Gestern hat die Europäische Zentralbank (EZB) 442 Mrd. Euro an Krediten mit einjähriger Laufzeit an 1121 Banken innerhalb Europas verliehen. Der Zinssatz für diese einjährige Anleihe beträgt 1 Prozent [1]. Damit hofft man nun endlich, die Kreditklemme auf den Geld- und Kapitalmärkten brechen zu können. Dies kommt einem Eingeständnis gleich, dass die bisherige Geldpolitik wenig erfolgreich war, die Kreditklemme wirkungsvoll zu bekämpfen.
Geschäftsbanken betreiben vorrangig die eigene Konsolidierung
Die Geschäftsbanken haben im Zuge der Krise zwar gerne die gesunkenen Refinanzierungskosten der Zentralbanken angenommen, aber keineswegs die Absicht diese Zinskostenvorteile an ihre Kreditnehmer durchzureichen. Stattdessen ist dadurch ein hochprofitabler Zinsspread zwischen Ausleihezinsen – bei Überziehungen von Kreditkarten oftmals im 13-14 Prozent-Bereich – und billigem Geld entstanden. Im Prinzip verhalten sie sich wie alle anderen privaten Wirtschaftssubjekte, die sich mit einer Balance-Sheet-Rezession konfrontiert sehen (PDF).
Die Logik ist sehr einfach. Unternehmen und Haushalte stellen im Zuge der globalen Finanzmarktkrise fest, dass ihr Vermögen sich weitgehend entwertet hat und sie gleichzeitig auf hohen Kreditschulden sitzen. Das einzige Ziel, dass diese Akteure dann nur noch haben ist, ihren Kopf aus der Insolvenzschlinge zu ziehen. Dies heißt radikales Sparen, um den Schuldenabbau und später hoffentlich wieder einen ausreichenden Vermögensaufbau bewältigen zu können. Don Patinkin hat als einer der Ersten die Bedeutung von Vermögenseffekten auf das Verhalten von Haushalten hervorgehoben. Mithin sinkt die Bereitschaft zahlreicher Haushalte und Unternehmen drastisch (negativer Nachfrageschock), noch irgendwelche Kredite aufzunehmen.
Auch für Banken gilt, dass diese – derzeit häufig als Zombie-Banken bezeichnet -, eigentlich de facto insolvent sind. Ihr Überleben wird im Prinzip nur durch quasi-legale Bilanzfälschung (Aussetzung von Wertberichtigung entsprechend dem Prinzip value-to-market (1 / 2) und permanente kostenlose Liquiditätshilfen (Nullzinspolitik plus Verzicht auf Bonitätsprüfung bei der Liquiditätsvergabe) verhindert. Mithin setzt man auf die vage Hoffnung, dass alle Banken unter diesen synthetischen Bedingungen am Leben erhalten werden könnten. Das allerdings um einen hohen Preis. Diesen Preis wird am Ende der Steuerbürger zu begleichen haben.
Europa leistet sich ein absurdes Finanzsystem
Europa ist dabei, ein völlig absurdes Finanzsystem hemmungslos zu subventionieren. Daher fordert Adam Posen vom IIE man solle endlich zur Triage im Finanzsektor schreiten. Picking the winners wäre im Zuge eines gründlichen Stresstests die Aufgabe der Finanzaufsicht innerhalb der EU. Nur solche Banken sollten noch am Leben erhalten werden, die eine realistische Überlebenschance haben, wenn der Tag X eines normalen Finanzmarktes beginnt. Derzeit geschieht genau das Gegenteil. Die faulen Äpfel bleiben schön im Körbchen und werden wie die guten Äpfel gleichmäßig mit einem kontinuierlichen Geldsegen durch die Zentralbank zugeschüttet. Da alle Geschäftsbanken sich auf einen Tag X vorbereiten müssen, wo ihnen gleichsam wie Sterntaler nicht mehr das Geld vom Zentralbankhimmel herabregnet, legen sie sich Liquidität für die Zeit danach auf die Hohe Kante. Geld kostet sie im Augenblick nichts, es kann nur teurer werden.
Gleichzeitig will man das im Autodafé der Finanzmarktkrise verbrannte Eigenkapital so rasch wie möglich wieder zurückverdienen. Das geht jedoch am besten, wenn man billiges Geld teuer an Kreditnehmer ausleiht. Zwar schimpfen dann die Zentralbankpräsidenten und Finanzminister, aber den Geschäftsbanken ist ihr Hemd immer noch näher als der Rock. Letztendlich wollen sie ihr “Balance sheet” so rasch wie möglich wieder reparieren. Besonders starke Anreize gehen dabei auch noch davon aus, dass die Bankmanager – sofern sie direkte Eigenkapitaleinlagen des Staates akzeptiert haben – direkt in ihrem Einkommen durch Begrenzung der Managergehälter gedeckelt sind. Mithin hat man noch nie so flugs Bankvorstände der großen Banken sich darum bemühen sehen, aus dieser Zwangslage wieder herauszukommen.
Zentralbanker als ratlose Zirkusartisten
Die Zentralbanker wollten als großmütige Helfer das Finanzsystem durch eine unorthodoxe Geldpolitik, d.h. Liquiditätsschwemme zugunsten der Geschäftsbanken, retten. Jetzt stehen sie vor dem Problem, das Keynes mit dem Bonmot “Man kann die Pferde zur Tränke führen, saufen müssen sie schon selber” beschrieben hat. Es gibt scheinbar keinen überzeugenden Grund, warum durch die jetzigen Rahmenbedingungen der Geldpolitik die Kreditvergabe zu erträglichen Zinskosten nicht in Gang kommt. Leider fühlen sich die Geschäftsbanken nicht an die Gemeinwohlverpflichtung unseres Grundgesetzes – Eigentum verpflichtet – gebunden. Eigennutz geht hier noch immer vor Gemeinnutz.
Wegen dieser Einstellung der Geschäftsbanken drohen jetzt die Zentralbanker sogar die Zentralbank als Geschäftsbank Kredit an Unternehmen direkt vergeben zu lassen. Eine massive sich ausweitende allgemeine Kreditklemme will und kann man sich nicht leisten. Die ganze massive finanzielle Förderung der Geschäftsbanken diente ja im Prinzip nur dem einzigen Ziel die Geld- und Kreditmärkte funktionsfähig zu halten. Nun scheinen aber die Geschäftsbanken tendenziell einen Kreditvergabestreik aus den oben genannten Motiven zu betreiben. Zugleich hoffen sie auch möglichst billig ihre Toxic Paper durch ein für sie günstiges Bad-Bank-Gesetz dem Staat und damit den Steuerbürgern aufbürden zu können. Mal sehn wer am Ende am längeren Hebel sitzt.
[1] FTD: Banken bunkern Geld, in: Financial Times Deutschland vom 25. Juni 2009, Titelseite.
Bild: Rike/mad-max via Pixelio
Das Bankenverfahren bei der Wirtschaftsförderung ist schon seit eh und je der Hemmschuh für Innovationen gewesen. Ich weiß von Mitarbeitern der Kreditanstalt für Wiederaufbau, dass sie es bedauerten, sinnvolle Kredit nicht vergeben zu können, weil sich keine Hausbank fand, die die Kredite begleiten wollte – einzig aus dem Grund, dass bei solchen Geschöften für Hausbank zuwenig Gewinn abfiel!
Die Zentralbanken sollten nicht länger über den Eigensinn der Geschäftsbanken schimpfen, sondern eigene Kreditabteilungen aufbauen, bei denen die Wirtschaft direkt nachfragen kann. Vielleicht erkennt man dann sehr bald, dass die Geschäftsbanken aus diesem Sektor besser ganz herausgehalten werden sollten.