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Urheberrecht - ein zivilisatorischer Brennpunkt.

Donnerstag, den 25. Juni 2009 um 16:05 Uhr von Jochen Ebmeier

Es gibt Themen, die wie ein Brennglas die Elementarfragen einer Zivilisation in einem Punkt zusammen fassen. Der gegenwärtige Streit um das Urherberrecht alias das geistige Eigentum ist ein solches. Akut wurde es, als die Betreiber der werbefinanzierten Internet-Tauschbörse The Pirate Bay von einem schwedischen Gericht zu Haftstrafen und einer hohen Schadenersatzzahlung verurteilt wurden: Sie hatten Millionen Nutzern geholfen, urheberrechtlich geschütztes Material gratis aus dem Internet herunterzuladen; ohne freilich am Tauschgeschäft selber etwas zu verdienen. Der jüngste Erfolg der schwedischen Piratenpartei geht darauf zurück; bei der Europawahl Anfang des Monats erhielt sie 7,1 Prozent der Stimmen und entsendet einen Abgeordneten nach Straßburg.

Vor allem junge Männer haben die Piratenpartei gewählt. Ihr ältester Aktivist aber dürfte der 73-jährige Schriftsteller Lars Gustafsson sein. In einem Wahlaufruf verglich er die heutige Lage mit dem Kampf um die Druckfreiheit vor der Französischen Revolution. Damals hätten sich die neuen Ideen nur dank der neuen Technologie durchsetzen können. Zensur und Razzien hätten diese nicht gestoppt, sondern geradezu stimuliert. Für Schriftsteller, die etwas zu sagen hätten, sei die Zirkulation ihrer Ideen, selbst durch Raubkopien, wichtiger als das Urheberrecht. Dieses schütze einzig die Verfasser von trivialer Massenliteratur, die sich so “neue Herrensitze” zulegen könnten.

Das ist wahr – dem Autor, der etwas zu sagen hat, ist mehr daran gelegen, ebendas zu tun, als am Geldverdienen. Genauso wahr ist aber auch, dass er, damit er es sagen kann, von irgendwas leben muss. Lebt er nicht von der Art und Weise, wie er es sagt – nämlich auf einem privat anzueignenden und folglich verkäuflichen Datenspeicher -, dann muss er von irgendwas anderm leben; und in der Zeit, die er dafür braucht, kann er nichts sagen – und nicht einmal überlegen, was er sagen soll. Es wird ihm auch, wenn’s ihm irgend ernst ist, mehr darauf ankommen, wie gut und wie hörbar er es sagen kann, als darauf, wie gut er dabei lebt. Aber dass er lebt, bleibt unabdingbar.

Die Frage nach dem Urherberrecht in Zeitalter des Internet ist daher sachlich verknüpft mit der Frage nach dem Tausch- und dem Gebrauchswert der Arbeit.

Da ergibt sich ein unerwarteter Zusammenhang mit der von Milton Friedmann, dem Schwarzen Mann des Neoliberalismus, in die Welt gesetzte Idee eines staatlich garantierten Grundeinkommens, gelegentlich auch als “Bürgergeld” apostrophiert. Zunächst stammte der Gedanke aus dem Wunsch nach einer Vereinfachung des Besteuzerungssystems, das, wenn es “gerecht” sein soll, je nach Höhe der Einkommen ungleich sein muss und tausend Ausnahmelagen berücksichtigen muss; dann aber unübersichtlich und überkompliziert ist und dabei einen gigantischen Verwaltungsaufwand verschlingt – was am Ende ungerecht ist gegen alle.

Am ‘effektivsten’ ist ein einheitlicher Steuersatz für alle. Aber indem er die Geringverdiener, die gerade eben das Lebensnotwendige im Portmonnaie haben, ebenso belastet wie die Eigentümer des großen Kapitals, ist er von allen der ungerechteste. Daher die Idee, dasjenige, was für eines jeden Lebensunterhalt das Unabdingbare ist, überhaupt nicht zu besteuern – und alles, was darüber liegt, mit ein und demselben Satz. Und von den gewaltigen Summen, die durch diese Vereinfachung eingespart würden, könnte in den entwickelten Industriesländern laut Berechnung der Weisen dieser Grundbetrag einem jeden Bürger ohne Prüfung der ‘Bedürftgkeit’ vom Staat ausgezahlt werden – auch wenn er sie nicht durch den Austausch seiner Produkte oder den Verkauf seiner Arbeitskraft ‘verdient’ hat!

Ihre ersten energischen Fürsprecher außerhalb der Gruppe der Steuerexperten hat diese Idee bei den Sozialpolitikern gefunden – die damit das leidige Thema der Sozialhilfen, Arbeitslosenunterstützungen, deren Undurchsichtigkeit und ihren angeblich wuchernden Missbrauch gleich mit erledigen wollten.

Dann meldeten sich die Zukunftsforscher zu Wort. Die galoppierende Digitalisierung und Kybernetisierung der Arbeitswelt macht die einfachen, lediglich ausführenden Tätigkeiten überflüssig – und macht alle die arbeitslos, die sonst nichts gelernt haben. Die Etablierung einer stabilen Gesellschaftsklasse – “ein Drittel”! – von gezwungenen Nichtstuern droht, die ihre freie Zeit mangels Geld nicht mal durch Konsum ausfüllen können. Ein Sprengsatz für die gute Gesellschaft…

Dabei ist der Vorschlag am Innovativsten nicht am unteren, sondern am oberen kulturellen Rand der Mediengesellschaft! Der Fall Pirate Bay macht es deutlich, man muss nur genau hinschauen. All die ‘Kreativen’ (ein blöder Ausdruck, aber es fällt mir momentan kein besserer ein), denen es zuerst darauf ankommt, der Welt das mitzuteilen, was sie ihr zu sagen haben, und nicht darauf, in Luxus zu leben… all die könnten genau das tun, ohne sich um ihren Lebensunterhalt sorgen und dabei ihre fruchtbarste Zeit verplempern zu müssen. Wenn sie, wie man ihnen ja wünschen darf, dabei auf gute Resonanz stoßen und einen mondänen Erfolg erzielen, mögen sie ja auf diese oder jene Weise hinzuverdienen, soviel die Marktlage hergibt; und denselben einheitlichen Steuersatz zahlen wie alle andern.

Der Taxifahrer mit Dr. Phil. ist eine gängige deutsche Witzfigur. Vielleicht nicht ganz so repräsentativ, wie die Comedians glauben machen; aber sicher finden sich unter den akademisch Gebildeten einige Zehn-, womöglich Hunderttausende, die des blöden Gelderwerbs willen ihre Lebenszeit mit Tätigkeiten überdauern, die weit unterhalb ihrer gefühlten Möglichkeiten liegen. Und wenn sich davon nur jeder Zehnte nicht überschätzt – dann ist das immer noch eine Riesenmasse von Talent, das für den Fortgang der Kultur vergeudet ist!

Und dass zu Viele dann ‘nix arbeiten’, sondern nur ihren Phantasien nachjagen, braucht eine Gesellschaft, “in der Arbeit künftig Mangelware sein wird”, nicht zu fürchten; denn solange sie eben das tun, kommen sie wenigstens nicht auf dumme Gedanken…

Dass unter solchen Umständen von einer Klasse von Menschen, die ‘gezwungen sind, ihre Arbeitskraft an andere zu verkaufen, weil ihnen die Arbeitsmittel fehlen, um selber Waren zu produzieren’, nicht mehr die Rede sein kann, ist abschließend noch zu erwähnen. Nicht nur, weil keiner mehr ‘gezwungen ist’; sondern auch, weil das wichtigste Arbeitsinstrument der Zukunft, der PC, längst zum “garantierten Minimum” zählt und noch im ärmsten Haushalt nicht weniger selbstverständlich ist als das Tiwie.

Photo Quelle/Copyright: Dekuwa, cc creative commons, Bestimmte Rechte vorbehalten, via flickr

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6 Reaktionen zu “Urheberrecht - ein zivilisatorischer Brennpunkt.”

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  1. Rolf Ehlers

    am 25. Juni 2009 um 21:37 Uhr | Link | Kommentar melden

    Ein kluger neuer Einstieg in das Thema des ohne Vorbedingungen jedem Bürger zukommenden Grundbetrages zum Leben! Der Vorschlag wird umso eher realisierbar, wenn man nicht einen Einheitssteuersatz für alle, die überhaupt Einkünfte außerhalb des Grund”einkommens” haben, einführt. Man kann ruhig für Kleinverdiener einen Satz von 10 % einfüren und für Großverdiener von 20 %. Ergänzend müsste die Vermögenssteuer wieder eingeführt werden. Den Rest regeln die Verbrauchssteuern, die Begüterte ja auch stärker fordert als die Geringverdiener. Dass so etwas funktionieren wird, ist vielfach gründlich durchgerechnet worden.

    Die parallele Aufgabe des Urheberrechtsschutzes ist eine ganz großartige Sache. Denn dann verschwinden nicht mehr die besten Ideen in den Panzerschränken der Konzerne, die alles festhalten, was die Gewinnmaximierung auf überkommenden
    Wegen stören kann.

    Die “Kreativen”, wie man sie ruhig nennen kann, sind doch nicht des Geldes wegen
    innovativ. Die wirtschaflichen Implikationen, die jedes neue Projekt begleiten, stehen vielmehr der Nutzung immer nur im Wege!

  2. JochenEbmeier

    am 26. Juni 2009 um 21:17 Uhr | Link | Kommentar melden

    Es gibt keinen Grund, oberhalb des zum Leben Erforderlichen - sofern es denn sinnreich ermessen wird - noch einen (fiskalischen) Unterschied zwischen ‘größeren’ und ‘kleineren’ Hinzuverdienern zu machen. Ob eineR viel oder wenig spart - er SPART. Und braucht es nicht für seinen Unterhalt. Hier immer noch Ungleichheit zu predigen um der “Gleichheit” willen, ist reine (reflexhafte) Ideologie - mit der die Idee der Bedingungslosen Grundeinkommens eigentlich aufräumen wollte. Von Verbrauchssteuern sollte eigentlich auch keine Rede mehr sein. Die immensen Einsparungen, die es erlauben, dem Bürger AUSZUZAHLEN, BEVOR man ihm zum Einzahlen bittet, werden ja erst durch die VEREINFACHUNG des Erhebungssystems möglich.

    ‘Ja aber wo bleiben all die unteren Gehaltsgruppen im Öffentlichen Dienst (die von der Kompilziertheit uNserer Verwaltung zehren) (’Das sind doch alles FRAUEN-arbeitsplätze!)?’

    Die haben eben ein Bedingungsloses Grundeinkommen und müssen dem Rest der Gesellschaft nicht länger das Leben schwer machen.

    Es ist ein Vorschlag auch zur AUSMISTUNG der staatlichen BÜROKRATIEN.

  3. Rolf Ehlers

    am 27. Juni 2009 um 10:24 Uhr | Link | Kommentar melden

    Ich stimme zu, dass der Vorschlag, bei den Steuern nicht mehr zu differenzieren, noch besser wäre. Die radikale Abschaffung der Bürokratie ist aber einfach zu schön als dass sie realisierbar erscheint.

  4. JochenEbmeier

    am 27. Juni 2009 um 14:46 Uhr | Link | Kommentar melden

    Nein, die Bürokratie schlicht und einfach abschaffen - das geht nicht, und man solles auch gar nicht wünschen. Denn ein Grundbestand an Bürokratismus ist eine Existenzbedingung des Rechtsstaats. Nur wenn jeder einzelne Schritt administrativen Handelns klar von dem vorangegangenen und dem ihm folgenden Schritt unterschieden werden kann, wenn sich jederzeit feststellen lässt, welche Entscheidung wo von wem wann und warum getroffen wurde, ist eine KONTROLLE öffentlicher Verwaltung - gegebenenfalls durch ein ordentliches Gericht - überhaupt möglich.

    Aber ist DAS eine zutreffenden Beschreibung deutscher Verwaltungsrealität? Nein. Wer mit unsern Behörden zu tun bekommt, betritt ein undurchdringliches, undurchsichtiges Gestrüpp; wenn er Glück hat - denn meistens landet er vielmehr in einem Sumpf, wo alles anonym geschieht; und keiner mehr sagen kann, wann und wo oder gar warum.

  5. links for 2009-06-29 « Karl Schönswetter

    am 30. Juni 2009 um 02:36 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Readers Edition » Urheberrecht – ein zivilisatorischer Brennpunkt. (tags: ökonomie grundeinkommen piratebay grundsicherung blogroll Urheberrecht readersedition) […]

  6. Urheberrecht - ein zivilisatorischer Brennpunkt. | Blick Log

    am 2. Juli 2009 um 00:30 Uhr | Link | Kommentar melden

    […] Urheberrecht - ein zivilisatorischer Brennpunkt. Geschrieben von Gastbeitrag in Tech Blick, tags: Urheberrecht Gastbeitrag aus der Readers Edition von Jochen Ebmeier […]

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