geht es weniger um nach außen gerichtete Gewalt, sondern vielmehr um einen Reflex, sich selbst auferlegter Ketten und Grenzen zu entledigen, ja fast schon sich einer Auto-Freiheitsberaubung zu erwehren. Moral wäre in diesem Sinne und Zusammenhang eher, alle Tonaufnahmen von Rio Reiser zu vernichten, bevor der nächste Elektroramschladen kommt und sie als Werbesong missbraucht. Denn mit der Verwendung als Erkennungsmelodie für TV-Marktschreier und Dumpingpreise hat die Krankheit dieser wunderbaren Lieder bereits begonnen.
Dieser Beitrag steht unter einer Piratenlizenz und darf Frei verwendet werden und erschien zuerst am 19.06.09 auf Womblog [Worte oder mehr].
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