Iran: “Das ganze Land ist in Unruhe – noch halten alle durch!” (Teil 1)

Tagebuch einer Iranerin aus Teheran: Seit der umstrittenen Wiederwahl von Mahmud Ahmadineschad am 12. Juni schwelt die Gewalt. Die Anhänger von Hossein Mussawi lassen sich jedoch nicht einschüchtern und setzen ihre Proteste trotz massiver Straf-Androhungen weiter fort. Mitten aus diesem Chaos meldet sich nun die junge Iranerin Reyhana (Pseudonym)* per

thran.jpgTagebuch einer Iranerin aus Teheran: Seit der umstrittenen Wiederwahl von Mahmud Ahmadineschad am 12. Juni schwelt die Gewalt. Die Anhänger von Hossein Mussawi lassen sich jedoch nicht einschüchtern und setzen ihre Proteste trotz massiver Straf-Androhungen weiter fort. Mitten aus diesem Chaos meldet sich nun die junge Iranerin Reyhana (Pseudonym)* per Email zu Wort, die in einer Art Tagebuch einen authentischen, aber ebenso erschreckenden Einblick in die Geschehnisse vor Ort gibt. Obwohl sie in Deutschland eine gesicherte Existenz hat und in Iran als Frau nur einen sehr geringen Status hat, bleibt sie mutig und riskiert alles für ein wenig Hilfe durch verbotene Berichterstattung.

“Das ganze Land ist in Unruhe – noch halten alle durch”, lässt sie die Welt in ihrer Botschaft wissen. Noch, das scheint allerdings das entscheidende Wort. Denn die Lage für Oppositionelle wird zunehmend bedrohlicher. “Bitte unterstützt uns hier irgendwie! Es ist wirklich wichtig. Macht Lärm! Geht auf die Straßen”, fleht sie die ihr unbekannten Leser an. “Schickt Emails an alle, die ihr kennt, schreibt Zeitungen, schreibt Organisationen an und macht aufmerksam.” Die medialen Mittel, aus dem Iran heraus auf sich aufmerksam zu machen, sind begrenzt. Die Regierung filtert systematisch das Internet. Twitter und Co. werden zur einzigen Mitteilungsmöglichkeit. Sie verweist auf eine in ihrem Land gesperrte Seite und bittet alle, die Petition, gerichtet an die Vereinten Nationen, zu unterzeichnen. Denn faire Wahlen müssen her – Ahmadineschad darf nicht länger Präsident bleiben.

Immer wieder geschieht die Gewalt direkt vor ihren Augen

In kurzen Stichworten schildert das Mädchen, was sich seit dem Wahltag ereignet hat:

Freitag, 12. Juni 2009: “Freitag Wahltag: SMS war ganztägig ausgeschaltet.” Bis Mitternacht sind die meisten Urnen in der Stadt noch erreichbar, gegen zwei Uhr in der Nacht wird ein erstes Ergebnis im Fernsehen verkündet – “was bis heute das selbige ist!”. Bis heute hat sich an diesen Zahlen nichts geändert.

Samstag, 13. Juni 2009: Es folgen die ersten schweren Unruhen. “Facebook ist gefiltert – nicht mehr zu öffnen – viele haben hier darüber Nachrichten aneinander geschickt, massivst
kommuniziert und Treffpunkte abgemacht”, schreibt Reyhana. Doch viele wichtige Nachrichtenseiten sind zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr zugängig. SMS-Botschaften können immer noch nicht verschickt werden. Auch sie selbst ist mit Gewalt in ihrer unmittelbaren Umgebung konfrontiert: “Ein Freund von mir bekommt Knüppelschläge ab”, berichtet sie. Gegen Abend erhält die Polizei die Erlaubnis zu schiessen. “Alle offiziellen Fernsehsender berichten immer noch nichts – gar nichts.” Nachts hört sie die ersten Schüsse. Die Lage spitzt sich fortan zu.

Sonntag, 14. Juni 2009: Am Sonntag herrscht bereits im ganzen Land Aufruhr. In allen größeren Städten kommt es zu Unruhen. Am schlimmsten sind die Straßenkämpfe in Teheran. Reyhana selbst sieht mit eigenen Augen, “wie fünf Polizisten einen Jungen in die Hände gekriegt haben und ihn mit einer Kette schlugen”. Auch auf die Medien wirkt sich der Protest aus. Beim Aufschlagen einer der Hauptzeitungen der Stadt bemerkt sie: Die “Etemade Melli-National” hat “eine 1/3 leere Titelseite, da sie das Kommentar zweier ‘gescheiterter Kandidaten’ nicht drucken durften.” Immer wieder geschieht die Gewalt direkt vor ihren Augen. “Neben mir wird ein Freund auf dem Dach eines Hauses von der Straße aus mit einer Pistole bedroht, er solle ins Haus gehen”, erzählt sie. Eine Freundin kehrt völlig eingeschüchtert und ängstlich von einem Ausflug in die Stadt nach Hause zurück. Sie selbst übernachtet an diesem Abend genau dort, wo sie sich gerade aufhält.

Zur gleichen Zeit brechen Studenten die Türen der Universität auf, schließen sich dort ein und protestieren, was, wie sie weiter berichtet, wohl seit 44 Jahren nicht mehr vorgekommen ist.  Reyhana und alle, die sich nicht mit dem Wahlergebnis abfinden wollen, werden in den folgenden Tagen immer weiter drangsaliert, der Zugang zu Informationen ist nicht einfach, denn “viele Wlan-Netze sind ausgeschaltet”. Aus den hiesigen Medien ist nichts zu erfahren: “Fernsehen, Zeitungen und Radio berichtet nichts”, obwohl die Unruhen unmittelbar hörbar sind und es mehrere Festnahmen gegeben hat.

“Jugendliche, Frauen und Männer wurden bis jetzt mit Knüppeln (manchmal plus Elektroschocker), Ketten und sogar mit Luftgewehren angegriffen”, beschreibt sie die schrecklichen Szenen. “Aber sie sind immer noch auf der Straße!” Dies geschieht, wie sie betont, in friedlicher Absicht. Von Zeit zu Zeit würden die Demonstranten sogar einzelne Polizisten schützen, die in eine Gruppe geraten.

“Was ist mit Menschenrechtsorganisationen? Was ist mit Einmischung? Irgendwie habe ich das Gefühl, die Menschen hier sind komplett allein – wir sind allein – ohne große Hilfe von außen. Muss man zusehen, bis es zu spät ist?

Montag, 15. Juni 2009: Eine neue Woche bricht an. Während im TV die “exakten Wählerzahlen pro Kandidat und Stadt” bekannt gegeben werden, gibt es eine Riesendemo quer durch die Stadt. Zum ersten Mal werden in den Medien auch Nachrichten über die Unruhen gebracht, die nun auch offiziell Verletze fordern. Doch mit diesen ersten “Regungen” werden auch gleich härtere Maßnahmen angedroht. Einschüchtern kann das die Menschen da draußen jedoch nicht.

“Ich bin so beeindruckt, wie sich die Stimmen bündeln und wie mutig die Leute kämpfen, um Recht zu bekommen”, bringt sie ihre Bewunderung zum Ausdruck. Gleichzeitig erhebt sie jedoch auch schwere Vorwürfe: “Was ist mit Menschenrechtsorganisationen? Was ist mit Einmischung? Irgendwie habe ich das Gefühl, die Menschen hier sind komplett allein – wir sind allein – ohne große Hilfe von außen. Muss man zusehen, bis es zu spät ist?” Verzweiflung macht sich bei ihr breit. Das Gefühl der Hilflosigkeit bahnt sich seinen Weg. “Seid bei uns! Wir brauchen Eure Energie und Stimmen!”, appelliert sie am Ende und warnt zugleich: “Ruft mich bitte hier nicht an – es ist zu unsicher! Doch vergesst nicht: Ich bin hier nicht gefangen – ich will und wollte hier sein!”

*Reyhana ist Anfang 30. Aus Angst vor Konsequenzen möchte sie anonym bleiben. Sie ist eine studierte Akademikerin aus Deutschland. Geboren wurde sie im Iran und ist schon als Kind nach Deutschland umgesiedelt. Hier ist sie auch berufstätig. Der Beruf ist so selten, dass wir ihn nicht öffentlich nennen dürfen und somit Rückschlüsse auf die Person gezogen werden könnten. Reyhana ist ledig und hat keine Kinder. Finanziell ist sie gut situiert. Sie ist weiter eine engagierte und intergriete Persönlichkeit und identifiziert sich sowohl mit Deutschland als auch mit dem Iran. Sie empfindet es als “gleichwertig” und profitiert von der “Bereicherung” zweier Kulturen. Zurzeit ist sie in Teheran aus beruflichen UND privaten Gründen, im familiären Kreis.

Text: Amina Runge, Nicole Oppelt, Felix Kubach

Photo: Yahya Natanzi via Flickr (cc Lizenz)

Kommentare

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  1. letzendlich werden sich nur, die länder iran unterstützen, die auch danach davon profitieren dürfen!! so ist der lauf der welt!! erst wenn das feuer vor eigener tür brennt, wird man aktiv und in namen der “großen hilfe” dann für nationale ziele und interessen sich einsetzen! ich prangere dies nicht an, aber leider hat die internationale politik nichts mit menschenrechte zutun! sogar national ist hier zulande menschenrecht keine unantastbare sache, wenn eine internetzensur in april 2009 stillschweigend ohne reaktion auf petitionen und widerstand durchgesetzt wird.

    das wird sich aber ändern. bis alle einzelnen begreifen das wir alle in einem boot sitzen! das iranische volk schreit und pfleht nach hilfe und das ist nicht mißverständlich !!!!

    ich hoffe das wir die völker der welt uns endlich nicht mehr von großen idealisten und führer lenken lassen und unsere einheit als ganzes begreifen, dann wird keine regierung, kein gesetz und kein ideal nötig sein um als volkommener mensch diesen planeten zu bewohnen.

    lang lebe die liebe!